Körper- und Lautsprache des Hundes
Teil 3: Spezialitäten
A. Schütteln
B. Behinderungen
C. Missverständnisse beim Motivieren
Schütteln
Wer sich wundert über ein Schütteln, das von Kopf oft
über den ganzen Körper sich
ausbreitet (nicht das Abschütteln von Nässe aus dem Fell
ist hier gemeint), dem mag das
oft vorkommen, dass der Hund etwas trotzig abschüttelt,
nach dem
vermenschlichten Motto „macht mir doch nichts aus!"
Meist kann man das im Spiel mit
anderen Hunden beobachten, oder wenn er sich
überschlägt.
Katzen schütteln sich auch, wenn sie nach einem Fall auf
dem Boden ankommen. Es ist kein
„ich schüttle was von mir ab". Die Tiere bringen durch
das Schütteln nur ihren
Gleichgewichtssinn, der im Kopf haust, wieder auf
Niveau.
Zu den wirklichen Verlegenheitsgesten gehört das Kratzen
am Kopf - wie bei
Menschen. (Wenn man mal die seltene Wahrscheinlichkeit
ausser Acht lässt, dass Flöhe oder
Läuse im Spiel sind.)
Behinderungen:
Hunde, die durch eine Disfunktion ihrer
Kommunikations-Organe gehandicapt sind, müssen
sich anderweitig behelfen. Meist durch Verstärkung der
verbliebenen
Organe, die dann um so sensibler sind (wie bei
körperlich behinderten Menschen). Darauf
müssen sich die Halter und Ausbilder einstellen. Wie
hervorragend sich Hunde untereinander
verstehen können, erhellt aus der Internet-Korrespondenz
einer Halterin eines gehörlosen Welpen mit mir. (Ich
riet ihr unter anderem dazu,
eigene Sichtzeichen statt der Hörzeichen einzusetzen.)
Sybille Döderlein schrieb mir: „Den erhobenen
Zeigefinger hatte ich schon probiert,
kombiniert mit einem Kopfschütteln. Ich meine, die
Hündin (ein Dogo Argentino) hat es
verstanden. Gott sei Dank steht mir eine vierjährige
Hündin zur Seite, die ein
hervorragendes Sozialverhalten hat und ausschliesslich
auf Handzeichen reagiert. Da sich
die Kleine an ihr orientiert, wird es mit der Ausbildung
etwas leichter werden. Die
Verständigung der Hunde untereinander wird auch besser,
denn meine Hündin hat begriffen,
dass es keinen Sinn hat, den Welpen anzuknurren (es ging
um
einen Kauknochen). Sie zeigt ihr nun gleich die Zähne,
wenn ein Knurren
angebracht wäre. Damit kann die Kleine dann auch etwas
anfangen."
Ich halte nicht viel von dem Abrufen an das Wolfserbe
bei Hunden. Beide haben sich schon -
wie häufig erwähnt - Tausende von Jahren auseinander
entwickelt. Aber es gibt sie, die
vererbten uralten Eigenschaften. Neben der
Sozialfähigkeit, im Rudel (Team) zu leben und
die Ernährungsgemeinschaft zu schützen, die Beute nur in
der Gruppe hetzen und erlegen zu
können, sind das einige Taten, die uns moderne Menschen
wundern: Wenn der Hund zum
Beispiel bei Vollmond (mit anderen Hunden) im „Rundfunk"
heult, oder zumindest hellwach
und unruhig ist, oder wenn er liebend gerne buddelt.
Die Erklärungen sind natürlich: Die Helligkeit der
Vollmond-Beleuchtung war die
beste Voraussetzung für eine Gesellschaftsjagd unter
Beutefängern, die in der Nacht nicht
so gut wie Katzen sehen. Dazu riefen sich die
Jagdgenossen zum Halali zusammen. Das
Buddeln ist noch ein Überbleibsel, weil sich auch
Wildcaniden
gelegentlich von Wurzeln oder Mäusen ernähren mussten.
Normal gehaltene
Herdenschutzhunde gehören zu diesen Selbstversorgern.
Also auch zu den
notorischen Buddlern.
