Leinenzwang
Von der Ignoranz und Intoleranz mancher Bürger in Ordnungsämtern und als Hundehalter. Aber ist denn - typisch deutsch - gleich Zwang nötig?
Sie reagieren sehr gereizt, wenn es darum geht, Hundehaltung sozialverträglich zu
machen, wenn es darum geht, auch Hundeängstlichen etwas von ihrer Phobie zu
nehmen, wenn es darum geht, den Hund nicht um die Stadtecke herum austoben zu
lassen, auf Kosten anderer. Für ein verträgliches Miteinander ist - gerade nach den
verschärften Haltungsbedingungen - ein Anleinen erforderlich. Oft schon zum Schutz des
eigenen Hundes. Auf jeden Fall aber stört das Wort Zwang.
Vermutlich reagieren wieder genau jene Halter betroffen (weil sie gemeint sind), die
unbedingt einen Hund zwar acht Stunden zu Hause allein lassen, aber einen in ihrer
Stadtwohnung im Hochpaterre halten müssen. Der einzige Freilauf des Hundes findet eben auf
Kosten anderer statt: Um die Häuser, in anderen Gärten, der Besuch
anderer kleinerer Hunde, die dann eben mal aushalten müssen, dass der Gefangene seines
Halters sich an ihm austobt, und so weiter.
Diese Halter beklagen dann so durchsichtig wie eigennützig, ihr Hund brauche doch
Auslauf, da könne er nicht noch an einer Leine angebunden werden. Sie ignorieren,
dass sie den Hund anschafften, obwohl sie keinen ausreichenden Freiraum für den
Hund hatten, so, wie es sogar im neuen Tierschutzgesetz drin steht. Und das ist lasch
genug. Niemand hat einen dieser Halter gezwungen, sich einen Hund anzuschaffen, obwohl er
weder Zeit noch artgerechten Raum im Freien (Garten) für den Hund hat.
Ich halte meine Hunde schon vor irgend einem Leinenzwang draussen immer an der
Leine. Denn meine Hunde haben selbst genügend Austobfläche und Freiraum im
eigenen Grundstück, das ausreichend hoch gesichert ist. Draussen gehe ich mit ihnen dann
angeleint, weil ich Menschen achte, die Angst vor Hunden haben, weil ich Rücksicht nehme
auf andere Hundebesitzer.
Ich übe in dieser kurzen Zeit dann etwas mit den Hunden, eine kleine
Ordnungstrainingseinheit. Das schafft sie auch. Zuhause können sie sich dann wieder frei
bewegen, den ganzen Tag lang. Hätte ich diese Gegebenheit nicht, hätte ich auf einen Hund
verzichtet. So einfach ist das.
Die meisten in den Dörfern und Kleinstädten, die ihre Hunde frei ausserhalb des
eigenen Bereichs laufen lassen, stecken ihre Hunde stundenlang in umso kleinere
Zwinger, die gerade mal dem Gesetz genügen. Aber die bellen dann laut auf, wenn
Leinenzwang angeordnet wird, weil diese Hunde von ihrem Halter nicht rücksichtsvoll
gehalten werden. Höchstens dürfen die dann mal am Wochenende auf den Übungsplatz. Da wird
dann eine halbe Stunde gedrillt und mehr als eine Halbe
getrunken. Freiheit, die sie meinen. Aber nur für sich. Nicht für den Hund.
Wer nach den Vorfällen und Verordnungen jetzt noch seinen "Listen"-Hund ohne Leine
ausserhalb seines Bereichs laufen lässt, der lässt seinen Hund im Stich. Denn der
ignoriert die Verordnung und riskiert, dass der Hund Schwierigkeiten bekommt. Denn beim
Hund geht es - ob gerecht oder nicht - ums Leben. Nur die dümmsten Kälber wählen ihre
Metzger selber?
Einer der jüngsten Vorfälle mit einem Pitbull entstand auch dadurch, weil der Hund
ohne Leine (und ohne Maulkorb) - herren- oder frauenlos - umherlief und seine wohl
anerzogene Aggressivität umwandeln konnte in einen Angriff. Solche Halter oder die
Halterin sind nicht nur Menschen-, sondern auch Hundeschänder, auch dafür
verantwortlich, dass dieses ganze Thema aufgekocht wurde und weiterwütet. Da
brodelt allgemeiner Hundehass mit.
Kein Halter wurde dafür so bestraft, dass er nicht wieder einen Hund anschaffen
dürfte. Obwohl er gar keinen ausreichenden Freiraum für den Hund hat. Und schon
gar keine artgerechte Beschäftigung. Da werden nun mal temperamentvollste Terrier-Arten
stundenlang in Wohnklos gehalten. Und dann, wenn Herrchen oder Frauchen von der Arbeit
oder sonst wo nach Hause kommen, dann darf sich der Hund austoben. Auf Kosten anderer.
Manche Grosskommunen stellen freundlicherweise - vermutlich vor der
Hundeverordnungswelle - eigens dafür ausgewiesene Hundeaustob-Areale zur
Verfügung. Darauf darf sich dann aber auch kein Hundehasser beschweren, denn
dann provoziert er. Auf solchen Flächen müssen sich die Halter selber arrangieren,
dann fallen auch die unsozialisierten Hunde auf und blamieren ihren Halter.
