Die Zukunft alter Arbeitsarten - am Beispiel von Herdenschutzhunden
Herdenarbeit nach dem Jagen und Lastenziehen waren unter den ersten Aufgaben der neuen Beziehung zwischen Hunden und Menschen. Wölfe und Kojoten sind die vom Menschen zugewiesenen Feinde der Herdenschutzhunde. Sie sollen den Viehbestand der Schäfer vor diesen Hundeartigen schützen. Was sie treu und ergeben tun. Doch die Wölfe werden - wie alle Wildformen der Tiere, die der Mensch nicht zu seinem Nutzen gebrauchen konnte, bejagt, ausgerottet. So mindert sich auch der Zweck der Herdenschutzhaltung.
In Spanien ist die Jagd und die Vernichtung von Wölfen nur mit gesetzlicher Genehmigung erlaubt. Doch dies steht nur auf dem Papier in Madrid. In den entlegenen Gegenden, in denen der spanische Wolf noch vorkommt, kümmert das keinen Schäfer. Er nimmt die Welpen einfach aus der Höhle und „soll sie human beseitigen". Früher erschlugen sie die Hirten noch in der Höhle. Das dürfte heute nicht viel anders sein.
Die Herdenschutzhunde der iberischen Halbinsel - ohnehin sehr selten, weil die Hirten die etwas grösseren Futterkosten sparen - werden damit weitgehend arbeitslos, und finden nur noch Liebhaber in den reicheren Gegenden, meist Städten, Zuneigung. Aber keine ursprünglichen Aufgaben mehr.
In Galizien wird ein Viertel der Wolfsopfer durch staatliche Leistungen kompensiert. Der Rest wird erschossen. Die Bauern und Schäfer lieben die Jagd. Und sie haben ein Lieblingsopfer. In der Stadt ändert sich die Einstellung zum Wolf. Aber auf dem Land bleibt sie traditionell feindlich. Die in der Tat geringen Verluste würden sich wesentlich schmälern, würde gerade in Spanien oder in den Abruzzen der natürlich Wildbestand erhöht. Doch durch die Bewirtschaftung immer grösserer Landflächen wird auch Wild zurückgedrängt. Wie dessen natürlicher Beutegreifer Wolf. Der Nahrungskreislauf des Menschen geht immer zu Lasten der Tier- (und Pflanzen)Welt.
In der Türkei und in allen Ländern, wo noch Wölfe und Kojoten vorkommen, ist dies nicht viel anders. Der Wolf ist auf dem Lande immer noch der Todfeind des Tier-Besitzes. Es scheint unausrottbar, dass das Töten eines Wolfs etwas Männliches sei. Gerade Liebhaber von Herdenschutzhunden sollten es sich zur Aufgabe machen, den Wolf zu schützen. Nicht, um einen domestizierten Jagdsport daraus zu machen, sondern um des Wolfes willen. Dem Vater aller unserer Liebhaberei.
Wenn der Wolf schliesslich von der Erde verschwunden ist, landen Herdenschutzhunde nur noch in grossen Wohnungen und Show-Veranstaltungen. Und dort gehören sie nicht hin.
Gewiss, Herdenschutzhunde sind in erster Linie Territoriumswächter. Wenn Hunde nicht von klein auf tierische Schützlinge wie Geflügel oder Schafe geprägt werden, vermissen sie diese Schützlinge nicht. Sie beschützen auch andere Territorien einschliesslich aller zugehörigen Lebewesen.
Doch wenn Herdenschutzhunde nur noch aus solchen Wachexemplaren bestehen, verlieren sie ihre ursprüngliche, doch so geschätzte Eigenschaft. Wie dies bei anderen Hundetypen auch der Fall ist. Wie viele Setter oder Retriever sind nur noch Haushunde, von den Hetzhunden gar nicht zu sprechen? Auch Herdenschutzhunde sind anpassungsfähig. Aber wenn sie nicht ihre wichtigsten Eigenschaften verlieren sollen, muss immer wieder „Arbeitshundeblut" eingekreuzt werden. Ein Prozess, der diese Hunde ihrem ursprünglichen Element über kurz oder lang entfremden wird. Wir müssen uns also darauf einrichten, möglichst natürliche Ersatzaufgaben für diese Hunde zu finden.
