|
Teil 2 dieses Artikels finden Sie hier.
|
"Schlafende Hunde soll man nicht wecken":
Narkolepsie beim Dobermann
Von PD Dr. Ursula Fleig
Im hundezeitung-Forum "Hundewiese" wird öfter mal über Genetik geschrieben.
Meist mit einem negativen Unterton. Da wird vom Designerhund auf Bestellung
geredet und wie die unverantwortlichen Gentechniker bald den Hund nach Maß
kreieren werden. Oder alternativ dazu die unendliche Mär von der kinderlieben
Hunderasse. Kinderliebe wird zum Beispiel beim Golden Retriever ("Güldenen
Zubringer") autosomal dominant vererbt!
Doch die meisten wissen nicht genau, was es mit der Vererbung eigentlich so auf
sich hat. Und wie Francis Bacon sagte: Nichts macht den Menschen argwöhnischer,
als wenig zu wissen.
Dieser Artikel soll ein wenig Licht in den Genetikdschungel bringen. Anhand
eines einfachen Beispiels wird erläutert, wie man vom Erscheinungsbild eines
Organismus (Phänotyp) eine Verbindung zur genetischen Information (Genotyp)
herstellt. Oder andersherum: wie findet man unter den mehreren Tausenden von
Genen, die ein Säugetier besitzt, das Gen, das eine spezifische Eigenschaft
hervorruft oder das Gen, das, wenn verändert, eine bestimmte Krankheit
hervorruft?
Man kann die Vorgehensweise des Genetikers mit der eines Kriminalbeamten
vergleichen: zuerst gibt es das Delikt, dann wird systematisch aus einer
Vielzahl von Einzelheiten das Puzzle mühsam und arbeitsintensiv zusammengesetzt
und schlussendlich der Täter überführt. Doch während der Kommissar nun genüßlich
im Sessel lümmelnd mit Pfeife und einem guten Glas Rotwein seine detektivischen
Fähigkeiten feiern kann, muß der Genetiker - jeglicher oraler Stimulans beraubt
(da Rauchen und Trinken im Labor strengstens untersagt) - in die Rolle des
Polizeipsychologen schlüpfen. Denn den Täter ermitteln bringt noch gar nichts,
die wirkliche Frage ist warum der Täter straffällig geworden ist. Also, was ist
die Funktion des bestimmten Gens in der Zelle?
Dr. Watson übernehmen Sie!
Das Delikt: Narkolepsie beim Dobermann
Schlafen ist ein lebensnotwendiger Bestandteil im Leben eines jeden Säugetieres
und völliger, permanenter Schlafentzug führt bei Säugern zum Tod.
Elektrophysiologische Studien haben gezeigt, dass sich Schlaf in zwei
unterschiedliche Stadien einteilen lässt: in REM-Schlaf (REM= rapid eye
movement) und in Nicht-REM- Schlaf. Der REM-Schlaf ist unter anderem
gekennzeichnet durch lebhafte Träume, Muskelerschlaffung und rasche
Augenbewegungen. Der Nicht-REM-Schlaf beinhaltet einen nur teilweisen Verlust
der Spannung der Muskeln und weniger intensive Traumphasen. Unabhängig von der
Organisation des Schlafs in diese zwei Stadien ist die Neigung zu schlafen oder
wach zu bleiben durch homeostatische (bestehendes Schlafdefizit) sowie
zirkadiane ("innere Uhr") Prozesse reguliert.
Narkolepsie ist eine neurologische Krankheit, die durch Tagesschläfrigkeit mit
einem unwiderstehlichen Schlafdrang zu völlig falschen Zeiten gekennzeichnet
ist. Hierbei kommt es zu regelrechten Schlafattacken, Kataplexie (Tonusverlust
der Muskulatur) und Schlaflähmung (plötzliche Lähmung der Muskulatur beim
Einschlafen/Aufwachen). Dies ähnelt teilweise dem REM-Schlaf.
Bei Menschen mit Narkolepsie wurden des weiteren auch Halluzinationen,
automatisiertes Verhalten sowie nächtliche Durchschlafstörungen beschrieben.
Dieser unwiderstehliche Schlafdrang hat nichts mit Unausgeschlafenheit zu tun
und kann deshalb auch nicht mit viel Schlafen geheilt werden. Mehrere
Untersuchungen in den letzten 20 Jahren haben gezeigt, dass sich die
Narkolepsie-Symptome beim Hund und beim Menschen stark ähneln.
