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HEN - Hunde-Erbkrankheiten-Netzwerk

HEN war vor einigen Jahren mal nur als Hunde-Epilepsie-Netzwerk gedacht. hundezeitung.de hatte mal die Idee, adaptiert nach US-amerikanischem Vorbild. Was ist draus geworden? Es meldeten sich binnen fünf Jahren vielleicht 20 Betroffene. Keine einzige Klinik, kein einziger Tierarzt, aber einige betroffene Halter von epileptischen Hunden. Denen musste ich immer dasselbe sagen: keiner macht mit. Wir geben aber nicht auf. Daher starten wir neu und in grösserem Rahmen durch.

Immer wieder erreichen die Redaktion fast ohnmächtige Hilferufe von betroffenen Haltern, in denen es um die deprimierend vielfältige wie generelle Anfallskrankheit Epilepsie geht. Und die grassiert.

Es tut sich (immer zu) wenig auf den Gebiet dieser Entladungs-Krankheit, medizinisch, aber ein wenig geht trotzdem: die Medikamente werden besser abgestimmt auf Hunde, es dauert aber, bis Erfahrungen erfolgreich verwertet werden können.

Der Informationsstand über das ausufernde, fast nicht fassbare Gebiet der Epilepsie oder Anfallskrankheit ist viel besser, immer noch nicht Stand der Dinge. Da schreiben auch Leute über eine (eben häufige) idiopathische Form, die Ursache sei nicht bekannt. Typischer Fall von keine Ahnung, weil genau das der Punkt ist: idiopathisch ist "Ursache nicht bekannt". Das gilt generell, bis auf weiteres. Das Defekt-Gen, das Epilepsie auslöst, ist aber bereits bei der DNA des Menschen lokalisiert.

Leider ist das nachvollziehbare Wissen um Epelepsie auch unter Tierärzten stark schwankend. Da grassieren immer noch Meinungen aus dem letzten Jahrhundert, es würde nur ein paar Rassen treffen. Epilepsie aller Formen tritt bei allen Hundetypen, Mischling oder Rasse, Exot oder Modehund, auf.

Zur Auffrischung über den Stand der Dinge ein Einleitungs-Konzentrat von Susanne Rieck für ihre Dissertation an der TiHo aus dem Jahr 2002 zum Thema "Klinische Pilotstudie zur Prüfung einer neuen antiepileptischen Wirksubstanz an Hunden mit idiopathischer Epilepsie:

"Unter dem Begriff Epilepsie wird eine Vielzahl von Krankheiten und Syndromen zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit ein plötzliches Auftreten von vorübergehenden (paroxysmalen), spontanen Entladungen einzelner Nervenzellen, Neuronengruppen oder des gesamten Großhirns ist. Wenn keine anfallsauslösenden Ursachen, wie Läsionen im zentralen Nervensystem (ZNS) oder extraneurale Störungen, die das Gehirn sekundär beeinflussen, nachweisbar sind, liegt die idiopathische, genuine oder genetische Form der Epilepsie vor. Im Unterschied dazu setzt bei der erworbenen, symptomatischen Form eine pathologische Veränderung die Krampfschwelle herab und provoziert klinische Anfälle.

Bei ca. 45 % der Hunde mit Anfallsleiden wird die idiopathische Epilepsie im Ausschlussverfahren diagnostiziert. Bei dieser Form der Epilepsie treten beim Hund in 80 - 90% der Fälle vornehmlich generalisierte tonisch-klonische Anfälle auf, die mit Bewusstseinsverlust einhergehen (Grand Mal Anfälle). Die in der Literatur beschriebene Altersgrenze für das erste Auftreten von epileptischen Anfällen bei Hunden ist sehr weitläufig und liegt zwischen sechs Monaten bis hin zu 13 Jahren. Die meisten Autoren beschreiben jedoch, dass die ersten Anfälle bei Hunden mit idiopathischer Epilepsie meist zwischen dem ersten bis dritten Lebensjahr zu verzeichnen sind.

Im Hinblick auf die Entstehung epileptischer Anfälle sind in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte gemacht worden. Hunde mit idiopathischer Epilepsie sind als Tiermodell für die Epilepsieforschung des Menschen gut geeignet, da bei beiden Spezies Pharmakosensibilität und Pharmakoresistenz bei der Anfallsbehandlung auftreten können. Ziel einer antiepileptischen Behandlung ist Anfallsfreiheit und möglichst wenig unerwünschte Nebenwirkungen während der Therapie. Beim Hund kann nur auf wenige Antiepileptika wie Phenobarbital, Primidon und Kaliumbromid zugegriffen werden.

