Alles ganz harmlos?Münchner Polizei durchsuchte Abrichter eines Hundezüchtervereins. Hintergründe zur Aktion.
31. Oktober 2000
Die Münchner Polizei hat einen Ring von Züchtern ausgehoben, die Hunde auf Menschen (Figuranten) abrichteten. Authentische Polizei-Video-Aufnahmen zeigten dies. Die Prügler dressierten nach den Erkenntnissen von Polizeihundeführern nachts auf einem Platz (das Schild mit der Aufschrift „Polizei-Hundesport-Platz" wurde gezeigt) mit scharfmachenden Methoden und verkauften die Hunde anschliessend. Dies war bei RTL zu sehen und hören. Was sagt das Polizeipräsidium München, was bleibt übrig?
RTL „aktuell" berichtete am 25. Oktober, dass 18 Hunde bei den Haltern so lange verbleiben sollen, bis die Ermittlungen abgeschlossen seien. Die Halter zogen die Hunde mit der Begründung zurück, ihre Tiere hätten ja noch nichts angestellt. Nachbarn sagten vor der Kamera, dass sich auf dem Platz haarsträubende Szenen abgespielt hätten.
Auch mal interessant, zwei verschiedene Informationsquellen zu vergleichen:
Die Überschrift in der RTL-Homepage „Regionalnews": „Kaufpreis für Kampfhunde in die Höhe getrieben." Der Text: „Den bundesweit ersten Fall illegaler Kampfhund-Abrichtung in grossem Stil hat die Münchner Polizei aufgedeckt. Die Pitbulls, Bullterrier und Alanos seien von mindestens neun Beschuldigten „mannscharf" gemacht worden, berichtete die Polizei am Mittwoch. Mit Tritten, Schlägen und Kniffen sei die Aggressivität der Tiere gezielt geputscht worden. (Anm. der Red.: gepuscht wäre richtig. Dagegen ist ein Putsch ein Umsturz : ))
„Die verbotene Ausbildung fand regelmässig dienstags in der Nacht auf dem Übungsplatz eines Münchner Hundevereins statt. Nach Angaben der Polizei sollte mit dem Vorgehen offenbar der Verkaufswert der Hunde erhöht werden. Besonders aggressive Kampfhunde seien im kriminellen Milieu ein Statusymbol. Solche Tiere würden für 6 000 Mark und mehr gehandelt.
In einer Blitzaktion war die Polizei in der Nacht zu Dienstag auf dem Übungsplatz aufmarschiert. Dabei stiessen die Beamten auf neun Hundehalter mit 18 Kampfhunden. Die Polizei schätzt, dass in die illegale Abrichtung der Kampfhunde bis zu sechzehn weitere Personen verwickelt sind.
Den Beschuldigten drohen nun empfindliche Geldbussen bis zu 100 000 Mark. Sie müssen auch damit rechnen, dass ihnen die Tiere abgenommen werden. Kampfhunde dürfen in Bayern nur mit Genehmigung der jeweiligen Kommune gehalten werden. Dass diese erteilt werden, ist jedoch nur selten der Fall."
So weit RTL.
Pressebericht Polizeipräsidium München
„Ausbildung vom Kampfhunden in München vereitelt. Durchsuchungsaktion der Polizei.
Jeden Dienstag trafen sie sich - nachts, bei Dunkelheit - auf einem Hundeübungsplatz im Westen Münchens, um dort ihr Hunde abzurichten. Unzulässige Ausbildungsmethoden dienten dazu, ihre „Pitbulls, Alanos und Bullterrier" mannscharf zu machen. Mit einer sportlichen - züchterischen Ausbildung, wie sie herkömmlich in Hundezuchtvereinen beim sog. Schutzdienst durchgeführt wird, hatte dieses Training nichts zu tun. Die natürliche Aggressivität und Gefährlichkeit der Hunde gegen Personen wird dabei durch Kneifen in die Flanken, durch Fusstritt sowie durch übermässiges Einschlagen mit Plastikkanister und Stücken und durch Beissen in eine Beissmanschette gesteigert.
