• Intoleranzen: Was Hundehass und -angst erzeugt, "Kampfhunde" und andere Unverständnisse; Teil 2

    Fortsetzung des Artikels: Intoleranzen
    Was Hundehass und -angst erzeugt, "Kampfhunde" und andere Unverständnisse

    Mit "Intoleranz" ist der Umstand noch freundlich ausgedrückt, wenn die Hunde der Städter sich auf Kinderspielplätzen entleeren müssen. Als ob die Hundehalter keine anderen Möglichkeiten sähen, wo sich ihre Hunde notdürftig lösen könnten. Als ob die Kommunen keine kostenlosen Hundekot-Tüten parat hätten. Als ob Hunde nicht angeboren reinliche Tiere wären, die sich aus ihren Lagern ent-fernen, wenn sie sich entleeren müssen. Der Hundehalter, der seinem Hund diese Möglichkeit nimmt, ist das Stadtschwein. Nicht die Hunde sind schuld, sie dürfen und können nicht wo anders. Katzen-fans ist das sowieso egal. Entweder juckt sie die einseitige Schuldzuweisung auf Hunde nicht, obwohl es mehr Katzen gibt, die auf öffentlichen Plätzen ihr Geschäft erledigen. Die Ungerechtigkeit: Katzenfreunde zahlen keine Steuern. Wirklichen Katzenfreunden ist es nicht egal, denn sie sorgen für ausreichend gereinigte Streukästen in ihren Wohnungen). Doch der Hass wird auf die Falschen geschoben. Das stinkt zum (öffentlichen) Himmel.

    Hunde lernen von ihrer Mutter (hier meine ich ausdrücklich die Hundemutter), dass man nicht das eigene Nest (Lager) beschmutzt. Sie werden erst saubergeleckt (statt in Windeln gepackt), später, bei menschlichen Eltern müssen sie lernen, auf ihr Outdoor-Klo zu gehen (statt auf die Menschentoilette, wo es spezielles Papier und eine Wasserspülung gibt). Wer ist so krank und tritt gern auf einen Kothaufen? Aber dafür wird der Hund gehasst und nicht der Halter. Bei Reitern wird freilich ge-schmunzelt, wenn ihr Pferd äpfelt. Guck mal, wie natürlich! Katzenscheisse riecht wesentlich strenger als ein Hundehaufen, wegen anderer Verdauung. Aber man sieht es nicht so direkt, weil die Häufchen kleiner sind. Über Vogelkot auf dem teuren Metall ärgert sich jeder, nur über den automatischen Rost nicht. Hat schon mal jemand gegen Verkehrslärm geklagt? Aber gegen Hundegebell. Nur mal so. Krach ist es, wenn ihn andere machen.

    Nun bin ich der nachweisbaren Meinung, dass Kot von Lebewesen biologisch abbaubar ist, im Gegensatz zu Plastik, Zigarettenkippen, und sonstigem materiellem Müll. Von Abgasen will ich hier nicht mal stänkern. Aber ich kenne und ärgere mich auch über jene Hundehalter und -Innen, die in geradezu lächerlicher Ignoranz wegschauen, wenn ihr Hund nicht mehr anders kann und muss. Er kann nicht anders, weil er zur Verdauungszeit an der Leine keinen Ausweg kennt. Katzen haben keine Leine. Als ob durch die zeitgerechte Fütterung nicht berechnet werden könnte, wann der Hund muss. Wir können doch alles möglich berechnen, nur die Notdurft des eigenen Hundes nicht. Es ist ein wahrhaft beschissenes Thema, das mit allen Stinkefingern nur auf diese spezielle Hundehaltersorte zeigt.

    Selbst Karikaturisten in den Zeitungen zeichnen nur kackende Hunde. Nie kackende Katzen oder Menschen. Nicht, dass ich meine, Menschen oder Katzen gäben dabei eine bessere Figur ab. Woher kommt also diese spezifische Hundeabneigung? Zum bissigen Krampf um Kampfhunde komme ich im anschliessenden Kapitel. Ist es anerzogene Angst vor dem bösen schwarzen Hund? Ist es die pure Unkenntnis von einem wunderbar menschenfreundlichen Tier, wenn man es nur so liesse? Über-tragen wir unsere Gesellschaftsunfähigkeit auf den geborenen Sozialarbeiter Hund? Die Mentalität einer Gesellschaft kann man auch an der Streitlust ablesen. Eine nur amüsant zu lesende Umfrage von Forsa unter 104 Bundesbürgern weist die Deutschen als Nachbarschaftsfeinde ersten Ranges aus. Nach dieser Umfrage geht fast jeder zweite Deutsche seinen Nachbarn auf die Nerven. Der Umkehrschluss ist erlaubt. Am meisten nerve Klatsch und Tratsch (43 Prozent), dann Unhöflichkeit (35 Prozent) und Lärm (30 Prozent) und Dreck (26 Prozent). Merke: Krach ist immer der Lärm anderer. Autolärm ist erträglicher als Geräusche von Lebewesen inklusive Kindergeschrei. Dreck und Klatsch ebenso. Es nervt also nur, weil (nicht: wenn) dies alles der andere macht. Es ist die befragte Unfähigkeit zum sittsamen und humanen Zusammenleben. Und ausgerechnet Unhöflich-keit mahnen die sich gegenseitig Nervenden an. Ich kenne keine unhöflicheren Völker als die deutschsprachigen. Ist es Zufall, dass die Sprache der Diensthundeausbildung, und im devoten Ge-folge die der privaten Schutzhunde-Ausbildung, die deutsche ist? Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

    Hundehass, dem in glimpflicheren Fällen Hundeangst vorausgeht, erzeugen auch Halter, die eine abschreckende Gestalt in Form eines vierbeinigen Images an sich gekettet haben, meist in Verbindung mit martialischem Rüstzeug und Geschrei. Diese menschlichen Unsicherheiten auf zwei Beinen, denen in blindem, weil anerzogenem Gehorsam der Hund folgt, finden ein weites Feld in den Kaufgassen, in den Sportplätzen, wo sie ihre Minderwertigkeitskomplexe ausschreien können. Rühr mich nicht an, sonst rührt sich in meinem Auftrag beim Bodyguard.

