Ernährung
Teil 1: Ist das Beste gut genug?
Nicht nur wir gönnen uns oft das vermeintlich Beste, was
gar nicht gut für uns ist. Auch
unser Hund soll nur vom Feinsten haben. Und genau das
kann auf den Magen schlagen.
Tiermediziner profitieren unfreiwillig von Unkenntnis,
Hysterie und
Fehlern. Daher ist dieses eines der wichtigsten Kapitel,
denn es entscheidet nicht nur
über das Wohlbefinden unseres Hausgenossen, sondern über
Gesundheit und Lebensdauer. Und
es ist eines der umstrittensten, weil man nichts
verallgemeinern kann. Und wenn ich es
doch getan habe, dann war es ein Versehen.
Die Eier darauf waren nur die Vorspeise. Oder 'the right stuff'?
Foto: Silke Wegner
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Letzten Darmendes ist Ernährung eine individuelle Chose.
Was dem einen
bekommt, ist dem andern noch lange nicht bekömmlich.
Viele Allergien auch bei Hunden
deuten auf eine zunehmende Künstlichkeit der bequemen
„Komplettfutter" hin. Ich mache mir
nach 30 Jahren Hundefüttern nun wieder Gedanken darüber,
ob ich es nicht wieder selber
zusammenstelle. Aus Zutaten, denen ich vertrauen kann.
Faulheit hält mich noch davon ab.
Es braucht nicht viel dazu, denn auch früher lebten
Hunde lang und gesund. Und die wilden
Hunde wie die Parias - das sind die ohne Menschen
lebende Hunde, die manche verblendete
Tierfreunde glauben ins dekadente Industriereich
entführen zu müssen, die sind schlank und
rank!
Es ist nur sehr bequem, ein halbwegs verträgliches
Komplettfutter jeden Tag für mehr als
einen Hund in die Schüssel zu geben. Wenn man den
Herstellerangeben trauen könnte, wäre
alles in Butter. Kann man? Müssten nicht bei der
allgemeinen wie durchschnittlichen
Qualität die Allergien zurückgehen? Tun sie aber nicht.
Ich traue nur mehreren Komplett-Fertigfuttern, die ich
wechselweise verabreiche, weil ich
so Mängel eventuell ausgleichen kann. Eventuell.
Hysterie geht weit. Da wird gar vor
Kupferrohr-Vergiftung gewarnt. Dabei ist
hierzulande Trinkwasser das am schärfsten kontrollierte
Lebensmittel.
Ich kannte einen Pariser Fotografen (die Ortsbezeichnung
erwähne ich wegen der amüsanten
Dekadenz), der seine Deutsche Dogge nur mit Filets
fütterte. Aber sie musste jeden Tag
zweimal in den fünften Stock laufen. Sie lebte nicht
lange.
Ein Schlittenhundsportler fütterte seine Hunde im
russischem Kamtschatka
ausschliesslich mit Lachs. Dekadent? Nein, dort gibt es
halt kein ausgeklügeltes
Komplett-Trockenfutter im Supermarkt. Rumänische oder
türkische Schäfer ernähren ihre
riesigen Herdenschutzhunde mit Fladenbrot, Joghurt,
Schlackenmilch von den gehüteten
Tieren. Basta mit der Pasta.
Schlechte Gewohnheiten
Warum ist der Absatz von Hunde-Snacks in Grossstädten so
gross? Weil diese Hundehalter
ihre eigenen - üblen - Essgewohnheiten auf ihre Hunde
übertragen. Beim gemeinsamen
Fernsehen, natürlich. Dafür spart man an der Bewegung.
Halter und Hund sehen entsprechend aus.
Snack-Hersteller, Human- und
Veterinärmediziner reiben sich gegenseitig die Hände.
Warum nehmen die Allergien nicht nur
bei Menschen, auch bei Hunden so enorm zu? Weil
Hundefutter meist konserviert werden muss.
Und weil sie unsere Zivilisationskrankheiten teilen.
Eine unordentliche Bandbreite der Fressgewohnheiten.
Arbeitshunde wie aktive Schäfer-,
Treib-, Herdenschutz-, Jagd-, Schlittenrenn-, Hilfs-
oder Diensthunde sind nicht fett. Sie
dürfen und müssen sich ordentlich bewegen.
Ernährung und Pflege sind enge Verwandte der Gesundheit
oder Krankheit. Doch die
Verwirrung wächst mit dem Angebot und den gutmeinenden
Ratschlägen von selbsternannten
Hundeernährungs-Experten: Was soll mein Hund denn
fressen dürfen und was nicht? Das
Angebot ist gross, undurchsichtig. Früher, ja früher war
das einfach: Da hatten wir selbst
nicht genug zu essen, der Hund bekam, was übrig blieb.
