Angst vor Hunden
1. März 2001
Was ist Angst, woher kommt sie, wie kann man sie beherrschen?
Wie kommt es, dass Menschen Angst vor dem erwiesenen Menschenfreund Hund
bekommen und selber oft nie loswerden? Fördern ahnungs- und rücksichtslose
Hundehalter die Angst vor Hunden? Ist die Ursache, Angst vor Hunden zu haben,
Horrormärchen wie -filmen als Züchtigungsmittel zuzuschreiben - Druck oder gar
Gewalt als Erziehungsmethode, nicht nur bei Hunden? Wie kann man Angst vor
Hunden beherrschen lernen? Angst vor Hunden wahr- und ernst zu nehmen, ist auch Aufgabe
und Öffentlichkeitsarbeit von Hundeausbildern und -haltern. Im ersten Teil das Wissen um
die Angst und das, was Angst macht, dann im nächsten up date die Ratschläge, was
Hundehalter tun können und wie Ängstliche mit Begegnungen umgehen.
Angst und Phobie
Angst ist ein Gefühls- oder Gemütszustand (Affekt), der aus einer mehr oder weniger
unbestimmten Lebensbedrohung stammt. Angst ist eine erworbene Erfahrung. Sie kann realen
Ursprungs sein (erfahren oder erlebt) oder phantasiert (eingebildet). Hysterie ist eine
übersteigerte Ausdrucksform der Angst. Was ist dann eine Phobie? Die Krankheitsform der
Angst. Eine ausgeprägte, sich entgegen besserer Einsicht zwanghaft aufdrängende Angst,
wobei der Betroffene versucht, die gefürchtete Situation und ähnliches zu vermeiden. Es
gibt viele Formen der Phobien. Hier interessiert uns die Phobie vor Hunden (in einer
späteren Ausgabe informiert hundezeitung.de auch darüber, welche Ängste Hunde befallen).
Wenn Angst zur Sucht wird, wird sie verleugnet - ein Symptom der Abhängigkeit.
Angaben der Weltgesundheits-Organisation (WHO) zufolge leiden über 400 Millionen Menschen
an Phobien. Auch in Deutschland soll jeder Zehnte an Phobien oder Panikattacken leiden.
Angst ist eine Volkskrankheit geworden. Abgesehen von
volkswirtschaftlichen Schäden ist die Angst ein ständiger Begleiter des Lebens. Ohne sie
können wir nicht überleben, und zu viel davon ist schädlich.
Angst ist eine Urform des Lebens. Angst ist nicht "angeboren" aber erlebt, mitunter
schon als ungeborenes Leben. Angst lehrt viel. Unter anderem dieses: mit ihr umgehen zu
lernen oder es nicht zu "können", nicht zu wollen. Angst ist drastischer Lehrmeister.
Angst hindert jene, die auf ihre Angstzeichen hören, Dummheiten bis tödliche Fehler zu
begehen. Angst kann aber auch dazu führen, nichts zu versuchen, nichts zu probieren,
nichts oder wenig zu erfahren.
Jemandem Angst zu machen, ist eine bewusste Aggressionshandlung, mit dem Ziel,
den anderen zumindest zu verunsichern, wenn nicht "auszuschalten" (früher zum
Beispiel durch verordnetes Kriegsgeschrei vor der Schlacht als "Motivation"). Angst zu
erzeugen kann auch ein Ablenkungsmanöver von der eigenen Angst sein.
Hundefreunde, die nie Angst vor dem "Angstmacher" Hund erfuhren, können
diese Angst nicht verstehen, beziehungsweise: sie ignorieren diese Angst. Die
miesesten Helfer sind dabei solche ahnungslosen Sprüche wie "Der tut nix". Nicht nur der
erfahrene Hundeausbilder hasst diese meist entschuldigende Ausrede. Meist bedeutet es
nämlich in Wahrheit: "Ich weiss nicht, ob der Hund was tut". Oder: "Ich habe mit dem Hund
nichts getan!". Was ihn so sicher macht, dass er dem
Ängstlichen nichts tut? Gar nichts. Nur die Hoffnung, möglicherweise auch der Rest
an unverdorbener Sozialität seines Hundes.