Missverständnisse beim Motivieren, Bestätigen, Loben
Um gleich mit einigen Missverständnissen zu beginnen,
die als Gegenmittel zur
militanten Sprache und Ausbildung nach alter Väter Sitte
eingenommen werden - meist von
Frauen, die diese machoartigen Verhaltensweisen zur echt
verabscheuen: „Soft" für „sanft",
„Verknuddeln", permanent bei jeder Gelegenheit mit
Belohnungen abfüttern, um sich
schliesslich selber zu belohnen - das sind in den Augen
eines selbstbewussten Hundes, egal
ob klein oder gross - absolute Missverständnisse. Das
kommt in einem sozialen Hunderudel
nicht vor, geschweige denn in einem Wildhunderudel.
Damit wäre eigentlich alles gesagt:
Vermeiden von solchen
Eigensüchteleien. Benehmen wie unter Hunden, die intakt
sozialisiert sind.
Doch es ist zu einer Krankheit geworden, die immer mehr
Schwierigkeiten
verursacht, weil das falsche Loben, das ständige
Verknuddeln - ohne auch nur die geringste
Leistung vorher erbracht zu haben - und für dieses
Nichtstun auch noch mit Belohnungen
vollgestopft zu werden, immer häufiger zu einer
Fehlausbildung führt.
Die Halter, hier sind es mal meist die Frauen betroffen
und gemeint, bestechen
erstens ihre Hunde, um selber ihr schlechtes Gewissen
(wieviel Stunden war der Hund vorher
allein?) oder vor dem Hund und Ausbilder gut dazustehen,
damit der Hund auch macht, was
gefordert wird. Der so bestochene Hund nimmt, was er
kriegen kann. Das ist schon das erste Missverständnis,
das er dem Ausbilder mit geübtem
Blick verrät.
Wenn es drauf ankommt, ist die Bestechung eine solche
geblieben. Eine Überzeugung war das
eben nicht. Und dann wird der Hund liebevoll
überwältigt. Loben kann man das nicht nennen.
Er wird verknuddelt. Eine fast schon neurotisch zu
nennende eigensüchtige Ersatzhandlung,
die ebenfalls schlechtes Gewissen übertünchen soll. Dazu
kommt die gehörige Portion
Zoonose (psychotische „Liebe" zu Tieren). Was solche
Belohnungs-Spender machen, ist nicht
Loben, sondern schlicht Zufüttern. Immerhin füttern sie
keine Pralinen. Der Hund nimmt
nur, was er gestopft bekommt. Lob bekommt ein
verstandener Hund nur nach Leistung.
So verknüpft er es auch.
Diese Damen mögen mal einem Arbeitshundler, den sie
schätzen, ich nehme mal einen
einfühlsamen Schäfer als Beispiel, beobachten. Sie
würden staunen und
hoffentlich lernen: Wenn der den ganzen Tag (eben nicht
nur die Platz-Stunde) so mit
seinen Hunden umgehen würde wie die Versüsslicherinnen
mit ihren perplex schauenden oder
demotiviert guckenden Hunden (das kommt nämlich auch als
Folge dazu: sie wissen nicht, wofür sie „gelobt" wurden,
und das immer), dann würde der
Schäfer einen Sack voller Belohnungen auf dem Rücken
tragen müssen und Mullbinden an den
Händen, weil ihm die Hände wehtun vor Verknuddeln seiner
vier, fünf Hunde. Abgesehen
davon, dass die Hunde gar nicht zu ihm kämen. Denn sie
sind es gewöhnt, nur für gute
Leistung ein möglichst hundeverständliches Lob zu
erhalten. Und zwar nur, wenn der Boss
sie dazu heranholt. Wer sich selber Lob
erschmeichelt, gewinnt an Ansehen. Kann einer
Rangaufwertung gleichkommen.
Ein Dominanzproblem wächst.
Der Schäfer lobt knapp, mit einem Handsteich
gewissermassen, und mit maximal
einem lobenden Wort. Oder nur eines von beidem. Basta.
Der Hund versteht, weil dies
gezielt verabreicht wird. Wie Lob eben sein muss.