Doch es tut sich wieder eine auf, eine alte. In den Pyrenäen ist wieder der Bär und der Wolf los. Nichts Neues für Insider, doch inzwischen haben es auch die aufgeregten Medien gemerkt, dass sich - endlich - wieder Wölfe und Bären in den Pyrenäen aufhalten. Ein paar nur. Was Hirten - mit dem Blick auf Entschädigung durch den Staat pro gerissenem Schaf, egal ob von wilderndem Hund oder tatsächlich Wolf oder Bär - in Angst und Schrecken versetzt, erfreut Wildbiologen, Naturschützer und die Züchter und Besitzer von Pyrenäenberghunden. Denn die Präfekten der betroffenen Regionen wollen sich dem Druck der fadenscheinigen Argumente der Wolfs- und Bärengegner nicht beugen.
Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am 4. September 1999 weiter meldet: „Sie setzen gar auf ein Programm, das neben einem bewachten Nachtlager für die Schafe in einem umzäunten Gelände die Finanzierung der besonders robusten Pyrenäenberghunde vorsieht. Die schafsgrossen Tiere können es problemlos mit Bär und Wolf aufnehmen."
Wenn dies auch nicht so problemlos abgehen dürfte, also übertrieben ist, das Entzücken über die neue alte Aufgabe für Herdenschutzhunde scheint dort gesichert. Die Hunde waren schliesslich lange arbeitslos. Nur, warum lassen sie die Hunde nicht auch nachts gleich die Schafe schützen? Weil die Hunde und vor allem ihre Halter/Züchter aus dem Training sind und erst wieder mühevoll aufgebaut werden müssen. Und weil die Pyrenäenberghunde-Zucht keine plumpen Showdogs mit allen Gebäudekrankheiten ausstellen, sondern endlich wieder gesunde, also rankere und leichtere Arbeitshunde aufziehen muss. Und nicht solch schwerfällige, die mit ihren zwischen 75 und 90 Kilo keine Chance gegen wendige Wölfe haben.
Wölfe wandern, aus den Pyrenäen, den Abruzzen und aus Jugoslawien (Kriegsflüchtlinge). Sie lassen sich seit einiger Zeit schon im schweizerischen Wallis nieder.
Wann kommen sie zu uns? Ich und meine Hunde wohnen im süddeutschen Raum. Einen Waschbären hatte Sabah, meine verstorbene Akbash-Hündin, schon gemeldet.
Im Ernst. Nicht nur im ost- und südosteuropäischen, im nordischen, im pyrenäischen und südwestiberischen, im mittelitalienischen, im vorderorientalen Raum gibt es noch Beutegreifer, vor denen Hirten schützen wollen. Am besten mit Hunden. In Griechenland gibt es zum Beispiel noch Schakale.
Im Norden zu Makedonien entdecken die Griechen gerade ihren bodenständigen Hellenikos Pimenikos wieder. Äusserlich kommt er einem dickfelligen kleinen Owtscharka-Typen gleich.
Auch in Namibia werden Herdenschutzhunde gebraucht. Es war die Idee eines türkischen Mitarbeiters eines Viehzüchters, der nicht die Kälber-„Räuber" Leopard und Gepard in Fallen fängt und an Ort und Stelle erschiesst, auch wenn die Grosskatze gar keine Nutztiere gerissen hat.
Es muss nur eine Grosskatze sein, um getötet zu werden. Der türkische Tierfreund überzeugte seinen Chef davon, dass Herdenschutzhunde aus seiner türkischen Heimat stark und scharf genug seien, die Kälber zu schützen. Er „stellte" Kangals als Herdenschützer ein. Sie arbeiten erfolgreich.
Die Züchterin meiner verstorbenen Akbash-Hündin, Diane Spisak, berichtete mir folgende Geschichte. Ich mailte ihr die Grösse und das Gewicht von Sabah zu ihrem Einjährigen zu. Diane fand, dass sie mit 71 Zentimetern Schulterhöhe und 41 Kilo Gewicht eine starke Hündin darstelle. Ich meinte, Sabah sei ja genau im Mittelmass, laut ADI-Standard. Dann schrieb sie mir etwas über Grösse, Fitness und aus der Praxis der Herdenschutzhundearbeit. Das relativiert vieles. Denn auch ich weiss, Kampfkraft kommt nicht von schierer Grösse und Masse. Sondern von Beweglichkeit. Die Türken bevorzugen bei ihren Hunden mittelgrosse, niemals übergrosse.
Ich fasse Dianes Mail zusammen. Sie berichtete über Sabahs Grossvater mütterlicherseits. Akkush galt als der kleinste Rüde von ganz Nordamerika (68 Zentimeter Schulterhöhe und 36 Kilo). Aber er tötete mehr Kojoten, als 90 Prozent aller als Herdenschutzhunde arbeitenden Akbash je auch nur zu sehen bekamen.
