Kooperative Tests
Zeitgemässe Alternativen für Begleit- und Schutzhunde-Prüfungen
Die meisten Prüfungen entstammen dem Militärbereich, denn für diese Zwecke wurden früher Pferde und Hunde dressiert. Und so sind manche Prüfungsvorschriften heute noch. Das hat mit den Erkenntnissen der modernen Verhaltensforschung und zivilen Anforderungen nichts mehr zu tun. Nicht ohne Grund findet man Hundehalter der anspruchsvolleren Schichten nicht auf Schutzhundeplätzen.
Die Schutzhunde-Ausbildung ist ebenfalls aus vielen Gründen überholt. Einerseits werden noch viele alte militante Zöpfe gepflegt, andererseits der Hund irregeführt. Warum soll der Hund, der soeben einen Figuranten nicht nur gestellt, sondern auch gebissen hat, dieses „Feind" dann wieder „verabschieden"? Die Praxis (auch in Nachtübungen) lehrt, dass alles Platzgehabe meist für die Katz ist. Oder wie es ein Polizeihunde-Ausbilder sagte: Aussen Schutzhund, innen Angsthase. Und mehr der praxisfremden Beissübungen. Der Begriff Schutzhund ist inzwischen negativ besetzt. Und dazu haben viele Ausbilder und Halter selbst beigetragen.
So nicht! *
Auch heute wird noch so falsch unter Zivilisten der Hund zum "kontrollierten Beisser" dressiert, mit angedeuteten Schlägen. Urteil eines Polizeihunde-Ausbilders: "Aussen Schutzhund, innen Angsthase". Die Kooperativen Tests lehnen Beisstraining an Menschen ab, betonen dagegen die Selbstsicherheit von Hund und Halter.
Die hier vorgestellten Prüfungsmethoden - in der Praxis bereits von einer SchH III-Malinois-Führerin selbsttätig durchgeführt - ziliven und hundeverständlichen neuen Prügungs-Ordnungen heissen nicht ohne Grund „Kooperative Tests". Beisstraining an Menschen findet hier nicht statt, dafür aber Förderung der Selbstsicherheit des Hundes mitsamt seinem Halter. Alte Zöpfe werden auch noch bei der Begleithunde-Prüfung verlangt. Wobei schon der Begriff nichts sagt: jeder Hund begleitet, fragt sich nur: wie? Wer wendet auf einer Strasse mit seinem Hund auf der Stelle? Exerzieren hat nur was bei menschlichen Soldaten was zu suchen - aber nicht mit Tieren.
Dies sind neue, zivile Prüfungs-, aber keine Ausbildungsmethoden. Militanten Methoden erkennt ein Prüfer freilich schon im Einwirken auf den Hund. In den Kooperativen Tests wird das Team aus Halter und Hund bewertet, niemals der Hund allein. Diese von militantem Denken und Gehabe getrennte Prüfungsordnung kann Modell sein für einen in der Diskussion befindlichen Hundehalter-Führerschein. Ziel ist ein überall und jederzeit sozialfähiger wie selbstsicherer Hund und keine dressierte Übungsplatz-Marionette oder ein abgerichteter Menschenbeisser.
Zuerst ist der Halter oder die Halterin gefordert. Ich nenne ihn nur „Halter", denn ob er ein Führer ist, erhellt der Test. Nur das Team aus Hund und Halter wird bewertet. Wir wollen einfache Regeln, die weder Hund noch Halter überfordern, aber möglichst viele Halter anzieht.
Vor allem auch Kleinhunde-Besitzer.
Was ist anders als bisher üblich? Bisherige Prüfungen verlangen Übungen, die teilweise auf den Exerzierplatz gehören, aber nicht in ein ziviles Hunde- und Menschenleben. Die Kooperativen Tests (© 1997 by Rainer Brinks) wollen nicht per „Dienstvorschrift anordnen", sondern die Hundehalter motivieren, sich mit dem Hund artgerecht zu beschäftigen. So vermitteln Hundehalter ein soziales Erscheinungsbild und bauen Hunde-(halter)hass ab. Eine „Wesensprüfung" im herkömmlichen Sinne gibt es daher für die Kooperativen Tests nicht mehr, weil für eine nachvollziehbare tierpsychologische Prüfung wichtige Informationen wie Aufzuchtbedingungen und die Umstände zu Hause fehlen.
