Patiala. Der weltreisende Do-Khyi
Eine dreiteilige Vorweihnachtsgeschichte über einen Do-Khyi (falsch als Tibet-Mastiff oder -Dogge bezeichnet) aus den 30er Jahren, erzählt von C. Visser-t`Hoofd. Mit freundlicher Genehmigung des Do-Khyi Club Schweiz.
Bemerkung des Autors, der sich vorab entschuldigt, zu dieser wunderbaren Geschichte eine Bemerkung abzugeben - aber diese Geschichte ist eben so lang wie erzählenswert. Gerade in diesem hektischen Medium Internet. Eine dieser Beweise für die Beziehung zwischen Mensch und Hund.
Wer eine ähnliche Geschichte zu erzählen weiss, nicht so lang wie diese
märchen- und zauberhafte, der möge sie hier weitererzählen. Wiewohl diese Geschichte des Niederländers einzigartig bleiben dürfte. Es ist ein Geheimnis des Verständnisses. Der Erzähler schreibt wenig über sich, aber viel über seinen Hund. Also doch auch über sich? Die Macher dieser Homepage gestehen gerne, dass sie von Patialas Geschichte angefressen waren.
Niemand weiss, wo und wann er geboren wurde. Aus den fernen Bergen Tibets war er mit einigen Leidensgenossen in die schwüle Hitze von British-Indien gebracht worden, wo er einen Platz im berühmten Zwinger des Maharadschas von Patiala fand.
Hier trafen wir ihn das erste Mal; der einzige Ruhige, Würdige zwischen den
anderen Do-Khyi, die uns kläffend und aggressiv begrüssten. „Ein sehr liebes,
vertrauenswürdiges Tier" war das Urteil seines Wächters. Nicht, dass er zu seinem Wächter eine persönliche Bindung hatte. O nein, dieser ruhige, grosse Hund schaute sich ein wenig um, scheinbar unbeeindruckt von seiner Umgebung und der Zukunft, die seiner wartete. Als der Fürst sah, wie meine Frau und ich von diesem prächtigen Tier angezogen wurden, bot er uns ihn als Geschenk an, welches wir mit grosser Dankbarkeit annahmen.
Auch darüber zeigte sich der Do-Khyi vollständig unberührt. Vermutlich hatte er nie ein echtes „Herrchen" gehabt, so ein Herrchen, welches ihn liebte, versorgte, Lieb und Leid mit ihm teilte, und wenn es darauf ankam, eher an den Hund als an sich dachte. In unserem Zimmer im Palast wurde er zum ersten Mal gestreichelt, ohne dass er begriff, was es bedeutete, denn in seiner Heimat werden Hunde nicht
gestreichelt. Dort müssen sie ein Haus, ein Zelt oder eine Herde Schafe bewachen und bekamen meistens mit anderen Hunden als Belohnung etwas zu essen vorgeworfen.
Als er dann also eine Hand über seinen Kopf streicheln fühlte, bog er ihn zurück, stand auf, suchte sich einen anderen Platz und hoffte, dass man ihn in Ruhe liess.
Seinen Namen? Gewöhnlich haben Hunde in Tibet keinen Namen. Ein Hund ist ein Hund, mehr nicht. So geschah es, dass, als meine Frau den Maharadscha nach einem Namen für unseren neuen Reisegefährten frug, der Fürst antwortete: „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich es sehr nett finden, dass er meinen Namen als Erinnerung an mich und mein Land trägt." Von diesem Augenblick an (Anfang 1925) wurde der Hund Patiala genannt.
Unter diesem Namen solle er mit uns in die weite Welt ziehen, in die unbekannten Teile Zentralasiens, nach Chniesisch-Turkistan, Nepal und Sikkim, China, Japan und den Philippinen, Niederländisch-Antillen; nach den Niederlanden, Deutschland, Schweden, Finnland und Norwegen, nach Algier und Ägypten und wo sonst noch auf der Welt.
