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Hetzhunde – schnell aber dumm?

Von Jutta Steffens-Carter, England

Bei meinen Bemerkungen zu Hetzhundrennen und Züchten von Hetzhunden gehe ich von Grossbritannien, Irland und Spanien aus. Dort ist dies eine richtige Industrie. Mit Hetzhunden kann dort richtig Geld gemacht werden – sie gelten als die Rennpferde der kleinen Leute. Auf Hetzhunde wird viel Geld gewettet, sie bringen auch dem Staat eine Menge Geld ein. Daher sind sie selbst in Grossbritannien aussen vor, wenn es um Tierschutz geht.

Greyhound mit gebrochenen Läufen

Viele Hetzhunde, die sich „nicht eignen” oder verletzt haben, werden eingeschläfert (bestenfalls…), gar auf bestialische Weise getötet, ausgesetzt usw. Nach offiziellen Zahlen werden allein auf einer einzigen Rennbahn (in Nottingham) pro Woche im Durchschnitt zehn Hunde vom zuständigen Tierarzt eingeschläfert. Im Durchschnitt werden insgesamt 10 000 Tiere im Jahr „ersetzt”, wie das British National Greyhound Racing Council so verharmlosend schreibt.

Die Zustände in Irland und in Spanien sind fast unbeschreiblich! Ich denke, alle Leser hier haben schon die Fotos aufgehängter, weggeschmissener Hetzhunde gesehen. In Irland werden Greyhounds, die nicht schnell genug sind, teilweise auch an Versuchslabore verkauft. Ihre leistungsstarken Herzen und Lungen scheinen sie zu beliebten Versuchstieren zu machen.

In Deutschland und Österreich werden Hetzhundrennen als Amateur-Hundesport betrieben, Wetten ist nicht erlaubt. Diese Rennen sind dort vor allem eine sinnvolle Beschäftigung für diese Art Hunde – sozusagen das Tüpfelchen auf dem i, bei dem es um die Freude des Hundes am schnellen Laufen geht. Die Rennen finden grundsätzlich unter der Aufsicht eines Tierarztes statt, der jeden Hund vor dem Rennen untersucht und Hunde, die nicht fit genug erscheinen oder gar krank sind, nicht starten lässt.

Warum werden diese Hunde immer wieder mit den Vorurteilen „nichts als schnell” oder „zu blöd für alles ausser Hunderennen” belegt?

Wie kommt es zu diesem Vorurteil? Liegt es wirklich an dieser Arbeits-/Gehorsams-Intelligenz-Rangfolge, die Human-Psychologe Stanley Coren in seinem Buch „Die Intelligenz der Hunde“ veröffentlicht hat? Wenn ja, wieso eigentlich? „Intelligenz“-Rangfolge der Hetzhundrassen in diesem Test:

  • Afghane – Rang 79 (letzter Rang – eine Hunderasse musste es ja treffen)
  • Barsoi – Rang 75
  • Whippet – Rang 51
  • Deerhound – Rang 47
  • Greyhound – Rang 46
  • Irish Wolfhound – Rang 41

Die Tests waren unwissenschaftlich, unter anderem, weil verschiedene Aufzuchtbedingungen der getesteten Hunde nicht gleich sind. Der wichtigste Faktor beim Herausfinden der „natürlichen" Arbeits-/Gehorsams-Intelligenz - Aufzucht, Sozialisierung, Prägung auf den Menschen – war ebenfalls nicht vergleichbar.

Ausserdem ist „Intelligenz“ im biologischen Sinne nichts weiter als eine genetisch fixierte Disposition. Das heisst, wie auch bei uns Menschen – das vorhandene Potential muss genutzt und gefördert werden, sonst ist es „nichts wert“.

US-Psychologie-Professor Gardner, selbst der Intelligenz-Test-Papst, sagte einmal: „Solche Tests sagen mehr über ihre Macher aus als über die Kandidaten.”