    Ist Tierquälerei nur eine Vorstufe? Kriminologen wissen seit den 70er Jahren, dass Serienkiller meist ihre Wut zunächst an Tieren auslassen. Drei drastische Beispiele aus den USA: Jeffrey Dahmer zer-stückelte Frösche und enthauptete Hunde, bevor er 17 Jungen und Männer tötete. Ted Bundy folterte als Kind seine Haustiere, bevor er als Mann 40 Frauen vergewaltigte und ermordete. Auch der Amokläufer vom Washingtoner Kapitol feuerte zuvor auf Katzen. Pete Wilson, Gouverneur von Kali-fornien, erliess danach ein Gesetz: Wer Tiere misshandelt, verstümmelt oder tötet, wird automatisch zur psychiatrischen Behandlung eingewiesen.

    Woher kommt Hundeangst? Unter anderem von deutschen Märchen, von deutscher Angsterziehung: der böse schwarze Hund im tiefen Keller, früher auf dem Nachbarshof, auf dem der ungebärdige Junge dann Milch holen musste. Der freche Bub, der nicht anders zu bändigen war, als ihn mit einem imaginären bösen Hund zu drohen. Ich kenne mehrere solcher Erziehungsbeispiele. Sie wirken noch heute bei Erwachsenen. Deutsche Erziehungsdressur. Wie beim Kind so beim Hund. Der böse schwarze Hund als Übergangslösung für das frühere Schreckensbild Wolf, oder Geier, oder "schwar-zer Rabe". Auch im so genannten aufgeklärten Zeitalter halten sich Vorurteile hartnäckig. Biblisches Vorbild: die Verdammung der Schlange. Ich könnte Kapitel schreiben über die bösartige Verunglimpfung unschuldiger Tiere, wenn man die eigene Art bekämpft oder hasst. Liebe und Hass sind enge Verwandte. Fanatismus und Aggression ihre Geschwister. Woher stammt der Fluch: Falscher Hund? Es gibt kein "falsches", also hinterlistiges Tier, nicht mal der Fuchs ist ein solcher. Es sind nur ausgesprochen dumme menschliche Vergleiche, weil der Mensch sich oder seinesgleichen meint, aber ein Tier trifft. Es gibt nur Unwissen. Heute eine kecke Behauptung, bei allen Informa-tionen, die überall zugänglich sind. Bemerkenswert und in dieser Hinsicht menschlich paradox ist, dass Hundler unter sich kommunikationsfreudiger sind als haustierlose. Mit allen Extremen. Fach-leute nennen dies Zoophilie. Der triebhafte Umgang mit Tieren zur Befriedigung seelischer Nöte oder Bedürfnisse. Es fängt beim Zungenkuss an und hört da auf, was dem Hund "nicht schadet".

    Moderne Menschen kennen an anderes Problem unter einem englischen Begriff, der deutscher Lebensweise entgegenkommt, paradoxerweise aus der Biologie stammt: cocooning (Einigelung). Aggressionsforscher wissen, dass sich Unverträglichkeit gern im Ballungsgebieten ausbreitet. Das Aufeinanderrücken provoziert Aufeinanderprallen. Städtische Hundebesitzer setzen sich und ihre Hunde dieser Gefahr besonders aus. Für den Rest an Unverträglichkeit gilt das Sprichwort: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbar nicht gefällt." Dies beruht auf Gegenseitigkeit. Es gibt jedoch auch unter Haustierbesitzern Intoleranzen tierischer Art. Katzenfans hassen Hundefans, und umgekehrt. Wer nur Hunde oder nur Katzen mag, ist kein Tierfreund, son-dern ein tierischer Rassist. Ich kannte einen Jäger und Reiter, der seinen Hund auf lebendige Katzen, an einem Baum aufgehängt, "scharfmacht". Abgesehen davon, dass man auf diese Manier (wie dies auch Kampfhundler tun) keinen Jagdhund ausbildet: Würde dieser Hunderassist sein Tier auch auf Tiger oder Löwen hetzen? Nein, denn er lässt sich über seinen Hund nur an Schwächeren aus.

