Endlich hatten wir die Voraussetzung für eine optimale Hundehaltung geschaffen und so standen wir nun im Tierheim. Eine Rasselbande von neun sechzehn Wochen alten Welpen hatte es uns angetan. Welpen von einer Rumänienhündin, aber hier in Deutschland geboren. Ob man sähe, was an Hund alles da drin sei, war unsere Frage. Vom Aussehen hätte sich da wohl ein Airedale-Terrier durchgesetzt, war die Antwort.
Drei mal gemeinsames Spazierengehen, Besuch vom Tierheim und Susie durfte in ihr neues Zuhause einziehen. Sie entpuppte sich als neugieriger, ängstlicher aber liebenswerter und fröhlicher Hund, der sich sofort unaufdringlich, fast problemlos und ewig hungrig (sie war sehr unter gewichtig) an seinen Menschen orientierte.
Wir hatten vorsichtshalber gleich nach Übernahme einen Termin beim Tierarzt ausgemacht, den wir schon seit längerem kannten. So zum Anschauen, Abchecken, Impfen und was alles von medizinischer Seite zu beachten wäre. Eine Stuhlprobe sollten wir mitbringen.
Entgegen der Versicherung des Tierheims, Susie wäre gesund, sie war es nicht: Zweitimpfung zu weit überschritten, Ohrmilben und Würmer.
Nach zwei Wochen irritierte uns Susie durch häufiges Kratzen, vor allem am Hals und durch einen strengen Geruch, den wir auf die Tierheimhaltung zurückführten und der trotz Baden nicht wegging. Flöhe fanden wir nicht. Also noch mal Tierarzt:
Tatsächlich keine Flöhe, aber eine leicht fettige Haut mit ranzigem Geruch. Anruf des Tierarztes im Tierheim, ein ehemaliger Azubi von ihm arbeitete dort: Was denn im Tierheim los wäre? Ja, im Augenblick hätten sie enorm Probleme mit Milben, war die Antwort.
Susie bekam zunächst eine leichte Kortisonspritze, Antibiotika und eine antiseptische/antiallergische Waschlotion für zu Hause. Der Tierarzt meinte, es wäre möglicherweise Seborrhoe. Wenn die Medikamente nicht helfen würden, müsse man an eine (Futtermittel)-Allergie und schlechtestenfalls an Demodexmilben denken.
Lag Susie normalerweise unter meinem Schreibtisch, fiel mir zwei Tage später während meiner Arbeit auf, sie war fort. Ich schaute nach ihr, rief sie, null Reaktion. Ich suchte, rief nach ihr, nichts. So langsam in Panik suchte ich weiter, da entdeckte ich sie in einer dunklen kühlen Ecke, in die sie sich verkrochen hatte. Die Wände waren blutgesprenkelt, der Fußboden blutig. Sie hatte sich am Hals Fell und Haut bis aufs Fleisch handtellergroß aufgekratzt und wollte gerade weiter kratzen.
Ich packte Susie ins Auto und ab zum TA. Er machte einen Blutabstrich, Demodexmilben haufenweise. Wieder Anruf beim Tierheim, ja, bei dem Wurf wären seit einer Woche Demodex-Milben mirkoskopisch gesichert. Der Wurf würde mit einem neuen Medikament, aus den USA importiert, eigentlich gegen Herzwürmer wirksam, behandelt. Alle waren in Behandlung außer Susie. Sie war aber auch der einzige Hund aus dem Wurf, der nun nicht mehr beim Tierheimarzt in Behandlung war.
Susie bekam zunächst alle drei, dann alle fünf Tage, später wöchentlich Ivermectin-Spritzen, ca. sechzehn Wochen lang, dazu Antibiotika und Aloe Vera Saft zur inneren Unterstützung. Amitraz wollte der Tierarzt noch nicht einsetzen, weil er den jetzigen Chemiecocktail bei einem Hund von knapp zwanzig Wochen schon über grenzwertig ansah.
Jeden Abend musste die Wunde, die sich nach noch einem Tag vergrößert hatte bzw. der ganze Hund gründlich gebadet und mit Aloe Vera Shampoo einshampooniert werden. Die Krusten sollten sich lösen.
Susie durfte sich nicht kratzen. Der Tierarzt empfahl zu versuchen, Susie in einen Ärmel von ausrangiertem Sweat-Shirt zu kleiden, ohne das dieser anliegt, besser wäre jedoch eine Halskrause.
Tagsüber, wenn ich konzentriert arbeiten musste, trug Susie nun einen Sweat-Shirt-Ärmel, um die Wunde vor Kratzattacken kurzfristig, bzw. bis ich regieren konnte, zu schützen. Sicherheitshalber band ich eine leichte lange Kordel am Halsband und an meinem Knöchel fest, um ja mitzubekommen, falls sie sich zum Kratzen verdünnisieren wollte.
