Serie: Biologische Artenkunde.
Welche Hundeart was und wie ist.
Teil 1: Ordnung ist nur ein Teil der Wahrheit.
Es gibt viele "internationale" Rassehundeverbände. Vier grosse in den USA, einer
in Grossbritannien und einer in Zentraleuropa (Fédération Cynologique
International, FCI in Brüssel). Ich folge nicht der mitunter unkynologischen und
aus nationalen Interessen entstandenen Kategorisierung, sondern einer
biologischen beziehungsweise arbeitstypischen, weil diese die körperbaulichen
und psychischen Eigenschaften der verschiedenen Typen formte und prägte. Und
nicht Farben und Fellvarianten. Die Pferde- und Hundekennerin Gitta Vaughn aus
Texas schreibt dazu lakonisch wie richtig: "Ein guter Hund wie ein gutes Pferd
sollten keine "Farben" haben."
Die in sich unlogische Ordnung der FCI ist für mich kein Massstab. Zu viele
unbegründbare Eigenheiten ziehen sich durch den wuchernden Rassensalat von immer
mehr aufgenommenen Rassen, derzeit wohl an die 400. Die Auflistung dieser Fehler
würde zu viel Platz in Anspruch nehmen. Nur so viel: Meist sind es - zoologisch
gesehen - nur Farbschläge innerhalb einer Varietät und keine "Rassen": zum
Beispiel unter den Retrievern. Diese Schläge werden zu eigenständigen "Rassen"
erklärt, um den vielen Züchtern viele Pokale zukommen zu lassen. Einen
biologischen Grund gibt es nicht.
Wie immer sind solche Einordnungen fragwürdig, weil sich die Biologie nicht in
Schubladen stecken lässt.
Im Anerkennungshandel vorhandener oder gewünschter "Rassen" hat nun der United
Kennel Club den Amerikanisch-Canadischen (AC) Weissen Schäferhund anerkannt, die
FCI aber nicht. Da steht der mächtigste Rasseverein, der für den Deutschen
Schäferhund (SV), vor. Obwohl der erste reinrassige Deutsche Schäferhund ein
weisser war und dem Gründer Rittmeister Max von Stephanitz als Stamm diente,
haben ihn die Vereinsoberen dann als Fehlfarbe "ausgewiesen" - Jahrzehnte
später. Welcher Interessenverein wohl dagegen sein mag, wenn er diesen Hund
nicht als Rasse anerkennt?
Was geschah und geschieht heute noch mit den Welpen, die mit einer "Fehlfarbe"
trotzen? Die einen ins Körbchen, die anderen ins Mülleimerchen oder ins
Badewännchen. Ungeliebte Tatsachen.
Einige Missbildungen, nicht ohne menschliche Hilfe überlebensfähige Züchtungen
von Farben (mit Defektgenen), Fell, Gebiss- und Schädelformen, Körpermassen,
Läufen, Ruten, Knochenbau und mehr sind nur deshalb entstanden, weil sie Züchter
bevorzugten, um ihre Hunde von anderen - fast ähnlichen Typen - zu
unterscheiden. Das wurde dann auch noch als Standard festgeschrieben. Manchmal
erlauben sich diese Rassehunde, sich nicht an solche denaturierte Vorgaben zu
halten und werden dann zur Enttäuschung der statussüchtigen Besitzer nie im
Hundeleben Schönheits-Sieger. Urkunden sind aber nicht vererblich, aber sie
erhöhen mit "höherem Ansehen" den Verkaufspreis.
Solche Verschiebungen der äusseren Merkmale waren nicht selten der Grund, um
eine weitere "neue Rasse" kreieren zu können. Was war der Grund dafür? Eitelkeit
und Gewinnsucht. Denn sonst hätte man sich ja der bereits vorhandenen Typen
bedienen können. Nur sehr selten ist heute die Verbesserung der Gesundheit eines
- zuvor wohl verdorbenen - Hundetyps ein Anlass, um eine neue Rasse entstehen zu
lassen.
Ich teile die Gruppen nach Körperbau und ursprünglicher Aufgabenselektion und -
prägung ein und führe bei den einzelnen Gruppen nur grundsätzliche Eigenschaften
wie Temperamente, aufgabengeprägte Veranlagungen und Körperbau an. Die einzelnen
Arten sind daher nicht zwangsläufig dieselben, die in Verbänden Aufnahme finden.
Manche bodenständige Typen finden dort keine Erwähnung, als ob sie nicht
existierten.
Die meisten Typen passen durch ihre Vielseitigkeit in mehrere Gruppen.
Bei den ersten beiden Gruppen und der vierten geraten auch Kynologen immer
wieder durcheinander.
Eine biologische, nach Arbeitsprägung geordnete Entwirrung gerade beim
"Rassensalat" der Schäfer-, Hirten-, Hüte-, Treib- und Herdenschutzhunde nahm
der Landwirt, Schafzüchter, Tierarzt und Professor am Institut für Tierzucht und
Haustiergenetik an der Uni Giessen, Dr. Karl Hermann Finger, in seinem Buch
"Hirten- und Hütehunde" vor:
"Oberbegriff Herdengebrauchshunde, zum Schutz gegen Beutegreifer und Diebe
Herdenschutzhunde (engl.: livestock guard oder protection dogs). Ihr Platz ist
auf der Weide, meistens ohne Aufsicht, und bei der Marschbewegung innerhalb und
an allen Seiten der Herde.