    Die Gegenseite gibt es auch: Der Autor eines (exzellent illustrierten) Artikels über Katzen im "Stern" 27/98 genierte sich nicht, in miserablem Deutsch folgendes zu veröffentlichen: "Wollen doch nicht vergessen, dass Künstler wie Baudelaire und Tomi Ungerer von Katzen schwärmen und für den Hund Leute wie Hitler typisch sind." Wollen doch nicht ignorieren, dass die Deutsche Schäferhündin "Blondie" nichts dafür kann, dass sie Hitlers Freundin Eva Braun zugeteilt und von Hitler höchstens bei Fototerminen gestreichelt wurde. Wollen doch nicht unterschlagen, dass es natürlich auch haufenweise gegenteilige Beispiele aus ähnlichen Epochen gibt wie die den hoffentlich auch dem Redakteur bekannten Philosophen Arthur Schopenhauer oder den Maler Bruno Bruni. Der Autor, Politik-Journalist Peter Juppenlatz, demaskiert sich als Tierrassist und menschlicher Verunglimpfer, wenn er, wahrscheinlich unfreiwillig, "starre Fronten der Selbstgefälligkeiten" verkündet. Ich empfehle eine Selbstreflektion.

    Krampf um "Kampfhunde", Beiss-Statistiken und die Folgen Gewiss: Es sind gefährliche Hunde-"Berufe", wenn ein "geeignetes" Tier (er wurde dazu von Men-schen selektiert) auf andere Lebewesen gehetzt und dafür von asozialen Kriminellen auf Beissent-hemmung bis zur Kamikaze-Selbstvernichtung "trainiert" wird. Solche Menschen lassen über ihren Hund töten, obwohl sie gern selbst töten würden. Es sind Ersatzhandlungen, ähnlich wie bei Hahnen- und Stierkämpfen. Der wahre Täter ist immer der Halter oder die Halterin. Man darf nicht von solchen asozialen Menschen auf andere Halter schliessen, die sich wegen oder trotz dieses Images für eine kampfhunde-relevante Rasse entscheiden. Kein Halter wird den wahren Grund für seine Entschei-dung für solche Hunde veröffentlichen. Leider sind Bullterrier-Varianten (Bullterrier, English und Ame-rican Staffordshire Bullterrier und Pitbull) wegen ihrer niedrig selektierten Reizschwelle die bevor-zugten armen Hunde für die gefährlichen Halter. Die Gefahrenhundeverordnungen von Bayern und Baden-Württemberg zählen zu diesen Hunden allerdings Rassen, die nie Kampfhunde waren: Mo-losser wie Bullmastiff, Mastini, Bordeaux-Doggen, den aussterbenden Tosa Inu oder den Grosswild-Jagdhund Rhodesian Rigdeback. In jedem Fall bleibt die Begründung aus, denn es gibt keine, die so pauschal nachvollziehbar wäre. Andere Länder lassen dies intelligenterweise rasse-offen. In einigen Zuordnungen wird auch noch vage formuliert. Wie in Bayern: 1. "...wird die Eigenschaft als Kampf-hund stets vermutet" (bei Bullterrier-Varietäten oder Pitbull), unter 2. die anderen, vornehmlich Molosser: "...die Eigenschaft als Kampfhund vermutet, solange nicht der zuständigen Behörde für die einzelnen Hunde nachgewiesen wird, dass diese keine gesteigerte Aggressivität und Gefährlichkeit gegenüber Menschen und anderen Tieren aufweisen." Wer befindet darüber? Und: eine "gesteigerte Aggressivität" ist bereits gefährlich.

    Durchgängig ist die Anweisung, dass Hunde von "drogen-, alkohol-abhängigen oder geisteskranken Menschen" nicht gehalten werden dürfen. Schön wärs, wenn dies auch so geahndet würde. Das Interessanteste an dieser Aufstellung offensichtlich pauschal gefährlicher Rassen: Niemand sagte bisher, welche "Fachleute" aufgrund welcher Tatsachen festlegten, dass dies pauschal gefährliche Hunde seien? Ich vermutete, da liegen Rassevereinsinteressen dahinter. Und siehe da: ich lag richtig, denn der Verursacher dieser unlogischen Liste heisst Franz Breitsamer und ist Ausbilder im SV (Deutscher Schäferhund-Verein). Dahinter stecken jedoch reine Verkaufs- beziehungsweise Image-interessen des SV und der anhängigen Hundesportvereine, allesamt Deutsche Schäferhundleute, in deren Auftrag Breitsamer (der dem Vernehmen nach über seine Aufstellung auch nicht mehr so glücklich sein soll) diese absolut unfachliche Liste erstellt hat. Unter Kynologen ist unstreitig, dass gerade Molosser eine allgemein hohe Reizschwelle besitzen und nie von tatsächlich kampfhunde-relevanten Hundebesitzern gehalten werden. Betroffene mögen aber nicht den falschen Beamten, der nur abschreibt, anklagen, sondern die Interessenvertreter, deren Rassen (Rottweiler, Dobermann, Deutscher Schäferhund) in dieser Gefahrhunde-Liste nicht vorkommen. Aber in der Beissstatistik. Seit der Deutsche Städtetag seine Hunde-Beissstatistik (Schrift "Der Stadthund. Anzahl. Steuern. Gefährlichkeit", 1997) aufstellt, prangt der Deutsche Schäferhund stets an erster Stelle der Rassehunde. Kein Wunder, denn er ist mit Abstand der populärste Hund in Deutschland. In einer Fussnote dazu: "Vermutlich ist hier ausschliesslich der Deutsche Schäferhund gemeint. Nicht auszuschliessen ist, dass auch belgische Schäferhundrassen erfasst wurden." Und andere? Städtetag-Fussnote: "Da die Städte Pitbulls separat genannt hatten, wurde darauf verzichtet, diese den Mischlingen zuzurechnen." Die Zahlen sind schon deshalb mit äusserster Vorsicht zu geniessen, weil die Rassen nicht von Fachleuten genannt werden konnten, sondern von Beamten ohne Kenntnis aufgelistet wurden, nachdem die Angaben der befragten 249 Stadtverwaltungen eingingen.

