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Hundekunde

Hundezucht zu DDR-Zeiten

Kurz und bündig: Es waren nicht nur qualitativ hochwertige Hunde, weil die Züchter in der früheren DDR weder den Markt noch die Mittel hatten, die eine hier einmal berechtigte wehmütige Rückschau rechtfertigen. So mancher westdeutsche Züchter oder auch nur Halter von etlichen so genannten Gebrauchshunderassen hätte zu gern noch einen dieser Hunde. Und nicht nur diese.

Teil 1: Der zweigeteilte Deutsche Schäferhund

Nach der Trennung der beiden Republiken trennten sich auch die Organisationen der Deutschen Schäferhund-Vereine, und nicht nur die Organisationen. Auch der "Ost-Schäferhund" wandelte sich in den folgenden vier Jahrzehnten zu einem kompakteren, kräftigeren Exemplar als der westliche, mit dunklerer, der ursprünglichen graugewolkten Fellfarbe als der helleren oder schwarz-braunen im Westen.

Der frühere DDR-Hauptzuchtwart für Deutsche Schäferhunde und heutige Vorsitzende der Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern im SV, Werner Dalm: "Im Westen waren sie nicht so angesehen, weil sie - und das ist objektiv so - mit den schönsten Ausstellungshunden im Gebäude, im Körperbau nicht konkurrieren konnten. Die sahen mehr robuster aus, wie wirkliche Arbeits- und Gebrauchshunde, und waren nicht so die schönen, eleganten Hunde."

Der Ost-Schäferhund war nicht schlicht Grenzwächter, schrieb mir Dalm. "Sie wurden zum allergrößten Teil für unsere Mitglieder, Züchter und Liebhaber gezüchtet. Nur alles, was wir für die Zucht nicht gebrauchen konnten, wurde der Polizei, Grenze usw. Angeboten. Insofern haben die nur den Abschaum bekommen. Allerdings mußten diese Hunde gut beißen und im Wesen gut sein, sonst wurden sie nicht genommen."

Dalm weiter: "Nicht die ‚Spezialzuchtgemeinschaft (SZG)' der DDR war paramilitärisch formiert, sondern die ‚Dachorganisation', der die SZG unterstellt war, besonders die letzte, die ‚Sektion Dienst- und Gebrauchshunde (SDG)'. Die SZG wurde gerade noch geduldet, weil die ‚oben' (stasigesteuerten) von der Zucht keine Ahnung hatten, brauchten sie die SZG noch. Aber wie sich die Dachorganisationen entwickelt hatten, wurde der SZG ein Recht nach dem anderen weggenommen. Zuletzt hatten wird kaum noch über die eigene Rasse was zu sagen, wie auch in meinem Buch ‚Die Zucht des Deutschen Schäferhundes in der ehemaligen DDR' (Anm. d. Red.: zu beziehen über die Hauptgeschäftsstelle des SV) ausführlicher nachzulesen ist. Das war die Wirklichkeit. Aber unter diesen Umständen haben wir trotzdem gute und gesunde Gebrauchshunde gezüchtet, weil wissenschaftlich selektiert wurde."

Werner Schulz, Züchter und früherer hundeführender Grenzsoldat: "Die meisten dieser Hunde waren sehr fromm. Es gab nur einen ganz kleinen Prozentsatz, die wirklich aggressiv waren und unerzogen, die irgendwo schlechte Erfahrungen gemacht haben, mit denen kaum einer klar kam. Aber ansonsten, das Gros der deutsch-deutschen oder der deutschen Schäferhunde, der DDR-Schäferhunde an der deutsch-deutschen Grenze, waren ganz normale Hunde."

Schulz züchtet unter dem Namen "vom Parchimer Land". Er schreibt in seiner Homepage :

    "Erstaunlicherweise stehen Deutsche Schäferhunde aus DDR-Abstammung immer noch bei vielen Sportfreunden und Liebhabern im Interesse züchterischer Bestrebungen, oder gerade mehr denn früher? Wie auch immer ist der Schäferhund, der sich in der DDR entwickelte, mit großen kräftigen Knochen, ausgeglichenem Wesen und dunkler Pigmentierung keine Mode-Erscheinung!
    Mein Zuchtziel und die Zuchtziele meiner Freunde bestehen darin, die ostblütigen Schäferhunde zu erhalten und mit anderen DSH aus Ostblockländern und westdeutscher Leistungszucht zu paaren. Natürlich gibt es nicht mehr die Masse an qualitativ sehr gutem Zuchtmaterial. Daher wird man die Fülle an reinen DDR-Hunden nicht erneut erreichen können, da viele Sportfreunde ihre Hunde nach der Wende mit Kußhand abgegeben haben und diesen jetzt nachtrauern. Aus diesem Grund ist es schwer, ausgebildete Hunde für Interessenten zu finden, da die Züchter kein Material weggeben werden. Meistens wird dementsprechend auf Welpen aus Top DDR-Verpaarungen hingewiesen."