Ungestört konnten sie regelmässig ihre Kampfhunde trainieren, da der Abrichtplatz von aussen so gut wie nicht einzusehen war und jede Person, die sich dem Gelände nähern wollte, wäre sofort bemerkt worden. Trotzdem gelang es Beamten de Polizeihundestaffel, Einblick in das zweifelhafte Hundetraining zu bekommen. Nachdem genügend eindeutige Beweise dem Kreisverwaltungsreferat vorgelegt werden konnten, wurde von dort ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss erwirkt.
Bundesweit erstmalig wurde hier eine illegale Ausbildung von Kampfhunden in grösserem Umfang aufgedeckt. In einer gemeinsamen Aktion vollzogen das Kreisverwaltungstreferat und die Polizeihundestaffel unter Mitwirkung weiterer Untersützungskräfte des Polizeipräsidiums München gegen 21 Uhr den Durchsuchungsbeschluss. Das Training der „Tierfreunde" lief gerade auf Hochtouren, als plötzlich die Beamten am Übungsplatz standen. Es konnten 18 Hunde festgestellt werden, die alle unter die Verordnung über Hunde mit gesteigerter Aggressivität und Gefährlichkeit, die sog. Kampfhundeverordnung, fallen. Ebenso wurde umfangreiches Beweismaterial, wie Gegenstände, die zum unerlaubten Abrichten von Hunden dienen, sichergestellt.
Die Zusammensetzung der angetroffenen Gruppe zeigt, dass es sich dabei nicht um eine Münchner Szene handelt. Alle Personen wohnen im erweiterten Einzugsbereich der Stadt München und haben sich lediglich die optimalen Bedingungen des nicht einsehbaren Übungsplatzes nutzbar gemacht. Durch die Kontrolle wurde auch das Beziehungsgeflecht zwischen Züchtern und Ausbildern deutlich, deren Streben es offensichtlich ist, durch diese Ausbildungsmethoden den Verkaufswert der Hunde zu steigern. Das Kreisveraltungsreferat wird nun gegen den Verein, gegen die Hundebesitzer und Ausbilder alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen."
Frage: Wie lange schon konnten diese Täter eigentlich Hunde so ungestört (ungehört) abrichten und dealen? Trotzdem: Kompliment an die Polizeihundestaffel!
Nachgehakt
hundezeitung schickte ein Fax mit Fragen zum neuesten Ermittlungsstand an die Presseabteilung des Präsidiums. Prompte und sehr freundliche Auskunft am Telefon, zum Schild mit der Aufschrift „Polizei-Hundesport-Platz": Dieser Platz sei nach dem Krieg errichtet worden. Damals sei man sehr stolz gewesen, wenn ein Polizeihundeführer im Verein war. Seit einem Jahr ist nach Auskunft des Pressesprechers nachweislich kein Polizist in diesem Verein und war kein Beamter auf dem Platz tätig.
Zu den Hunden: Der Pressbericht vom 27. Oktober: „Einen Tag nach der Aktion wurden die drei Hunde der beiden Münchner Hundebesitzer durch zwei Sachverständige begutachtet. Bei den beiden Malinois der 33-jährigen Münchnerin, unter denen sich ein erst sechs Monate alter Hund befand, wurde keine gesteigerte Aggressivität festgestellt. Der Junghund kann als völlig harmlos eingestuft werden, wobei der ältere Hund offenbar über eine normale Hundeausbildung verfügt und einen normalen Wehrtrieb aufweist.
Beide Hunde werden von ihrer Besitzerin gut beherrscht und stellen keine Gefahr für die Öffentlichkeit dar. Sie wurden der Frau belassen. Genehmigung für die Hundehaltung ist nicht erforderlich.
Ferner überprüften die zwei unabhängigen Sachverständigen (Anm. der Red.: deren Namen man nicht veröffentlicht) einen Terro-Presa-Canario-Hund eines 40-jährigen Münchners. Auch dieses Tier wurde als völlig harmlos eingestuft und dem Halter ohne Auflagen überlassen.