So könnte ein Team die Platz-Übungen beherrschen (es zeigt sein „Übungswesen"), zu Hause aber darf der Hund sein „Unwesen" treiben. Ein Fehlverhalten geht immer vom Halter oder von der Halterin aus. Deshalb kann nicht der Hund bei der Prüfung mit Punktabzügen „bestraft" werden, sondern sein Halter oder seine Halterin. Nur durch spielerisches Auflockern kann der Halter seinen Hund wieder motiviert werden. Hunde, die nur unter Spannung arbeiten müssen, bleiben unter „Druck", werden nie freudig mitmachen. Doch wir wollen sozialfähige Hunde. Der Hund kann nur so gut sein wie sein Rudelführer, eben als Team. Das Verständnis im Team entscheidet. Deshalb finden gerade Halter von kleinen Hunden und von Nicht-„Gebrauchshunden" hier eine Gleichberechtigung. Daher die Bezeichnung „Kooperative Tests".
Bei den Kooperativen Tests sind auch aus der Militärdressur stammenden Sprachbefehle
entfernt, zum Beispiel kategorische Imperative wie: „der Hund oder Hundeführ er hat zu ..." oder „Grundstellung einnehmen" sowie für moderne Verhältnisse sinnlose Anordnungen wie „links kehrt" oder „muss korrekt links sitzen", wenn der Hund - noch gelassener - liegen bleibt. Tester und Halter wollen auch Hundefreunde für diese praxisgerechten Beschäftigungen gewinnen, die von einem durch Dienstvorschriften geprägten Dressurbetrieb abgestossen werden und die überzeugt werden wollen, nicht kommandiert à la „Kehrt marsch!".
Wir benötigen keine Kehrtwendungen, wobei der Hund hinten um den Halter herumlaufen muss. Kein Mensch kehrt mit seinem Hund so auf der Strasse um. Es genügt eine Wendung, bei der Hund und Halter in der normalen Anordnung bleiben (wie beim Obedience). Hörzeichen können in jeder Sprache vermittelt werden (nur der Hund soll sie verstehen), denn Tester und Halter sind Europäer und keine „deutsche Dienstherren". Sprach- oder körperlich gehandicapte Hundehalter geben Zeichen entsprechend ihren Möglichkeiten. Die Kooperativen Tests lehnen grundsätzlich das Beisstraining an Menschen ab. Betonung wird viel mehr auf hundeverständliche Körper- und Lautsprache gelegt. Das beste Beispiel für moderate „Töne" sind taube oder blinde Hunde. Für den Alltag regen wir an motivierenden Beispielen an, wie man unerwünschte Triebe (Beute- und Jagdtrieb sind enge Verwandte) in Wohlgefallen auflöst. Damit man mich nicht missversteht: Dies ist keine verweichlichte oder so genannt sanfte Änderung barscher Methoden. Es geht darum, mit ausschliesslich biologischem, speziell kynologischem Verständnis den unterschiedlichsten Charakteren (Mensch wie Hund) ein sozialverträgliches Verhalten in einem Team aus Halter/in und Hund/Hündin herzustellen. Hier wird kein Hundecharakter gebrochen, wie dies bei vielen tatsächlich schwachen Ausbildern und Haltern/Halterinnen vorkommt. Nur, weil diese Menschen in ihrem Berufsleben oder bei ihrer Militär- oder Polizeiausbildung charakterlich gebrochen werden, um willfährig zu sein, muss man diese bittere Erfahrung an kein Lebewesen weitergeben, das uns ohnehin meist zu willen und abhängig von uns ist. Dieser psychologischer Druck darf keine Rache an anpassungsfreudigen Lebenspartnern wie Hunden sein.
Mit diesen kooperativen Prüfmethoden sollen Temperamente und Charaktere gefestigt werden, immer in Harmonie mit dem Halter oder der Halterin. Frauen neigen eher dazu, Harmonie zu erzeugen. Aber es ist der grösste Irrtum in der Hundeerziehung, wenn man kynologische Konsequenz mit Laschheit, Ausreden aller Art, schlicht Bequemlichkeit verwechselt. Es gibt kein lächerlicheres Bild, wie wenn der Hund seinen Menschen dahin (er)zieht, wo er will. Im Gefahrenfalle leidet nicht nur der Hund.
