Autorin: Katja Hasselbeck
Mittwoch, 17. Januar 2001
19:00
Wir kommen vom Spaziergang nach Hause, die beiden Deutschen Doggen bekommen ihre Abendfütterung und ich gehe in den ersten Stock ins Arbeitszimmer, um noch einige Dinge am PC zu erledigen.
21:15
Khani kommt (wie immer mit Tyras im Schlepptau) ins Arbeitszimmer und nervt. Wahrscheinlich hat er wieder Hunger. Altersdemenz, denke ich, er hat doch erst vor gut zwei Stunden etwas bekommen. Schicke beide hinunter auf ihren Platz. Khani wird bald acht, ist kastriert und leidet seitdem offensichtlich eingebildete Hungerqualen. Die äussern sich dann schon mal in Quengelei, wenn er ein vergessenes Brötchen in der Küche entdeckt hat.
21:20
Khani steht wieder hinter mir und nervt. Na gut, vielleicht Durchfall, kann ja sein. Gut, dass er sich meldet. Schuhe an, Jacke an, mit beiden vor die Tür, Gassi. Tyras erledigt alles was er erledigen muss und bei Khani? Fehlanzeige. Nun gut, wer nicht will, der hat schon.
21:30
Schnell wieder rein, es ist doch ziemlich kalt. Beide auf ihre Körbchen und Kissen geschickt, wieder ins Arbeitszimmer.
21:35
Khani wieder da. Nervt erneut. Nun gut, man soll es ja ernst nehmen, wenn der Hund sich meldet. Runter, Schuhe, Jacke, das gleiche Spiel, allerdings diesmal ohne Tyras. Fehlanzeige.
21:40
Wieder zurück, etwas schlecht gelaunt wegen der Störungen, wieder ins Arbeitszimmer. Da steht er schon wieder hinter mir. Wieder das gleiche: raus, nichts. Ich werde unruhig. Der Hund wirkt irgendwie unglücklich. Umdrehen, rausgehen, nichts.
21:45
Das gleiche Spiel. Der Hund steht nun im Flur wie ein Esel: gebeugt, gebückt, schaut mich an wie ein waidwundes Reh. Diesmal aber noch etwas neues: er würgt und versucht zu erbrechen. Es kommt nichts ausser ein wenig Sabber. Und nun fällt endlich bei mir der Groschen: wenn nichts kommt...dann hat der Hund womöglich eine Magendrehung?
Wir stehen draussen am Strassenrand und er versucht erfolglos, sich zu übergeben. Wieder nur das bisschen Sabber. Er schürft sich den Nasenschwamm auf im Strassengraben weil er verzweifelt versucht, irgend etwas herauszuwürgen was nicht herauskann.
21:50
Wieder vor der Haustür. Hund sofort ins Auto, ins Haus, Handy, Tierarzt anrufen. Das ist zu unserem grossen Glück ein Landarzt, bei dem rund um die Uhr das Telefon besetzt ist. Und der innerhalb weniger Minuten zu erreichen ist. Ich schildere gar nichts, sondern informiere nur, dass ich unterwegs bin und warum. Ich bin merkwürdigerweise erstaunlich ruhig und konzentriert. Tyras schaut etwas dumm und muss allein zurückbleiben.
Der Hund beginnt bereits, leicht aufzugasen. Nun sind die Anzeichen unzweideutig.
Von unterwegs verständige ich meinen Mann. Der springt sofort ins Auto.
22:00
Eintreffen beim Tierarzt. Die Tochter ist da, der Vater ist unterwegs. Röntgen. Bei Landärzten geht das zum Glück im Stehen, dort gibt es portable Röntgengeräte. Man hat hier viel mit Pferden zu tun.
Torsten kommt dazu, wir sehen uns gemeinsam das Röntgenbild an. Unmissverständlich: der Magen ist voll und einmal um seine eigene Achse gedreht. Die Gasentwicklung hält sich noch in Grenzen. Die Tochter kann nicht allein operieren, das wäre zu riskant: OP und Anästhesie in einer Hand machen wenig Sinn. Wir können nicht helfen, was wir sonst immer tun. Aber da geht es auch nicht um Leben und Tod sondern vielleicht mal um einen Schnitt im Ballen...
Der Hund bekommt eine Spritze gegen den Schock und eine Infusion gegen den möglichen Kreislaufzusammenbruch. Es muss Flüssigkeit in den Körper, weil durch die Drehung grosse Blutgefässe abgeschnürt sind.
Die Entscheidung wird uns abgenommen, wir werden in die Tierklinik geschickt. Die Tierärztin drückt uns einen kopierten Zettel mit der Anfahrtsbeschreibung in die Hand und hilft uns, den Hund im Auto unterzubringen und den Tropf zu befestigen. Sie will die Klinik telefonisch informieren während wir unterwegs sind.
