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Hundekunde

Tibetische Hunde in der VR China

Von Stefan Dähler

Seit der völkerrechtlich umstrittenen Eroberung Tibets durch die VR China haben die tibetischen Hunde das bittere Schicksal der tibetischen Menschen teilen beziehungsweise in übersteigertem Masse erleiden müssen. Man sollte zwar angesichts von Abertausenden gedemütigter, gequälter, gefolterter, ermordeter Menschen seine Aufmerksamkeit nicht aussschliesslich auf die Leiden der Hunde richten.

Es dürfte jedoch für den westlichen Liebhaber tibetischer Hunderassen interessant sein zu erfahren wie sich die "Befreiung" Tibets auf die "daheimgebliebenen Vettern" seiner Hunde ausgewirkt hat.

Wie stark sich Kultur und Lebenshaltung der Han*-Chinesen einerseits und der Tibeter andererseits unterscheiden, zeigt sich deutlich auch in der Haltung der beiden Völker den Hunden gegenüber: Für den Chinesen ist der Hund, wenn wir einmal von den Hätschelhündchen gelangweilter Konkubinen im Kaiserpalast absehen, in erster Linie ein Nutztier. Zwar macht sich auch der Han die Arbeitsfähigkeit des Hundes zu Nutzen, aber ebenso schätzt er dessen wärmendes Fell und sein wohlschmeckendes Fleisch. Der Han überschreitet seit Jahrtausenden und ohne Widerstreben die Grenzen, die für die meisten Europäer bei der Nutzung des Hundes bestehen. Er geniesst nicht nur die Arbeit und Zuneigung des Hundes, sondern er bemächtigt sich auch seines Körpers. "Du Hund!" ist unter Chinesen genau dieselbe Beschimpfung wie in unseren Kreisen, und schliesslich gelten Hunde in China als unrein und Träger ansteckender Krankheiten.

Ganz anders der Tibeter. Für ihn ist der Hund ein geschätzter Begleiter des Menschen und der Götter, der Arbeit und Freizeit mit seinem Meister teilt. Sein Leben ist unantastbar, und sollte er auch Höllenqualen erleiden, der Tibeter könnte ihn nicht töten. Der Hund wird eher als Partner denn als Sklave behandelt, weshalb es auch nichts Aussergewöhnliches ist, wenn Hund und Hirte die kalte Nacht eng aneinandergekuschelt verbringen. Hunde verletzt man nicht mit Absicht und Hunde verkauft man nicht. Der Hund erscheint auf Thankas mit den Beschützern der Lehre, im Kreis der Tiere, welche die Jahre bezeichnen und in Sprichwörtern: "Die drei trefflichsten Güter des Hirten sind sein Gewehr, sein Pferd und sein Hund." Oder: "Einen Hund, den man gerufen hat, bewirft man nicht mit Steinen."

Bei ihrem Einmarsch brachten die Chinesen auch ihre Ideen auf das Dach der Welt und verschafften ihnen auf ihre Weise den nötigen Respekt. Die Hundejagd konnte beginnen: Denn Hunde sind nutzlose Tiere und können in einem Land, in dem die Nahrungsmittel sowieso knapp sind, nicht auch noch gefüttert werden. So jedenfalls sahen es die Han. (Nebenbei sei bemerkt, dass die Nahrungsmittel bestens gereicht hätten, wenn Tibet nicht ein Heer von nutzlosen Chinesen hätte füttern müssen.)

Während der Kulturrevolution (in Tibet ab 1966) kam ein weiterer Grund für die Hundehetze dazu: Indem die Roten Garden die Einheimischen dazu brachten, Tiere zu töten, erreichten sie, dass die Tibeter ihre religiösen Gesetze verletzten. Damit hofften die Roten Garden die ihnen so verhasste Religion lächerlich zu machen und zu untergraben.

Was sie damit erreichten, war nicht die Auflösung der Lehre, sondern eine psychische Destabilisation der Betroffenen, ja sogar Selbstmorde unter den zur Sünde gezwungenen Gläubigen.

