Suche in der HZ
Newsletter bestellen:

Waldschrats Schlittenhund-Schule

Ein Mann, der so aussieht wie sein Spitzname, machte ein Hobby zu seinem Beruf. Diversen Schlittenhunderennen, unter anderem eine Tour im Osten Sibiriens (Beringia), und der Tip eines russischen Mushers (Schlittenhundeführers) gaben die Idee vor. Thomas Gut gründete die erste deutsche Schlittenhundeschule im Bayerischen Wald.

Die Waldschrat-Philosophie.

Von Thomas Gut

"Go, Go, auf, schneller!" Schon von weitem tönt das Gebrüll durch den stillen Herbstwald. Erschrocken bleiben zwei ältere Spaziergänger stehen, blicken sich fragend an, dann wieder: "go, go, macht schon!", in wilder Fahrt donnert mit hängenden Zugleinen ein Schlittenhundegespann vorbei. Nur mit einem schnellen Schritt zur Seite können sich die beiden Passanten vor dem Überfahrenwerden retten. Tief hinter dem Wagen gebeugt schreit ihnen der Fahrer noch ein wüstes "könnt ihr nicht aufpassen?" zu und verschwindet hinter der nächsten Kurve. Noch lange hallt sein Gebrüll durch den Wald.

Leider ist diese Geschichte nicht erfunden und welchen "Werbeefekt" solche eine Aktion auf das Image des Schlittenhundesports wirft, lässt sich leicht ausmalen. Jede einzelne Trainingsfahrt ist ein Puzzlestück zum Gesamteindruck, den der Schlittenhundesport in der Öffentlichkeit hinterlässt.

Die meisten Trainingseinheiten werden auf öffentlichen Wegen durchgeführt, auf denen eben der Fußgänger Vorrang hat. Verlasse ich mit meinen Hunden mein Grundstück und begebe mich auf öffentliches Gelände, so habe ich mich so zu verhalten, daß niemand belästigt oder gar gefährdet wird. Wie lässt sich das nun mit dem Training von Schlittenhunden vereinbaren? Ist es überhaupt notwendig in der oben geschilderten Art und Weise zu trainieren? Dazu lässt sich nur eines sagen: Geschwindigkeit ist Gift. Auch die menschlichen Athleten benutzen Tempoläufe nur gezielt nach einer längeren Vorbereitungsphase, während der eine solide Grundkondition aufgebaut wird.

Aber fangen wir von vorne an: Um überhaupt vernünftig trainieren zu können, braucht es ein diszipliniertes, sprich kontrollierbares Team, sowie ein Trainingsgerät (Schlitten, Wagen oder Quadrunner), das mir zu jeder Zeit eine Kontrolle über das Team ermöglicht, das heisst: mit dem ich jederzeit anhalten kann. Leider sieht man noch zu häufig, vor allem bei den Wägen, die abenteuerlichsten Geräte, bei denen eine Kontrolle über das Team (selbst über nur drei Hunde) nicht möglich ist.

Das Training beginnt bereits zu Hause. Hier kann ich die Hunde auf mich prägen, hier kann ich sie auf ihre zweite Heimat, die Hundebox vorbereiten, das "droppen" (Ver- und Entladen der Hunde) üben. Es gibt absolut keinen Grund, warum ein Hund am Startplatz beim "droppen" und bei den vorbereitenden Tätigkeiten (Trainingsgerät abladen, Zugleinen auslegen...) Laut geben sollte.

Die laute Phase beschränkt sich allenfalls auf das Anspannen, das bei entsprechender Vorbereitung nur wenige Minuten dauern sollte. Danach ist wieder Ruhe, auch bei den zurückgebliebenen Hunden.

Zurück zum eigentlichen Training. Grundlegend für jedes Training ist die (hoffentlich vorhandene) Selbstmotivation des Hundes, die es zu fördern gilt. Dies zählt sowohl für Renn-, wie auch für Tourenhunde. Quält sich ein Mensch noch für eine bestimmmte Meisterschaft, wenn man ihm ein paar Geldscheine verspricht, so versagt diese Methode mangels Konversation beim Hund.