    Beiss-Statistik

    Der Vergleich der Beissstatistik (gemeldete Vorfälle, in 93 Städten erfasst) zum tatsächlichen Bestand ist schon interessanter. Ich nahm die Welpen-Registrierung 1998 des VDH als Grundlage an. Der Rassenbestand in Deutschland dürfte in Relation zu anderen Verbänden derselbe sein. Man darf also getrost hochrechnen. Es geht um die Verhältnismässigkeit, wer denn tatsächlich der meist-genannte Beisser im Land ist. Danach sind unter allen Rassehunden, die nach dem VDH schät-zungsweise 60 Prozent aller 4,8 Millionen Hunde in Deutschland ausmachen (40 Prozent sind Mischlinge) gut ein Viertel (26,14 Prozent) allein Deutsche Schäferhunde. Nur knapp drei Prozent jedoch Rottweiler. Und verschwindende 1,15 Prozent für Dobermänner. Alle VDH-anerkannten Bullterrier-Varianten zusammen ergeben 1,5 Prozent des 96er Welpenbestandes. Nur 0,4 Prozent als "gefährlich" eingestuften Molosser (Mastini, Bullmastiff, Bordeauxdoggen etc., aber ohne Deutsche Dogge und Boxer). Die Erhebung des Deutschen Städtetags von 1991-1995 weist folgende Beissrangliste auf (insgesamt 7 216 Vorfälle): Mischlinge (inklusive Schäferhund-Mischlinge mit 159) mit 2 376 Fällen, Deutsche Schäferhunde (möglicherweise mit belgischen) mit 1 956, Rottweiler mit 542, Pitbull mit 320, Dober-männer mit 223, Bullterrier mit 169 und "Staffordshire"-Bullterrier (wahrscheinlich meist der ameri-kanische) mit 169, Dackel und "Terrier" mit je 160, Deutschen Doggen mit 119, Boxer mit 96, "Collie" mit 73, Riesenschnauzer (manche Städte differenzierten nicht zwischen Riesen-, Mittel- und Zwerg-schnauzer) wie Pudel (auch hier keine Grössenunterschiede) und "Husky" mit je 65. Cocker-Spaniel mit 56 und "Schnauzer" wie Hovawart mit je 46 folgen. Der rare Mastino Napoletano (bei den Kom-munen als "gefährlich" geführt) ist mit 21 Fällen so selten vertreten wie der Kleine Münsterländer und der Spitz. Häufiger bissen nach diesen Angaben jedoch die als "lieb" propagierten Retriever: Labrador und Golden zusammen 53 mal. Der in der Gefahrenhundeverordnung aufgeführte Rhodesian Ridgebacks beissen demnach so viel zu wie Pekingesen (beide achtmal), aber ein Fünftel weniger als Irish Setter.

    Tabelle 7 der Städtetags-Schrift weist gar etliche Klein- und Kleinsthunde auf. Auf die Frage 6: "Welche Hunderassen gaben aufgrund ihrer Gefährlichkeit Anlaß zu ordnungsbehördlichem Einschreiten?" zählten 79 Städte-Beamte auch Peking Palasthund, Westi, Pinscher, Beagle und Basset dazu. Es darf gefährlich gelacht werden. Entscheidend ist jedoch die Möglichkeit, von einer bestimmten Rasse gebissen zu werden, wenn man nun die absoluten Vorfälle in Relation zum Bestand setzt.

    So ist die Rangliste der Beisser eine völlig andere: Ich nehme nach aller Erfahrung mal an, dass der Pitbull maximal die Hälfte des gesamten Staffordshire-Bullterrier-Bestandes ausmacht, also etwa 0,3 Prozent des gesamten Rassehundebestandes. Im Vergleich zu seinem Vorkommen ist danach der Pitbull als Vierter der absoluten Beissrangliste (4,4 Prozent) der 15fach-gefahrenrelevanteste Beisser.

    Die Bullterrier-Varianten (mit American und English Staffordshire sowie Bullterrier - der Miniatur Bully kommt in der Beissstatistik nicht vor), fallen mit 4,7 Prozent an Vorfällen ebenso unangenehm auf, wenn man den Bestand zum Vergleich (1,4 Prozent) heranzieht. Sie beissen also mehr als dreimal so oft zu wie ihr Bestand ausmacht. Nicht viel weniger die Rottweiler und Dobermänner, die ihren Be-stand beim Beissen ebenfalls fast um das Dreifache übertreffen. Die Deutsche Doggen halten beim Beissen ihren Anteil von 1,7 Prozent im Vergleich zu 1,6 Prozent des VDH-Welpenbestandes in der Waage. Golden und Labrador Retriever unterschreiten ihren Beissanteil deutlich: 0,7 Prozent beissen in der Statistik, halten aber zusammen 2,1 Prozent des Bestandes. Noch unauffälliger bleiben Teckel, die nur zu 2,2 Prozent an der Beissstatistik beteiligt sind, aber einen Bestand von über zehn Prozent aufweisen. Der in der Gefahrenhundeverordnung aufgelistete Mastino Napoletano fiel laut Städtetag-Statistik 21mal auf, macht 0,3 Prozent an Vorfällen. Sein Bestandsanteil laut VDH: etwa 0,06 Prozent. Aber hier wird die Relation zur Tat vergleichsweise bedeutungslos. Andere Molosser sind in der Beissstatistik nicht auffällig geworden. Der "Gefahrhund" Rhodesian Ridgeback drittelt seinen Bestandsanteil von 0,35 Prozent beim Beissen mit 0,11 Prozent. Da fällt der mit über einem Viertel am Gesamtbestand auftretende Deutsche Schäferhund nicht unangenehm auf, der beim Beissen mit 27,1 Prozent in seinen Bestands-Verhältnissen bleibt; selbst mit den Schäferhund-Mischlingen bei 29,3 Prozent.