Stellvertretend für die zahlreichen übereinstimmenden Berichte aus jener Zeit sie hier Tsultrim Tersey zitiert: "Während meines zwanzigtägigen Aufenthalts in Lhasa habe ich keine einzige Krähe gesehen. Sie sind grösstenteils ausgerottet worden, und die Überlebenden haben das Gebiet verlassen. Ausserdem haben die Chinesen den Kindern befohlen, Fliegen zu töten; für 250 tote Fliegen erhielten sie eine gewisse Belohnung. Ausser in einigen wenigen Khatsara-Häusern (Khatsara = Nepal) habe ich keinen Apso gesehen. Sie sind alle mit Stöcken oder Steinen zu Tode geschlagen, erschossen oder vergiftet worden. Auch Kraniche und Enten gibt es am Fluss keine mehr. Die Chinesen entschuldigen sich damit, dass Hunde unnötig Futter verbrauchten und unhygienisch seien. Aber wie ich erfahren habe, ist der hauptsächliche Grund, die Kinder zur Sünde anzuhalten und sie der Religion zu entfremden. All die inkarnierten Lamas werden gezwungen, Fische zu töten und Schweine und Schafe zu schlachten. Solch ein Lama, der junge Tadrag Rinpoche, suchte mich eines Abends heimlich auf. Er beantwortete meine Fragen ausweichend, denn es war ihm peinlich und er hatte Schuldgefühle wegen der Sünden, die er begangen hatte. Ich erklärte ihm, dass er zur Zeit keine andere Wahl habe, als zu tun, was ihm befohlen wurde. Er sagte nichts und sass still da. Tränen liefen über seine Wangen."

Nach der "Zerschlagung der Viererbande" kam für Tibet die Zeit der Liberalisierung. Die neuen Männer in Peking gestanden offen ein, dass in Tibet Fehler gemacht worden seien und versprachen den Tibetern Erleichterungen. Exiltibetische Delegationen wurden ins Land gelassen, um die Lage für eine mögliche Rückkehr des Dalai Lama zu erkunden. Vieles, was die Han in Tibet ausgerottet zu haben glaubten, kam nun wieder zum Vorschein. Zerstörte Klöster wurden von den Gläubigen wieder aufgebaut, zu ihrer Einrichtung tauchten ungeahnte Mengen alter Ritualobjekte wieder aus den Verstecken auf. Die Volksfrömmigkeit war so gross wie eh und je, und Pilgerzüge gingen wieder durchs Land.

Und auch die Hunde, die man ausgerottet zu haben glaubte, waren plötzlich wieder da. Freilich waren es viel weniger als früher, aber sie hatten überlebt. Ganz entzückt berichtet zum Beispiel Louise Smith ("Beyond the Frings: Tibet 1982" in: TT Yearbook 1982) über die vielen Hunde, die sie 1982 in Lhasa und Zentraltibet gesehen hatte.

Heute haben wir leider schon wieder keinen Grund mehr entzückt zu sein. Peking konnte seine Enttäuschung darüber, wie wenig es die Tibeter in den vergangenen 25 Jahren zu verändern vermochte, nicht verbergen. Nun durchziehen wieder "Säuberungsaktionen", Deportationen und Hinrichtungen das Dach der Welt. In Peking selbst hat nach neuesten Presseberichten ein neuer Feldzug gegen die Hunde begonnen. Bald dürfte auch in Tibet wieder zur Hundejagd geblasen werden!

Es soll nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, die Chinesen zu verteufeln. Der Han wertet den Hund grundsätzlich anders als der Tibeter oder Europäer, daran ist an sich nichts Verwerfliches. Im übrigen sei bemerkt, dass der europäische Brauch, Pferde zu schlachten und zu verwerten, den Tibetern genauso ungeheuerlich ist wie die Schlachtung von Hunden. Nein, diese Darstellung soll lediglich klar machen, welche Verantwortung der Westen für die tibetischen Hunderassen trägt. In ihrer Heimat werden sie kein gesichertes Fortkommen haben. Wenn sie überleben sollen, dann ist das nur ausserhalb Tibets möglich.