Dann eine traurige Geschichte über einen ihrer früheren Würfe, die lehrt, dass man vor allem nicht aktive Herdenschützer mästen soll. Kojoten haben schon lange den Platz der Wölfe eingenommen, weil die Wölfe entweder aus dem Gebiet von den Herdenschutzhunden vertrieben oder abgeschossen wurden.
In Texas wurden im Sommer 99 zwei eher mächtige Akbash-Hündinnen (eine war wirklich fett) in der Nacht von einem Rudel Kojoten angegriffen. Die beiden Hündinnen töteten vier Kojoten, bevor die Übermacht an Kojoten sie killten. Was für eine Horrorszene am Morgen, als die Besitzerin die toten Hündinnen und die Kojoten entdeckte. Der Akbash-Rüde beschützte eisern seine Gänse, war aus unerfindlichen Gründen nicht in den ungleichen Kampf verwickelt. Es waren sicherlich mehr als die vier Kojoten, welche die Gänsefarm angriffen.
Vor allem ist es ungewöhnlich, dass Kojoten im Rudel auftreten. Sie sind normalerweise schlaue Einzelgänger, die sich nicht an die grossen Hunde wagen. Aber die Kojoten adaptierten das Verhalten der Hunde (oder Wölfe) und taten sich zu mehreren zusammen. Sie lernten, die Hunde nicht frontal anzugehen, sondern sie zu umgehen und dann von allen Seiten zu attackieren.
Soweit Diane.
Die Hündinnen waren zu schwerfällig, um die flinken Kojoten abzuwehren. Auch ein Riesenbär muss sich einer Übermacht von reaktionsschnellen Wölfen beugen. Es ist daher wichtig, bewegliche Herdenschutzhunde zu halten. Gegen einen ausgewachsenen Schwarzbären oder einen Puma hat auch der stärkste Herdenschutzhund im Ernstfall keine Chance. Anderslautende Behauptungen sind Futter fürs Lagerfeuer.
Doch eine gut zusammenarbeitende, sehr bewegliche Gruppe von ranken Hunden hält jedem Angriff stand, ja mehr: da haben auch viele schlaue Kojoten schlechte Karten. In diesem Fall waren es zu wenige Hunde für die Übermacht. Und die tapfer kämpfenden Hündinnen waren nach Dianes Meinung übergewichtig. Es war ein Todesurteil.
Modifizierte (Haus-)Aufgaben
Es ist einem Herdenschutzhund egal, worauf er als Welpe geprägt wird: Hauptsache, es ist ein Territorium, möglichst mit schützenswerten Lebewesen drauf. Das ist nun mal sein Metier. Der Schutz vieler Haustiere in einem abseits gelegenen grossen Anwesen ist seine übliche Aufgabe. Eine leider immer stärker auftretende üble Erscheinung ist die Schändung von Pferden. Hier wäre eine einvernehmliche Prägung auf Pferde von nutzen. Kein Pferdeschänder würde sich ungestraft an einem von Herdenschutzhunden bewachten Tier vergreifen.
Doch dazu ist viel Einfühlungsvermögen und vor allem Hundeprägung der Pferde von Geburt auf nötig. Bislang kenne ich keinen Herdenschutzhundler, der diese spezielle Aufgabe angegangen wäre. Denn es ist ein grosser Unterschied in den Schützlingen. Fohlen, die nicht hundegewöhnt sind, gar ungestüme Jährlinge oder heisse Hengste, können unbedachten Hunden oder ebenfalls ahnungslosen Welpen aus Versehen Schaden zufügen. Pferde wehren, spielen auch anders: mitunter mit den scharfen Hufen, ob beschlagen oder nicht. Sie beissen auch im Übermut.
Ich werde versuchen, diese Aufgabe mit Pferdefachleuten anzugehen. Wenn australische Maremmani oder bulgarische Herdenschutzhunde Llamas oder Pferde beschützen - dann geht das auch hier, mit entsprechender Geduld. Schon die Welpen - und das ist das Problem - müssten an Herden mitsamt Fohlen gewöhnt werden und umgekehrt. Ein Experiment. Es wäre aber wertvoll. Ein Kompromiss: eine Art Korridor zwischen Koppeln und Grenze des Grundstücks einräumen, damit die Hunde darin patroullieren können. Aber wer „schenkt" gern Weidefläche dafür her?