Der Stadt-Hund würde auch lieber rausgefahren werden und wenigstens eine Stunde im Wald
oder auf einer abgemähten Wiese laufen und keinen hundefeindlichen Stadtmief riechen. Aber
dort auch angeleint. Denn hier ist wieder auf andere Rücksicht zu nehmen. Mitunter auch
auf Tiere.
Manche Hundehalter tun so, als wären sie allein mit ihrem Hund auf der Welt. Wie
viele "erfolgreiche" Deckakte gab es dabei? Wie viele Halter, die penetrant und
permanent deckbereite Rüden ungeschoren und ungefragt bei Hündinnen aufreiten
lassen, kümmerten sich je um die Nachkommenschaft? Sind die Tierheime ungewollter Hunde
nicht schon voll genug? Wie viele Welpen werden dabei als "Dunkelziffer" ersäuft,
erschlagen, in die Mülltonne oder "abgespritzt"?
Was ist daran nur natürlich? Denn diesen plötzlichen Hinweis auf den Lauf der Natur
entdecken die Halter unkastrierter Rüden immer dann, wenn der Rüde seinen
täglichen "freien" Auslauf auf Kosten anderer bekommt. Rücksichtslosigkeit an jeder
Ecke.
Der Hundehass ist oft auch eine Eigenproduktion der Halter. Doch sie schreien dann
oft am lautesten, wenn sie sich selber einschränken und mehr mit dem Hund tun
(unternehmen) müssten, als ihn allein auslaufen zu lassen. Koste es, was es wolle.
Damit wir da uns nicht vertun: Es gibt sie, die Halter, die ihre Hunde so erzogen (von
mir aus: dressiert/abgerichtet) haben, dass sie wie ohne kurze Leine neben ihrem
Halter durch alles mitlaufen, schön brav und ohne Reaktion an der linken Seite. So
sollte es zumindest sein. Die werden dann höchstens von kleinen Terroristen ohne
Leine angekläfft. Diese Hunde mit Begleit- oder Schutzhundeprüfungen laufen wie
ohne Leine und lassen sich auch nicht provozieren, sie machen niemanden an und
stören niemanden.
Aber darum geht es auch nicht. Denn die Leine ist ein Sicherheitszeichen für jene, auf die
Rücksicht zu nehmen ist als toleranter Hundehalter. Die Hunde, die ohne Leine sauber und
kontrolliert laufen können, denen macht auch eine durchhängende Leine nicht aus.
Es sind nur die Halter, die gegen das Anleinen in bewohnten Gegenden und im
tierreichen Wald und am Strand und am Baggersee sind, weil sie ihren Hunden keinen
artgerechten Freiraum geben, wo er angebracht ist.
Übrigens ist ein angeleinter Hund auch geschützt vor anderen. Oder soll der nicht
angeleinte Hund in der City eine Provokation darstellen? Dann sind die Halter
Hundefeinde.
Mich und meine Hunde könnte ein Leinenzwang nicht treffen. Wir wohnen jottweedee, haben
ein Riesengrundstück, haben einen Kälberstrick mit zwei Anschlüssen, und einen Strickzwang
gibt es nicht.
Keine Leinenzwang-Ente
Trifft immer nur die anderen, und immer nur die Städter? Bernfried Wiewiora aus Oldenburg
weiss es anders:
"Vom 1. April bis zum 15. Juli gibt es hier in Niedersachsen die Brut-
und Setzzeit, das heisst, absoluter Leinenzwang überall da, wo gebrütet und gesetzt wird.
Im letzten Jahr, da war meine Hündin Lena ein Jahr jung, ging ich vorbildlich mit ihr an
der Leine spazieren, trotz Mitleid und Unverständnis zum Ausdruck bringender
Mitspaziergänger. Ich sah die Notwendigkeit dieser Regelung (immer noch).
Lenas fehlenden Freilauf konnte ich zu der Zeit noch durch die Vereinshundewiese und einen
weiteren Platz kompensieren. Mittlerweile habe ich aber Verein und Co den Rücken gekehrt
und wir sind zu Freigängern geworden.
So sieht es in dieser Saison aus (ein Deichgebiet entlang eines Flusslaufes, rechtsseitig
eingezäunt, und durch Schafschutztore getrennte Wegführung: auf dem Fluss Paddelboote, die
Paddelbootsaison wurde vor kurzem eröffnet; im Uferzonenbereich Angler, seit kurzem lohnt
es sich wieder aufgrund beendeter Schonzeiten; vor uns im Freilauf tobende Hunde; hinter
uns ... (na was wohl?)
Und wir angeleint, vorbildlich mittendrin?
Man kommuniziert natürlich, wird auch angesprochen, ob der arme Hund krank ist, warum er
nicht frei laufen darf!
Warum, weiss jetzt jeder Leser. Dass Anleinen zumindest hier nicht nötig ist, erfährt man
dann auch, postwendend, ich bisher überall: Hier gibt es nämlich nix, ausser ein paar
Enten. Tschüs, bis dann mal irgendwo am Deich."
Tja, Bernfried, ich fürchte, die Zeit der Unvoreingenommenheit, der Rest-Toleranz, die so
viele auf den Lippen haben, aber sie nur von anderen einfordern, die ist erst Mal vorbei.
Psychologie der Massen: Aggression und Dummheit paaren sich gern und potenzieren sich.