Zwang - was ist das?
Was bei hundscher Ausbildung, Erziehung und im Zusammenleben unter "Zwang" zu
verstehen sein könnte.
Ein Essay von Bea Urban
Menschen, die anscheinend kaum, wenig oder keinerlei Kontrolle über ihre Hunde
haben und deren (der Hunde) Benehmen mit grösstmöglichem Freiheitsgenuss auf
Kosten anderer beschrieben wird, werfen Erziehungsstile, Erziehungsziele,
Strafe, Korrektur, Starkzwang und schlichten Zwang durcheinander. Andererseits
scheinen sie dahin zu tendieren, Starkzwang als Erziehungsmethode einsetzen zu
wollen, sobald das Kind bzw. der Hund in den Brunnen gefallen ist. Schreien dann
aber auf, wenn vernünftige Alternativen angeboten werden, werfen den Anbietern
vor, zu hart oder zu weich zu sein. Schwarz oder weiss.
Den Graubereich verstehen nur wenige, woraus sich auf den eigenen (menschlichen)
Erziehungshintergrund schliessen lässt. Der ist ja nur was für Weicheier.
Laut meiner - zugegebenermassen schon eine ganze Zeit zurückliegenden -
Tätigkeit im beruflichen Leiten und Beeinflussen von Kindern im Alter von drei
bis sieben Jahren und der einhergehenden Ausbildung wurde zwischen sieben
Erziehungsstilen unterschieden. Insbesondere im Hinblick auf die Benutzer
gefälliger Schlagwörter sei vorab darauf hingewiesen, dass der antiautoritäre
Erziehungsstil im pädagogischen Sinne keiner ist. Daher kurz die Auflistung der
Erziehungsstile in alphabetischer Reihenfolge.
Autokratische Eltern meinen, ihren Kindern gegenüber Autorität anwenden zu
müssen. Als gängiges Resultat dieser Erziehungsmethode ist anerkannt, dass
solche Kinder nicht in der Lage sind, Eigeniniative zu entwickeln, weil sie
nicht erfahren durften, dass die eigene Meinung, Bedenken, Einwürfe zu egal
welchen Belangen des Lebens erstgenommen wird.
Autoritäre Eltern legen ebenfalls Wert darauf, bei der Erziehung ihrer Kinder
die Kontrolle zu haben. Im Gegensatz zu autokratischen Eltern wird die Meinung
eines Kindes zwar gehört, abgewogen und ggf. akzeptiert; Entscheidungen treffen
aber nach wie vor die Eltern. Hier können sich Kinder ebenfalls schwer frei
entfalten.
Eltern, die ihre Kinder im demokratischen Stil erziehen, nehmen die Kinder ab
einem frühen Alter als durchaus gleichberechtigte Diskussionspartner ernst. Die
Eltern werden immer helfend im Hintergrund zur Verfügung stehen (Du stolperst,
ich hebe Dich dann auf) und sind somit in der Lage, den Kindern ein Gefühl von
Sicherheit und Ernstgenommen- werden zu vermitteltn.
Eltern, die egalitär erziehen, legen Kindern die gleichen Rechte und Pflichten
auf, die sie sich selber zugestehen/herausnehmen. Das Kind steht auf demselben
Level wie die Eltern.
Eltern, die der (meines Erachtens immer mehr um sich greifenden) permissiven
Erziehungsmethode folgen, sind mehr passiv und halten sich zurück. Ziel soll
wahrscheinlich sein, dass Kinder früh lernen sollen, Eigeninitiative zu
ergreifen und selbständig zu entscheiden. Allerdings ohne Entscheidungshilfen
und Anleitung der Eltern, wie es zum Beispiel im demokratischen Stil die Regel
ist.
Die oben zitierte antiautoritäre Erziehung, die es als solche gar nicht gibt,
ist der vermeintlich demokratisch (aber völlig daneben interpretierte) Laissez-
Faire Stil. Im Grunde macht jeder was er will. Regeln, die befolgt werden
müssen, gibt es einfach nicht, was Menschen in einem gewissen Altersrahmen eher
zugute kommt bzw. sie aktiv davon Nutzen machen als ihre Eltern.
