Dipl. Tierpsych. light
15. Mai 2003
Studieren kann jeder. Denn das heisst ja ursprünglich nichts anderes als
"lernen, (er)forschen. Sagt das Lexikon zur Etymologie der deutschen Sprache.
Aber dann steht da noch eine Bemerkung, die inzwischen inflationär unterschlagen
wird: "die Hochschule besuchen". Und dann, Achtung, Dipl.Tierpsych.! nicht im
Herkunftswörterbuch weiterlesen, es könnte ja bescheiden machen: "Das seit dem
13. Jahrhundert bezeugte Verb geht auf das lat. studere ‚etwas eifrig betreiben,
sich wissenschaftlich betätigen' zurück."
Das mit dem "eifrig betreiben", das haben sie aber schnell verinnerlicht. Der
Rest ist für die richtigen Akademiker. Die fahren inzwischen auch eher Taxi oder
im Lager des Baumarkts. Das haben sie verdient, die mit ihrem Echtheitswahn.
Dieses "Tierpsychologie studieren" grassiert wie ein Virus, es wird trotz der -
von Staats wegen nachdrücklich verlangten Belehrung des Unterschieds zu einem
Hochschulstudium von Fernakademien oder - instituten - immer häufiger schamlos
öffentlich angezeigt. Im Kleintext rückt dann die wahre Herkunft dieses Titels
nach, immer noch monströs beeindruckend - für Nicht-Echt-Akademiker.
Ein Diplom-Ingenieur, der dafür relativ unlocker mindestens acht Semester
Maschinenbau an einer Hochschule samt Praxis-Semester hinter sich bringt, ist
einfach so was von unclever. Die Diplom-Dolmetscherin etwa, die nur ein paar
Jahre gleich mit mindestens zwei Fremdsprachen exklusive Erfahrung im Ausland
abreisst, die ist doch nur uncool.
Hätten das beide doch billiger haben können, oder? Dipl. light. So lange sie
nicht Dibbel schreiben. Wem bringts denn was? Den Instituten und dem tüchtig
zahlenden Möchtegernstudenten mit anschliessendem feinen - Hauptsache: Diplom.
Der Vergleich ist mal wieder angebracht: "Ich habe 35 Jahre Erfahrung mit
Hunden, ich züchte seit 30 Jahren, ich habe studiert...." Ja, frage man die
Prediger: Und was hast in der Zeit gelernt?
Mir ist ein bescheidener Tierhandwerker mit dem berühmten feinen Händchen
tausend Mal lieber als ein geschwollener Angeber - weibliche Form inklusive.
Der Bescheidene hat schon gelernt, er muss nicht angeben. Und der Bescheidene
wird weiter lernen. Auch ein Unterschied zu denen, die vorgeben müssen.
Der Schlichte beherrscht vermutlich sein Handwerk.
Ich wundere mich, warum so verblüffend viele Frauen diesen Weg einschlagen.
Überwiegend viele möchten mit Tieren arbeiten. Ja, schon. Frau kann es solide
machen oder bequem. "Hundelehrerin oder -trainer" reicht wohl nicht mehr als
deutliche, präzise Tätigkeitsbeschreibung? Nein, offensichtlich nicht mehr.
"Studieren" heisst in allen drei hier angeführten Fällen: zwischen 8 und 15
Monate in einer der vielen Fern-Geschäfte 15 Lektionen (Skripte) lesen und
Fragen beantworten, die von Fachleuten gestellt wurden, die diese Akademie mit
ihrem Informationsmaterial beschicken.
18 Jahre jung, studiert seit Neuestem Tierpsychologie in der Schweiz, im
Fernunterricht. Hat schon in den Schriften geblättert, staunt, was da so alles
steht. Geil! Und dann, nach den paar Monaten, Urkunde in der Hand: nix wie ran
an die Hundekunden. Vorher nicht viel gelernt, und was auch, keine Erfahrung mit
Tieren, aber der Titel, der ist eine Berufschance.
Eine derart geschulte Beraterin schreibt in ihrer Homepage zu ihrer Ausbildung
etwas von einem Hundepsychologie-Gebiet, das mir fremd ist, ich habe keine
Ahnung und nicht den geringsten Hinweis darauf gefunden in meiner Literatur:
"Otrogenese". "Tippfehler" ist die übliche Ausrede, aber das hätte ihr auffallen
müssen. Sie hat was gelernt, das es das gar nicht gibt. Ontogenese (Verlauf der
typischen Entwicklung eines Organismus vom befruchteten Ei bis zum Abschluss von
Wachstum und Differenzierung) oder Odontogenese (Zahnentwicklung) könnte sie
gemeint haben oder Organogenese (Organentwicklung) oder Oogenese (Ei-
Entwicklung) oder... Gute Genesung in der psychologischen Abteilung
Wichtigtuerei.