Patiala gewöhnte sich nur langsam an seine neuen Besitzer. Einmal, in Lahore, kurz nachdem er zu uns kam, riss er sich los und rannte weg. Wohin? Er wusste es selbst nicht. Er wollte wahrscheinlich aus der Hitze Indiens zurück in sein Land. Der Zufall wollte es, dass er direkt in einen Zoo lief. Da fand ich ihn unbeweglich sitzend, ängstlich umher starrend nach den Löwen, den Tigern und den anderen für ihn so wunderlichen Tieren. Als ich dann zu ihm kam, zeigte er sich das erste Mal erfreut, mich zu sehen, das er sich dadurch gegen die ihn umringenden Gefahren beschützt fühlte. Von diesem Moment an waren wir Freunde. Von da an begann für Patiala ein neues Leben.
Er sass zum ersten Mal in einem Auto und wurde reisekrank. Er zog mit und nach Kaschmir, fuhr in einem Boot über das Meer, reiste weiter mit uns über den Himalaya nach Karakorum, in die Fürstentümer von Aunza und Nager. Das waren schwere Tage für Patiala. Lange Tagesmärsche durch Täler und weite Märsche über hohe Pässe mit Eis und Schnee. Da schwomm er und mühte sich durch Flüsse und Bergbäche, kämpfte gegen die Macht des Wassers; da klammerte er, festgebunden an einem Seil, steile Wände entlang, wo er mit seinen Krallen krampfhaft Halt suchte; da zog er tage-, wochenlang über Gletscher und folgte uns wie ein perfekter Alpinist mit äusserster Vorsicht in der Spur, die Franz Lochmatter ins harte Eis schlug. Er erreichte Höhen von 6 000 Metern, wo er einen Sturm über sich ergehen liess. Aber auch bei schärfstem Frost sprang er durch den Neuschnee und frass in seinem Übermut grosse Mengen davon.
Dann lag er nach schwerer Arbeit ruhig vor dem Zelt meiner Frau, scheinbar schlafend, aber in Wirklichkeit äusserst wachsam. Wagte sich einer der Träger zu dicht an das Zelt, erklang seine schwere, tiefe Stimme, meistens jedoch nur einmal. Diese eine Warnung reichte vollkommen.
Langsam wuchs die Anhänglichkeit Patialas an uns, ohne dass dies äusserlich festzustellen war. Patiala hatte in seiner Heimat nie gelernt, Freude oder Leid zu zeigen. Er wusste selbst nicht, was heulen und winseln war, und er kannte kaum das Schwanzwedeln. Er begriff nicht, dass ein Hund, der sich freute, seinen Besitzer ansprang. Er schaute und nur mit seinen schönen, hellen Augen lang und tief an. In diesem Blick konnte er dann all seine Gefühle legen, die wir vollständig begriffen.
Allein einige wenige Male konnte Patiala sich nicht mehr beherrschen und verriet uns etwas von seinem starken Gefühlsleben, welches er gewöhnlich in seinem tiefsten Innersten für sich bewahrte. So mussten wir einmal den breiten, tiefen Shangtal-Fluss überqueren. Dazu benutzten wir ein Kabel, welches beide Ufer miteinander verband. An einem hölzernen Ring hängend wurden wir mit dem Reserveseil über den tobenden, brausenden Fluss gezogen.
Dann kam Patiala an die Reihe. Ohne jeglichen Widerstand, offensichtlich ohne jegliche Furcht, liess er sich in einen Sack binden, wo allein sein wunderschöner Kopf noch herausguckte, und im vollsten Vertrauen auf uns sah er dieser Reise entgegen, die uns selbst in unangenehme Situationen brachte und nicht ungefährlich war. Patiala rührte sich in seinem Sack keinen Millimeter, aber dass er sich über die Gefahr im Klaren war, zeigte sich kurz danach, als meine Frau an dem hölzernen Ring über den Fluss gezogen wurde. Mit seinen scharfen Augen hatte er meine Frau erkannt und beobachtete mit Anspannung jede Bewegung meiner Frau, bis sie endlich das sichere Ufer erreicht hatte. Ausgelassen sprang er an ihr hoch, rannte vier-, fünfmal in rasender Fahrt um seine eigene Achse - so wie wir es nannten - seinen tibetanischen Tanz, der ein so seltener Ausdruck seiner grössten Freude war.