Hunde mit normalen Riechräumen als Nasen riechen bis zu 60-fach besser als
Menschen (300 zu rund 5 Millionen Riechzellen). Für Menschen also unvorstellbar. Das
heisst zu diesem Thema: Unsichere Hunde reagieren auf den für menschliche Nasen nicht
riechbaren Angstdrüsensekret-Ausstross von Adrenalin mitunter angriffslustig, weil sie
hier - sonst unterdrückt und unsicher gehalten/ausgebildet - endlich sich mal mit einem
"Schwächeren" messen können. Sie wollen im Rang aufsteigen.
Selbstversuche mit vermeintlich beruhigenden, tatsächlich aber auf die Schippe
nehmenden Sprüchen sind auch für den empfindungsärmsten Patienten
kontraproduktiv. Es festigt den Ärger und den Hass auf das angstmachende Subjekt,
den Hund. Der Patient ist hier nicht der Hund, sondern ein Mensch, der vollkommen
andere Erfahrungen hat wie der Pseudopsychologe nach Hausmacherart oder
Fernkurs. "Gut gemeint" ist hier besonders schlecht getan.
Wer sagt, er habe keine Angst, ist entweder ohne jede Erfahrung, was nach dem
ersten Lebensjahr nicht möglich ist, oder er ist dumm (geblieben), weil er Angst nie
erfahren hat oder sie leugnet. Meist geben Männer nicht zu, Angst zu haben oder zu
kennen. Sie wissen es nicht besser. Oder sie lügen - auch sich selbst an. Keine Angst zu
haben, ja haben zu dürfen, ist eine alte (verlogene) Dressurregel. Es ist Männern
eingeprägt worden, keine Angst zeigen zu dürfen. Das heisst nicht, dass sie keine hätten.
Sie dürfen es bloss nicht zugeben oder gar zeigen.
In der Gruppendynamik macht sich dann der Ritus des Heldentums breit. Meist mit
dem Verdränger Alkohol und dem Gemeinsam-sind-wir-stark-Gefühl künstlich
herbeigeführt. Als Einzelweisen würden diese Menschen nie so aggressiv auftreten,
weil sie dann Angst haben zu verlieren. Lässt die Wirkung des Realitäts-Täuschers
Alkohol nach, kommt der Katzenjammer.
Jene, die sich davon lösen oder diese Regel bewusst durchbrechen, gelten dann -
Strafe als Prinzip des Regelverstosses - als Feiglinge, Memmen oder Warmduscher.
Die Begriffe der Verachtung - gewissermassen als Ordnungswidrigkeit - sind vielfältig.
Mannbarkeitsrituale sind so alt wie die Angst und der herbeigetanzte oder gesungene oder
lautgegrölte Kampf gegen diese Angst. Frauen jammerten dagegen nur leise bis wimmernd. Nur
das oft tödliche Ergebnis von Heldentaten (Helden sterben meist früh) wurde hörbar von
"professionellen" Klageweibern angezeigt.
Therapie wirkt nur mit dem Kennenlernen des Angstmachers
Ehrlichkeit ist ein Grundsatz der Angst-Therapie, Verleugnung nur ein Aufschub zur
Lösung der Schwierigkeit. Ignoranz ("Ich habe keine Angst") ist bloss Angst vor der
Erkenntnis, Angst haben zu müssen.
Es gibt zwar Therapie-Institute für Phobiker, aber keines über Hundephobie. Die
Phobie vor Insekten oder Mäusen, Schlangen oder anderen "Vehikeln" ist eine andere wie die
vor Hunden. Denn zur Therapie gehört auch das grosse Wissen um den "Angstmacher". Und ob
in diesen normalen psychologischen Instituten auch wirkliche Hundekenner arbeiten, da ist
der Autor sehr skeptisch. Er kann also keine gezielte Empfehlung aussprechen.
Ein Hundephobie-Therapeut muss beides wissen und kennen: Hunde und die Angst vor ihnen.
Das eine ist nicht ohne das andere zu vermitteln. Humanpsychologen gibt es zwar viele
staatlich anerkannte und - was wichtiger ist - lebenserfahrene, aber dass diese sich auch
genauso gut in Hunden auskennen, ist höchst selten. Andererseits gibt es kein anerkanntes
Berufsbild des Tierpsychologen, nur ein bezahltes, an Privatinstitute. Es gibt jedoch
viele Hundelehrer, die nicht mal den blassesten Schimmer von Humanpsychologie besitzen.