Die Krankheit kann prinzipiell jede Hunderasse betreffen, kommt jedoch gehäuft
beim Dobermann und in geringerem Maß bei Labrador Retrievern vor.
Stammbaumanalysen von betroffenen Hunden haben gezeigt, dass diese Krankheit,
wie die meisten erblichen Krankheiten, rezessiv und gekoppelt an ein autosomales
Chromosom (also kein Geschlechtschromosom) vererbt wird. Das bedeutet, dass
dieses Merkmal bei Geschwistern beiderlei Geschlechts auftritt und dass die
Elterntiere phänotypisch gesund sein können, aber beide Träger dieses Merkmals
sind (siehe Abbildung 1).
Da Hunde ja diploide Organismen sind, haben sie jeweils zwei Kopien der gleichen
genetischen Information. Äußerlich gesunde Narkolepsie-Träger-Hunde (N/n) haben
daher ein normales "Narkolepsie-Gen" (N) und ein verändertes "Narkolepsie-Gen"
(n). Nur wenn beide Elternteile zumindest Narkolepsie-Träger sind kann es zu
Nachkommen kommen, die an Narkolepsie erkranken, da sie nun zwei Kopien des
veränderten "Narkolepsie-Gens" tragen (n/n).
Abbildung 1
|
Die Assoziation einer rezessiv vererbten Krankheit mit einer spezifischen
Hunderasse deutet meist daraufhin, dass hier Hunde, die eng mit einander
verwandt sind, verpaart wurden.
Es ist eine Ironie menschlicher Züchtungsversuche, dass gerade der Dobermann,
der im späten 19ten Jahrhundert vom Steuereintreiber Dobermann als äußerlich
abschreckendes Werkzeug beim Schuldeneintreiben gezüchtet und missbraucht wurde,
nun in größerem Ausmaß von einer Erbkrankheit betroffen ist, bei der ein aktiver
Hund plötzlich umfällt und schläft.
Dem Täter auf der Spur: Die Identifizierung des "Narkolepsie-Gens"
Das Gen, welches in veränderter Form zu Narkolepsie führt, wurde 1999 von der
Arbeitsgruppe von Prof. Mignot an der Stanford Universität identifiziert. Mit
einer Kombination aus populationsgenetischer und molekularer Stammbaumanalyse
von blutsverwandten Dobermännern konnte das "Narkolepsie-Gen" einem bestimmten
Abschnitt auf Chromosom 12 des Hundes zugeordnet werden. Über die Gene, die auf
diesem Abschnitt liegen, war leider wenig bekannt.
Allerdings fanden die Forscher heraus, dass dieser Chromosomenabschnitt aus
einer Abfolge von DNA-Sequenzen (Genen) bestand, die einer Abfolge von Genen auf
dem menschlichen Chromosom 6 glich. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies, dass
die gleichen Gene in der gleichen Reihenfolge auf dem Chromosom 6 des Menschen
sowie auf dem Chromosom 12 des Hundes zu finden sind.
Da die Gene auf diesem Abschnitt des menschlichen Chromosoms 6 bekannt waren,
konnte so das Gen, das zur Narkolepsie beim Hund führen kann, identifiziert
werden. Es ist das Hcrt2 Gen, das den Bauplan für den Bau eines Proteins trägt,
welches als Rezeptor im Zwischenhirn arbeitet.
Abbildung 2. Eine Veränderung im „Narkolepsie-Gen“ führt zu einem defekten, da verkürzten „Narkolepsie-Protein“. RNA vermittelt die Information vom Gen zum Protein.
|
DNA-Analysen des Hcrt2 Gens bei
Narkolepsie-kranken Dobermännern zeigten dann auch, dass diese Hunde nicht das
normale Hcrt2 Gen tragen (Abbildung 2). Das Hcrt2 Gen bei diesen Hunden zeigte
eine dauerhafte Veränderung (Mutation), die zu einem Rezeptor-Protein führt, dem
ein wichtiger Teil fehlt (der in rot-markierte Teil in Abbildung 2).
Das bedeutet, dass der mutierte Rezeptor seine Funktion im Zwischenhirn nicht
oder nur fehlerhaft ausführen kann.
zur Fortsetzung: Teil 2
© bei der Autorin 03/2003
|