Neuere antiepileptische Wirkstoffe, die bereits in die Humanmedizin Einzug gefunden haben, finden beim Hund keine Anwendung aufgrund zu kurzer Eliminationshalbwertszeiten und zu geringer therapeutischer Plasmakonzentrationen. Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Antiepileptika werden oft nicht zufriedenstellende Behandlungserfolge erzielt. Etwa ein Drittel der Tiere wird anfallsfrei, ein weiteres Drittel zeigt eine deutliche Reduktion der Anfallsfrequenz und -intensität und bei dem verbleibenden Drittel kann medikamentös keine Besserung der Anfallsfrequenz und/oder der Intensität verzeichnet werden. Diese Hunde gelten als therapie- oder pharmakoresistent."

Für Züchter, die sonst so fleissig und wohl auch verdeckt schadenfreudig auf die speziellen Vorkommnisse der "Konkurrenzrassen" hinweisen, ist ein nicht zu ignorierender Fall in der eigenen Zucht so eine Art Entzug der Geschäftsgrundlage. Daher verschweigen sie ihre eigenen Fälle oft. Denn nach den eigenen Statuten müssten sie selbst bei einem Verdacht diese Linie zu Lebzeiten aus der Zucht herausnehmen und ihrem Verband melden. Das aber tun nur sehr verantwortungsvolle Züchter, also sehr wenige. Und so blüht eben Epilepsie weiter.

Dass Mischlinge davon ebenso betroffen sind, entschuldigt keinen Züchter, der ignoriert. Ich nehme jene Züchter aus von Epilepsie-Hunden, die es nicht wissen konnten, weil die Symptome sehr schnell wieder "verschwinden", also wäre nichts geschehen. Bis zum nächsten Anfall, eventuell. Denn einige Hunde leben eben auch draussen, wo man die Symptome nicht erkennen konnte. Aber auch die Ausrede gilt nicht, dass es in der ganzen Linie bisher noch nie vorgekommen sei. Auch für Krankheiten gilt: es gibt immer ein erstes Mal, sonst gäbe es sie nicht.

Es hilft nur schonungslose Offenheit. Denn es kann jeden Hund und jeden Halter und eben auch jeden Züchter treffen. Doch der Grad der Befälle zieht sich durch alle Typen, Rasse oder Mischling, Exot oder Populärhund. Eine so genannte Gebrauchshunde-Rasse ist in einer Zuchtlinie mit 30 Prozent - ja, man kann es sagen - verseucht.

Die Häufigkeit an Epilepsiefällen aller Graduierungen nimmt aber auch generell stark zu. Die Hilflosigkeit der Betroffenen auch. Viele profitieren von dieser Ohnmacht. Kliniken mit letzten Endes ergebnislosen oder nur den ersten Befund bestätigenden, oder nicht mal das, nur unfasslichen Diagnosen, die diesen Namen nicht tragen können. Und dann kommen die Schmeissfliegen dazu, Wunderheiler aller Arten. Sie wissen nichts, sie ziehen den Hilflosen nur das Geld aus der Tasche. Aber auch Kliniken sind darin nicht besser, da werden Untersuchungsreihen angelegt und doch sind die Methoden eben nicht denen der Humanmedizin in diesem Bereich vergleichbar. Das Feedback der Tiere fehlt, man kann sie nicht befragen.

In der Diagnose tut sich aber was: Ultraschallgeräte sind in Kliniken und auch kleinen Praxen inzwischen die wohl wichtigste Methode. Andere klinisch-bildgebende Verfahren wie die beim Menschen eingesetzte Magnetresonanz- und die Computertomografie sind in der Veterinärmedizin nur beschränkt nutzbar, weil Tiere dabei narkotisiert werden müssen. Die Ultraschalluntersuchung aber gelingt fast ausschliesslich auch bei wachen Tieren. Selbst nervöse Tiere beruhigen sich überdies bei der streichelnden Bewegung des Schallkopfes auf der Haut. So können Vorgänge im Hirn aufgezeichnet und eingesehen werden. Um Hirnkrankheiten zu "sehen", nützt jedoch Ultraschall nichts. Nur ein Computertomograph dringt durch die Schädeldecke.