Die weiteren Hundehalter mit ihren insgesamt 15 Hunden haben ihren Wohnsitz nicht in München und werden in nächster Zeit von den jeweiligen Gemeindebehörden auf ihre Gefährlichkeit begutachtet."
Und sonst? Es ergingen zwölf Anzeigen wegen unterschiedlichen Ordnungswidrigkeiten und eine Strafanzeige nach dem Tierschutzgesetz.
Was passiert danach?
Nichts, was ermutigen könnte. Die Überprüfung ergab also offensichtlich harmlose Hunde, beziehungsweise Halter, die ihre Hunde nicht zu gesteigerter Aggressivität trainierten oder trainieren liessen.
Das macht zum Weiterdressieren so richtig Mut. Warum hat man den Ring mit diesen üblen Dressurmethoden überhaupt auffliegen lassen, wenn dann alles so harmlos ist?
Es ist schon eine Frechheit, wie öffentlich das nach der ganzen Horror-Hysterie noch ablaufen kann. So wie die Tatsache, dass der ganze Verordnungs- und Wesenstest-Aktionismus eben nur einer war. Meist auf Kosten anderer. Muss man nur einen Verein gründen?
Die Kampfhundler lachen über solche Anordnungen und machen weiter. Wo anders. Man hat jetzt ja erst richtig Werbung bekommen. Ist ja auch so normal, dass man einen sechs Monate alten Junghund bereits zum verschärften Schutzdienst dressiert. Warum waren sosnt die auf diesem Platz? Wer züchten und verkauft solche Hunde? Wer will was aus den Hunden machen? Beissmaschinen.
Das Thema bleibt uns erhalten. Weil die Menschen immer aggressiver und Hunde instrumentalisieren.
Die Aktion möge abschrecken, hofft das Polizeipräsidium München. Was war daran abschreckend? Dass die Dresseure jetzt einen anderen Platz suchen? Hat denn niemand den Geist dieser Video-Aufnahmen verstanden? Wie viele schauen dabei weg? Hat da jemand mal in letzter Zeit bei solchen Methoden ein lebenslanges Züchtungs- und Haltungsverbot von Tieren verlangt?
Der Polizeipressetext meint, dieser Missbrauch habe mit dem so genannten Schutzdienst nichts zu tun? Das „Nichts" halte ich, der alle Methoden seit langem kennt, für eine gelinde Untertreibung. Woher kämen sonst allein die Figuranten-Anzüge, oder die dabei durchgezogenen, sonst doch offiziell nur angedeuteten Schläge auf den Hund, in diesem Fall aber „übermässig", oder die Beissmanschetten? Und was ist am Schutzdienst eigentlich „sportlich"?
Die Passage des Polizeipressetestes über die „natürliche Aggressivität der Hunde gegen Personen" möchte übrigens auch mal kynologisch überdacht werden: siehe letztes hundezeitung-Editorial „Ist Aggressivität veranlagt"?
Die meisten Polizeihunde-Ausbilder gehen wesentlich fairer und professioneller vor als die altgedienten „Zivilisten". Eine NRW-Malinois-Züchterin mit SchH-III-Hunden berichtete, dass manche Polizeihundeführer dazu übergehen, auf das Beisstraining ganz zu verzichten. Zur Nachahmung empfohlen. Prof. Dr. Norbert Juhr, Facharzt für Verhaltenskunde an der FU Berlin: „Wir brauchen keine Schutzhunde-Ausbildung in Privathand."
Randnotiz: Ein Polizeihundeausbilder war erstaunt, wie eine Tierheimleiterin ihr - vermutlich auf Lebenszeit verbleibendes -„Kampfhundegeschwader" ausgebildet hat. Nach dem Test, die Hunde bestanden natürlich, fragte der Polizist: Die möchte ich jetzt doch mal sehen, wie die am Hetzärmel so sind. Dann bekam er glänzende Augen.
Das Hundewetter.
© Hundezeitung.de 10/2000
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