Schulz weiter: "Für viele klingt es eigenartig, über den Zuchtstil des ostblütigen Schäferhundes zu diskutieren. Ich möchte hier auch kein Loblied über den Ossi singen. Aber stellt einer sich die Frage und hat einigermaßen züchterische Kompetenz, erkennt man eine gewisse Notwendigkeit, diese Zuchtform zu erhalten."

Die getrennte Geschichte der deutsch-deutschen Schäferhunde sollte nach dem Zusammenbruch der DDR beendet sein, aber die Spaltung war tiefer. Nach der Wiedervereinigung hat der mächtige West-Verband das Sagen. Pressesprecher SV Reiner Voltz dazu: "Es gibt natürlich noch Züchter, die heute gezielt weiter versuchen, diesen Osthund zu züchten, aber wir halten nichts davon, jetzt aus Modegründen vielleicht heraus, aus Historie heraus so einen Hund zu erhalten. Er muss sich letztlich in die gemeinsame Zucht integrieren. Es gibt einen deutschen Schäferhund und das wollen wir auch weiter fördern."

Nun sieht man auch in den "neuen" östlichen Bundesländern meist nur noch West-Schäferhunde. Glücklich sind die ostdeutschen Züchter und Halter mit dem "Einheitshund", der nur die seit Jahrzehnten umstrittene Zuchtqualität im Westen widerspiegelt, nicht: er sei verweichlicht.

Den relativ geraden Rücken, den sie doch im Westen heimlich, aber nie offiziell zurückwünschten - wie weiland die ersten Hunde, die schliesslich den weltweiten Ruf als Diensthund begründeten -, den haben sie im Westen nun doch buchstäblich untergebuttert. Nur die Farbe grau, die fanden sie gut. Als ob dies eine neue Modefarbe gewesen wäre. Den gesunden Körper wollten sie nicht haben, aber die Farbe haben sie aufgenommen.

Nicht wenige Schutzhundler oder Diensthundler im Westen sehen sich aber nach diesem Ostdeutschenschäferhund. Doch es gibt fast keine Zuchtbasis mehr. Die Westschäferhundler haben auch hier die Übernahme von gesundem Zuchtpotenzial gründlich okkupiert und plattgemacht.

Es ist davon auszugehen, dass es vielen anderen Rassevereinen aus der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung genauso ging. Vereinigt wurde da auf dem Hundezuchtsektor wenig, aber vollmundig verkündet, vor gut zehn Jahren. Inzwischen bellt auch da kein Hund mehr danach.

Eines möchte ich aber zu bedenken geben: Sieht man sich die Fotos von den mit vorzüglich 1 bewerteten Rüden in der Nachkriegszeit bis 1960 an, so finden wir den zurück erwünschten geraden Rücken. Bei den DDR-Hunden aber in den späten 80ern jedoch genau den abfallenden Rücken wie die West-DSH.

Ich hoffe, dass sich einige wackere ostdeutsche DSH-Freunde nicht verführen lassen, diesen nicht nur gebäudetechnisch fatalen "Abfall" wie im ganzen Westen inklusive USA (bis auf jene Spezialisten, die just den alten DDR-Typ suchen und haben!) nun in die ostdeutsche Linie einfliessen zu lassen, sondern konsequent den geradrückigen DSH ostdeutscher Prägung zu fördern.

Ein "Datenblatt" für Fachleute von einem hoffnungsvollen Typen:

    Iwo vom Parchimer Land, Wurftag: 10.09.2000
    Achtung Fachjargon:
  • "LGA Quali! 96/90/96, letzte SchH III 100/100/100, Schutzhund III (98,96,98)
  • IPO III (100,90,98)
  • Hüfte a'normal
  • rein DDR
  • ZW 74
  • vorerst nur KKl II
  • DNA geprüft
  • Mutter: Bine vom Felsenschloß
  • Vater: Cliff vom Geraufer
  • Beschreibung: Iwo ist ein enorm arbeitsfreudiger und belastbarer, typvoller Osthund, der über eine gute Mittelgröße verfügt. Er besticht durch seine Grundschnelligkeit, Triebbeständigkeit und durch sein vorzügliches Griffverhalten im Schutzdienst. Iwo ist einer der letzten Nachkommen aus sehr guten Ostblut-Linien. Iwo hat gute Chancen, in die Körklasse I zu kommen!"

Auch für Nicht-Schutzhundler ist die Idealpunktzahl 300 bei der letzten SCH III beachtenswert.

Die Zukunft des gesunden leistungsfähigen deutschen Schäferhunds hängt vom Rückgrat seiner Züchter ab. Und davon, von den gesunden Hunden dieser Art, gibt es im Osten Deutschlands noch welche. Wenn man sie unterbuttert, ist der DSH weiter im Sinkflug. Dann können sie sich den geradrückigen Konkurrenten aus Belgien (Malinois) im Spiegel anschauen. Nur dessen psychische Gesundheit ist ebenso im Sinkflug.