Aus der Doktorarbeit von Maike Glien an der Tierärztlichen Hochschule von Hannover (siehe Link am Ende des Artikels) geht hervor, dass es Hoffnungen für neue Medizin gibt. In ihrer Zusammenfassung schreibt Glien: "Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, daß eine sinnvolle Optimierung von Epilepsiemodellen möglich ist, und daß pharmakologische Untersuchungen in solchen Modellen wertvolle Ergebnisse zur Wirksamkeit von Antikonvulsiva liefern können. Beide Ansätze sollten durch zukünftige Untersuchungen in der Epilepsieforschung weiter verfolgt werden."

Das Dilemma der Therapie bleibt jedoch noch Jahre aufrecht erhalten, bis durch den "Abfall" an Humanmedinzinforschung auch was für Tierbereich bleibt, der dort umsetzbar ist. Dann kommt dazu, dass man ein Tier nicht durch alle Untersuchungen in einem Ambiente wie eine Fleischfabrik jagen kann. Ein menschlicher Patient weiss, warum er das über sich ergehen lässt, ein Tier nicht.

Ob Erbkrankheiten oder nicht, es gibt noch andere Krankheiten, die auch firme Kliniken vor schier unlösbare Aufgaben stellen. Wie etwa diese jüngst aufgetretene:

Rätselhafte Lähmungen, die zum Tod führen

Mail von Saluki-Züchtern aus der Schweiz:

    "Bei uns spielt sich ein Drama ab und wir hoffen, dass irgendwo der Schlüssel zur Lösung ist! Der Albtraum begann am 25. 09.04, als unsere 13-jährige Ashayet plötzlich Lähmungserscheinungen zuerst in den Vorder-, dann in den Hinterläufen bekam und später nicht mehr imstande war, zu stehen. Wir dachten, dass Ashayet altersbedingt einen Hirnschlag erlitt und liessen sie durch unsere Haustierärztin euthanisieren. Am gleichen Tag begann die zweijährige Koukab vorne zu hinken, was bei dieser aktiven Hündin nichts aussergewöhnliches war, zumal sie bei der Untersuchung eine dolente Zehe angab. Am Sonntag morgen belastete sie die Pfote nicht mehr. Gegen Mittag brach auch sie mit Lähmungen aller Gliedmassen zusammen. Unverzüglich brachten wir sie in die Tier-Klinik. Alle gängigen Labortests zeigten nichts Auffälliges. Die Hündin war bis auf die Lähmungen in einem guten Allgemeinzustand und frass noch ihr Abendessen. Am Montagmorgen setzten Atemdepressionen ein, die eine künstliche Beatmung nötig machten. Eine Liquoruntersuchung zeigte eine erhöhte Leukozytenzahl. Da bis abends eine Spontanatmung nicht mehr eintrat, entschlossen wir uns schweren Herzens, Koukab zu erlösen. Aufgrund der Geschehnisse organisierte die Tierärztin eine Obduktion von Ashayet an der Unitierklinik Zürich. Koukab kam von der Tierklinik in ein Labor nach Bassersdorf.

    Am Sonntag gegen abend begann eine weitere Hündin (fünf Jahre alt) Lähmungserscheinungen im Gebiet des N.facialis zu zeigen. Am nächsten Morgen lief sie nur noch im Kreis und bekam auch Lähmungen. Sofort wurde natürlich auch Jazdani in der Tierklinik hospitalisiert. Am darauffolgenden Donnerstag (30.09.04) musste auch sie eingeschläfert werden.

    Drei Hunde, davon zwei vorgesehene Zuchthündinnen, in sechs Tagen zu verlieren, traf uns tief. Schlimmer noch war aber die Unsicherheit, nicht zu wissen, woran die Tiere starben. Vorläufige Resultate der Untersuchung der beiden jüngeren Hündinnen zeigten eine gänzliche Auflösung (Zerstörung) der Nervenzellen im Rückenmark (leider liegen mir keine entsprechenden Berichte vor). Ein Querschnitt des Rückenmarks zeigt keine runde Form, sondern die eines Schmetterlings, scheinbar wurde in Koukabs Rückenmark auch ein nicht identifizierbares Virus gefunden. Gesucht wurde in alle Richtungen. Da die Familie Thum mit allen Hunden eine Woche vor Beginn des eben Erzählten in Dänemark Ferien machten, dachte man auch an Seehundstaupe, da das Rudel am Strand an einem verendeten Seehund schnüffelte. Dieser Verdacht konnte nicht bestätigt werden. Auch eine Vergiftung wird mittlerweile ausgeschlossen. Wenn die verendeten Tier Schafe gewesen wären, so der behandelnde Arzt, müsste aufgrund der histologischen Befunde des Rückenmarks, eine Listerien-Infektion angenommen werden.
    Bis heute schienen die restlichen Hündinnen (vier zwischen acht und dreizehn Jahren und zwei 15 Monate alte Wurfschwestern) gesund, was uns hoffen liess, das ganze habe ein Ende.
    Dem ist leider nicht so. Seit heute Mittag (12.10.04) ist eine der Junghündinnen mit gleichen Symptomen in der Tierklinik. Auch in ihrem Liquor wurde eine erhöhte Leukozytenzahl festgestellt. Bis gestern war sie stabil und heute morgen ist eine Verschlechterung eingetreten."

