Hetzhunde – schnell aber dumm?
Von Jutta Steffens-Carter, England
Bei meinen Bemerkungen zu Hetzhundrennen und Züchten von Hetzhunden gehe ich von
Grossbritannien, Irland und Spanien aus. Dort ist dies eine richtige Industrie.
Mit Hetzhunden kann dort richtig Geld gemacht werden – sie gelten als die
Rennpferde der kleinen Leute. Auf Hetzhunde wird viel Geld gewettet, sie bringen
auch dem Staat eine Menge Geld ein. Daher sind sie selbst in Grossbritannien
aussen vor, wenn es um Tierschutz geht.
Greyhound mit gebrochenen Läufen
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Viele Hetzhunde, die sich „nicht eignen” oder verletzt haben, werden
eingeschläfert (bestenfalls…), gar auf bestialische Weise getötet, ausgesetzt
usw. Nach offiziellen Zahlen werden allein auf einer einzigen Rennbahn (in
Nottingham) pro Woche im Durchschnitt zehn Hunde vom zuständigen Tierarzt
eingeschläfert. Im Durchschnitt werden insgesamt 10 000 Tiere im Jahr „ersetzt”,
wie das British National Greyhound Racing Council so verharmlosend schreibt.
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Bis zum 27.8.2002 war hier das Bild eines elenden, weggeworfenen Hetzhundes zu sehen. Bildtext: " Greyhound - weggeworfen". Dann beschwerte sich im Gästebuch eine Rassen-Fanatikerin, das sei kein Greyhound, sondern ein "Galgo" - und sie habe darauf ein Copyright. Ok. Wir hatten zwar eine Genehmigung zur Veröffentlichung, aber wir haben das Bild ausgetauscht: Gegen ein anderes von einem ebenfalls weggeworfenen Galgo (der Galgo ist wie der Grey ein Hetzhund). Indes: Wie krank muss ein Kopf sein, der bei Bildern von Tieren in Not an nichts als an Rassen - Ideologie und sein Urheberrecht am Bild eines kranken Rescue-Hundes denken kann?! Lesen Sie dazu: Das Geschäft mit 'Hunderassen in Not'. Und schreiben Sie Ihre Meinung dazu in das Forum "Hundewiese"!
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Die Zustände in Irland und in Spanien sind fast unbeschreiblich! Ich denke, alle
Leser hier haben schon die Fotos aufgehängter, weggeschmissener Hetzhunde
gesehen. In Irland werden Greyhounds, die nicht schnell genug sind, teilweise
auch an Versuchslabore verkauft. Ihre leistungsstarken Herzen und Lungen
scheinen sie zu beliebten Versuchstieren zu machen.
In Deutschland und Österreich werden Hetzhundrennen als Amateur-Hundesport
betrieben, Wetten ist nicht erlaubt. Diese Rennen sind dort vor allem eine
sinnvolle Beschäftigung für diese Art Hunde – sozusagen das Tüpfelchen auf dem
i, bei dem es um die Freude des Hundes am schnellen Laufen geht. Die Rennen
finden grundsätzlich unter der Aufsicht eines Tierarztes statt, der jeden Hund
vor dem Rennen untersucht und Hunde, die nicht fit genug erscheinen oder gar
krank sind, nicht starten lässt.
Warum werden diese Hunde immer wieder mit den Vorurteilen „nichts als schnell”
oder „zu blöd für alles ausser Hunderennen” belegt?
Wie kommt es zu diesem Vorurteil? Liegt es wirklich an dieser
Arbeits-/Gehorsams-Intelligenz-Rangfolge, die Human-Psychologe Stanley Coren in
seinem Buch „Die Intelligenz der Hunde“ veröffentlicht hat? Wenn ja, wieso
eigentlich? „Intelligenz“-Rangfolge der Hetzhundrassen in diesem Test:
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Afghane – Rang 79 (letzter Rang – eine Hunderasse musste es ja treffen)
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Barsoi – Rang 75
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Whippet – Rang 51
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Deerhound – Rang 47
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Greyhound – Rang 46
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Irish Wolfhound – Rang 41
Die Tests waren unwissenschaftlich, unter anderem, weil verschiedene
Aufzuchtbedingungen der getesteten Hunde nicht gleich sind. Der wichtigste
Faktor beim Herausfinden der „natürlichen" Arbeits-/Gehorsams-Intelligenz -
Aufzucht, Sozialisierung, Prägung auf den Menschen – war ebenfalls nicht
vergleichbar.
