Hunde in Pensionen -
Sozialurlaub für Solisten
Von Sarah Zellweger
In den Sommerferien sollte ein Golden Retriever zu uns kommen. Die Besitzerin
rief und vorher schon etliche Male an, machte sich Sorgen um ihren offenbar
recht dominanten Rüden. Der komme ja nicht zur Ruhe im Rudel, der werde ja total
verwildert, könne danach sich nicht mehr in die Familie eingliedern usw.
Ich versuchte die ängstliche Frau zu einem Probeaufenthalt zu überreden, was sie
dann auch sehr kritisch annahm. Der Golden kam also, die Besitzerin hing an der
Leine, der Hund durfte alles machen, knurre sie an wenn er etwas Fressbares im
Maul hätte. Die für ihn vorgesehene Hundegruppe hatte ich vorher in den Auslauf
gebracht, so dass ich mit der Besitzerin den Hund in den kleinen
Auslauf neben den Hunden brachte.
Eigentlich wollte sie mit ihrem Hund ins Rudel, was ich aber verneinte. Wenn der
Hund schon dominant sei, dann muss er nicht noch Rückendeckung durch die
Verunsicherte Besitzerin haben. Wir liessen den Hund also im kleinen Auslauf,
und ich verabschiedete die Besitzerin. Ich lasse Neuankömmlinge in der Regel
etwa 15 Minuten alleine im Auslauf, damit sie die neue Umgebung beschnüffeln
können, und die vorgesehene Gruppe Hunde im angrenzenden Auslauf, damit
vielleicht schon erste Kontaktaufnahmen durch das Gitter gemacht werden können.
Diese Zeit nutze ich, um den Hund zu beobachten und versuche ihn einzuschätzen.
Manchmal ist die Hundegruppe dann nicht die richtige, und ich muss eine andere
Gruppe versuchen. Wir haben vier Gruppen mit bis zu sieben Hunden. Früher hatten wir
nur eine Gruppe mit bis zu 25 Hunden, das hat sich aber bei unseren sozial
verkorksten Hunden nicht bewährt. Leider gibt es viele Hunde, die den sozialen
Kontakt nicht gewohnt sind.
Zurück zu unserem Golden: Nach etwa 15 Minuten öffnete ich das Tor zwischen
den beiden Ausläufen und stand wachsam in einiger Entfernung. Der Golden stellte
sein Nackenfell und ging mit steifen Beinen auf das Rudel zu. Das Rudel hingegen
umrundete den Neuankömmling und er wurde neugierig beschnüffelt. Der ranghöchste
Rüde wollte dieses steife auftreten des Golden nun aber nicht so akzeptieren
und die beiden sonderten sich erst mal vom Rudel ab, um sich in Ruhe zu
"erforschen".
Sie gingen eine Weile im Kreis, stellten beide die Nackenhaare, stiegen
plötzlich aneinander hoch mit lautem Geknurr, landeten wieder am Boden, und
schon war es
vorbei. Der Golden zog die Ohren an, duckte sich und ging weg zum Rest des
Rudels. Der "Chef" musste erst mal noch ein paar Markierungen hinterlassen und
begab sich dann erst wieder zum Rudel. Von da an herrschte Ruhe im Rudel, es
wurde teilweise gespielt, teilweise einfach nur geschaut, aber es blieb absolut
ruhig.
Am nächsten Tag kam die Besitzerin des Golden wieder vorbei und war wohl
erstaunt, als ich ihr erzählte das ihr Hund ein ganz normaler Rüde im mittleren
Feld des Rudels sei. Ich erzählte ihr von der Rangelei, und sie untersuchte ihn
sofort auf
etwaige Bissverletzungen. Nichts. Der Hund wurde für die zwei Wochen im Sommer
angemeldet und alles verlief reibungslos.
Ein paar Tage nach dem Ferienaufenthalt erhielt ich einen Anruf. Der Rüde sei
plötzlich ganz anders. Er sei zufrieden, nicht mehr so aggressiv und völlig
ausgeglichen. Ich gab ihr ein paar Tips, wie sie in Zukunft mit dem Hund umgehen
sollte, das er es dulden müsse wenn sie ihm das fressen weg nehme, das er
akzeptieren müsse das SIE der Chef ist usw.