Wie fast erwartet, eiterte die Wunde und der Sweat-Shirt-Ärmel klebte an der Wunde. Der Sweat-Shirt-Ärmel wurde weggelassen. Das hieß für mich: Aufpassen und immer ein Auge und Ohr am Hund.
Nachts, tja, da blieb wirklich wohl nur die Halskrause übrig. Sie ließ sich das Teil ohne Widerstreben anlegen und ging damit auf ihre Kissen. Kurz nach dem Einschlafen wachten wir wieder auf. Susie wanderte mit der Krause umher, stieß überall orientierungslos an und kratze die Halskrause. Weder sie noch wir fanden Ruhe.
Kurzerhand schnappte ich meine Decke und Kissen und bezog mein Lager neben Susies Kissen. Halskrause ab und in jede Hand zwei Pfoten. Die Pfoten habe ich die nächsten zehn Nächte, bis ich mir sicher war, der Juckreiz ist im Griff, nicht mehr losgelassen.
Nach ungefähr zwölf Wochen schien Susie geheilt und sah aus wie nichts geschehen, nach weiteren drei Wochen wurde die Therapie beendet.
Weitere zirka sechs Wochen später waren Susie und ich bei einem Lieferanten. Anstatt wie sonst alle freudig alle zu begrüßen, nach den neuen Vesperverstecken zu suchen und sich mal richtig durchkraulen zu lassen, lag Susie sehr schnell wieder neben mir und leckte sich ausgiebig eine Stelle am hinteren Rücken. Sie ließ sich von mir auch nicht dauerhaft von ihrem Tun abhalten. Ich schaute mir die Stelle genauer an, das Fell war dort schütter. Plötzlich trat punktweise Blut aus.
So kurz vor Mittag hätte ich es eh nicht mehr zum Tierarzt geschafft und hatte ich mich gleich für den Nachmittag angemeldet.
Wir liefen unsere große Mittagsrunde, kein Lecken mehr. Susie machte auch einen recht munteren Eindruck. Wir gingen zurück ins Büro, bis zur Sprechstunde. Susie schlief neben mir tief und fest. Irgendwann war sie unbemerkt weg. Ich rief, nichts. Ich suchte, nichts. Ich fand Susie nicht. Auch die Ecke, in der sie sich das letzte Mal verkrochen hatte, war verwaist. Die Türen nach außen waren alle zu. Langsam bekam ich Panik, suchte und rief, rief und suchte. Nach etlicher Zeit fand ich sie im dunklen Maschinenraum der Werkstatt unter einem Regal, völlig apathisch, flächig blutend an mehren Stellen am Kopf, aber vor allem am Rücken, vor allem auch an der Stelle, die sie zuvor intensiv geleckt hat.
Ins Auto und zum Tierarzt: Demodexmilben. Ivermectin-Spritze, Antibiotika.
Am zweiten Tag war noch immer keine Wirkung zu verzeichnen. Es war schlimmer geworden, neue Stellen am Hals waren dazu gekommen. Susie war nur noch apathisch und wollte auch nichts fressen. Wieder zum Tierarzt. Für mich persönlich war es der letzte Gang.
Diese fragenden/dunklen Augen, die mich während der Fahrt von der Beifahrerseite permanent freundlich/hilflos anschauten, diesen Blick werde ich wohl niemals vergessen. Trotz aller Vorsätze hatte ich ziemlich Probleme meine Fassung zu bewahren.
Beim Tierarzt, den liebt sie nach wie vor „über alles“, zeigte sie sich ein bisschen munterer. Also ist doch noch nicht Schluss? Nein, sagte er. Das ist nicht soweit. Immunaufbau-, Antibiotika- und Ivermectinspritze, nun auch Waschungen mit Amitraz lokal.
Susie wurde auch Blut abgenommen, um zu sehen in wie weit die bisherigen Medikamente ihre Spuren hinterlassen hatten bzw. auch ob eine erneute Therapie mehr schaden wie nützen würde.
Nach weiteren zwei Tagen war endlich eine leichte Besserung erkennbar. Die Blutwerte waren im grünen Bereich.
Ivermectin wurde zunächst wieder jeden dritten Tag, dann ausschleichend bis zuletzt alle vierzehn Tage, die Immunaufbauspritze drei Wochen lang, jeden dritten Tag gespritzt. Amitraz-Waschungen kamen zunächst alle drei Tage, später wöchentlich zur Anwendung.
Anfangs wurde Susie auch wieder jeden Tag einshampooniert, um die Verkrustungen zu lösen. Um nächtliche Kratzattacken zu verhindern, hatte ich wie zuvor auch, für zehn Tage mein Lager neben ihr auf dem Fußboden aufgeschlagen.
Die Behandlung dauerte knapp 5 Monate.
Für die nächsten 3 ½ Jahre gaben die Demodexmilben Ruhe.
Fortsetzung folgt....


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