Tod eines Hundes
18. Februar 2001
Umgang mit dem Tod eines geliebten Lebenspartners
Eine alte Jagdhündin, schon betagt aus dem Tierheim geholt, lief nach ein
paar
angenehmen Jahren von ihrem letzten Zuhause weg und legte sich einfach in
den Hof der naheliegenden Dorfkirche. Da starb sie.
Wie gehen nach der
Trauer die hinterbliebenen Menschen mit dem Tod ihres Haustiers, wie gehen
Rudelmitglieder mit einem Verlust um?
Warum trauern wir um unseren Hund, aber nicht um das gestorbene Rind, das
wir verzehren? Es ist die Trennung von einem ans Herz gewachsenen
Lebensgefährten. Das Rind, das kannten wir nicht.
Auch Tiere trauern um ihre (tierlichen) Verwandten. Von Elefanten wissen
wir, dass sie auch unterwegs bei den Gebeinen ihrer Artgenossen verweilen,
um über den Geruch und das Gedächtnis herauszufinden, ob dies ein enger
Verwandter war, den sie da beschnuppern und abtasten. Dann erst ziehen sie
weiter.
Das Phänomen Tod eines geliebten Haustieres ist keine dekadente moderne
Gesellschaftserscheinung über den Verlust wegen kommender Vereinsamung.
Diese Trauer gab es schon zu altägyptischen Zeiten, wie Grabgemälde
beweisen. Der tote Familienhund wurde einbalsamiert, rituell betrauert und
auf einem eigenen Hundefriedhof ausserhalb der Stadt beigesetzt. Mit
Steinen beschwert, damit sich keine Aasfresser der eigenen Art an ihm
"vergreifen" mögen.
Auch vom bisher als ältesten Fund bekannten Familiengrab im
mittelschwedischen Bohuslän vor 14 000 Jahren fanden wir eben einen
Haushund im Familiengrab. Wenn er ungeliebt gewesen wäre, hätten ihn die
Überlebenden anderweitig verscharrt.
Wenn ein junger Hund "keine Chance" hatte, an einer heimtückischen
Krankheit, an einem Unfall stirbt, ist das insofern schon grausam für die
Hinterbliebenen, weil es plötzlich kam, unberechenbar, eben nicht
natürlich. Stirbt ein mittelalter Hund, meist auch durch Unfall oder
Krankheit, ist das nicht minder leicht anzunehmen, weil er eben mitten im
Hundeleben starb. Er hätte länger leben können. Scheidet ein alter Hund aus
dem Leben, so möchte man leichthin annehmen, dies sei zu erwarten gewesen,
er habe ja gelebt. Dennoch bleibt es ein Verlust, vielleicht, weil er einen
so lange begleitet hat.
Ich kann mitleiden, denn ich habe Hunde verloren, auch auf die leidvolle
Tour.
Die gerade mal 17 Monate alte Sabah war und ist so ein Fall, der mir nie
aus dem Kopf gehen wird. Die Entscheidung mit der Tierärztin - nach der
vorletzten Nacht mit Serienkrämpfen und voll mit Valium bis zum Kragen -
war zwar schnell, weil unwiderlegbar. Aber sie war die Hölle. Sie umarmte
sie, ich zweifelte noch Tage lang, ich hasste mich, weil ich hilflos
zusehen musste, das sie alles andere als lebensfähig war. Ich starb mit ihr
ein wenig auf der Heimfahrt zu meinem Rüden.
Ich umarmte Howdy, der nicht wusste, was los war. Der Rüde verhielt sich
lautlos während meiner Weinkrämpfe, die mich zuvor noch nie überfielen. Ich
habe wirklich viel gesehen, aber der Tod dieser jungen Hündin hat mich
erschüttert. Howdy lag tagelang im unteren Teil des Gartens regungslos im
Gras. Und wartete. Keine Buschrallye mehr mit Sabah, die ihn mit Stöckchen
reizte. Es war so brutal ruhig ohne sie. Langweilig. Totenstille.
Unerträglich. Ich war ohnmächtig in der Ohnmacht, zornig über meine
Hilflosigkeit. Warum sie? So gnadenlos.
Plötzlich fing ich an, die Fenster zu putzen, an denen sie ihre Nase
plattdrückte, wenn sie auf mich wartete. Wie ein Irrer putzte ich meine
Verzweiflung weg. Ich legte erst nach Tagen Fotos von ihr auf dem
Schreibtisch aus. Selbstqual.
Nach einem Monat wagte ich es, Fotos von ihr an Richard zu schicken. Es war
eines, wo sie auf ihrem Sessel am Fenster nach draussen schaute. Der Blick
in die Ferne. Dieses Foto veröffentlichte er feinfühlig. Dieses Foto hängt
heute noch über meinem Bett. Ich brauche dies. Sie schaut nach mir?