Es darf auch nicht vergessen werden, dass Greyhounds auf den britischen Inseln und in den USA (ausser vielleicht Show-Greyhounds) grundsätzlich im Zwinger aufgezogen werden, zwar mit Sozialisierung auf Menschen und auch andere Greyhounds, aber sonst nichts - ihr ganzes Rennleben lang nichts. Bei solchen Aufzuchts- und Lebensbedingungen wird kein Intelligenzpotential ausgeschöpft. Die Tests von Coren für die Hunde fanden in den USA statt.

In Deutschland und Österreich wachsen Greyhounds gewöhnlich als Familienmitglieder im Haus auf - und werden auch nur als solche abgegeben.

Oder ob wir Menschen Hunde heutzutage für dumm halten, die wir immer wieder hinter einem künstlichen Hasen herflitzen lassen, den sie aufgrund ihres Maulkorbs nicht ergattern können? Dies ist in Grossbritannien, Irland und Spanien oft genug die einzige Beschäftigung, die diese Hunde erhalten. Dies ist zwar nicht in Deutschland und Österreich so, aber viele Menschen kennen Greyhounds nur aus Filmen und Berichten über den Hunde-Rennsport auf den britischen Inseln.

Andere Rassen werden (auch aufgrund solcher fragwürdiger „Rangfolgen“) für intelligent und lerneifrig gehalten. Diese Hunde werden aber auch von ihren Menschen immer gefordert und gefördert, was zumindest wiederum in GB, Irland, Spanien und USA die meisten Hundehalter mit ihren Hetzhunden nicht tun. Menschen, die sich einen Hund anschaffen, um einem Hundesport nachzugehen, holen sich dort selten einen Greyhound oder anderen Hetzhund.

Liegt das nicht auch daran, dass diese Art Hund für die meisten Hundesportarten nicht unbedingt den geeigneten Körperbau hat? Aus dem gleichen Grund können sie viele mehr oder weniger dumme Tricks nicht ausführen. So werden Hetzhunde oft von Menschen erworben, die ihrem Hund nicht viel geistige Beschäftigung geben wollen, werden oder können. Hetzhunde nehmen dies meist auch nicht übel, so lange sie ihren Auslauf bekommen. Nur weil sie nicht durchgehend nach geistiger Beschäftigung betteln, heisst das noch lange nicht, dass sie zu dumm sind.

Mir wurde mehrfach hier in Grossbritannien gesagt, dass vor allem in den 70er Jahren die meisten Hundeleute der Meinung waren, dass Greyhounds (besonders vorherige Racer) nicht als Familienhunde geeignet seien, da sie gar nicht ausbildbar seien und erst recht nicht stubenrein würden. Diese Meinung wurde auch in Fachzeitschriften verbreitet. Dies ist einfach nicht haltbar – mehr dazu weiter unten.

Einen Grund für die langsame Wandlung dieses Vorurteils lieferte mir ein professionelles Greyhound-Trainer-Team in den USA, die eine Greyhound-Schau auf die Beine gestellt haben, um auf deren Lernfähigkeit und Eignung als Familienhunde aufmerksam zu machen. Sie sagen, dass Greyhounds (und nicht nur Hetzhunde) mit der leider immer noch weit verbreiteten „harten”, strafe- orientierten Ausbildung nicht zurechtkommen. Seit Ausbildung mit positiver Verstärkung und vor allem beidseitiger Freude und Spass am Lernen zunimmt, sieht man selbst in Grossbritannien und den USA immer mehr wohlerzogene Greyhounds, die auch draussen ohne Leine laufen und alles Mögliche lernen.

An der Parade bei der letzten grossen Crufts-Ausstellung nahm auch ein vollkommen blinder Greyhound teil, der die englische Version der Begleithundeprüfung bestanden hat – schon beim Training war der Hund blind. Ein anderer Greyhound führte vor, wie er bravourös durch einen Agility-Tunnel flitzte und mehrere Hindernisse nahm.

Ausserdem waren mehrere Greyhounds dabei, die registrierte „PAT” Hunde sind - „Pets as Therapy”. Jene Hunde, die Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen besuchen. Diese Hunde waren sogar nicht sorgfältig im Familienverbund aufgezogene Hunde waren, sondern speziell für Rennen und in Zwingern gezüchtete Hunde.