Noch haben wir bis Redaktionsschluss nicht mehr erfahren. Unter anderem ist Botulismus nicht auszuschliessen. Symptome eines Botulismus-Typus: Es kommt zu einer schlaffen Lähmung der quergestreiften Muskulatur. Tod meist durch Lähmung der Atemmuskulatur. Die letale Dosis für Säugetiere ist verdammt klein. Der Ursachenherd entsteht am Boden. Zumal seit einigen Jahren immer mehr Tiere vor allem in der Schweiz an Botulismus erkranken.

Wie und was auch immer: Der Befall dieser Zucht bleibt bis zu Aufklärung rätselhaft und erschreckend.

HEN-Neustart in der hundezeitung

Webmaster und Redakteur der hundezeitung kamen auf die Idee, zuerst als Angebot eine Rubrik HEN im Diskussionsforum der hundezeitung einzurichten, damit sich betroffene Halter und - ein Traum? - auch Fachleute austauschen können, und zwar nicht nur über Anfallskrankheiten wie Epilepsie, sondern auch über andere erbliche Krankheiten. Oder Krankheiten wie die eben aufgeführte in der Schweiz.

Krankheiten sind ein ganzheitlicher Komplex. HEN darf also auch als Hunde-Erbkrankheiten-Netzwerk verstanden werden.

Vielleicht findet es diesmal Mitwirkung! Rund 80 000 Zugriffe im Tagesdurchschnitt sollten für genügend Aufmerksamkeit in der hundezeitung sorgen.

In dieser HEN-Rubrik werden dann auch fachdienliche Links geschaltet werden können zu nicht gewerblichen Internet-Seiten (zum Beispiel zum Abstrakt dieser oben genannten Doktorarbeit), auch zu jenem US-Netzwerk der Universität von Missouri, das Vorbild war, um es hier in Deutschland als HEN anzubieten.

Wir geben nicht auf, daher starten wir einen zweiten Anlauf, weil sich auch die Fälle häufen. Der Bedarf an Information (ohne falsches Mitleidsgesäusel) ist also gross. Wir werden auch nachvollziehbares Niveau gewährleisten, denn Scharlatane und Heilsmissionare mit gefährlich uninformiertem "Wissen" oder nur Gefühlsduselige haben dabei - aus Respekt vor der Sensibilität der betroffenen Halter und vierbeinigen Patienten - nichts zu suchen. Aber sie dürfen gern dazulernen. Es geht ja letzten Ende um die vierbeinigen Patienten.

Wenn der Neustart gut frequentiert wird (Voraussetzung für Beachtung und Wirkung), kann die hundezeitung als Plattform in einem neu zu schaffenden Internet-Portal mehrere Themen in diesem Bereich verknüpfen. Dazu rufen wir gern private Betroffene ebenso auf wie veterinärmedizinische Kliniken oder Fachleute aus der Pharmaindustrie.

Einige fachkundige Halter aus dem hundezeitung-Forum arbeiten mit, willkommen wären eben auch interessierte Tiermediziner, die - wie wir alle wissen - nie Zeit haben, weil sie mit dem Notfallhandy ins Bett fallen.

Der Webmaster der hundezeitung hat ein Spendenkonto für besondere Fälle eingerichtet. Er wird dies zu einem HEN-Sonderkonto machen. Als weiterer kleiner Beitrag - zum bereits eingezahlten von verschiedenen Hundezeitungsfreundinnen und -freunden - werden die Erlöse aus dem Verkauf des vor Weihnachten im Blümchen-Verlag erscheinenden Büchleins "Tiererzählungen" (siehe auch Buchshop der hundezeitung u. a.) auf dieses HEN-Konto fliessen. Damit die Forschung an Hunde-Erbkrankheiten nicht stockt.



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