Farbenpsychologie malt schwarz-weiss
Ach ja, die Farbenpsychologie spielt auch noch mit. Helle Farben gelten als freundlich,
dunkle als gefährlich. Sagen die Farbenpsychologen. Die aber haben die Hunde vergessen,
denen ist diese Einordnung schnuppe. Diese zweifellos vorhandenen Ängste vor dem Dunklen
sind meist individuelle Kindheitserlebnisse und/oder spätere gezielte Angstmache (Märchen
oder Horrorfilme).
Diese Schwarz-Weiss-Malerei lässt sich auch mit Hunde-Images leicht aufhellen: Schwarze
Neufundländer haben ein kinderfreundliches Image, Labradors auch. Aber nur, wenn man dies
weiss. Weisse Herdenschutzhunde hingegen, von ihrer Aufgabe her haben sie unbestechlich
fremdenabweisend zu sein, sind keine Grapschsubjekte, bloss weil sie wie Eisbärchen
aussehen (Ich nenne das Eisteddybären-Syndrom). Das kann nicht nur bei einem Eisbären ins
Auge gehen. Grapschen ist generell tabu für Tierfreunde. Katzen gesteht man zu, sich
dagegen wehren zu dürfen. Das darf auch für ungefragt begrapschte Hunde gelten.
Wahrnehmen und Aufarbeiten
Der wichtigste Schritt, Angst kennenzulernen, ist die Erfahrung - bewusst oder
unbewusst erlebt. Der zweite ist der, Angst als solche wahr- und anzunehmen.
Dann folgt das Aufarbeiten. Es beginnt damit, die Verursacher der verschiedenen
Ängste kennenzulernen. Sich mit dem Gegner zu beschäftigen, ihn wahrnehmen zu
wollen und "berechnen" zu können, ist erstens alte Kriegskunst (Schachspieler sind
darin theoretisch geübt, die Züge des Gegners berechnen zu können), zweitens eine
private Erfahrung, mit Gegnern oder Schwierigkeiten umgehen zu lernen. Ängstliche
Menschen vermeiden es auch meist, Schwierigkeiten anzunehmen, sie gehen ihnen
lieber aus dem Weg.
Man kann Angst nie restlos besiegen oder gar beseitigen. Das wäre wiederum eine
Selbstverleugnung. Eigenlügen helfen nicht, sie verdrängen nur. Es geht nur, die Angst
beherrschen zu lernen, mit ihr umgehen können.
Reizkonfrontations-Therapie (Schocktherapie) ist kein Allheilmittel. Es ist nur
Fachleuten vorbehalten, die Therapieform zu entscheiden, sonst geht der Schuss nach hinten
los. Manchmal hilft Schocktherapie. Hier muss sich der Betroffene ohne direkte Hilfe mit
dem Angstauslöser auseinandersetzen (zuerst informieren auch gegen die eigenen
Widerstände), dann auf das angstauslösende Subjekt oder Objekt zugehen (sich
konfrontieren) und es folglich berühren oder empfinden (auch: riechen). Streicheln ist ein
vorläufiger erfolgreicher Höhepunkt dieser Therapie am "Hilfsmittel" Tier, angstarmes
Streicheln der Anfang der Heilung.
Nur wenige Menschen schaffen den Angstabbau ohne Hilfe. (Es muss ja auch vor der Erfindung
der Psychoanalyse und -therapie möglich gewesen sein.) Mit fachlicher Hilfe ist es
leichter, eventuell bequemer.
Wer es ohne Hilfe wirklich schafft, der ist wahrlich stark, der kennt sich selbst und hat
jede Möglichkeit, zu lernen und mit vielen Herausforderungen umzugehen. Helden, die nicht
denken, sterben jedoch immer zu früh.
Der wahre Starke hat sich selber besiegt, nicht die andern.
Geeignete Hunde als Therapeuten
Erfahrene Therapeuten nehmen einen ruhigen, mit ängstlichen Menschen erfahrenen und eben
allgemein liebenswerten Hund, keinen jungen ungestümen, erst in der fortgeschrittenen
Phase einen Welpen. Diese Therapie ist kein angewandter Streichelzoo, denn immer gilt es
auch den Respekt vor dem Tier zu bewahren und es nicht für Selbstversuche zu missbrauchen.