Andernfalls würden ihn seine Hunde nicht
mehr ernst nehmen. Oder haben diese Verknuddler schon
mal
gesehen, wie sich erwachsene Wölfe oder Arbeitshunde so
verwursteln? Eben.
Das tun nicht mal Welpen. Die liegen entweder zum
sozialen Kontakt beieinander, lecken
sich die Schnauzen als Begrüssung und als Abbetteln von
Nahrung (direkter Eigennutz als
Existenzsicherung) oder sie Spielraufen.
Manche Menschen wollen im Grunde, dass der Hund ewig ein
verspielter Welpe bleibt. Das ist
Tierquälerei auf dies softe (sanfte) Art. Denn der Hund
wird nur zum Eigennutz seines
persönlichen Liebesmangels benutzt. Solche Leute nehmen
den Hund nicht als Hund, sie
nehmen ihn nicht ernst. Ein psychisch starker Hund nützt
diese Führungsschwäche gnadenlos
aus und erhebt sich zum Rudelboss.
Der verkindlichte Halter (weiblich oder männlich) merkt
das nicht einmal. Oder er verrät
den Hund auch noch als „Problemhund".
Auffordern (motivieren), nach getaner Leistung - und die
nicht nur angedeutet
(da merkt man als Ausbilder, wie schlau der Hund ist und
wie nachlässig der Halter) -
bestätigen, damit das eben richtig Ausgeführte als „gut"
abgespeichert wird (Verknüpfung
von Tun und Bestätigung), das ist wohl für Menschen der
Industriegesellschaft harte Arbeit. Dazu dient die
menschliche Körper- und
Lautsprache. Freudig, auffordernd, dämpfend, warnend,
beruhigend. Alles, was wir doch
gelernt haben, oder? Der Hund liest diese Sprache. Wenn
nichts ausgedrückt wird oder
falsch, reagiert er falsch. Wir verstehen wenigstens die
Computersprache:
Falsche Eingabe, falsches Ergebnis. Aber wir zerren
dafür den Computer nicht an der Leine
oder würgen ihn oder schreien ihn an. (Na ja..., aber
der versteht gar nix.)
Es lohnt sich, dies von Hunden und natürlichen
Hundearbeitern abzuschauen.
Das richtige, überhaupt das Loben scheint bei manchen
Menschen ein Mangel (gewesen) zu
sein.
Das muss nicht so auf den Hund übertragen werden, denn
der nützt Schwächen aus - oder es
geht ihm reinweg am Hintern vorbei. Er schaut
gelangweilt in die Gegend, sehr
demonstrativ. Auch eine Art „Bestätigung": er drückt so
seine Missachtung aus. Nur der mit
sich selber beschäftigten Halter merkt nichts. Er
ignoriert oder sucht und findet
Ausreden. Diese verkindlichte Manie ist zweifelsfrei ein
Gegenmittel zur
Gewalterziehung. Aber genauso hunde-unverständlich. Dazu
kommt ein regelrechtes
Zuquatschen der Hunde. Ergebnis: sie hören weg wie
Kinder, die man ständig belabert. Die
menschliche Vereinsamung ist auf diesem kommunikativen
Gebiet Gift für das
Hundeverständnis.
Körperliche Einwirkung, die ausdrückt, was gefordert
wird, hat nichts mit Gewalt zu tun.
Mit dieser Art von Gewalt ist nur menschliche Brutalität
bis zur Folter mit
technischen Hilfsmitteln gemeint. Wir streben doch an,
unseren Hund wie bei
Familie Wolf zu erziehen, weil wir diese Rangstruktur in
seiner tierlichen
Verständlichkeit bewundern.
Haben Sie schon mal ein Eletroschockgerät bei einem Wolf
gesehen? Haben Sie schon mal
gesehen, wie erwachsene Wölfe sich gegenseitig
verknuddeln?
Aber dort sprechen sie mit ihrem ganzen Körper. Sie
setzen ihn ein. Das hat man uns
aberzogen. Lernen wir von den Hunden wieder eindeutige
Körpersprache.
Für sprachgestörte Menschen, und das sind viele, können
kommunikativ geprägte Hunde
geradezu als Logo-Therapeuten wirken.
©Hundezeitung.de Oktober 2000