"Hundeprobleme einfach gelöst" steht in der Überschrift eines kostenlosen
Anzeigeblattes aus der norddeutschen Provinz. Der ahnungslose Text: "Auf die
Idee, sich mit der Psychologie des Hundes zu befassen, kam sie, als ihr
Mischling verhaltensauffällig wurde, nachdem *** sie aus dem Tierheim holte.
‚Ich wollte meinen Hund besser verstehen', sagt sie. Neben dem Studium wurden
noch Seminare zur Tellington-Touch Massage oder dem Thema Clicker besucht."
26 Jahre jung ist sie, hat ein wenig in Tierheimen mitgearbeitet und will nun
"verhaltensauffällige Hunde behandeln", eben "Hundeprobleme einfach lösen".
Eben, kaufmännisch ist das usus: Bisschen Schnickschnack, was die Leute grad so
wollen, von hier was, dort was, was, grade so Mode ist. Muss man im Programm
haben. Kommen doch immer aktuell neue Super-Methoden auf den Kynopädagogenmarkt.
Und fertig ist die moderne - ja was? Die Basics, so würden die zum elementaren
biologischen, spezielle kynologischen Grundwissen modisch sagen, das haben sie
nicht gelernt. Körper- und Lautsprache, viele Hundetypen in vielen Situationen,
andere Tiere gar, oder - noch schöner, aber fast das Wichtigste -
Humanpsychologie, puh, das wurde nicht gelehrt. Denn die Probleme haben doch die
Hunde, nicht wahr? Lässt sich super verkaufen. Der Begriff "Problemhunde" ist
allein schon ein hirnloser Verrat an Hunden, weil eine falsche Schuldzuweisung.
Oder eine bewusst zynische Verbeugung an die schein-eilige Gedankenlosigkeit
samt Faulheit.
Damit das auch klar ist: Es gibt auch - wenige - solide Fernakademien. Das
"studieren" dauert aber viel länger, und kostet auch mehr. Wer auf dem zweiten
Tierbildungsweg weiterlernen will, kann das auch mit einem soliden Institut, und
sich in wirklich wirkungsvollen Bereichen wie etwa Akupunktur oder wirklicher
Naturmedizin weiterbilden. Oder bei einem Tierarzt, oder bei Biologen oder
Zoologen, auf einem Gestüt oder bei mehreren anderen Tier-Praktikern. Sogar
Tierheilpraktikern. Oder den noch seltenen Weg der Tier-Physiotherapeutin, die
erst über den Lehrberuf der Human-Physiotherapie auf den Hund gekommen ist und
sich dann als Tier-Physiotherapeutin selbstständig machen konnte. Sie hat ihren
Beruf akribisch erlernt und erfahren, das geht eben nicht in 15 Monaten.
Wen Human-Psychologie, Tier-Ethologie, Veterinärmedizin und übergreifende
Wissenschaften interessieren, kann sich mindestens ebenso gut, aber ganz
altmodisch mit Fachbüchern von Autoritäten informieren, die sind sogar billiger
als ein Fernstudium. Leider ohne Diplom.
Es gibt in jedem Bereich gute und schlechte. Mir sagen jedoch gerade seriöse
Tierheilpraktiker, dass sie erst nach dem "Studium" mit wirklich fundierten
Leuten gelernt hätten. Vorher hätten sie sich nicht getraut, mit diesem dünnen
"Diplom"-Wissen an Tieren herumzutherapieren. Sie haben sich das teuer bezahlte
Wissen durch relativierende Praxis noch mal erkauft.
Warum sich über solche Wichtigtuer/innen aufregen, wo doch jeder auf den Putz
haut, dass die Fassadenfarbe blättert?
Weil wir schon genug Neurosen gerade auf Hunde aufgedrängt haben. Die Hunde
verdienen Schutz vor jedem Ahnungs- und Erfahrungslosen, der glaubt, an dem Tier
rummachen zu müssen. Es reicht mit der Ahnungslosigkeit schon bei den Haltern,
aber auch die gilt es vor Scharlatanerie zu schützen.