    Nach den erfassten Vorfällen kommen demnach - in Relation zu ihrer tatsächlichen Häufigkeit - die meisten Beissunfälle bei Pitbulls vor. Es folgen - mit Abstand und fast auf gleicher Stufe - allen Bullterrier-Varietäten, Rottweiler (dessen Bestand als eine der wenigen populären Rassen stetig wächst) und Dobermänner. Also exakt das Bild, das sich die Öffentlichkeit vom gefährlich erscheinenden Hundetyp macht. Nur die "gefahrenhundeverordneten" Molosser tauchen - bis auf den Mastino - nicht als Beisser auf. Und die Mischlinge? In der Statistik tauchen sie an erster Stelle auf, alle anderen Rassen ordnen sich falsch danach ein. Korrekt ist jedoch, dass sie als geschätzte 40 Prozent am Gesamtbestand aller Hunde nur zu einem knappen Drittel als Beisser ertappt wurden. Wobei die Statistik alle, also grosse und kleine Mischlinge, als "Übeltäter" erfasste. Die anderen, die kennt man nicht als gefährlich - und wenn doch, dann meist nur aus den Medien.

    Wenn nicht sofort alle "Kampfhunde-Rassen"-Züchter die Lage erkennen und ihr Lamentieren aufgeben, aber wieder auf höhere Reizschwellen selektieren, wenn nicht eine fachgerechte Prüfung aller Halter, Züchter und Ausbilder speziell auf Missbrauch dieser Hunde durchgeführt wird, müssen die zuständigen Ämter in Deutschland wohl dem Beispiel Frankreichs und anderer Länder folgen und ein generelles Einfuhr- und Zucht- wie Besitzverbot erteilen. Die Zeitschrift des Deutschen Tierschutzbundes, "Du und das Tier" schreibt in ihrer Ausgabe vom September 1998 davon, dass beim Thema Kampfhunde die "Hysterie im Vormarsch" sei, und: "Kein Wunder, dass die Diskriminierung so genannter Kampfhunde mittlerweile dazu geführt hat, dass eine grosse Anzahl an Hunden der betroffen Rassen in Tierheimen abgegeben wurden. Damit sind zahl-reiche Tierheime vor schier unlösbare Probleme gestellt, da selbst ausgesprochen freundliche Hunde kaum noch vermittelbar sind." Die stigmatisierten Hunde sind immer die Dummen.

    Was nach der drastischen Erhöhung des Hundesteuersatzes für die Haltung eines "gefährlichen" Hundes geschieht - obwohl zum Beispiel in Fritzlar die Haltung um die Hälfte zurückging -, das interessiert niemand. Sie landen ausserhalb der Gemeinde, wechseln pro forma den Besitzer, oder sie wandern ins Tierheim. Bestenfalls. Hauptsache, die eigene Statistik bleibt sauber.

    Kriminelle Absicht

    Jeder vernünftige Ausbilder kuriert eine der so genannten Kampfhunderassen mit angezüchtet niedriger Reizschwelle, hoher Aggressivität und Beisslust von Welpenalter an: Er packt ihn bei unnormalem Raufspiel am Kragen und wirft ihn mit einem deutlichen Verbotssignal kurz weg. Wie dies eine gesunde Mutterhündin auch machen würde. Einen Hund jedoch allgemeingefährlich zu abzurichten, ist ausschliesslich kriminelle Absicht. Es hilft nur ein ebenfalls lebenslanges Zucht-, Haltungs- und Kauf- und Verkaufsverbot für einschlägig auffällige Verkäufer/Dealer/Züchter. Und die Aufnahme einer unmissverständlichen Tierschutz-Novelle in das Grundgesetz, mit abschreckendem Strafmass.

    Wie beharrlich manche Hundehalter an der selbstverursachten Fehlzüchtung festhalten, samt der Verteidigungsstrategie durch verharmlosende Vermenschlichung nach der Formel "wir sind doch so lieb" zeigt auf drastische Weise folgender Vorfall in einer dpa-Meldung vom 13. Juni 1999 - quasi eine Kombination aller Klischees und Images: "Ein Kampfhund hat gestern morgen einen fünfjährigen in einem Bordell in Weissenfeld schwer verletzt. Das Kind schwebe noch immer in Lebensgefahr, sagte ein Polizeisprecher. Der Junge habe mit einem Staffordshire Terrier in einem Bett geschlafen."

    Zu was der Begriff "Kampfhund" alles herhalten muss, wenn nur ein von Menschen gefährlich gemachter Hund gemeint ist, und eben nicht immer eine der Bullterrier-Varietäten, das erhellt aus einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster: "Hält jemand ohne die erforderliche Erlaubnis einen Kampfhund, kann ihm die Ordnungsbehörde die Haltung untersagen. Eine Frau hatte nicht die in Nordrhein-Westfalen nötige Erlaubnis zur Haltung ihres Rottweiler-Dobermann-Mischlings und war deswegen verurteilt worden, ihren Hund an ein Tierheim zu geben. Das Tier sei nach Ansicht der Richter ein gefährlicher Hund, da er mehrfach andere Hunde gebissen und erheblich verletzt hatte.