Man tut also gut daran das Training positiv zu gestalten. Dies betrifft zum einen den Aufbau des Trainingsprogramms, wie auch die Durchführung einzelner Trainingseinheiten. Grundsätzlich bedarf es einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Hunden, um das Training dem jeweiligen Leistungsstand des Hundes anpassen zu können. Nur wenn ich den Hund nicht überfordere bleibt seine Selbstmotivation erhalten. Von überlieferten Trainingsmethoden nach dem Selektionsprinzip, mit Zuckerbrot und Peitsche kann nur tunlichst abgeraten werden.

Wie kann man nun sein Training gestalten?

Grundlage ist wie bei jedem Sportler eine solide Grundkondition, das heisst: aerobe Grundausdauer, die mit Läufen bei verringerter Geschwindigkeit (Ausdauerläufe) erarbeitet wird. Unter aerob versteht man die Energiebereitstellung im Muskel unter Zuhilfenahme von Luftsauerstoff, im Gegensatz zu anaeroben Energiebereitstellung, bei der ausschließlich im Muskel gebundener Sauerstoff verwendet wird.

Um ein Schlittenhundegespann langsam zu trainieren bleibt als Mittel der Wahl zuerst nur Bremsen. Eine gute Kontrolle, das eine bestimmte Geschwindigkeit nicht überschritten wird ermöglicht hier ein Tachometer. Nun kann mit zusätzlichen Intervalläufen, Bergtraining, aber auch Erholungsläufen die Kraftausdauer und Fähigkeit hohe Geschwindigkeiten zu laufen erarbeitet werden (das heisst: die anaeroben Fähigkeiten werden sukzessive aufgebaut).

Hierbei sollte man sich vor Augen halten, daß wir uns selbst im Sprint weitestgehend im Bereich der aeroben Energiebereitstellung befinden. Diese Art zu trainieren findet also in weiten Bereichen mit geringerer Geschwindigkeit statt als die angestrebte Renngeschwindigkeit, manchmal aber auch mit höherer! Die Anpassung an die schlußendlich zu erwartende Leistung (Rennen, Tour) kommt somit erst kurz vor der Beanspruchung, sozusagen als Feinschliff.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die klassische Methode Schlittenhunde zu trainieren: In seiner extremen Form wird das Team permanent unter wettbewerbsähnlichen Bedingungen trainiert. Dies bedeutet aber permanenten Stress, auch für die besten Hunde. Hunde, die verletzt sind, nicht so schnell aufbauen, fallen heraus, nicht ohne zuvor an ihre psychischen und physischen Grenzen gelangt zu sein. Ein großer Teil der Hunde zu Trainingsbeginn erreicht die Wettkämpfe nicht.

Im Gegensatz dazu besteht bei der variablen Trainingsgestaltung durch die geringeren Geschwindigkeiten, den Erholungsphasen ein wesentlich geringerer Stress, schwächere Hunde , verletzte Hunde können aufgebaut werden (die Erholungsphasen in den Intervalläufen werden so lange gestaltet bis alle Hunde erholt sind).

Eine ganze Reihe weiterer Vorteile spricht für diese Art von Training; man lernt die Hunde besser kennen; sie horchen besser auf Kommandos, sind damit besser trainierbar; sie werden nicht wie man glauben könnte langsamer, da sie die Tempowechsel auf Kommando ausführen; wesentlich geringere Gefahr des Übertrainierens und des "Sauerfahrens"; man produziert weniger "Mitläufer", das heisst: Hunde, die zwar das Tempo laufen, aber nichts ziehen; man kann auch bei höheren Temperaturen trainieren (hängt nur von den Erholungsphasen ab); schlussendlich bekommt man eine stabile Kontrolle über das Team.

Einziger Nachteil: man muss mehr Hirnschmalz investieren und etwas mehr Zeit.

Bevor wir die einzelnen Trainingsparameter im Detail besprechen, skizzieren wir noch einmal den Eingangs erwähnten Fall wie er sich abspielen könnte: Zuerst einmal hört man nichts, beim Ansichtigwerden der Fußgänger verlangsamt das Team bis auf Schrittempo, mit einem freundlichen Gruss spricht man selbige an, bleibt eventuell stehen für einen kurzen Plausch, bevor man wieder weiterfährt. Dies lässt sich hervorragend in ein Intervalltraining integrieren, und schlussendlich endet dieser Vorgang für beide Parteien in einer angenehmen Atmosphäre.