Viele Leser werden ähnliche Geschichten erlebt und gefühlt haben. Es mag
ähnlich abgehen bei Trauernden, die einen Hund durch die
Verantwortungslosigkeit eines anderen Hundehalters verlieren, durch
Totbeissen. Oder durch die Feigheit des Vergiftens. Oder durch eigene
Feigheit. Die plagt dann vielleicht lebenslang ein schlechtes Gewissen,
wenn sie denn eines haben.
Menschen, die den Tod von Sabah mitbetrauerten, schrieben mir, auch sie
haben unter den vielen Hunden, sie ihr Leben begleiteten, immer ein paar
wenige.
Auch Hunde können trauern. Ein Irish Wolfhound, der seinen Spielkamerad
verlor, missachtete den Hundehalter fortan, als der ohne seinen
Spielkameraden zurückkam. Der Rüde musste nach wochenlanger Ignoranz gar
mit Johanniskraut aufgebaut werden.
Von Wölfen wissen Fachleute, dass sie trauern können um ihren verstorbenen
Rudelgenossen. Sie beheulen dies. Sie sind einfach anders in einer gewissen
Trauerzeit. Sie haben einen Jagd- und damit Lebensgefährten verloren. Ein
biologischer Verlust. Für eine gewisse Zeit. Dann geht das Überleben
weiter.
Anna, die siebenjährige Tochter einer Freundin, war so verliebt in Sabah,
dass sie die sieben Monte alte Hündin schon beim ersten Besuch entführen
wollte. Es war schlechthin die unerklärliche Symbiose aus Kind und Hund.
Das Mädchen konnte nur sehr schonend auf den Tod von Sabah vorbereitet
werden. Verlor sie doch erst vor wenigen Monaten selbst ihre alte Hündin.
Ihre Mutter musste versprechen, wenn sie wieder einen Hund bekämen, dann
nur so einen weissen Grossen wie Sabah.
Wohin mit dem toten Hund?
Die übliche Art war bisher immer: Nach der Einschläferung oder der
Todeserklärung durch den Tierarzt blieb der Hund dort, um einer Abdeckerei
übergeben zu werden. Auch heute noch ist dies insofern verständlich, dass
die meisten Trauernden einfach nicht die Kraft haben, den Hund anderweitig
letztendlich zu versorgen. (Ich hatte sie auch nicht.)
Zwei Bilder, die zeigen: es gibt zahlreiche gut geführte Tierfriedhöfe.
Adressen findet man viele im Internet, z. B. hier
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Aber es gibt bessere Wege, bessere, weil die meisten toten Hunde mit
Medikamenten vollgepumpt sind. Die Abdeckereien werden diese mit Pharmaka
versetzten Tierkadaver wieder irgend einem Kreislauf zuführen. Es ist,
zugegeben, der bequemste Weg.
Es gibt immer mehr Tierfriedhöfe. Eine überlegenswerte Art, mir aber eine
Spur zu geldmacherisch in einer Phase, bei denen man allzu gern verführbar
durch Emotionen ist.
Für mich immer noch die intimste Art, einen Hunde zu begraben, indem man
ihn tatsächlich an einem Ort vergräbt, der dem Hundehalter eine Erinnerung
bedeutet.
Aber das kostet seelische Kraft. (Ich hatte sie nicht, würde es aber im
Nachhinein doch machen wollen.)
Wenn ein Mitglied des Hunderudels stirbt
Von Trauer innerhalb eines Rudels war schon die Rede. Aber wie bringen wir
Menschen dies den hinterbliebenen Hunden bei, dass ein Mitglied fehlt? Beim
besagten Wolfhound war es so, dass er das Fehlen seines Ausnahmefreundes
dem Halter in die Schuhe schob. Logisch: Er ging mit seinem Kameraden, kam
aber ohne ihn wieder.
Hündinnen mit Welpen, die einen Welpen verlieren (müssen), sollte der tote
Welpe zurück ins Lager gebracht werden, damit sie selbst lernt, dass der
Welpe nicht mehr lebt. Nicht nur einmal habe ich gesehen, dass auch
Wildhunde-Mütter dies am sich verändernden Geruch feststellen. Dann erst
lösen sie sich vom toten Mitglied. Das ist keine Vermenschlichung, sondern
ein biologischer Vorgang, der ein natürliches Ende findet.
Deshalb ein Ratschlag für Hundehalter, die mehr als einen Hund zu Hause
haben: Nehmen Sie das tote Tier wieder mit nach Hause, legen sie es den
Hinterbliebenen vor. Sie werden ihn beriechen und ihn dann auf ihre Art für
tot erklären. Dann haben sie verstanden.
Sonst suchen sie und warten noch lange - vergebens.
"Viele, die ihr ganzes Leben auf die Liebe verwendeten, können uns weniger
über sie sagen als ein Kind, das gestern seinen Hund verloren hat."
Thornton Niven Wilder
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