23:00
Eintreffen in der Tierklinik nach einer Höllenfahrt, die kein Ende nehmen wollte. Wir werden erwartet und wider Erwarten gebeten, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Der Hund steht neben uns und erträgt sein Schicksal mit stoischer Unruhe. Wieder dieser Eselsausdruck in seinem Gesicht. Man will sich gleich um uns kümmern. Eine Weile nach uns kommen Leute mit einem pelzigen Bündel auf dem Arm und rotgeweinten Augen. Ihre Katze ist auf der Fahrt gestorben.
Ich habe ernstlich Mühe, mich im Zaum zu halten. Sie werden in einen Raum gebeten und man kümmert sich um sie. Ich flippe fast aus und irgendwann lässt mich der Gedanke nicht mehr los, dass dort gerade Menschen getröstet werden, die mir zwar unendlich leid tun, deren Tier aber nun mal nicht mehr zu helfen ist. Was ist hier los?
Gerade rechtzeitig vor einem Ausbruch kommt ein Arzt und bittet uns - zum Röntgen! Selbstverständlich hat keiner von uns daran gedacht, die kurz vorher angefertigten Röntgenbilder mitzunehmen...aber die Tierklinik röntgt wohl eh lieber noch mal selbst. Von wegen Verantwortung und so, Sie verstehen. Ich verstehe gar nichts mehr. Torsten hat seit einer Stunde ein versteinertes Gesicht und will nicht reden.
23:45
Endlich! Nun soll unser Hund operiert werden. Er steht immer noch tapfer auf seinen eigenen Beinen. Man macht uns nach Erledigung aller Formalitäten auf die Risiken aufmerksam: der Hund ist nicht mehr der jüngste, es kann sein, dass er die OP nicht oder nur um wenige Tage überlebt. Er muss etwa fünf Tage in der Klinik bleiben und darf keinen Besuch haben um ihn nicht aufzuregen. Verständlich aus Hundesicht, unverständlich für die Menschen...
Man sagt uns ausserdem, dass wir getrost nach Hause fahren können, bei der OP dürfen wir nicht dabeisein und warten müssen wir auch nicht. In einem Halbsatz die Frage nach der Handynummer, denn es könne sein, dass bereits so viel Gewebe abgestorben ist, dass man nicht mehr weiteroperieren könne.
Und wir sollen heimfahren? Nein, wir entscheiden uns zu bleiben. Torsten tigert durchs Wartezimmer, ich setze mich in eine Ecke. Jetzt plötzlich löst sich die Anspannung in einem Heulkrampf auf.
0:30
Der Arzt steckt seinen Kopf durch die Tür und informiert uns darüber, dass sie weiteroperieren werden. Uns fällt der erste Stein vom Herzen. Wir fahren heim.
Donnerstag, 18.1.2001
9:00
Telefonische Nachfrage ergibt, dass Khani die OP recht gut überstanden hat. Wir dürfen zu festgesetzten Zeiten anrufen und fragen, wie es ihm geht. Er habe dank seiner guten Kondition und dank der guten Erstversorgung durch unseren Tierarzt einen grossen Vorteil gehabt.
Montag, 22.1.2001
Gegen Mittag
Torsten hat Khani aus der Klinik abgeholt. Nun liegt er daheim in seinem Körbchen, offensichtlich geschwächt, aber zufrieden. Eine Klinik ist keine Beauty Farm, das wussten wir vorher, aber sein äusserer Zustand lässt sehr zu wünschen übrig. Er hat offene Liegestellen an den Ellenbogen, etwas, das man mit dicken Unterlagen eigentlich recht gut vermeiden kann. Vorher hatte er das nicht. Wer weiss, wie er da untergebracht war...
Kotflecken im Fell ist auch nicht das, was bei uns daheim üblich wäre. Auch das lässt Rückschlüsse auf die Unterbringung zu, und vor allem auf die Pflege dort und die regelmässige Überwachung des Rekonvaleszenten...aber wir sind ja froh, dass er überlebt hat. Das relativiert manches. Die Klinik bestand übrigens auf sofortiger Begleichung der Rechnung bei Abholung, ansonsten gibt man dort keine Tiere heraus. Ich stelle Überlegungen an, was sie wohl in einem solchen Falle tun...
Nachmittag
Ich komme aus dem Büro heim. Khanis Zustand hat sich verschlechtert, er hat hohes Fieber und Husten. Torsten hat bereits die Tierärztin verständigt, die auch schon dagewesen war. Sie hat in der Klinik angerufen und in seinem Beisein den behandelnden Arzt zur Schnecke gemacht. Im Moment tippt sie auf eine Lungenentzündung. Wir müssen den Hund in die Praxis bringen. Dort angekommen kommt er an den Tropf und bekommt diverse Spritzen. Mir egal, was sie macht, Hauptsache es wirkt...