Auf Fusstransport und Grosstier-Weideauf- und -abtrieb spezialisierte Treibhunde
(cattle dogs) arbeiten hinter und an den Seiten der Herde, gelegentlich auch
zwischen den Tieren.
Für beengte Verhältnisse auf Feld- und Weidewegen entwickelte man Hüte-
beziehungsweise Schäferhunde (shepherd dogs). Sie arbeiten in der Strassenmitte
dicht neben der Herdenseite, gehen aber nie in die Herde. Für die Arbeit an
Kleingruppen oder Einzeltieren an weitläufigen Weiden oder in Koppeln und
Schafhöfen entstand der britische Schaf- oder Koppelgebrauchshund (sheepdog). Er
agiert auf Distanz, auf und in der Herde."
Warum nur die skandinavischen und nordasiatischen Bauern-, Hüte- und Jagdhunde
in einer klimatisch eigenen Gruppe gehandelt werden, erschliesst sich mir
ebenfalls nicht. Ich zähle sie zur vierten Gruppe. Schlittenhunde laufen hier
extra, weil sie sich heute von der ursprünglichen Vielfalt zu reinen Freizeit-
oder Profisporthunden entwickeln mussten. Auch hier gibt es die fast schon
beruhigende Ausnahme von der kynologischen Ordnungswut: Der japanische Akita
eignet sich neben Zugarbeiten (Antarktisforschung) auch zu Wach- und
Schutzaufgaben. Er diente den Überlieferungen nach unter den alten Samurai auch
als Kriegshund.
Die meisten Arbeitshunde - vor allem Hetzhunde - wurden arbeitslos, fungieren
"nur noch" als Sozialpartner. Dennoch bleiben viele ihrer typischen
Eigenschaften erhalten, die mehr oder minder erfolgreich mit Ersatzaufgaben
befriedigt werden Die übliche Einordnung nur in "Gebrauchshunde" ist
inhaltsleer, die nutzloseste ist die des "Begleithundes". Klingt wie: Die können
sonst nichts. Jeder Hund ist zu gebrauchen oder begleitet. Fragt sich nur: wie
und zu was?
Hundetypen wurden logischerweise meist nach ihren Abstammungsländern benannt.
Einige wenige nach ihren Züchtern, wie Dobermann. Die doggenähnlichen, grossen
Schutz- und Wachhunde um Epirus im alten Griechenland nannte man nach einem
ihrer Hauptstämme - wie die Molosser. Ihre körperbaulichen und charakterlichen
Grundzüge ähneln entfernt denen der Herdenschutzhunde (mehr oder weniger
ausgeprägte Halswammen als Schutz vor Bissen, Eigenwille, Kraft).
Entscheidend für meine Ordnung sind ursprünglich aufgabengeprägte Eigenschaften
und ihre daraus resultierenden psychischen und physischen Anforderungen. Diese
Ordnung ist heute aufgeweicht, weil es auch unter den Hunden Arbeitslose gibt.
Die Ordnung ist natürlich übergreifend, denn Hunde "korrigieren" sie durch
Vielseitigkeit dank variabler Abstammung und durch Talente, besonders die der
vierten Gruppe.
Viele bodenständige (autochthone) Arten arbeiten von uns unentdeckt - auf ihrem
Gebiet zu ihrem Glück.
Einen speziellen Typ mit einzigartigen körperlichen Eigenschaften hebe ich mal
als Beispiel für das Talent und die Veranlagung für Anpassungsfähigkeit und
Leistungsfähigkeit heraus: den norwegischen Jagdhundspezialisten Lundehund, der
beinahe ausgestorben war. Er ist extrem beweglich, weil er in engsten Höhlen
jagen muss. Dazu besitzt er eine spezielle Wirbelsäule, die ihn auf engstem Raum
drehen lassen kann, in den feuchten Höhlen kann er auch seine Ohren
verschliessen, er kann zum Klettern eine Zehe und Kralle mehr einsetzen als normale Hunde, also sechs pro Lauf. Und er kann seine Läufe extremer abspreizen als andere Hunde.
Das ist eine Seite der Leistungsrassezucht, noch eine relativ hundegerechte.
Nur Mischlinge haben keine Ordnungslobby. Das macht (denen) gar nichts. Sie
bleiben von unnatürlichem Ehrgeiz verschont. Rassezüchter sollten ihnen dankbar
sein, denn nur aus dieser Artenvielfalt konnten sie "schöpfen".
Zur "Rasseordnung" gilt ferner ein weiser Satz aus der Mathematik: Ordnung ist
nur ein Teil der Wahrheit.
Lesen Sie auch: Die Einführung
Lesen Sie auch: Hauptteil 1
Lesen Sie auch: Hauptteil 2
Lesen Sie auch: Hauptteil 3
Lesen Sie auch: Hauptteil 4
Lesen Sie auch: Hauptteil 5
Lesen Sie auch: Hauptteil 6
Weitere Beschreibungen der einzelnen Gruppen im nächsten Update
© Hundezeitung 2002
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