    Auch Bundesinnenminister Otto Schily plädierte für ein generelles Verbot von Kampfhunden. Der SPD-Politiker sagte der "Berliner Morgenpost": "Kampfhunde sind gefährliche Waffen." Solche Züchtungen seien einer Gesellschaft nicht zuzumuten. Ein Verbot von Kampfhunden sei allerdings Ländersache. Ich plädiere dafür, dass der Minister nicht mehr so populistisch nachbellt. Und wieder taucht die Frage auf: Was ist ein Kampfhund, wer erklärt einen Hund zum Kampfhund aufgrund welcher Argumente? Der Minister wie die Boulevard-Medien treffen mit der pauschalen wie pleo-nastischen Bemerkung (Waffen sind immer gefährlich) die Falschen. Ich muss mich wiederholen: Nicht die Hunde sind schuld. So mutet denn auch die geradezu asoziologische Verurteilung "solche Züchtungen seien einer Gesellschaft nicht zuzumuten" wie eine Schuldzuweisung an, die am Verursacher völlig ungestraft vorbei geht: jene Menschen, die Hunde zu Waffen ausbilden und Hunde nach Aggressivität selektieren. Solche Tierschänder sind der Gesellschaft nicht zuzumuten. Sie sind ein Produkt dieser Gesellschaft. Ich fürchte, das Problem mit Hunden in aggressiven Menschen-händen wird wachsen. Weil die Aggression in den Städten wächst. Es ist immer die Frage nach dem Milieu, in dem die Hunde aufwachsen. Die einzige Möglichkeit, Hunde vor solchen Haltern und Züchtern zu schützen, ist ein Gesetz mit der bundesweiten Auflage lebenslangen Haltungs- und Zuchtverbotes.

    Schuldzuweisungen sind ohnehin in Mode gekommen. Der Hund eines Halters war von einer Wiese an den Strassenrand gesprungen. Ein vorbeikommender Radfahrer hatte sich dabei erschreckt und eine Notbremsung hingelegt, die zu einem Sturz führte. Das Oberlandesgericht Koblenz sprach jedoch den Halter von einer Mitschuld frei (Az.: 12 U 1312/96). Die Richter werteten das Verhalten des Radfahrers als schuldhafte Überreaktion. Sie haben verstanden.

    Das Rottweiler-Syndrom

    Der Rottweiler ist an der Spitze der VDH-Welpen-Zulassungs-Statistik, natürlich - wie allen anderen - weit hinter dem Deutschen Schäferhund, auch hinter allen Schlägen von Teckeln, spielt dort aber mit dem Jagdhund Deutsch Drahthaar, allen Pudel-Varietäten und dem Boxer in der selben Liga. In der Beiss-Statistik des Deutschen Städtetags ist er allerdings auch mit an der Spitze. Aber er zählt nicht zu den Rassen, die in der Gefahrenhunde-Verordung auftauchen. Warum? Weil er eine deutsche Rasse ist, die vom Verursacher der kynologisch unerträglichen Aufstellung, welche (komplette) Rasse gefährlich sein soll, verschont wird. Wie der Deutsche Schäferhund und der Dobermann ist der Rottweiler darin nicht aufgeführt, aber ausländische Rassen, die jedoch kaum leibhaftig auftreten, so selten sind sie.

    Rechnen wir mal logisch: Die nackte Zahl der Vorfälle - wie immer die ausgesehen haben - pro Rasse sagt nichts über die potentielle Gefährlichkeit. Interessant ist nur die Wahrscheinlichkeit, auf eine solche Rasse zu treffen. Und da geht die Milchmädchenrechnung des Deutschen Städtetags, woran sich einige Rassevereine gerne hängen, nicht mehr auf.

    Nach den von den teilnehmenden Städten erfassten Vorfällen kommen - in Relation zu ihrer tatsächlichen Population (geschätzt aus der VDH-Welpenstatistik plus einem geringen Aufschlag an nicht VDH-registrierten Hunden) - die meisten Beissunfälle bei Pitbulls vor. (Der Pitbull wird von VDH nicht registriert. Ich schätze die Gesamtzahl der Pitbulls in Deutschland aber nicht höher ein als die der American Staffordshire Bullterrier.) Es folgen mit Abstand - dort auf fast gleicher Stufe - alle anderen Bullterrier-Varietäten, dann schon die Rottweiler (dessen Bestand als eine der wenigen populären Rassen stetig wächst) und Dobermänner. So sieht es tatsächlich aus. Also exakt das Bild, das sich die Öffentlichkeit vom gefährlich erscheinenden Hundetyp macht. Nur die "gefahren-hundeverordneten" Molosser tauchen - bis auf den Mastino Napoletano - gar nicht als Beisser auf. Und der eben erwähnte auch nur in vernachlässigbarer Zahl.

    Kein Liebhaber eines Rottweilers soll mir erzählen, dass er dieses Bild von einem abschreckenden Hund nicht gewollt hat. Er hatte die Wahl unter 400 Rassen. Er wollte ihn.

