• Die bissige Heuchelei

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    Geht es Ihnen nicht auch so wie mir: Allein das Thema Kampfhunde widert an. Jeden Tag gib uns den Krampf um Kampfhunde? Ist dies das neue verbissene Sommerlochthema? Haben die Medien und die Politiker in heil- wie oft ahnungsloser Allianz nichts Wichtigeres anzupacken? Als ob die Hundewelt nur noch aus diesem Thema bestünde. Und nun bricht die Hysterie aus. Alle haben ein Urteil auf den spitzen Lippen. Inzwischen glaube auch ich an eine Medienhetze gegen Rassen. Denn zu schlecht sind die Schauergeschichten recherchiert. Zu viele schreiben von einander ab. Ich wüsste nicht, dass Politiker, die jetzt auf den Kampfhund gekommen sind, sich vorher etwa um tiergerechte Hundehaltung nach dem Tierschutzgesetz gekümmert hätten oder dazu aufgefordert hätten, das Gesetz auch bei betroffenen Hundehaltern anzuwenden. Seit 1998 könnte das Tierschutzgesetz auch gegen Aggressionszuchten angewendet werden. Warum tut dies niemand?



    Die staatlich angeordnete Ausmerzung der gefahren-relevanten Bullterrier-Varietäten, als „Kampfhunde" nun in aller unkenntlicher Munde, begann schon vor Jahren, als einige Züchter und Halter eben von der kriminellen Sorte waren, die solche und keine anderen Hunde für ihre asozialen Zwecke missbrauchten. Dem hätte die ganze Fan-Gemeinde, darunter natürlich auch seriöse Züchter und Halter, begegnen können, wenn sie beizeiten begonnen hätten, ihre Hunde als - sagen wir mal konträre Imagemassnahme - zu Rettungs- oder Behindertenhilfshunden auszubilden.


    Warum haben sie es - bis auf vermutlich wenige Ausnahmen - nicht getan? Warum haben vermutlich diese Spezialausbilder auf solche Hunde verzichtet? Weil sie dafür nicht geeignet waren aufgrund ihrer angezüchteten „Qualitäten"? Mal ganz abgesehen davon, dass sich ein von einer Lawine Verschütteter zu Tode erschreckte, hätte ihn ein (rettender) Kampfhund angeschaut.


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    Die treffende und demaskierende Frage ist: Warum wollen manche Leute genau solche Abschreck-Images (dazu zählen auch Dobermann und Rottweiler und manche Molosser, den Schäferhund fürchtet schon lange niemand mehr) als Hunde? Diese und keine anderen? Warum müssen Hunde auf Menschenbeissen trainiert werden? Die Halter und Ausbilder haben auch hier die Wahl zwischen so genanntem Schutzhunde- und humanerer Fährtenhunde-Ausbildung, Menschenrettung sollte das höchste Ausbildungsziel. Menschenfreudlichkeit genügte dabei in den meisten Fällen. Polizeihunde-Profis gehen inzwischen vom Beisstraining ab. Weshalb sind Privathundehalter so scharf darauf, dass ihr Hund das - wie auch immer kontrollierte - Beissen an maskierten Menschen (Figuranten) lernt? Damit er es im Fall der Fälle auch wirklich tut, wie gespielt. Profis wissen jedoch: Aussen Schutzhund, innen Angsthase. Was führt Menschen dazu, Hunde beisstüchtig zu machen? Es gibt menschenfreundliche Ausbildungs-Alternativen. Warum wählen sie diese nicht? Warum verzichten sie nicht auf das Beisstraining? Sie wollen - aus welchen Motiven auch immer - dieses abschreckende Image, mindestens. Das ist das Motiv.