Unsere Hunde sind Teil einer bedrohten Kultur, uns zu Erhaltung und Pflege anvertraut. Geben wir uns deshalb Mühe, machen wir es uns nicht zu leicht! Und vor allem: Erinnern wir uns gelegentlich an die Originalimporte, die am Anfang unserer Zucht standen. Denn unsere Hunde sollten am Ende mehr mit ihnen gemeinsam haben, als nur den Namen!


Übergrosser (78 cm) und nicht sehr gesunder, aber ausgelassen derb spielender Do-Khyi "Tango"


Anmerkungen der Redaktion:

*`Han: "Han-Volk" ist die Eigenbezeichnung des chinesischen Volkes, um sich von den vielen nationalen Minderheiten abzuheben. Der Begriff ist vom Han-Fluss abzuleiten, dem Machtbereich des Begründers der Han-Dynastie.
Auch wenn der schweizerische Lehrer Stefan Dähler diesen Artikel 1985, also vor 20 Jahren verfasste, so wissen Tibetkenner, dass sich kaum was geändert hat. Schon insofern war er der Redaktion interessant genug.

Und dann müssen wir das lesen:

China-Kracher Do-Khyi?

In der Volksrepublik China wird der tibetische Do-Khyi nun zum Modeartikel. Für die falschen Angaben zu Grösse (zu gering) und Gewicht (zu hoch) und anderen Behauptungen (etwa zur "Untauglichkeit" der Hirten als Züchter) dieses Informationsdienstes sind wir nicht verantwortlich. Sollten die Angaben aber Standard sein für die chinesische Zucht, ist neben der arroganten Einschätzung eines Statussymbols auf vier Beinen, das sie vorher ausrotten wollten, und der mit dekadentem Kapitalismus nur kleinmütig umschriebenen Geschäftemacherei ein tierschändlicher Weg gezeichnet. Es steht zu befürchten, dass diese Masche Mode macht.

china.org.cn am 25. März 2005:
Auf einer Hundeausstellung mit rund 150 Tieren in Tianjin sind zwei Tibet-Doggen für acht Millionen Yuan (746 000 €) und vier Millionen Yuan (373 000 €) verkauft worden. Die Hunde aus dem Qinghai-Tibet-Plateau erfreuen sich in den letzten Jahren bei den Stadtbewohnern immer größerer Beliebtheit. Besonders berühmte Persönlichkeiten zeigen reges Interesse an den großen und kräftigen Tieren und tragen so zu riesigen Preissteigerungen bei.

Auf den Märkten in Tibet sind die Tibet-Doggen inzwischen eine kostbare Ware. Ein Hund kostet dort zwischen einige tausend und einige zehntausend Yuan. In der Stadt kann ein reinrassiger Hund leicht für das Zehnfache weiterverkauft werden. Die hohen Gewinnspannen haben viele Hundehändler angezogen, die die Region nach reinrassigen Tieren absuchen.

"Reinrassige Doggen gibt es immer weniger," sagt der Hundezüchter Tan Zhenfeng. "Den einheimischen Hirten fehlt es an wissenschaftlicher Zuchterfahrung. Sie überlassen die Hunde bei der Paarung sich selbst. Das ist für die Reinrassigkeit sehr ungünstig. Und die wenigen Rassehunde, die es noch gibt, werden oft von den Händlern aufgekauft und in die Städte gebracht."

Umweltschützer betrachten die neue Mode mit Skepsis. Sie sind der Meinung, die Tibet-Doggen sind als Schoßhund für reiche Städter ungeeignet und sollten in der Steppe bei den Hirten bleiben. Nur dort könnten sie unter natürlichen Bedingungen leben.

Die Tibet-Dogge ist eine sehr alte Hunderasse und verfügt als der klassische Hütehund der tibetischen Nomaden über einen beschützenden und treuen Charakter. Die Tiere werden bis zu 65 Zentimeter groß, bis zu 70 Kilogramm schwer und haben einen breiten Kopf. Wegen der extremen Wetterbedingungen auf dem Qinghai-Tibet-Plateau haben sie ein sehr dichtes Fell.

 

 

© beim Autor 04/2005