Es waren schwierige Tage für Patiala. Manchmal 16 Stunden pro Tag unterwegs, wobei häufig Höhenunterschiede von 2 000 Meter oder mehr überwunden wurden. So kam er häufig wankend an unserem Zeltplatz an, und fiel wie ein Stein in Schlaf. Nach Abschluss dieser Expedition reiste er wieder mit uns per Auto und Zug durch die Hitze Indiens. Er war gegen den Rat des Maharadschas, der uns darauf hinwies, dass kein Do-Khyi, im trockenen Klima von Tibet geboren, meistens zwischen 3 000 und 4 000 Meter Höhe lebend, das warmfeuchte Klima Indiens vertragen konnte.
Dies war auch der Grund, dass diese Hunde in Europa äusserst selten sind und meistens sehr schnell eingingen, so wie es mit den Hunden aus dem Zwinger Patialas geschah. Der Maharadscha hatte uns darum auch geraten, unseren Freund in den Bergen zurückzulassen. Aber Patiala hatte einen Charakterzug, der andern Hunden völlig fehlte: seine unerschütterliche, unvergleichbare Ruhe! Darauf gründeten wir unser Vertrauen. Und tatsächlich haben wir zahllose Schwierigkeiten damit überwunden.
Die langen Autofahrten waren seine grösste Freude. Dann stand er in einer Ecke des Wagens an die Tür gelehnt, den Kopf etwas nach aussen, und eine seiner Pfoten auf unsern Füssen. Das konnten wir ihm auch nicht mehr abgewöhnen. Es schien ihm ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Auf einer solchen Reise entging ihm nichts. Vom Auto aus sah er seine ersten Affen, die ihn in grosse Aufregung versetzten, die ersten Kamele, die ihn wütend machten; auch die ersten Elefanten, die er mit grosser Bewunderung betrachtete und - sogar seinen Schwanz zum Wedeln brachten. Selbst wenn eine solche Fahrt zehn Stunden dauerte, blieb Patiala auf seinem Posten und war bis zur letzten Minute interessiert an allem, was er sah.
Patiala zeigte allerdings auf den Autofahrten eine Eigenart, die uns stark beeindruckte. Im Allgemeinen blieb er gegenüber seinen Artgenossen - mit einer Ausnahme - gleichgültig; wenn nämlich ein Hund es wagte - selbst im Abstand von einigen hundert Metern vor dem Auto den Weg zu überqueren. Dann geriet Patiala so heftig in Rage, dass es unseren grössten Einsatz verlangte, um zu verhindern, dass er aus dem Auto sprang.
Dieselbe Wut überkam ihn auch, wenn ein anderes Tier oder ein Mensch unseren Weg überquerte. In erinnere mich, dass einmal ein grosser Hund mitten auf der Strasse lag, so dass wir beinahe anhalten mussten, Patiala so böse wurde und in die Wagentür biss und deutliche Zeichen seiner Fangzähne hinterliess. Aber wenn der Wagen mit gleichmässiger Fahrt durch die indische Landschaft jagte, der Tacho eine immer grössere Geschwindigkeit anzeigte, drehte Patiala sich mit einem tiefen Seufzer um und schaute direkt in unsere Augen, wobei er nicht den geringsten Zweifel liess, dass er uns nur sagen wollte, wie wunderbar dies alles war.
Auch aus dem Bahnabteil heraus entging ihm nichts. Mit grösster Aufmerksamkeit konnte er, mit seinen Vorderpfoten auf der Fensterbank stehend, während der Fahrt oder bei einem Bahnhofsaufenthalt alles beobachten. Es kam dann vor, dass grosse Menschenmassen in stiller Bewunderung vor unserem Abteil standen und den „Bär" anstarrten, denn ein solches Tier hatten sie in Indien noch nie gesehen. Manchmal fragte ich mich, wer mehr erstaunt über den anderen war: Patiala oder die Menschen.
....hier ist Teil 2
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