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Angst vor Hunden, Teil 2

16. März 2001

Wie sollen sich Ängstliche verhalten?

Neben der Information, wie Hunde reagieren können (und vorher ihre Halter, denn Hunde übernehmen die Körpersprache des Rudelführers Mensch), können einige "goldene" Verhaltensregeln die Spannungen abbauen. Es sind aber weder Allheilmittel noch auf Knopfdruck einschaltbare Problemlöser. Der Hundephobiker kann aber mithilfe eines Ganzkörper-Spiegels seine Körperhaltung kontrollieren und verbessern.

Der Hilferuf

Es ist einer unter vielen, dieser Hilferuf, der ans Forum gerichtet war. Und - da können wir uns auf die hundezeitung-Leserinnen verlassen - sofort sprachen einige Mut zu. Sie wissen, was sie tun. Denn so, wie Karin Koch schrieb, das klang nach der Suche nach dem Verständnis aus einem alltäglichen Dilemma, das nicht nur Briefträger betrifft. Aber Karin Koch beschrieb ihr Problem, das auch eines der Hundehalter ist, beispielhaft präzise.

Ihre Mail sagt uns auch, dass sie sich erstaunlich aufgeschlossen und - verständiger als mancher Hundehalter - informiert hat. Um so wichtiger ist es, solchen an der Lösung eines gemeinsamen Problems interessierten Menschen zu helfen. Die spontane Reaktion an Antworten zeigt es.

Die Mail von Karin Koch: "Hallo Tierfreunde. Ich bin Gemeindeschwester, das bedeutet, dass ich in vielen unterschiedlichen Wohnung zu Gast bin. Dort befinden sich natürlich manchmal auch Hunde, und das ist für mich manchmal ein Problem. Okay, ich gebe zu, dass ich von Haus aus eine Hundeangst habe, aber durch den Kontakt mit netten Hunden, bzw. ihren Besitzern, hab ich einige Ängste abgebaut. Gemeindeschwestern sind für Hunde wohl so etwas wie der Postbote: Viele verschiedene Gerüche, Eindringen ins eigene Revier, die Familie vor Eindringlingen schützen zu wollen usw. Ich habe dazu auch noch einen Hamster. Gut, wenn ich in eine Wohnung komme, wo mir der Hund kläffend und evtl. knurrend entgegen springt, kriecht in mir der Angstschweiss hoch, ich kann das ja nicht willkürlich kontrollieren, auch wenn ich mich dann gerne cool geben würde. Der Hund riecht das natürlich und denkt sich wahrscheinlich, die ist ein potentieller Feind. Was also tun? Habt Ihr Tips?"

Jau, haben wir. Und wenn die theoretisch formulierten, aber sehr wohl praxiserprobten Ratschläge nicht helfen: Mail uns weiter zu, bombardier uns mit Fragen. Ich bin sicher, unsere Leser sind genau so interessiert daran, zu helfen. Denn es gibt nichts Erbaulicheres in diesen hundefeindlichen Tagen, als einem Lernwilligen die Angst vor Hunden abbauen zu helfen.

(Wenn der Autor endlich ein passendes Domizil mit viel Platz gefunden hat, bietet er auch Seminare für Hundephobiker an.) Wenn dies auch verstärkt Interesse findet, richten wir gerne auch eine Forums-Disziplin dafür ein.

Das sind wir schon unseren Hunden schuldig. Denn die können ja nichts für diese Ängste. Jeder gesunde und sozial aufgezogene Hund ist ein prinzipieller Menschenfreund.

Verhaltensregeln, wie man als Ängstlicher einem Hund begegnet:

1. Nie in die Augen des Hundes starren (fixieren wie das Kaninchen die Schlange). Einfach drüber oder seitlich am Hund wegschauen, in ein schwarzes Loch wie bei nächtlicher Autofahrt bei entgegenkommendem Verkehr gucken, so tun, als ob der Hund nicht vorhanden wäre, Gleichgültigkeit oder Desinteresse zeigen. Denn ein Augenkontakt gilt als eine Herausforderung bei psychisch starken (selbstbewussten Hunden), wie wenn sich (menschliche Boxer) im Ring hautnah gegenüberstehen und in die Augen schaun: Wer ist der Stärkere von uns beiden? Wer gibt eher nach und weicht dem Blick aus?