Er zittert und friert. Er muss über Nacht dortbleiben und bekommt einen kleinen OP als Nachtlager zugewiesen. Ich fahre heim und hole sein Kissen. Ein pinkfarbener Fleecepulli von Herrchen muss auch noch dran glauben, frieren soll er nicht.
Der Husten gibt mir sehr zu denken...ich hoffe, dass es nicht das Herz ist, in diesem Alter und nach einer solchen OP.
Dienstag, 23.1.2001
Morgens
Torsten telefoniert mit der Tierärztin. Es sieht nicht gut aus. Sie hat unter anderem ein Herzultraschall gemacht und festgestellt, dass das Herz tatsächlich nicht in Ordnung ist. Schwere Herzinsuffizienz. Die Wände sind nur noch ein Viertel von dem wie sie sein müssten, dafür ist es etwa doppelt so gross. Sie will die Behandlung sofort starten, macht uns aber wenig Hoffnung dass er es schafft.
Nachmittags
Torsten telefoniert wieder mit der Tierärztin. Wir sollen kommen, wir müssen eine Entscheidung treffen...es muss ihm sehr schlecht gehen, denn er will nicht fressen. Ihre Mutter hat ihm sogar was gekocht, aber er will nicht...
Wir fahren sofort hin. Jeder in Gedanken versunken. Wir haben beide Angst vor dem, was uns erwartet.
Angekommen, gehen wir in Khanis Einzelzimmer. Er versucht aufzustehen und wedelt schwächlich mit der Rute. Wir setzen uns zu ihm, damit er sich nicht so aufregt. Seine ehemals schwarze Gumminase ist bräunlich und rissig, aber sie funktioniert noch: sofort dockt er an meiner Tasche an und sucht nach Leckerchen. Seine Lebensgeister scheinen wiedererweckt...
Die Tierärztin lacht und sagt uns, wir sollen ihn mit heimnehmen, egal wie es ausgeht, bis morgen früh. Da sei er jedenfalls besser aufgehoben als in der Praxis.
Also kommt er mit und sinkt mit einem tiefen Seufzer in sein Körbchen. Tyras steht verwirrt daneben und versteht die Welt immer noch nicht. Erst ist er weg, dann ist man tagelang allein, kaum ist er wieder da, ist er schon wieder weg und dann gehts ihm nicht gut und spielen will er auch nicht.
Die nächsten Tage
Morgens und abends fahren wir zum Tierarzt, Spritzen, Tropf. Er frisst immer noch nicht. Die Magendrehung war in den letzten Tagen weit in den Hintergrund gerückt, aber auch davon muss er sich ja noch erholen...
Wir kommen jeden Tag ein paar Meter weiter draussen.
Ich wechsle die Schonkost, Reispampe mit püriertem Putenfleisch behagt ihm wohl nicht so.
Der beste Ehemann von allen hatte im Supermarkt vor dem Tiefkühlgeflügel gestanden und sich gedacht, dass sein Prinz etwas besseres verdient hat. So fanden dann mehrere Kilo frische Putenbrust den Weg in unseren Kühlschrank. Nun gibt es also Nudeln mit Putenstückchen. Der kleine Feinschmecker bekommt glänzende Augen, Nudeln konnte er noch nie widerstehen.
Ich habe mir ein paar Tage Urlaub genommen, zum Glück hat man im Büro Verständnis für mich. Sie wissen ja alle, dass wir beide einen kleinen Tick haben mit unseren Hunden...obwohl man dort nicht so ganz nachvollziehen kann, wie man in einen so alten Hund noch so viel Geld investieren kann...ich mag diese Amortisationsdenke nicht diskutieren.
Er erholt sich zusehends und zeigt schon wieder erste Anzeichen von Altersstarrsinn. Wir sind glücklich.
Im Juni
Khani wird in ein paar Tagen acht Jahre alt. Er hat sich glänzend erholt, die Magendrehung scheint vergessen. Unsere Vorsicht hat sich erhöht, wir ergreifen alles an Massnahmen, um diesem Gespenst nicht noch mal gegenüberzustehen. Die Herzerkrankung haben wir medikamentös in den Griff bekommen.
In Gesprächen mit der Tierärztin haben wir herausgefunden, dass dies in unserem speziellen Fall der Auslöser für die Magendrehung gewesen sein könnte. Schlechte Durchblutung, Verdauungsstörung, mit vollem Magen die Treppe herunter. Das versetzt den Magen in eine Schlingerbewegung und durch die Abwärtsneigung passiert es dann.
Die Anzeichen waren in unserem Fall sehr typisch, die Erstversorgung schnell und professionell, sein Allgemeinzustand durch viel Bewegung sehr gut.
Wir haben sehr viel Glück gehabt.