(Trainingsablauf: hier in der Rubrik Ausbildung.)


Wer ist Waldschrat?


Thomas "Waldschrat" mit Sohn Tom

"Waldschrat" Thomas Gut schreibt über sich:

"Angefangen hat alles vor 16 Jahren mit einem einzelnen Husky, typisch blaue Augen und so. Sollte nur Begleithund sein für Skitouren. War unerzogen, wie die meisten Haushuskies halt so sind. Dann kreuzte Rainer Höh meinen Weg und wollte die Hunde seiner Huskyexpresstour loswerden. Ja, dann waren es halt sechs Huskies, und das alles in einem kleinen Häuschen in Eislingen. Da lief mir als nächstes der Hof über den Weg, auf dem ich jetzt wohne. Der heisst jetzt Haus Waldschrat. Als Chemie- Ingenieur lässt sich im Bayerwald schlecht leben, daher musste was Neues her. Mit dem alten abgewrackten VW-Bus auf die Märkte und Glühwein, Lebkuchen und Fahrtickets verkauft. Dann ein Kletterausflug in die Alpen und ich treffe zufällig auf Ararad Katchikian, der am Tonalepass eine Schlittenhundeschule unterhält (die erste in Mitteleuropa). Der gibt mir den Tip, doch auch eine aufzumachen, gesagt, 1989 getan. Die erste Schlittenhundeschule Deutschlands. Nur kleine Gruppen, vier Leute und ein bisschen Lebensphilosophie, das findet der Schüler hier."

Zu den wichtigsten sportlichen Erfolgen zählt Thomas Gut
1991: Erster deutscher Teilnehmer beim Memorial Dr. Vaclav Vojtecha (Riesengebirge, 110 km, 1. Platz);
1. Platz Wagenrennen Dinkelsbühl, Kat. O; Erste Überquerung der Schneekuppe im Riesengebirge, 8 Hunde.
1992: Erster deutscher Teilnehmer beim Transitalia, 240 km durch die Abruzzen, 4. Platz;
Erster Platz Memorial Dr. Vojtecha;
Bayrische Meisterschaft Haidmühle, Sprint, Kat. A, 4. Platz
1994: Erster ausserrussischer Teilnehmer beim Beringia (Kamtschatka, über 2 000 km), 2. Platz;
1996: Europacup in Wildsteig, Kat. O, 3. Platz;
Bayrischer Meister Sprint, Haidmühle, Kat. O;
Alpentrail; 250km, Kat. O, 5. Pl. (zweitbester Deutscher);
Bayrischer Vizemeister Mitteldistanz;
1997: Alpentrail, 300 km, Kat. O, 3.Platz (bester Deutscher Teilnehmer);
Bayrischer Meister Mitteldistanz;
Trans Alpin Trail, eine Alpendurchquerung über 1000 km zugunsten eines internationalen Wolfprojektes;
1998: Schweizer Meisterschaft Mitteldistanz, Sils, Kat. O, 3. Platz;
Europa-Cup 97/98 2. Platz;
1999: Mitteldistanz Oberwiesenthal Kat. O, 2. Platz;
Italienische Meisterschaft Sprint, Seiser Alm, Kat. O, 2. Platz; 2000:
Seiseralm 36 km, 2. Platz;
Mitteldistanz Oberwiesenthal, 68 km, 1. Platz;
Wildlife on Tour; Schlittenhunde laufen für Wölfe, Bären und Luchse, 110 km von Bayrisch Eisenstein nach Grainet, erste Schlittenhundepostbeförderung.


Literatur:
Jim Welch "Speed Dog Mushing Manual"
Pierro Rossi "Husky Power"
G. Attla "All I know ..."
J. u. M.Collins "Dog Driver"
Dr. med. T. Wessinghage "Laufen"
J. Weineck "Optimales Training"

Mehr Informationen: www.waldschrat-adventure.de

 

 

Druckversion