2. Nicht dominant oder sogar herausfordernd aggressiv auf den Hund zulaufen - nach dem Motto: Ich schau dem Tod ins Auge. Auch dies ist eine Konfrontation. Die Körperhaltung soll entspannt sein, nicht einschüchternd imponierend (aufgeblasen, wild - weil ängstlich - gestikulierend, womöglich noch mit Stock als verlängerte "Pfote" fuchtelnd). Aber auch nicht stark aus dem normalen Verhaltensmuster des Hundes fallend (schwankend, gekrümmt, sich kleiner machend, unsicher, gar alkoholisiert).

3. Keine panischen körper- oder gar lautsprachlichen Reaktionen wie Fluchtbewegung oder Schreien! Solche Unsicherheiten fordern einen selbstsicheren oder gar aggressiven Hund nur noch heraus. Es sind Aufforderungen zum Jagen oder - bei Brüllen oder hochfrequenten Schreien - Anfeuerungen. Hektische, für den Hund bedrohliche Reaktionen sind ebenfalls ein Signal der Bedrohung für den Hund.

4. Eine gute Hilfe ist tiefes Ein- und Ausatmen während der Begegnung. Das erleichtert die Beruhigung des Körpers und reduziert den Adrenalin-Ausstoss. Der Adrenalin-Ausstross ist für die viel besser riechenden Hunde ein Signal: das Gegenüber hat Angst.

5. Nie hektisch flüchten, wegrennen! Die härteste Prüfung für den Ängstlichen, denn sie ist für Menschen natürlich, aber nicht für Hunde. Hunde sehen darin gar die Eröffnung einer Jagdgemeinschaft. Und folgen immer schneller. Da Hunde im Normalfall viel schneller sind, ist die Chance aussichtslos, wegrennen zu können. Also selbstsicher (tun, schauspielen, durchatmen, nicht fixieren) und "ruhig" weiterlaufen, oder auch "gelassen", also Selbstsicherheit" vortäuschend stehenbleiben.

6. Den Hund nicht schrill anreden. Aber auch beruhigende Töne können einen unbestechlichen Hund nicht täuschen.

7. Jogger und Radfahrer und andere Passanten mögen sich bitte beim Herannahen bemerkbar machen, damit niemand erschrickt. Tempo verringern, im Schritt gehen (als Intervalltraining verstehen) und abwarten, bis der Hund an der Leine gesichert ist. Dann erst wieder Temporhythmus aufnehmen. Jeder soziale Hundefreund muss seinen Hund so lange sichern. Und zwar demonstrativ für den Passanten an der Leine, denn der Beschwörung "Der tut nix" glaubt kein Hunde-Änstlicher. Diese Versicherungen sind keine glaubwürdigen. Man bedankt sich und geht seiner Wege.

8. Wer als Hundehalter auch auf Ängstliche Rücksicht nimmt, wenn diese sich tolerant zeigen, gewinnt vielleicht Hundefreunde.

Das Postboten-Syndrom

Für einen aufmerksamen und wachsamen Hund ist ein stets zur gleichen Zeit in das Revier eindringender Mensch, der sich auch noch oft ängstlich suchend oder hektisch bewegt, eine höchst suspekte Bedrohung. Und dann wirft er auch noch was ins Revier rein, in einen Kasten zwar, aber es ist was, was er da drin (vor dem Hund) versteckt, und dann flüchtet er.

So stellt sich das jeden Tag dem Hund dar. Noch spannender und aufgabenintensiver ist das für mehrere Hunde, weil das ein Fremder in das eigene Rudel will.