    Ein typisches Beispiel, weil mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit übliches. In einem mir bekannten Dorf mit überdurchschnittlicher Hundehaltung hat sich eine junge Frau einen Rottweiler zugelegt. Ihre 70-jährige Mutter muss den Hund tagsüber ausführen, sonst hockt der Hund die ganze Zeit in seinem Zwinger. Der Vater des Hauses hat den Hund aus dem Haus entfernen lassen, mit der Begründung: in der unteren Wohnung sind zwei Kinder. Die Mutter lässt bei ihrem Mittags-Spazier-gang den Rottweiler frei laufen, weil sie ihn sowieso nicht an der Leine halten könne. Passanten müssen ausweichen. Verschiedene Hundehalter gehen ausserhalb dieser Rottweiler-Oma-Zeiten spazieren, um einer unkontrollierten Konfrontation aus dem Wege zu gehen.

    Noch ist nichts passiert. Nur, als ich mit meinen beiden - ausserhalb unseres Grundstücks, auch wegen hundeängstlicher Menschen - stets angeleinten Hunden entgegen kam, rief die Besitzerin ihren Rottweiler zurück und leinte ihn an. Wir gingen getrennt andere Wege. Die Tochter handelt genau so. Sie lässt ihn auch im Wald unangeleint laufen. Wahrscheinlich würde sie auf Vorhalte sagen: Der folgt aufs Wort. Klar. Warum weicht sie dann bei Begegnungen aus? Weil auch sie ihn natürlich nicht halten könnte, weil sie weiss, wie er reagiert. Weiss sie auch, dass sie damit als Bürger- und Spaziergängerschreck gilt? Will sie das? Sie poliert das Hundehasser-Bild. Ist ihr egal. Warum musste es ausgerechnet ein Rottweiler sein? Sie kannte keine andere Rasse mit diesem Abschreckungspotential - wie verschonend für andere, mindestens so starke Hunderassen.

    Die Wahrheit würden solche betroffenen Halter nie zugeben. Oder womöglich die dämlichste alles Ausreden: der sah doch als Welpe so süss aus, der tut nichts und so weiter. Aber wachsen tut er. Dann wachsen auch die Probleme mit. Wie ignorant (oder emotional verblendet) muss man sein, um beim Kauf zu verdrängen, dass der Hund so und so gross wird? Therapieren die ungeeigneten Halter ihre wachsende potentielle Angst mit einem Hund als Abschrecker? Eigensucht schafft Intoleranz.

    Wie empörend Rottie-Besitzer reagieren, wenn ihr Hund mal einen Hundekampf verliert (vielleicht war der Hund klug und gab nach?), das habe ich selbst erlebt. Der Besitzer war danach fürchterlich beleidigt. Er schluckte seine Enttäuschung über sein zurecht gerücktes Wunschdenken (mein Hund ist ein Versager, ich habe doch einen Unbesiegbaren angeschafft) nur mit stummem Zorn hinunter. Es gibt Hunderassen, die auch den stärksten Rottweiler umhauen. Gut, dass dies viele nicht verglichen haben, weil sie es nicht wissen, oder weil sie an ihrem Stammtisch unbesiegbar geredet werden.

    Das ist das wahre Motiv. Rottweiler, weil: Ist er zu stark, bist du zu schwach. Siehe auch "Typologie deutscher Hundler" unter "Satire". Nur ist dies Realsatire.

    Warum wollen manche Leute beispielsweise einen Irish Wolfhound oder einen Retriever oder Berner Sennenhund? Weil sie keinen Rottweiler wollen, oder einen anderen mit ähnlichem Image.
    Als Wahlmotiv für einen derart starken Hundetypus (der Rottweiler ist nun mal für die meisten Hundehalter der Inbegriff des wehrhaftesten Hundes) wird immer eine persönliches Schutzbedürfnis vorgeschoben. In den seltensten Fällen wäre dies berechtigt. Doch auch der stärkste Hund der Welt ist kein Grund zum Erwerb und zur Ausbildung - oder noch schlimmer: zuhause als Schmusetierchen, draussen der Berserker - einer vierbeinigen Waffe. Das wahre Motiv wird nur unter vorgehaltener Hand ausgesprochen. Wenn dem nicht so wäre, hätten die Halter zum einen kleineren, und damit physisch besser zu haltenden Hund ausgesucht. Das Aussehen entspricht dem Image.
    Das meist vorgeschützte Beschützer-Syndrom gilt in eingeschränktem Masse auch für Dobermänner, die Bullterrier-Varietäten und für andere, nur menschlich motivierte Abschreckungs-Beispiele. Das Abschreckungspotential des Deutschen Schäferhundes ist bei solchen Hundehaltern vermutlich tief gesunken. Andere kennt man ohnehin nicht. Gut so. Lasst diese Hunde in wirklich selbstsicheren Fachhänden oder/und in Ruhe. Es ist leider so, dass gerade solche Hunde wie die bekannten Abschrecker unter "vorsorglich" aggressiven und unter sich bedroht fühlenden, wie auch immer "begründet", erste Wahl sind. Dass einige findige Türken und Russen nun auch noch danach trachten, noch mächtigere und potentere Kangals oder Owtscharkas (im Kofferraum des Autos über tausende von Kilometern und im Alter von drei Wochen der noch säugenden Mutter weggerissen, also von Anfang an mit einschneidenden Verhaltensstörungen) ins geld-potente und potenzielle Antihundeland Deutschland eingeführt werden, bestärkt mich nur in meiner Warnung: Hände weg vor Hunden, die man/frau als Waffe missbraucht. Das muss eben nicht unbedingt nur ein sogenannter Kampfhund - damit sind leider immer alle Bullterrier gemeint - sein. Wo fängt die Einstellung des Halters und Ausbilders zu diesen Hunden an und wo hört sie auf?