Ein Cousin des permissiven Stils ist der negierende Stil, denn die Eltern haben
keinerlei Wunsch, das Kind zu beeinflussen, zu steuern oder anzuleiten. Weder
positiv noch negativ.
Was sagt uns Hundlern das nun?
Viele Hundler sind nicht in der Lage, Zwang von zwingen zu unterscheiden.
Generell ist folgendes festzuhalten: Hunde untereinander wenden natürlich Zwang
an. Aber fein nuanciert. Im Grunde arbeiten sie mit positivem Zwang. Eben ob der
Abstufungen. Die uns Menschen oft ungesehen durch die Augen gehen.
Wenn nun mensch behauptet, er übe auf seinen Hund schon Zwang aus, weil er ihn
an Halsband und Leine führe, weil er ja seinen natürlichen Bewegungsdrang
unterdrückt, dann übt er auf den Hund im hundschen Sinne keinen physischen Zwang
aus, sondern drängt dem Hund zuächst seinen Willen auf.
Da dies aber im Rahmen des normalen Tagesablaufes stets wiederholt wird, der
Hund kein zu korrigierendes Fehlverhalten gezeigt hat, dem Hund also durch das
Halsband- und Leineanlegen keinerlei Nachteile entstehen, wird Hund dies nicht
als Zwangsmassnahme, Korrektur oder Strafe interpretieren. Denn nur so kann er
menschliche Zwangsmassnahmen auslegen.
Da, wo auf Grund unerwünschten Verhaltens der Hund korrigiert, ermahnt, erinnert
und gegebenenfalls physisch angestupst werden muss, wird Zwang angewandt. Zum
Beispiel von Hund zu Hund. Ganz natürlich. Immer im richtigen Mass und im
absolut richtigen Moment. So, wie wir entschärften Hundler hervorragende
Ergebnisse mit positiver Verstärkung erzielen, schaffen Hunde es, unerwünschtes
Verhalten mit aktiver gleich positiver Strafe, positivem Zwang abzuschalten.
Immer im richtigen Mass. Von uns oft unbemerkt.
Dort, wo von Hund zu Hund oft erst die letzte, drastische Massnahme (siehe das
berühmt-berüchtigte Nackenschütteln, Alphawurf, Schnauzengriff & Co.) von uns
bemerkt wird, gehen die subtileren Warnzeichen von Hund zu Hund an uns vorbei.
Weil oft lautlos. Weil oft für uns nicht sichtbar, weil vielleicht der Hund
zottige Haare im Gesicht hat. Oder ein ganz schwarzes. Vom berühmten Heben der
Augenbraue und dem Zucken der Lefzen. Oder - sogar noch eine Stufe davor - vom
einfachen Stillhalten, Einfrieren jeglicher Kopfbewegungen.
Weil eben nichts passiert, kriegen wir die Message nicht. Aber unsere Hunde. Ob
sie sie befolgen, ist eine andere Sache. Aber da haben die caniden
Erziehungsmeister eine ganze Palette auf Lager. Heisst also, wir korrigieren den
Hund mit überzogenen Massnahmen. Weil diese Massnahmen aber durch uns nicht mehr
zu toppen sind und sich gegebenenfalls wiederholen, können sie nicht wirken auf
den Hund. Denn es gibt keine Steigerung mehr.
Eine Rücksetzung beziehungsweise Abschwächung dieser Korrekturmassnahmen durch
Einsatz anderer Massnahmen kann und wird der Hund nicht verstehen. Und deshalb
erfolgreich sein unerwünschtes Verhalten fortsetzen.
Zeitlich korrekt ausgeübter Zwang im dem Fehlverhalten entsprechenden Mass, der
dem Hund ein einerseits clever-überlegenes, aber ganz deutliches Signal
aussendet, wird in der gewünschten Verhaltenskorrektur enden. Ohne die Hund-
Mensch-Beziehung zu schädigen.
Deshalb kommen Hunde ohne Teletakt und Clicker, ohne Leckerle und Beisswurst
aus. Toll, wa?