„Whippet Obedience” war auch eine eindrucksvolle Schau. Alle Whippets waren sehr gut in Obedience ausgebildet und führten eine Quadrille vor. Greyhounds können das auch, nur haben manche Züchter ihre Körper so stromlinienförmig gezüchtet, dass sie aus anatomischen Gründen kaum bis gar nicht sitzen können – sie müssen oft entweder stehen oder liegen.

Durch diese Vorführungen wurde ich neugierig und nahm zu verschiedenen englischen Greyhound-Rettungsorganisationen sowie verschiedenen Haltern Kontakt auf. Die Hunde bei Crufts waren keine Ausnahme-Intelligenzbolzen. Die Ausnahme waren ihre Menschen, die auch bei ihren Greyhounds sahen, dass die Hunde mehr brauchen als „nur” Futter, Liebe und Auslauf, nämlich geistige Beschäftigung.

Ich habe in Deutschland mehrere Irish Wolfhounds ausfindig gemacht, die die Begleithundeprüfung bestanden haben, einige, die Agility machen (wobei manche Übungen allein durch ihre Grösse nicht möglich sind) und auch einige, die Therapie-Hunde sind. Whippets machen auch in Deutschland oftmals die Begleithundeprüfung – und auch Agility.

Greyhounds in Deutschland und ganz besonders in Österreich werden vollkommen anders – eben im Familienverbund – aufgezogen und sind auch, zumindest bei den Liebhabern dieser Rasse, nicht als dumm verschrien. Auch hier gibt es viele Greyhounds, die erfolgreich BGH 1 und 2 abgelegt haben, die mit Kindern (in Schulen) und mit alten Menschen arbeiten, die Agility machen, praktisch immer ohne Leine laufen – und auch weiterhin grösstes Vergnügen an Hobby-Rennen haben. Sie sind ursprünglich Hetzhunde.

Hier in England fand ich gleich mehrere Renn-Greyhounds. Keiner der folgenden Hunde ist aus „Show-Linie“ oder „Familienhund-Zucht”, alle ausgediente Racer – im Zwinger aufgezogen, nichts anderes als Rennen kennengelernt, bis sie zu alt waren oder sich verletzt hatten.

Ranger wurde mit sechs Jahren als ausgedienter Rennhund von John Styles adoptiert. Er ging mit ihm von Anfang an zum Obedience-Training, da Ranger als Ex-Racer wenig Kontakt zu anderen Hunden und überhaupt Tieren hatte und sozialisiert werden musste. Innerhalb von vier Jahren hat dieser Greyhound die höchste Stufe der englischen Version der Begleithundeprüfung erlangt: The Kennel Club Good Citizen Gold Award. Diese Prüfungen werden nicht auf einem Hundeplatz abgenommen, sondern „draussen”, im normalen Leben.

Ranger ist inzwischen zwölf Jahre alt und macht kein Obedience mehr. Dafür ist er jetzt PAT-Dog und besucht kranke, gebrechliche Menschen in Pflegeheimen.

Greyhound als PAT-Dog

Nobby, auch ein ausgedienter Racer, führt ein gemütliches Leben zusammen mit seiner Lurcher-Freundin und 13 Katzen. Er darf sein Leben auch einfach nur geniessen, mit Spaziergängen und Rennen im grossen eigenen Garten. Die Katzen sind Freigänger. Eines Tages, als Debbie zur Mittagspause nach Hause kam, bellte Nobby wie verrückt. (Nobby, wie die meisten Greyhounds, bellt so gut wie nie.) Debby wusste überhaupt nicht, was los war, dachte an Einbruch, konnte im Erdgeschoss nichts entdecken. Nobby hörte aber nicht auf zu bellen.

Debbie ging dann in den ersten Stock, um nach dem Rechten zu sehen – und fand eine ihrer Katzen schwer verletzt vor. Sie war wohl von einem Auto angefahren worden und hatte sich mit letzter Kraft nach Hause geschleppt. Der sofort aufgesuchte Tierarzt rettete die Katze und meinte, dass sie keine weitere Stunde mehr überlebt hätte. Ohne Nobbys völlig untypische Bellerei wäre Debbie in ihrer Mittagspause gar nicht nach oben gegangen und hätte die Katze erst einige Stunden später entdeckt. Eigentlich hat Nobby der Katze das Leben gerettet.