Ausserdem ist „Intelligenz“ im biologischen Sinne nichts weiter als eine
genetisch fixierte Disposition. Das heisst, wie auch bei uns Menschen – das
vorhandene Potential muss genutzt und gefördert werden, sonst ist es „nichts
wert“.
US-Psychologie-Professor Gardner, selbst der Intelligenz-Test-Papst, sagte
einmal: „Solche Tests sagen mehr über ihre Macher aus als über die Kandidaten.”
Es darf auch nicht vergessen werden, dass Greyhounds auf den britischen Inseln
und in den USA (ausser vielleicht Show-Greyhounds) grundsätzlich im Zwinger
aufgezogen werden, zwar mit Sozialisierung auf Menschen und auch andere
Greyhounds, aber sonst nichts - ihr ganzes Rennleben lang nichts. Bei solchen
Aufzuchts- und Lebensbedingungen wird kein Intelligenzpotential ausgeschöpft.
Die Tests von Coren für die Hunde fanden in den USA statt.
In Deutschland und Österreich wachsen Greyhounds gewöhnlich als
Familienmitglieder im Haus auf - und werden auch nur als solche abgegeben.
Oder ob wir Menschen Hunde heutzutage für dumm halten, die wir immer wieder
hinter einem künstlichen Hasen herflitzen lassen, den sie aufgrund ihres
Maulkorbs nicht ergattern können? Dies ist in Grossbritannien, Irland und
Spanien oft genug die einzige Beschäftigung, die diese Hunde erhalten. Dies ist
zwar nicht in Deutschland und Österreich so, aber viele Menschen kennen
Greyhounds nur aus Filmen und Berichten über den Hunde-Rennsport auf den
britischen Inseln.
Andere Rassen werden (auch aufgrund solcher fragwürdiger „Rangfolgen“) für
intelligent und lerneifrig gehalten. Diese Hunde werden aber auch von ihren
Menschen immer gefordert und gefördert, was zumindest wiederum in GB, Irland,
Spanien und USA die meisten Hundehalter mit ihren Hetzhunden nicht tun.
Menschen, die sich einen Hund anschaffen, um einem Hundesport nachzugehen, holen
sich dort selten einen Greyhound oder anderen Hetzhund.
Liegt das nicht auch daran, dass diese Art Hund für die meisten Hundesportarten
nicht unbedingt den geeigneten Körperbau hat? Aus dem gleichen Grund können sie
viele mehr oder weniger dumme Tricks nicht ausführen. So werden Hetzhunde oft
von Menschen erworben, die ihrem Hund nicht viel geistige Beschäftigung geben
wollen, werden oder können. Hetzhunde nehmen dies meist auch nicht übel, so
lange sie ihren Auslauf bekommen. Nur weil sie nicht durchgehend nach geistiger
Beschäftigung betteln, heisst das noch lange nicht, dass sie zu dumm sind.
Mir wurde mehrfach hier in Grossbritannien gesagt, dass vor allem in den 70er
Jahren die meisten Hundeleute der Meinung waren, dass Greyhounds (besonders
vorherige Racer) nicht als Familienhunde geeignet seien, da sie gar nicht
ausbildbar seien und erst recht nicht stubenrein würden. Diese Meinung wurde
auch in Fachzeitschriften verbreitet. Dies ist einfach nicht haltbar – mehr dazu
weiter unten.
Einen Grund für die langsame Wandlung dieses Vorurteils lieferte mir ein
professionelles Greyhound-Trainer-Team in den USA, die eine Greyhound-Schau auf
die Beine gestellt haben, um auf deren Lernfähigkeit und Eignung als
Familienhunde aufmerksam zu machen. Sie sagen, dass Greyhounds (und nicht nur
Hetzhunde) mit der leider immer noch weit verbreiteten „harten”, strafe-
orientierten Ausbildung nicht zurechtkommen. Seit Ausbildung mit positiver
Verstärkung und vor allem beidseitiger Freude und Spass am Lernen zunimmt, sieht
man selbst in Grossbritannien und den USA immer mehr wohlerzogene Greyhounds,
die auch draussen ohne Leine laufen und alles Mögliche lernen.
An der Parade bei der letzten grossen Crufts-Ausstellung nahm auch ein
vollkommen blinder Greyhound teil, der die englische Version der
Begleithundeprüfung bestanden hat – schon beim Training war der Hund blind. Ein
anderer Greyhound führte vor, wie er bravourös durch einen Agility-Tunnel
flitzte und mehrere Hindernisse nahm.