Bestenfalls, als die
Futterindustrie noch nicht so erfinderisch war, rührten
wir den Kochlöffel selbst für den
Hund. Oder wir besorgten uns abgepackte Portionen vom
Schlachthof, mit Flocken vermengt.
Und heute? Heute stehen wir vor dem
Regal und lassen die Schulter hängen. Vom Fleisch sind
wir längst abgefallen. Glenbuterol,
BSE und weitere Sauereien sei dank. Das gönnen wir nicht
mal dem hässlichsten
Promenadenmischling.
Sind industrialisierte Fertigfutter also besser? Kommt
darauf an, was wirklich drin ist
und - noch mehr - was nicht. Glauben Sie, dass sich
Züchter für die Werbung eines
Futterkonzerns mit „Empfehlungen" anwerben lassen, wenn
sie für diese Marken Geld bezahlen
müssten? Ohne Moos ist auch dort nichts los. Nach dem
Motto: Das beste ist gerade gut
genug für meinen Luxushund, wird er gemästet, verwöhnt -
und immer häufiger zu
Tierarzt/Tierärztin gebracht. Belohnungen ersetzen oft
das schlechte Gewissen, wieder
keine Zeit für den Hund gehabt zu haben. Solche
Naschereien werden dem Hund von jenen
verabreicht, die selbst davon befallen sind. Mensch und
Hund verdicken gleichermassen.
Was darf es denn heute beim acht Stunden lang
alleingebliebenen Schatzi sein: Das
Luxus-Döschen Luxusfutter mit acht verschiedenen
Geschmacksgauklern an multimarkt-frischer
Petersilie auf angewärmtem Meissner Porzellan aus der
Werbung mit dem putzigen Westi? Im Fernsehen gesehen.
Muss also wahr sein.
Eine Belohnung statt Austoben auf einer Wiese, zwei
Belohnungen statt ausgiebiger
Beschäftigung. Warum versaubeuteln wir Hunde, wenn wir
doch bei uns alle
Register der Ernährungswissenschaft in hysterischer
Weise ziehen? Fit for fun bloss für
uns? Ich habe aber gar nichts gegen
ernährungsphysiologisch sinnvoll „gebaute"
raustrukturierte Snacks als vernünftig dosierte
Zwischenhappen, als wirkliche
Belohnung und - nicht zu unterschätzen - als
Zahnputzhilfe.
Einige amerikanische Hersteller nennen ihre
Massenprodukte „Diet" oder „Recipe". Was nach
wissenschaftlicher Diät oder Rezept klingt, soll
tiermedizinische
Unantastbarkeit suggerieren und sich besser verkaufen.
Der Markt stellt für viele
Situationen und Leistungsstufen bis hin zur Diät eine
ganze Palette dosierter Futter zur
Verfügung. Nicht alles, was hier besonders niedlich
präsentiert wird, ist deshalb auch
besonders wertvoll. Nur teuer. Der deutsche
Wohlstandskunde glaubt, dass auch gutes
Hundefutter teuer sein muss. Man will ja nur das Beste
für seinen
Freizeitpartner. Das beste ist, man glaubt nicht alles,
was drauf steht, und man bleibt
kritisch.
Der Anspruch „Premium-Qualität" besagt in Wahrheit erst
einmal, dass es sich um ein
Hochpreis-Produkt handelt. Es sagt nicht automatisch
etwas über die Qualität aus, denn
„Premium" ist kein neutral untersuchtes Siegel. Den
Titel geben sich die Hersteller
selbst, vornehmlich, um den hohen Preis zu
rechtfertigen. Das schliesst natürlich nicht
aus, dass es sich wirklich um erstklassiges Futter
handeln kann.
Der riesige Umsatz an Snacks zeugt eher von geistiger
Unterernährung.
Was dem Halter sein Mars-Schokoriegel, ist dem Hund sein
Snack - beides vom amerikanischen
Futtergiganten Mars.
Es geht auch mit Zuschütten: Effem ist der Hersteller
von Cesar, My Dog, Frolic, Loyal,
Chappi, Pedigree Pal, Waltham, Advance und Principal.
Für den Hochpreismarkt bietet die
Tochterfirma des US-Multikonzerns Mars Corp. seine teure
„Premium"-Marke Advance in
zweierlei Qualitäten an: eine bessere für die Züchter
und eine für die normalen Käufer.
Das Advance für Welpen trägt den unglaublichen
Rohproteinwert von 32 Prozent und gar bei
Rohfett von 21 Prozent in sich. Bei der Züchter-Version
sind diese Werte aber auf ein
Normalmass gesenkt.
Nicht viel an der Ernährungswissenschaft hat derzeit
Bestand. Es bleibt ein höchst
umstrittenes Thema.
Fortsetzung folgt
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