Bemerkung einer in USA lebenden Schäferhund-Freundin und -Kennerin, die einen DDR-DSH-Typen hat und froh drüber ist: "Und von wegen Anforderung an Hütehunde: Neuseeland und Australien stellen da mehr Anforderungen als sich das ein deutscher Schäfer im Traum vorstellen kann. Wieso kam da keiner auf die windschiefe Idee?" Ja, keine andere Hunderasse, keine Arbeitshunde wie Herdengebrauchshunde aller Arten hat diesen widernatürlich abfallenden Rücken, keine Jägerhunde, egal welcher Sparte, keine Schlittenrennhunde, keine Hetzhunde und eben auch keine der sogenannten anderen "Gebrauchshunderassen".

Auf "offenen" Schutzhundeprüfungen, die eben nicht in geschlossener DSH-Gesellschaft abgehalten werden, laufen die Malinois "trotz" des geraden Rückens den Rang ab. Schon gieren die "Profis" dieser Sparte statt nach dem Malinois nach holländischen Schäferhunden. Aber bloss nicht nach dem DSH. Was bleibt immer noch als Argument für diese Verhunzung der abfallenden Rückenlinie? Nichts. Wieso denkt da immer noch keiner um bei der meistgezüchteten Hunderasse der Welt?

Quo vadis Deutscher Schäferhund? Im Osten liegt seine Zukunft, wenn sich die Züchter dort nicht versauen lassen.

Teil 2

Tabelle für: Hundezucht zu DDR-Zeiten

 

Statistik aus dem Buch „Die Zucht des Deutschen Schäferhundes in der ehemaligen DDR“´. Die Zahlen stammen aus den HD-Untersuchungen von Prof. Dr. Schlaaf, Humboldt-Universität Berlin.

 

HD-Ergebnisse der DDR (Zucht ab 1979 nur noch mit HD-freien Hunden)

 

Jahr

geröntgt

HD-frei %

HD-leicht %

HD-mittel %

HD-schwer %

Zucht

mit ...

1968

1933

55,7

16,7

14,4

13,2

... mittleren HD-Hunden

1969

3453

64,8

14,2

13,2

7,9

dto.

1970

2152

70,5

15,9

7,7

5,9

dto.

1971

2116

76,6

12,9

6,8

3,7

dto.

1972

2294

79,3

11,6

5,0

4,1

... leichten HD-Hunden

1973

2411

83,4

8,7

5,4

2,5

dto.

1974

2349

85,2

7,5

4,4

2,9

dto.

1975

2520

87,6

6,7

3,6

2,1

dto.

1976

2357

90,3

5,0

3,1

1,6

dto.

1977

2289

88,8

5,6

3,0

2,6

dto.

1978

2087

90,0

4,5

2,6

2,9

dto.

1979

2294

91,3

5,8

1,6

1,3

... mit HD-freien Hunden

1980

1922

90,6

3,6

3,3

2,5

dto.

1981

2132

91,0

4,4

2,5

2,1

dto.

1982

1987

93,2

2,7

2,3

1,8

dto.

1983

1954

92,3

3,9

1,9

1,9

dto.

1984

1756

91,8

3,4

1,7

3,1

dto.

1985

1586

94,4

2,6

1,4

1,6

dto.

1986

1835

93,2

2,6

1,7

2,5

dto.

1987

1835

91,0

4,2

1,9

2,9

dto.

1988

1927

90,0

3,9

2,4

3,7

dto.

1989

1980

88,8

5,3

2,3

3,6

dto.

 

Auszug des Kommentars von Werner Dalm zur leichten Verschlechterung in den letzten beiden Jahren:

„Unsere ‚Westblutfanatiker‘ (Bewunderer der schönen westdeutschen Hunde nach den Bildern der SV-Zeitungen waren wir alle) strebten verstärkt nach westdeutschen Deckrüden für ihre Hündinnen. Und da sie nicht nach Westdeutschland reisen durften, das blieb einigen wenigen Rentnern, Invaliden oder irgendwie Privilegierten vorbehalten, benutzten diese Züchter westdeutsche Rüden, die in der Tschechoslowakei oder in Polen standen. Die HD-Ergebnisse der Bundesrepublik waren im jeweiligen Vergleichsjahr, das ist in den Jahresberichten des SV nachzulesen, noch nicht so wie die Unserigen. Überdies sind ja im SV die Hunde mit leichter HD heute noch in der Zucht. Somit können die tschechischen und polnischen Rüden westdeutscher Zucht, sicherlich wurden auch nicht die Besten dorthin verkauft, durchaus auch zur Verschlechterung des HD-Ergebnisses beigetragen haben. Zuletzt kommt bei der Suche nach den Ursachen noch ein Gedanke. Da die Verschlechterung von 1988 auf 1989, dem Jahr der deutschen Einheit, recht signifikant war, ist zu vermuten, daß im letzten Vierteljahr des Jahres 1989, die Reisefreiheit war nun da, ein Ansturm auf westdeutsche Rüden einsetzte. Hat auch das zur Verschlechterung beigetragen?“

 

  • weiterlesen: zum Teil 2

     

    © Hundezeitung 12/2004

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