Ein psychisch starker Hund wird immer versuchen, seinen Willen durchzusetzen. Selbst beim Beifussgehen wird er sich jeden Zentimeter nach vorne erziehen. Je hundeverständlicher die Konsequenz ausgeübt wird, desto besser versteht der Hund seinen Halter/seine Halterin. Es kommt nicht auf die Grösse des Hundes an. Dennoch ist es eine Gefahr für alle Beteiligten, wenn der Halter oder die Halterin ihren Hund eben nicht halten kann, nicht beherrscht. Anherrschen ist da wieder etwas anderes. Ähnlich dem Anschreien oder anderen unsicherheiten übertragen sich alle körper- und lautsprachlichen Eigenheiten auf den Hund. Ein nervöser Mensch wird sich automatisch einen nervösen Hund heranbilden. Es sei denn, der Hund durch sein souveränes Verhalten beruhigt den Menschen. Ein souveräner, gelassener wird einen adäquaten Vierbeiner erhalten. Angst ist ein ganz miserabler Begleiter der Hundeerziehung. Nur: Wer wird dies gern zugeben? Eher Frauen als Männer.
Eiserne, also biologische Konsequenz ist wesentlich anstrengender und härter als Gewalt.
Ein paar deutliche Worte zu den Angeboten, nur den Hund zu erziehen: Wer glaubt, ein
vierwöchiger Kurs der Hundeerziehung würde für alle Lebzeiten genügen, der macht es sich bequem und denkt über den Hund wie über die Bedienungsanleitung einer Waschmaschine: Programm gewählt - und es läuft immer. Besonders unverständig sind jene Hundebesitzer und Ausbilder, wenn - wie bei einigen so genannten Hundeschulen oder -internaten mit voller Überzeugung angeboten - den Zögling für eine Woche abgeben, damit er ohne Halter dressiert wird. Er wird fern von der wirklichen Problemzone fremderzogen, die Herrschaften können ihn dann dressiert abholen. Aber das Problem bleibt im Hause, wenn der zurechtkorrigierte Hund wieder in den alten Schlamassel zurückkehrt. Die Schwierigkeiten kehren aber auch wieder ein, denn die Verursacher von „Problemhunden" sind immer die Menschen, in diesem Fall die bequemen Halter. Hundeerziehung klappt nur mit dem Team aus Halter und Hund. Die Anzeigen mit unlogischen Versprechungen wie „individuelle Erziehung mit und ohne Besitzer" (was ist daran individuell?) oder „Problemhunde"-Lösungen oder „Therapie von Problemhunden" (die Hunde wurden von Besitzern zum einem Problem gemacht, also muss es heissen: Problemhalter) sind Verkaufsargumente und zeugen von Unkenntnis. Therapiert werden müssen zuerst die Ausbilder, dann die Halter. Der Hund muss von diesen menschlichen Problemen höchstens korrigiert werden. Noch schlimmer: „Wir lösen alle Probleme". Wer dies behauptet, hat das grösste.
Geld aus der tierlieben Tasche ziehen auch Esoteriker unter den Tiererziehern. Artgerechter Körperkontakt zum Hund sollte selbstverständlich sein. Solche „Touch"-Methoden
gehen aber gerade gut, weil sie ankommen. Warum kommen diese so sanft erscheinende Formen an? Weil die Hundefreunde die Schnauze voll haben von militärischem Druck in der Hundeerziehung. Die Kooperativen Tests überprüfen die Erziehung mit verhaltensbiologischer Konsequenz. Wie auch alle Tests eine Anregung zum besseren Verständnis und zur Förderung des Teams sein sollen, kein „kynologischer Gerichtshof".
Es gibt bei diesen Kooperativen Tests daher auch keine befehlenden „Richter", sondern erklärende Leiter. Die Leiter beurteilen zwar durch Punktewertung, die aber nicht den Haltern mitgeteilt wird, um kein Leistungsdenken entstehen zu lassen. „Durchfallen" werden nur Halter, nie Hunde Die Leiter sollen sich idealerweise mit ihren Bevorzugungen/Hundetypuskenntnissen ergänzen. Rassefetischisten sind ungeeignet. Die Leiter müssen Hunde individuell beurteilen, das heisst: ein Schäfer-, Jagd- oder so genannter Gebrauchshund oder Terrier ist in seiner
Leichtführigkeit, in seinem Temperament und seinen grundsätzlich vererbten Anlagen nicht mit einem Schlitten-, Hirten-, Herdenschutz- oder Hetzhund zu vergleichen. Einfühlungsvermögen in die individuelle Hundeeigenart ist gefordert.
Die Kooperativen Tests bestehen aus vier Stufen:


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