Nobby ist ein Hund der Art, der man nachsagt, „niemals” mit Katzen auszukommen. Er ist auch, wie sein Mensch mir mitteilte, beileibe nicht der einzige frühere Racing-Greyhound, der sein Haus zufrieden mit Katzen teilt.

Jake verletzte sich bei einem Rennen und wurde aussortiert, fand aber gleich ein gutes neues Zuhause. Kurze Zeit später kam Lily dazu, die auch ein ausgedienter Rennhund ist, allerdings wurde Lily misshandelt und auch ausgesetzt, wobei sie fast verhungerte. Sie wurde völlig ausgemergelt gefunden und in ein Tierheim gebracht, wo Jakes neue Menschen sie sahen und gleich mitnahmen.

Nach nur sechs Monaten guter Pflege in ihrem neuen Zuhause qualifizierte Lily sich als „PAT-Dog”. Jake brauchte dafür ein paar Monate länger. Warum? Weil sein Mensch ihn unterschätzte und dachte, er wäre zu ruhig und verschlafen und hätte an so was kein Interesse. Er überzeugte sie eines Besseren.

Beide Hunde besuchen nun regelmässig Patienten im örtlichen Krankenhaus. Jake hat sogar bei der Behandlung eines kleinen Jungen mit extremer Hundephobie erfolgreich geholfen. Lily ist auch inzwischen bekannt in ihrer Stadt, nachdem mehrfach Artikel über ihren Lebenslauf und ihre gerade deshalb fast unglaubliche Ruhe, Gelassenheit und Freundlichkeit in lokalen Zeitungen gebracht wurden. Sie ist sozusagen Aushängeschild für die örtliche „PAT-Dog-Vereinigung”.

Nachdem ich jetzt so intensiv mit diesen und noch viel mehr Greyhound- und anderen Hetzhund-Haltern gesprochen habe, kann ich überhaupt nicht mehr verstehen, warum diese Hunde weiterhin in meiner Wahlheimat England nur als „schnell und dumm” gelten. Wie alle anderen Hunde sind Greyhounds intelligent und lernbereit, aber sie sind zusätzlich noch schön, elegant und – sie brauchen keine täglichen Mehrstunden-Spaziergänge. Die üblichen Toilettengänge sowie die Gelegenheit zu einem richtigen Sprint ist alles, was sie brauchen. (Letzteres ist wirklich dringend nötig!!). Ansonsten ist ihre Lieblingsbeschäftigung gewöhnlich das Schnarchen auf dem Sofa.

Bei allen Aktivitäten, die man mit seinem Hund unternehmen möchte, müssen die körperlichen Möglichkeiten sowie die Neigungen des Hundes berücksichtigt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Greyhound am Schutzhundsport Gefallen finden könnte, auch, dass er an Fährtenarbeit oder ähnlichem Freude hätte. Gegen Border-Collies etwa hätte er in Agility wohl kaum eine Chance. Aber nicht wegen seiner Lernfähigkeit, sondern wegen seiner Statur und Veranlagung. Er ist nun mal durch seinen Körperbau nicht in der Lage, mit tiefer Nase beim Traben/Rennen zu suchen – er ist ein „Sichthund” (sight hound). Er kann, wiederum aufgrund des Körperbaus, auch nicht die schnellen Stopps und Wendungen vollführen, wie Collies und viele Terrier das können – aber natürlich ist er weitaus schneller als diese.

Wie wäre es mit Sportarten extra für Hetzhunde? Vielleicht „Mobility“, gemischt mit Elementen aus Obedience sowie einer Sprintstrecke?






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Mehr Infos über Greyhounds in Not: www.greyhoundsinneed.f9.co.uk/german/

Kontakt zu "Greyhounds in Not" in Deutschland:
Ellen Poppendick, Tel. 049 631 69898,
E-Mail E.F.Poppendick@t-online.de

Mehr über PAT-Ausbildung: www.petsastherapy.org

Fotos: Anne Finch, environmental agency

 

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