Bei solchen fast üblichen Angaben schiesst erfahrenen Nur-Hundelehrer schon mal
das Wasser in die Augen. Nicht vor Neid um das bisschen Theorie, die sie sich
vermutlich umfangreicher, kritischer, moderner und vielseitiger, dafür fast
kostenlos aus dem Internet holen könnten. Nur vor Wut, nicht so auf die Büsche
hauen zu können wie diese jungen unerfahrenen Dinger, die dann flugs
verhaltensauffällige Hunde therapieren. Die dann alle Probleme lösen wie ein
Haushalts-Universal-Putzmittel. Ist doch bequem. Für alle Beteiligten. Bloss
nicht für das Opfer, den Hund.
Diese Angebereien (die Titel sind das Papier nicht wert, sie sind nicht
anerkannt) graben den vielleicht solide, aber bescheiden auftretenden Normal-
Hundeschulen nicht nur das Wasser ab, es ist schlimmer: sie behandeln Hunde so,
dass sie dann meist noch verdorbener sind als vorher. Dann kommen die durch
diese Angebertitel verblendeten Hundehalter wieder zurück, und der alte
Hundelehrer war dann vielleicht doch nicht so schlecht, leider halt ohne
"Titel".
Ich weiss nicht, was jüngst dazu führt, dass sich so viele Titelinnen mit dem
15-Monate-Bezugsschein (mehr ist nicht drin) dazu berufen fühlen, sich an Hunden
zu vergreifen, das sie ohne die wenigen Leseübungen besser bei souveränen
Lehrern oder gar mit Fachkunde (Biologie, Psychologie, Zoologie, Tiermedizin,
Ethologie) verbracht hätten.
Es ist der verbreitete und durch eine dubiose Gesetzgebung durchlässige Hang,
fehlende praktische Kenntnisse an vielen Orten und Bereichen oder gar nicht
mögliches Universitäts-Studium durch diese Vortäuschungen zu kompensieren.
"Tierpsychologin" ist kein Berufstitel. Was kann sie, wenn man mal dahinter
schaut, was sie wirklich lernen, besser als ein wirklich vielseitig erfahrener
und sich weiterbildender Hundelehrer? Es sind interessanterweise vielfach nur
Frauen, die sich mit diesen Titeln schmücken. Sie müssen im übrigen deshalb gar
nicht schlechter sein als die Altvorderen. Aber war um dann diesen Titelschmuck,
den einem nur Ahnungslose oder ähnlich Denkende abnehmen? Weil die Leute
reihenweise drauf reinfallen. Weil die konservativen Hundeschulen ihre
Lehrmethoden nicht modernisieren. Weil hier statt eines soliden Tierberufs
(gemäss dem anerkannten Lehrberuf Pferdewirt, oder Tierpfleger mit der
Ausbildung unter einem Biologen, Zoologen oder Tiermediziner - neben den
erlernbaren, wirklich studierbaren an einer Universität) der billig zu
erhaschende Anschein einer Professionalität vorgetäuscht wird. Diese Diplome
kann man sich selber farbdrucken.
Diese Akademien sind nicht schuld, sie halten sich an die bestehenden Gesetze.
Sie bieten nur, was die Leute wollen. Jene Akademie schreibt ausdrücklich,
gerade beim Lehrfach Tierpsychologie, dass dies kein "staatlich anerkannter
Abschluss" ist. Mit dieser Abgrenzung gehen aber ihre Kunden sehr nachlässig um.
Und das weiss die Akademie auch, aber ihre "Studenten" sind zahlende Kunden.
Hier ist Nachholbedarf (etwa als Verbraucherschutz) bei jenen angesagt, die sich
mit Berufstiteln schmücken, wohlwissend, dass dies ihre Kunden nicht
verifizieren können. Auch ein Dipl. Ing., der nicht an einer Universität
studierte, sondern an einer staatlich anerkannten Fachhochschule, muss nach
seinem staatlich anerkannten Abschluss den Zusatz (FH) dahinter führen. Gegen
diese hier gemeinten Diplome sind aber jene unvergleichlich intensivere und
qualitativ höherwertige Diplome aus dem Hochschul- und Fachhochschulbereich zu
schützen.
Die meisten dieser Diplom-Tierpsychologen und -Innen ersetzen oft nur einen
frommen Wunsch, mit Tierarbeit auch Geld zu verdienen und eine erfolglose
Tätigkeit als unterer Charge im Nicht-Tierbereich.
Wie ist das noch zu toppen? Durch die von mir neulich auf dem Prospekt einer
"Hundeschule ...", entdeckte Bezeichnung "Privat Diplom Tierpsychologie".
Diese Art Psychologie gilt wohl besser nur für den privaten Gebrauch. Da werden
sie auch geholfen mit - Zitat aus dem Prospekt: "Problemhundeberatung/-
training".
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf
Ihr
Rainer Brinks
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