Manche Angeber (Menschen) meinen, nur ihr Hund taugte zum Therapiehund. Sie machen den
Patienten damit wegen dummer Selbstüberschätzung zum wirklichen Krankheitsfall. Der will
dann möglicherweise sich nicht mehr therapieren lassen.
Es gibt keine Rassen, die sich speziell eignen. Dies sind nur von den - eigennützigen -
Züchtern oder Haltern unbewiesene, aber - leider gern wiederholte - verkaufstüchtige
Argumente. Und es wäre Verrat an anderen Hundearten, aus Eigennutz (wegen Verkauf) oder
Ignoranz. Es gibt aber unter bestimmten Hundearten dafür eher veranlagte als unter
anderen. Voraussetzung ist aber immer eine von Welpenbeinen an bestmögliche Sozialisierung
mit und Prägung auf Menschen in allen Formen.
Im Groben sind vor allem Hunde von Rettungshunde-Ausbildern, natürlich vor allem
den Profis, den Behindertenhunde-Ausbildern geeignet. Eine Rasse-Empfehlung zu
geben, wäre so unfachlich und unqualifiziert wie die Angebereien von manchen höchst
eigensüchtigen Rassezüchtern, die nur ihre Zucht verkaufen wollen.
Es können natürlich auch Hunde sein, die keine absonderlichen Prüfungen abgelegt
haben, einfach nur sozial, unverdorben, menschen-gesellig geprägt wurden. Das
Problem: dies glauben die meisten Hundebesitzer.
Jeder Hund ist anders, aber allen Hunden sind natürlich als hervorragende
Gesellschaftstiere gewisse Grundeigenschaften gleich. Nach den Informationen über das
Angst-Subjekt mit mehreren Formen der Angstauslösung (Knurren,
Zähnefletschen, Anspringen, Bellen) und dem schrittweisen Abbau der Vorurteile (die
grösste Arbeit, meist verursacht durch Märchen als Angsterzieher) sollten distanzierte
Begegnungen mit ausgesucht vertrauenswürdigen Therapiehelfern (Hunden) folgen.
Information als Lehre
Man kann eine Angst vor einem Lebewesen oder Ding nicht besiegen wollen, wenn man sich
nicht über die Lebensweise, über die Aktionen und Reaktionen informiert. Und wenn es
zunächst nur als Abwehrmassnahme dient. Wie verhalte ich mich bei der angeblichen
Bedrohung? Die Informationen über die vielfältige Körper- und Lautsprache des Hundes, mit
vielen Varietäten, finden hundezeitung-Leser als Anregung und grobes Raster in der Rubrik
Hundekunde, beziehungsweise im "Suche"-Logo "Körper- und Lautsprache". Es ist ein grobes
Raster der Kommunikationsvielfalt des Hundes.
Der Erfolg einer Therapie hängt auch entscheidend davon ab, den Patienten nicht überreden
zu wollen, sondern ihn zu überzeugen. Das Empfinden dafür muss er selber aufbringen. Immer
muss der Patient seine Einwilligung zu weiteren Schritten geben, sonst setzt es
Rückschritte.
Jeder Hundehalter, der einem Hundeängstlichen hilft, die Angst zu mildern, ist ein
wahrer Tier- und Menschenfreund. Er ist gerade in der Zeit des Hundehasses ein
beispielhafter Öffentlichkeits- und Sozialarbeiter. Weitere Schritte werden hier in
dieser virtuellen Information nicht gegeben, weil dies exakt zum Gegenteil fachlich
fundierter Therapien führt. Nichts sollte Hundeängstliche mehr jedoch überzeugen als in
wirklicher Lebensnot von einem Pitbull, American Staffordshire Terrier, Rottweiler,
Dobermann oder anderen - durch Menschenhand berüchtigt gemachten - Hunden gerettet zu
werden.
Die hausgemachte Aggression
Zuerst war der erzieherische Angstmacher "böses Märchen". Druckmittel für so
genannt unerzogene Kinder. Das wandten Erwachsene auch gegen sich und andere
an. So entstanden blutrünstige Legenden. Die Märchen vom bösen Wolf oder
Schwarzen Hund (meist der des verhassten Nachbarn) hielten sich, weil man diese
Aggression selbst brauchte, um von eigener Angst abzulenken. Interessant ist, dass
die meisten bösen - weil absichtlich angstmachenden, also manipulierten
Horrorgeschichten im Zeitalter der so genannten Aufklärung entstanden. Ein Hohn.