Anregungen sind willkommen! Ich meine, die Aufgabe lohnt sich nicht nur für wertvolle Zuchtpferde. Auch die Herdenschutzhunde hätten eine neue, artgerechte Aufgabe. Denn die Übergriffe perverser Psychopathen auf Pferde bleiben uns vermutlich leider erhalten. Die andere, die ursprüngliche Aufgabe, wie bei den Pyrenäenberghunden beschrieben, dürfte die Ausnahme darstellen.
Einseitigkeit sollten ausgerechnet Menschen den vielseitigen Hunden nicht vorwerfen, auch niche jenen, die zu vorschnell als Spezialisten abgestempelt werden. Herdenschutzhunde - aber nur mit besonderer Prägung auf Menschen - arbeiten auch als Behinderten-, bei einer bayrischen Trainerin auch als Blindenführhund. Es sind aber zweifellos Ausnahmen, aber es gibt sie eben. Die Fähigkeit ist vorhanden.
Dies gilt aber für jede Ausbildung mit Hunden: Talente müssen immer vom Menschen geweckt werden, denn er will ja was Besonderes von den Hunden und nicht umgekehrt.
Gute Aussichten: WWF Schweiz startete Pilotprojekt mit Herdenschutzhunden
Das Projekt „WWF Herdenschutz Graubünden" wird mindestens drei Jahre dauern. Der Wolf wird bald einmal im Kanton Graubünden auftauchen. Auch einzelne Luchsbeobachtungen wurden bereits gemacht. Deshalb müssen Schutzmassnahmen für Schafherden entwickelt und erste Erfahrungen gesammelt werden. Der WWF hilft mit, Lösungen zu erarbeiten. Schafhalter und interessierte Kreise werden über den Verlauf des Projektes informiert.
Auch die Erfahrungen von Jean-Marc Landry werden ins Bündner Projekt einfliessen. Landry arbeitet im Auftrag des Buwal bereits seit einigen Jahren im Unterwallis mit Herdenschutzhunden.
Herdenschutzhunde, wie sie schon vor Tausenden von Jahren gezüchtet und eingesetzt wurden, sind keine Jäger, aber auch keine ausgesprochenen Kämpfer. Herdenschutzhunde müssen aufmerksam und wachsam sein. Sie müssen ruhig bei den Schafen bleiben. Der erwachsene Herdenschutzhund soll sich sozial in die Schafherde integrieren. Er ist imposant und gross genug, um Grossraubtiere abzuschrecken - und wenn nötig, auch konsequent abzuwehren.
Der Mastín Español Noel, am 18. April 2000 in Nordspanien geboren, ist mit elf Wochen im idealen Alter (zum Zeitpunkt des Berichts), um sich mit den Schafen zu sozialisieren. Schafzüchter Rico Clopath, auf dessen Weide sich Noel seit zwei Wochen einlebt, bescheinigt Noel einen ausgesprochen ruhigen und ausgeglichenen Charakter: „Vom ersten Tag an suchte Noel den Kontakt zu den Schafen und nicht zu mir."
Rico Clopath will mit der Teilnehme am Pilotprojekt mithelfen, Konflikte zwischen Grossraubtieren und Kleinvieh zu verkleinern: „Vielleicht sind es einmal meine Herdenschutzhunde, die im Kanton Graubünden Wolf und Luchs von den Schafen abhalten." Rico Clopath möchte Herdenschutzhunde züchten. Der WWF wird ihn dabei unterstützen. Projektleiter Manuel Barandun vom WWF Graubünden ist überzeugt, dass Rico Clopath für die Erziehung von Noel das nötige Fingerspitzengefühl aufbringt und dem Projekt einen guten Start ermöglicht.
Für Doris Calegari, Projektleiterin Grossraubtiere beim WWF Schweiz, ist das Projekt „WWF Herdenschutz Graubünden" ein wichtiger Schritt im Bestreben, Nutztiere vor Grossraubtieren zu schützen: Wer Schafe liebt, schützt sie - Schutzmassnahmen müssen heute erprobt werden. Dazu braucht es die Initiative von interessierten Schafzüchtern, die der WWF aktiv unterstützt. Ein Zusammenleben von Menschen, Nutztieren, Wild und Grossraubtieren ist auch in der Schweiz längerfristig möglich. Der WWF hofft, dass schon bald weitere Herdenschutzhunde in Graubünden eingesetzt werden können.
hundezeitung.de wird an diesem Projekt mitarbeiten und über den Fortlauf weiter berichten.
©Rainer Brinks 2000
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