Es gelang ausgezeichnet und seither hat sie keine Probleme mehr mit dem Hund,
kann ihn mit anderen Hunden spielen lassen etc. Verwildert war der Hund gar
nicht, im Gegenteil: er genoss es, wohl für einmal nicht Anführer sein zu
müssen.
Häufig rufen uns besorgte Menschen an. Ihr Hund sei ängstlich, ihr Hund sei
aggressiv (da muss ich immer erst einen Probeaufenthalt haben, um die
Aggressivität abschätzen zu können), ihr Hund verstehe sich nicht mit gewissen
Rassen etc. Meist erkläre ich den normalen Verlauf unserer Rudelbildung und dann
kommen Fragen wie: Und wenn mein Hund dabei verletzt wird? Oder wenn er eine
Krankheit bekommt? Dies muss ich dann so beantworten: Fast jedes Kind geht
einmal ins Klassenlager, oder mit den Pfadfindern in den Wald. Nach diesen
Lagern oder Ausflügen kommt es auch da häufig vor das man blaue Flecken hat,
im schlimmsten Fall vielleicht eine Wunde die genäht werden musste.
Diese Kinder können auch mit einem Schnupfen oder einem Husten oder sogar mit
einer Grippe nach Hause kommen. Aber sie waren glücklich und haben die Ferien
trotz kleinen Einbussen genossen. Genau so sehe ich das bei unseren
Ferienhunden. Auch da kann ich nicht garantieren, dass nicht mal irgendwo eine
kleine Wunde entsteht, mit den spitzen Zähnen ist doch recht schnell etwas
passiert. Aber dafür sind wir ja da, wir sind in der Nähe und können eingreifen,
wo es nötig wird, versorgen die Hunde und lassen die beiden Raufbolde nicht
wieder zusammen, um Schlimmeres zu verhindern.
Schliesslich wurden uns die Hunde anvertraut und sollen nicht zusammengeflickt
wieder nach Hause. Im letzten Jahr mussten wir dreimal zum Nähen, jedesmal wegen
unsozialisierten Hunden, die sich nicht einzuordnen wussten.
Häufig ist es so, dass die Menschen ihre Hunde einfach falsch einschätzen, und
vor allem sie davon abhalten, ihren sozialen Trieb mit Artgenossen auszuleben.
Ausser viel Lärm geschieht selten was, wenn zwei gut sozialisierte Hunde
aufeinander treffen. Das grösste Problem ist bei dieser Art von Hundehaltung das
Territorialverhalten. Ist ein Hund schon längere Zeit bei uns, so kann es mit der
Zeit schwieriger werden ihm einen gleichrangigen Rüden zuzuführen. Kommen aber
fremde Hunde auf neutralem Boden zusammen, ist es meist friedlich.
Unsere eigenen Hunde leben in einer Vierer-Gruppe. Allen voran der grosse, alte
Rüde, der wohl die grösste Lebenserfahrung hat. Leiterin des Rudels aber ist
eine dreijährige Hündin, die alles organisiert und bei "Gefahr" die anderen weg
hält. Unser
kastrierter Yorkie-Rüde ist der nächste, gibt oft laut bellend seinen Kommentar.
Die letzte, und zugleich jüngste ist eine zweijährige Hündin, die in dem Rudel
aufgewachsen ist und sich noch fügt. Wie lange noch ist fraglich, denn der alte
Rüde scheint so langsam abzugeben.
Unsere Welpen wachsen in diesem Gefüge auf und sind sehr sozial. Sie werden von
den beiden Hündinnen betreut, von der älteren sehr streng erzogen, mit der
jüngeren wird viel gespielt. Auch die beiden Rüden spielen oft mit, und helfen
bei der Erziehung. So wachsen die Welpen in einem Rudel auf, werden sozialisiert
und sind trotzdem an Menschen gewöhnt. Die neuen Besitzer der Welpen sind
jedenfalls immer ganz begeistert, wenn sie einen Welpen erhalten der ohne Angst
auf andere Hunde zugeht, sich unterordnen kann und weiss was sich gehört.
© bei der Autorin 7/2002
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