Heute produzieren Fernseh- und Kinofilme diese Sehnsüchte nach der negativen Lust. Der
wohlige Schauer ist eine Sonderform des Sexualismus. Naturvölker kannten dies nicht, aber
andere Formen der Angst - die vor den Gewalten der Natur.
Den Menschen jedoch, die sich in ihrem Hass geradezu aufgeilen (laut Sigmund Freud eine
Sonderform der Sexualität, wie etwa: Horrorfilme anzugucken und sich danach wolllüstig
unter die Bettdecke zu begeben), ist nicht zu helfen. Weil sie sich gar nicht helfen
lassen wollen.
Eindeutig ist jedoch, dass Erwachsene ihre Angst vor Hunden an ihre Kinder weitergeben.
Ein beängstigender Kreislauf.
Information ist der Feind der Angst. Daher verschwanden bestimmte Formen der
Angst. Aber neue entstanden: meist durch dichtere, engere Bevölkerung.
Unzufriedenheit oder Scheitern (Versagen) führen zu Ängsten oder Aggressionen
gegenüber anderen. Zu vielschichtig ist diese Urform von Verhalten, als dass sie
ausführlich hier beschrieben werden könnte. Sie kann nur ansatzweise erklärt werden. Damit
wir andere, die unter einer Angst leiden, die wir nicht kennen, besser verstehen.
Abschreckpotenziale
Leider wählen heute viele Hundehalter aus ganz bestimmten, eben auch aus
ängstlichen Motiven heraus einen ganz bestimmten Hundetyp. Der soll anderen Angst
einflössen. So entsteht auch Angst vor Hunden. Diese mehr oder weniger unbewusst
motivierten Hundehalter bilden ihre Hunde auch dementsprechend aus: zu wenigstens
äusserlich schützenden, gefahrenabwehrenden Hunden. Mitunter auch dann, wenn gar keine
Gefahr vorhanden ist. Ängstliche Hundehalter bilden automatisch ängstliche Hunde heran.
Hunde übernehmen die Laut- und Körpersprache des Rudelführers. Schrille und laute Töne, in
sich geduckte Haltungen oder aggressiv-dominantes Auftreten (Präventiv-Abwehr) übernehmen
sie als gelehrige Hunde. Nur der Halter hat dies nicht gelernt. Er ist ein Teil des
Problems in unserer Gesellschaft und ein Mittäter der Angst vor Hunden.
Warum haben wir denn in Industrieländern diese Anhäufung von so genannt
gefährlichen Hunden? Weil die Halter (und die Hundeverkäufer) diese eigene Angst - ob
berechtigt oder eingebildet - produzieren. Immer häufiger. Eine uralte Lehre:
Menschenmassen machen aggressiv. Bestimmte Hundearten sind hier nur ein
Transportmittel der eigenen Aggressionen. Sie werden übertragen vom
anpassungsfähigsten Gesellschafter auf vier Beinen - auf andere Menschen.
Mit Stärkeren (Hunden oder Menschen) legen sich nur wirklich Dumme an. Oder
dressierte Hunde, denen der Eigenschutz abdressiert wurde. Sie sind nur unter Angst
erzogen worden. Diese Hunde wären in freier Wildbahn nicht überlebensfähig.
Eigene Unsicherheit kann ein Hund nicht kompensieren, er muss es aber oft. So
entstehen die "Problemhunde" oder die "Versager". Wer hier das Problem oder der
Versager ist, ist den Fachleuten auch klar. Und wenn er nicht willig ist, braucht man
Gewalt. Gewalt ist die ausführende Form der Angst.
Viele Hundehalter kaufen sich ein bestimmtes Image: das Abschreckende. Da gibt es kein
vertun. Denn die Gegenbeweise gibt es auch. Dieselben Abschreck-Image-Käufer beschweren
sich dann über das negative Meinungsbild jenes "Produkts", das sie schliesslich selber
wollten.
Es gibt eben die weitverbreiteten positiven Images (genauso unberechtigt) wie die
negativen Beispiele. Die diesem einfachen pauschalen Bild gegenläufigen Einzelfälle stören
dieses schlicht gestrickte Image. Nicht wenige Züchter machen sich ihren eigennützigen
Vers darauf und verkaufen ihre Hunde als besonders kinderlieb oder Familienhunde. Was sind
dann die konkurrierenden anderen Hunde? Diese ziemlich schlichten Bilder lassen sich oft
nur auf den Verursacher anwenden. Wie der Herr so der Hund.