Noch schlimmer wird es, wenn die uniformierten Menschen (die Uniformen sind es nicht, die den Postboten als was Besonderes für den Hund erkennen lassen, denn kein Hund unterscheidet die so wie ein farblich differenzierter sehender Mensch), ist die innere Uhr und die Art der "Bedrohung", der hektischen Bewegung, die immer für einen Hund etwas Verhuschtes, etwas sich sehr unsicher Bewegendes, Scheues hat. Also eine mögliche Beute?

Und jetzt kommt - in völliger Verkennung durch die Briefträger-Sicherheits-Ausbilder - die Krönung. Für die Hunde ist das der Gipfel der Bedrohung, und zwar regelmässig. Hunde stellen sich darauf mit höchster Spannung ein: die lebendige Pfefferspraydose kommt! Für die verletztungsträchtigen Briefträger ganz verständlich eine Abwehr. Damit sich da keiner hier verraten fühlt. Aber es ist die komplett falsche Problemlösung.

Für den Hund stellt diese Dose mit dem Geruchsindikator Augen- und vor allem Nasenschmerz eine fürchterliche Bedrohung dar, wenn er sie schon mal gespürt hat. Dadurch erhöht sich die Bedrohungshaltung des Hundes. Er will diesen gefährlichen Eindringling fassen.

Ein weiteres Problem ist natürlich auch, dass die Briefträger oft wechseln. Es geht nur so: den oder die Briefträger dem Hund "vorstellen". Keinem Briefträger kann zugemutet werden, sich mit diesem Theater auch noch als weiteres Opfer herzugeben. Aber der Halter kann angesichts des Hundes, den er vorher zur Räson ruft, wenn er den Postboten freundlich begrüsst und ihm zum Zeichen des Vertrauens die Hand schüttelt, dem Hund signalisieren: dies ist ein Freund des Hauses.

Diese Übung geht auch nur mit Gewöhnung, denn ein wachsamer Hund wird sich nicht so einfach bestechen oder täuschen lassen, ein sehr guter Wachhund wird immer misstrauisch bleiben.

Und dann gibt es eben immer noch einen letzten Trumpf: Belohnungshäppchen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen der unbestechlichsten Wachhunde lassen sich damit auch Berserker versöhnlich stimmen. Bis zum nächsten Tag, wenn der Postbote auch nur einmal klingelt.

Das Eindringling- und Hasch-mich-Ritual geht weiter. Und wenn dabei eine Belohnung für den Hund herausspringt, ist es für ihn um so besser? Nein, denn die Gefahr der allzu leichtfertigen und womöglich angelernten Vergiftung kommt da wieder hoch.

Der Ball-Trick

Einen guten Versuch wert wäre es für ballspielfreudige Hunde - doch nicht alle Hunde sind dies. Herdenschutzhunde lassen sich dabei nicht bestechen:

Der Postbote ruft den Hund an, mit freudiger Stimme, das Spiel beginnt, und wirft ihm den alltäglichen Ball zu. Ein heiteres Spiel für den Hund. Und der Hund freut sich, wenn der Bote kommt. Der Hund wartet dann anders auf den Postboten, den Spielaufforderer. Wirft den Ball in den Garten, der Hund holt denn Ball. Und wartet auf 200-malige Wiederholung. Der Postbote muss ihn auf Morgen vertrösten.

Aber wer bezahlt die Bälle? Der Halter. Von der Post können die Halter diesen Service nicht auch noch erwarten.

Sicher ist sicher

Wenn es gar nicht anders geht, muss der Halter den Hund für diese Zeit wegsperren. Dann haben alle Beteiligten für diese kurze Zeit ihre Ruh. Und der Hund, der doch Wachhund sein sollte, fühlt sich nicht betrogen um seine doch erwünschte Aufgabe. Schlitten- und anderen Hunden, die keinen Schutz- oder Wachtrieb besitzen, geht die Post ohnehin am Hintern vorbei. Aber die ängstlichen Menschen glauben diesen Hunden nicht.

Es gibt kein Patentrezept. Nur Übereinkünfte zwischen den Beteiligten. Und die sind eben individuell. Doch wo ein sozialer und guter Wille ist, ist auch ein Weg.

 

 

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