    Das Böse-Hund-Image

    Das Böse-Hund-Image ist gemacht. Es wird gepflegt. Arme Hunde. Bei Kritik kläffen die ertappten Besitzer, Rassefunktionäre und Züchter lauthals. Das Aggressionspotential kehrt sich dann demaskierend nach aussen. Die betroffenen Fanatiker fühlen sich auch nur bei scheelem Blick angegriffen.

    Es sind die Bilder und Vorkommnisse, die wir häufig antreffen. Und die ein Hundehasser-Image schaffen. Wieviel Minderwertigkeitsgefühlen kann man/frau an der Leine halten? Falls man/frau es an der Leine und überhaupt halten kann? Warum wollen körperlich der Kraft solcher Hunde eindeutig unterlegene Menschen nicht einen für sie beherrschbaren? Weil sie einen vierbeinigen Abschrecker wollen.

    Sind das die selben Menschen, sie neurotische Phobiker sind, sich aber nächtens Horrorvideos reinziehen? Psychologen wissen, was ich meine (vgl. Tölle "Psychiatrie"). Die Frauen und Männer, die einen Rottweiler wollen, wissen, was sie auswählen. Wählen sie nach dem Motto: Wir haben Angst, aber mit einem Rottie kann uns keiner - womit Menschen wie andere Hunde gemeint sind: immer als Gegner? Sie hätten ja die Wahl unter anderen Hunde gehabt, zum Beispiel einen gleichgrossen Neufundländer, gar einen nach der Farbenpsychologie furchterregend schwarzen, trotzdem mit hervorragendem Sozialimage, aussuchen. Doch sie wollen nun mal dieses Abschreckungs-Potential des Rottweilers Dieses unbesiegbare Image eines Rambo auf vier Beinen. Wenn sich nun die Betroffenen lauthals beschweren, kann ich nur auf die Gegenbeispiele verweisen. Vor allem unter den Hunden. Doch sie sind nun mal als Ebenbild des Halters erzogen. Wie gerne würden sich manche dieser Leute einen selbst diesen Hunden überlegenen Tiger oder Puma anschaffen? Diese Wahl hätte auch noch den Nachteil: solche Tiere (wie auch die höchst selbstständigen und daher nicht abrichtbaren Herdenschutzhunde) lassen sich nicht abrichten. Daher die Vorliebe für wortwörtlich anherrschbare Hunde. Beherrschbar sind sie bis zu dem Zeitpunkt und Vorfall, der nicht immer in die Beissstatistik eingeht. Denn dazu muss der Vorfall gemeldet werden.

    Kein Rottweiler & Co. kann was für seine Verkäufer und Käufer, deren Wunschvorstellungen und psychischen Schwierigkeiten. Es gibt noch ganz versteckt Halter, die sich einen Hund aus - verschwindend - seriöser Zucht geholt und ihn zu einem sozialsicheren Gesellschafter ausgebildet haben. Wie andere halt auch. Ich weiss von einem Dobermann-Züchter, der aufgegeben hat, weil immer mehr Leute mit kriminellen Absichten einen Welpen kaufen und abrichten wollten. Er hatte die Schnauze voll von den meisten Käufern. Nicht mit seinen Tieren! Es geht also, wenn man will. Auch das Verzichten.

    Das Rasse-Image wird, gerechtfertigt oder nicht, von den Hundebesitzern gemacht. Nicht von den Hunden. Wie meist bei Vorurteilen bleibt ein Gschmäckle hängen, und sei das Vorurteil millionenfach wiederholt und zum Begriff geworden: Dadurch wird die falsche Schuldzuweisung an den missbrauchten Hund nicht besser. Ich habe mich mal vor Jahren ganz fürchterlich in einen elf Monate alten liebenswerten Rüpel verknallt: in einen Bullmastiff namens Chattock. Ich verzichtete aber schweren Herzens, unter anderem (damals) wegen unpässlicher Wohnsituation. Damit wir uns, liebe seriöse Rottie-Fans, da nicht verheben: Für mich gilt bei Tieren immer die Unschuldsvermutung. Weil es Gegenbeispiele gibt. Warum hat, nur zum Beispiel, der Boxer ein so gütliches Image? Dass er mal von früher bullenbeissenden Molossern abstammt, hat man gern vergessen. Die kräftigeren Ausführungen des Boxers, wie Bullmastiff oder Bordeauxdogge, die verunglimpft man als "Kampfhund". Obwohl sie in der Beissstatistik nicht als Auffällige auftauchen.
    Nur die Verwaltungsbeamten merken nichts. Merken Sie was? In der Gefahrenhundeliste taucht keine einzige deutsche Rasse auf.

    Ich habe für meine Hunde-Halter-Schule "Pro Canis", in der auch Hundephobiker therapiert werden, schon mal einen ausnehmend liebenswürdigen Dobermann-Rüden ausgeguckt: als Co-Therapeuten zum Abschluss des Seminars. Ein Rottweiler dieser Art wäre mir auch recht. Aber dazu müsste ich Halter/-in und damit den Hund schon sehr genau und sehr lange kennen. Ich kenne allerdings die hundsföttischen Ausreden. © RB 2000