Wie viele dieser verleugneten Imagebilder auf vier Beinen landeten im Tierheim -
bestenfalls? Die meisten dieser Imagehundler wollten gar keinen Hund. Sie wollten
ihre Angst über einen angstmachenden Vierbeiner (als Waffe) kompensieren. Dann
war dieses Bild aber nicht mehr gefragt, ja beängstigend - für wen wohl? Die Hunde
konnten nie etwas für das Bild, das man von ihnen wollte. Wie viele Schäferhunde,
Rottweiler, Dobermänner, die ganzen Bullterrier-Varietäten wurden nicht so, wie
gewünscht, und landeten im Abseits? Die Geister, die sie züchteten, dressierten,
riefen.
So darf es nicht wundern, wenn selbst ernannte Kynologen früher von "Gladiatoren"
unter den Hunderassen schwärmten, heute aber die Quittung für diese kolossale
Übertreibung erhalten. Man schwelgte in Härte und Kampftrieb. Ja, Trieb war
fürchterlich gefragt. Kompensation der eigenen Wünsche? Wie spitzfindig, dass sich
manche dieser erhofft "triebstarken" Hunde an diese meist lächerlichen Wunschdenken nicht
hielten und ihrer veranlagten Sozialität folgten, so gut sie durften. Wer nur von "Trieb"
redet, meist nur an den Kampftrieb, nett als Schutztrieb verkleidet, der hat es selber
nötig. Der Hund ist nur Opfer dieses triebhaften Wunschdenkens eigener Schwächen. Triebe
sind Antriebe, nicht mehr.
Alle Images taugen nur so viel, wie im Einzelfall belegt. Als Meinungsbild taugen sie
nur etwas für das schlichte Gemüt, dem das Klischee genügt, um sein Vorurteil
bestätigt zu wissen. Oder für Menschen, die solche Bilder brauchen. Tieren ist der
Begriff des Images fremd. Dieser Kreislauf der Angst vor und mit Hunden ist also
hausgemacht. Nie von Hunden. Die bekommen Prügel von allen Seiten.
Ein Meister der Kenntnis von der Angst
Fritz Riemann, Angst-Psychoanalytiker: "Angst gehört unvermeidlich zu unserem
Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. Es
bleibt wohl eine der menschlichen Illusion, zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu
können. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte zu entwickeln. Das Annehmen und das Meistern
der Angst bedeutet einen Entwicklungsschritt, lässt uns ein Stück reifen. Das Ausweichen
vor ihr und vor der Auseinandersetzung mit ihr
lässt uns dagegen stagnieren; es hemmt unsere Weiterentwicklung und lässt uns dort
kindlich bleiben, wo wir die Angstschranke nicht überwinden."
Ein Beispiel
Lernen wollte auch Richard, der Webmaster dieser hundezeitung. Den Anstoss, diese Angst
vor Hunden zu beherrschen, gab sicherlich diese eigene Belästigung, Angst stets begegnen
zu müssen, und seine geliebte Frau, die Hunde liebte.
Ein Hundemensch, der für seine Profession Beispiele an Hundeangst suchte, half ihm. Richard
vertraute dem Mann, und dessen Hund. Er besuchte die beiden. Solch ein Schritt kostet sehr
viel Mut und Überwindung. Denn die meisten Hundehalter können sich diese Angst nicht
vorstellen, weil sie diese Erfahrung nicht gemacht haben.
Richard wollte wissen, wie Hunde allgemein einzuschätzen sind. Und er hat es
wunderbar geschafft. Er hat die nächsten Schritte auch getan, beispielhaft. Sie hielten
sich erst mal zwei Labrador Retriever, zu deren Halter sie grosses Vertrauen hatten. Die
Hunde bestätigten dies. Viele Wochen waren der ältere und jüngere Hund zu Gast bei Richard
und Regina. Dann war Richard so weit, um selber auf den Hund zu kommen. Satchmo heisst
das Ergebnis. Er stammt noch aus einer sehr seriösen sorgfältigen Zucht.
Der zweite Teil ist hier:
Wie sollen sich Ängstliche verhalten und: Das Postboten-Syndrom