Ausserdem waren mehrere Greyhounds dabei, die registrierte „PAT” Hunde sind -
„Pets as Therapy”. Jene Hunde, die Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen
besuchen. Diese Hunde waren sogar nicht sorgfältig im Familienverbund
aufgezogene Hunde waren, sondern speziell für Rennen und in Zwingern gezüchtete
Hunde.
„Whippet Obedience” war auch eine eindrucksvolle Schau. Alle Whippets waren sehr
gut in Obedience ausgebildet und führten eine Quadrille vor. Greyhounds können
das auch, nur haben manche Züchter ihre Körper so stromlinienförmig gezüchtet,
dass sie aus anatomischen Gründen kaum bis gar nicht sitzen können – sie müssen
oft entweder stehen oder liegen.
Durch diese Vorführungen wurde ich neugierig und nahm zu verschiedenen
englischen Greyhound-Rettungsorganisationen sowie verschiedenen Haltern Kontakt
auf. Die Hunde bei Crufts waren keine Ausnahme-Intelligenzbolzen. Die Ausnahme
waren ihre Menschen, die auch bei ihren Greyhounds sahen, dass die Hunde mehr
brauchen als „nur” Futter, Liebe und Auslauf, nämlich geistige Beschäftigung.
Ich habe in Deutschland mehrere Irish Wolfhounds ausfindig gemacht, die die
Begleithundeprüfung bestanden haben, einige, die Agility machen (wobei manche
Übungen allein durch ihre Grösse nicht möglich sind) und auch einige, die
Therapie-Hunde sind. Whippets machen auch in Deutschland oftmals die
Begleithundeprüfung – und auch Agility.
Greyhounds in Deutschland und ganz besonders in Österreich werden vollkommen
anders – eben im Familienverbund – aufgezogen und sind auch, zumindest bei den
Liebhabern dieser Rasse, nicht als dumm verschrien. Auch hier gibt es viele
Greyhounds, die erfolgreich BGH 1 und 2 abgelegt haben, die mit Kindern (in
Schulen) und mit alten Menschen arbeiten, die Agility machen, praktisch immer
ohne Leine laufen – und auch weiterhin grösstes Vergnügen an Hobby-Rennen haben.
Sie sind ursprünglich Hetzhunde.
Hier in England fand ich gleich mehrere Renn-Greyhounds. Keiner der folgenden
Hunde ist aus „Show-Linie“ oder „Familienhund-Zucht”, alle ausgediente Racer –
im Zwinger aufgezogen, nichts anderes als Rennen kennengelernt, bis sie zu alt
waren oder sich verletzt hatten.
Ranger wurde mit sechs Jahren als ausgedienter Rennhund von John Styles
adoptiert. Er ging mit ihm von Anfang an zum Obedience-Training, da Ranger als
Ex-Racer wenig Kontakt zu anderen Hunden und überhaupt Tieren hatte und
sozialisiert werden musste. Innerhalb von vier Jahren hat dieser Greyhound die
höchste Stufe der englischen Version der Begleithundeprüfung erlangt: The Kennel
Club Good Citizen Gold Award. Diese Prüfungen werden nicht auf einem Hundeplatz
abgenommen, sondern „draussen”, im normalen Leben.
Ranger ist inzwischen zwölf Jahre alt und macht kein Obedience mehr. Dafür ist
er jetzt PAT-Dog und besucht kranke, gebrechliche Menschen in Pflegeheimen.
Greyhound als PAT-Dog
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Nobby, auch ein ausgedienter Racer, führt ein gemütliches Leben zusammen mit
seiner Lurcher-Freundin und 13 Katzen. Er darf sein Leben auch einfach nur
geniessen, mit Spaziergängen und Rennen im grossen eigenen Garten. Die Katzen
sind Freigänger. Eines Tages, als Debbie zur Mittagspause nach Hause kam, bellte
Nobby wie verrückt. (Nobby, wie die meisten Greyhounds, bellt so gut wie nie.)
Debby wusste überhaupt nicht, was los war, dachte an Einbruch, konnte im
Erdgeschoss nichts entdecken. Nobby hörte aber nicht auf zu bellen.