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    Wenn nun nach der pauschalen Attacke gegen alle Halter und Hunde dieser Coleur genau die Betroffenen aufheulen, und ihre Hunde plötzlich als irre kinderlieb und familienfreundlich dargestellt werden, so war ihnen dieses „liebe" Image vor der Kampfansage gegen die gehäuften Auswüchse peinlich. Oft höre ich als Kaufmotiv von Bullterrier-Besitzern: ja, aber er ist doch so herrlich kompakt. Gegenfrage: Ist dies zum Beispiel ein gleichgrosser Mittelschnauzer nicht auch? Was bleibt? Das abschreckende Image. Das ist die Heuchelei.


    Die gilt auch für unbiologische, aber dafür einträgliche Verkaufsargumente bei anderen Rassen wie Retriever. Als ob andere Hunde nicht auch kinderlieb und familientauglich sein können, als ob Retriever nicht auch Menschen beissen würden. Was waren missbrauchte und misshandelte Hunde vor dem hysterischen Theater um „Kampfhunde"?


    Die dumpfe Pauschalierung mithilfe schlecht recherchierender Medien (ist ja auch ein schön
    gruseliger Verkaufshelfer) verhilft nun jedem Hundehasser dazu, jeden Hund, der vom Hörensagen gebissen habe, mit dem Finger als einen Kampfhund zu zeigen. Der Finger weist auf den Verurteiler zurück. Und wen trifft es am Ende? Immer den Unschuldigen. Den Hund. Er wandert bestensfalls ins Tierheim. Missverstanden, missbraucht und - weg damit.


    Weshalb verbeissen sich gerade die Besitzer der betroffenen Hunde schlimmer wie Kampfhunde, nach dem mittelalterlichen Motto: Der Überbringer der schlechten Botschaft ist schuld. Die Medien mögen übertreiben oder Fehler machen, aber sie erfinden die Vorfälle nicht. Was bleibt als Motiv für diesen hundsgemeinen Aktionismus?


    Die einzelnen schrecklichen Vorkommnisse und ihre Wirkung durch Falschinformationen. Es sind immer Einzelfälle. Und jeder hat seine Ursache. Die Bandbreite an Ursachen ist so vielfältig wie die menschlichen Charaktere, die den Hund zu dem machen, was sein Herr befiehlt.
    Die Reizüberflutung in unseren Städten ist hundefeindlich. Also sollte der Hundefreund in solchen Situationen vor allem auf Hunde verzichten, die niedrige Reizschwellen angezüchtet bekommen haben oder vom Typ her dazu prädestiniert sind. Ich kenne Bullterrier, die sehr Nervenstark sind. Eine mir bekannte Hündin würde ich zum Abschluss meines Angst-Abbau-Seminars für Hundephobiker als Aufbau-Beispiel benutzen.


    Hunde verraten mir viel durch ihre ehrliche und vielfältige Körpersprache. Menschen können diese deutlichen Zeichen nicht mehr lesen. Sie sind körpersprachlich verarmt. Wenn ich Vorfälle mit Hunden untersuchte, gingen in vielen Fällen Aggressionen des Halters voraus, und dabei oft durch Alkohol beeinflusst. Diese Eindrücke übertragen betroffene Hunde dann auf ähnliche Konfigurationen.


    Nie veröffentlichten die Medien so konzentriert wie konzertiert über Vorfälle wie in den letzten Wochen. Eine sensationslüsterne Kettenreaktion. Dabei wurde niemand getötet wie etwa bei Verkehrsunfällen. Da stimmt die Verhältnismässigkeit nicht. Aber es entsteht ein Zerrbild. Gewollt oder noch nachgeplappert. Was ist das Motiv, das hier befriedigt wird? Eine wolllüstige Sonderform unterschwelliger Sexualität. Sie staunen? Beispiel aus der Sexualforschung: Warum sieht sich jemand Horrorfilme an, obwohl er weiss, dass er sich hernach im warmen Bett schaudert? Manche Medien schüren diese Horrorgemälde, damit sie Aufmerksamkeit erregen. Ergebnis: Angst und Hass auf Hunde werden grösser als sie es schon sind. Ausgerechnet das anhänglichste Haustier des Menschen gerät nun in die Schusslinie. Undank ist des Menschen Lohn.



    Rainer Brinks, Juni 2000