Debbie ging dann in den ersten Stock, um nach dem Rechten zu sehen – und fand
eine ihrer Katzen schwer verletzt vor. Sie war wohl von einem Auto angefahren
worden und hatte sich mit letzter Kraft nach Hause geschleppt. Der sofort
aufgesuchte Tierarzt rettete die Katze und meinte, dass sie keine weitere Stunde
mehr überlebt hätte. Ohne Nobbys völlig untypische Bellerei wäre Debbie in ihrer
Mittagspause gar nicht nach oben gegangen und hätte die Katze erst einige
Stunden später entdeckt. Eigentlich hat Nobby der Katze das Leben gerettet.
Nobby ist ein Hund der Art, der man nachsagt, „niemals” mit Katzen auszukommen.
Er ist auch, wie sein Mensch mir mitteilte, beileibe nicht der einzige frühere
Racing-Greyhound, der sein Haus zufrieden mit Katzen teilt.
Jake verletzte sich bei einem Rennen und wurde aussortiert, fand aber gleich ein
gutes neues Zuhause. Kurze Zeit später kam Lily dazu, die auch ein ausgedienter
Rennhund ist, allerdings wurde Lily misshandelt und auch ausgesetzt, wobei sie
fast verhungerte. Sie wurde völlig ausgemergelt gefunden und in ein Tierheim
gebracht, wo Jakes neue Menschen sie sahen und gleich mitnahmen.
Nach nur sechs Monaten guter Pflege in ihrem neuen Zuhause qualifizierte Lily
sich als „PAT-Dog”. Jake brauchte dafür ein paar Monate länger. Warum? Weil sein
Mensch ihn unterschätzte und dachte, er wäre zu ruhig und verschlafen und hätte
an so was kein Interesse. Er überzeugte sie eines Besseren.
Beide Hunde besuchen nun regelmässig Patienten im örtlichen Krankenhaus. Jake
hat sogar bei der Behandlung eines kleinen Jungen mit extremer Hundephobie
erfolgreich geholfen. Lily ist auch inzwischen bekannt in ihrer Stadt, nachdem
mehrfach Artikel über ihren Lebenslauf und ihre gerade deshalb fast unglaubliche
Ruhe, Gelassenheit und Freundlichkeit in lokalen Zeitungen gebracht wurden. Sie
ist sozusagen Aushängeschild für die örtliche „PAT-Dog-Vereinigung”.
Nachdem ich jetzt so intensiv mit diesen und noch viel mehr Greyhound- und
anderen Hetzhund-Haltern gesprochen habe, kann ich überhaupt nicht mehr
verstehen, warum diese Hunde weiterhin in meiner Wahlheimat England nur als
„schnell und dumm” gelten. Wie alle anderen Hunde sind Greyhounds intelligent
und lernbereit, aber sie sind zusätzlich noch schön, elegant und – sie brauchen
keine täglichen Mehrstunden-Spaziergänge. Die üblichen Toilettengänge sowie die
Gelegenheit zu einem richtigen Sprint ist alles, was sie brauchen. (Letzteres
ist wirklich dringend nötig!!). Ansonsten ist ihre Lieblingsbeschäftigung
gewöhnlich das Schnarchen auf dem Sofa.
Bei allen Aktivitäten, die man mit seinem Hund unternehmen möchte, müssen die
körperlichen Möglichkeiten sowie die Neigungen des Hundes berücksichtigt werden.
Es ist unwahrscheinlich, dass ein Greyhound am Schutzhundsport Gefallen finden
könnte, auch, dass er an Fährtenarbeit oder ähnlichem Freude hätte. Gegen
Border-Collies etwa hätte er in Agility wohl kaum eine Chance. Aber nicht wegen
seiner Lernfähigkeit, sondern wegen seiner Statur und Veranlagung. Er ist nun
mal durch seinen Körperbau nicht in der Lage, mit tiefer Nase beim Traben/Rennen
zu suchen – er ist ein „Sichthund” (sight hound). Er kann, wiederum aufgrund des
Körperbaus, auch nicht die schnellen Stopps und Wendungen vollführen, wie
Collies und viele Terrier das können – aber natürlich ist er weitaus schneller
als diese.
Wie wäre es mit Sportarten extra für Hetzhunde? Vielleicht „Mobility“, gemischt
mit Elementen aus Obedience sowie einer Sprintstrecke?
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Mehr Infos über Greyhounds in Not: www.greyhoundsinneed.f9.co.uk/german/
Kontakt zu "Greyhounds in Not" in Deutschland:
Ellen Poppendick, Tel. 049 631 69898,
E-Mail E.F.Poppendick@t-online.de
Mehr über PAT-Ausbildung: www.petsastherapy.org
Fotos: Anne Finch, environmental agency
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