• Verhaltenspsychologie: Teil 1: Lernvorgänge und Konditionierung

    Experimentell untersuchte Lernvorgänge und ihre Motivation. Ein wissenschaftlicher Ritt durch die Verhaltenspsychologie.
    Teil 1: Lernvorgänge und Konditionierung/Dekonditionierung


    Der einfachste Lernvorgang ist die Gewöhnung. Das Tier lernt passiv, gleichmässig wiederholte Reize, denen keine weiteren für das Tier wichtigen positiven oder negativen Geschehnisse, folgen, nicht mehr zu beantworten.

    Der renommierte Biologe und Tierphysiologe Prof. Bernhard Hassenstein hat 1973 die verschiedenen Lernvorgänge klar unterschieden und sie durch "Funktionsschaltbilder" erläutert: bedingte Reflexe, bedingte Appetenzen, bedingte Aktionen, bedingte Aversionen, bedingte Hemmungen, kombinierte Lernformen aus guter und schlechter Erfahrung, Prägung, motorisches Lernen und soziales Imitationslernen. (Literaturhinweis: Instinkt, Lernen, Einsicht, Einführung in die Verhaltensbiologie, Piper-Verlag, München)

    Erfahrungsbedingte Reaktionen oder Reflexe (classical conditioning) sind zum Beispiel, wenn Sie ihren Hund in die Augen blasen und er dann einen Lidschlagreflex auslöst. Kündigen Sie dieses Ereignis unmittelbar vor dem Anblasen mit einem Konditionierer (Summton oder Schnalzen) an, dann wird diese Konditionierung mit dem Hilfsmittel einen Lidschlag auslösen. Der Ton oder das Geräusch allein würde den Lidschlag nicht auslösen.

    Das Nervensystem hat einen neuen Zusammenhang mit dem Reflex produziert. Bei näherem Betrachten der Pupille verengt diese sich dann nach klassischem Konditionieren, wenn das nun bekannte Geräusch dazu einsetzt. Verknüpfen Sie jetzt mit diesem "unbedingten" Reiz das konditionierte Hörzeichen, dann wird dieses Reizsignal mit jenem verbunden, und die Pupille verengt sich nur auf das Hörzeichen hin.

    Solche Assoziationen müssen Sie dann wiederholen (in gleicher Form), damit sich die eben erlernten Strukturen auffrischen, sonst reagiert das Tier nicht mehr auf den bedingten Reiz. Die Bildung solcher bedingter Reaktionen wurde vor allem durch Pawlow (siehe Pawlow`scher Reflex) untersucht.

    Bei Zirkusdressuren werden oft unbedingte Reaktionen mit neuen, bedingten Reizen verbunden. Bei Pferden werden angeborene Verhaltensweisen durch bedingte Reize zu jeder Zeit verfügbar gemacht. Die Levade kommt auch im natürlichen Verhaltensmuster der Hengste als Hochsteigen unter Rivalen vor.

    Bedingte Appetenz (Verhaltensweise) ist: auf eine Wahrnehmung folgt eine gute Erfahrung. Hassenstein wies darauf hin, dass bedingtes Verhalten im Appetenzbereich von bedingten Reaktionen zu unterscheiden seien. Es sind zwei Reaktionsweisen, die zwei Phasen der Appetenz entsprechen. Die bestehen aus einem ungerichteten Suchen und einer sich orientierenden Einstellung.

    Sie können Ihrem Hund pfeifen, wenn Sie ihn füttern. Wenn Sie dann das Hörzeichen ohne Fütterung setzen, sucht der Hund nach dem Futter. Der Reiz löste also keine unbedingte Reaktion aus, sondern ein Suchverhalten (bedingte Appetenz).

    Der physiologische Vorgang

    Man kann - fast zwanghaft - Konditionieren durch physiologische Veränderungen. Dies haben die Tierphysiologen und Medizin-Nobelpreisträger Arvid Carlsson, Paul Greencard und Eric Kandel festgestellt. Strafreiz ist danach auf Zell-Ebene deutlich darstellbar. Strafreize können aber nur unter Laborbedingungen angewendet werden. Lernprozesse verstärken oder verdünnen die synaptischen Kontakte zwischen den Zellen und lassen auf diese Weise bestimmt Netzwerke im Gehirn entstehen. Diese Netzwerke können konditioniert werden.



    Eine Synapse ist die Kontaktstelle zwischen Nervenzellen und anderen, zum Beispiel Sinnes- oder Muskelzellen. Die Übertragung der Aktionspotentiale erfolgt biochemisch nur in eine Richtung, woraus eine Aktivierung der nachgeordneten Zellen resultiert.

    Lokale Konditionierung und Dekonditionierung

    Konditionierung: Ausbilden bedingter Reaktionen durch Reflexe.

    Viele der angelernten Unarten, aber auch viele der veranlagten entstehen an bestimmten Plätzen und in bestimmten Situationen. Meist eben in der Verknüpfung Lokalität und Erlebnis.

    Bei so genannten Sporthunden ist dies ein fast geregelter Ablauf der mehr oder weniger erfreulichen Beschäftigung auf einem bestimmten (daher fixierten) Platz. Dabei vergessen die Ausbilder und Halter, dass der Hund eben oft nur auf diesen Platz konditioniert wird. Wie der Hund ausserhalb dieses Platzes reagiert, ist eine ganz andere Frage, mitunter eben ein Fehler des Platzkonditionierers. Weil der uniform und einseitig ausgebildete Hund diese Verknüpfungen nicht kennt.

    Diese Erkenntnis kann aber auch als "Therapie" angewendet werden, zum Vorteil des Hundes, wenn er an einem bestimmten Platz, noch womöglich zu einer bestimmten Zeit (siehe auch "Innere Uhr" als Erinnerung) ein Erlebnis erfährt, das ihn erschreckt (Gewitter, Unfall etc.) oder reizt (es taucht eine Beute auf, die der Hund jagen will, es tauchen Lebewesen oder Gegenstände auf, die ihn ebenfalls stark reizen zum Nachjagen in spielerischer Manier oder in bedrohlicher).

    Hier kann man als Ausbilder einwirken, indem man den Hund just an diesem Platz und zu der wiederholten Zeit verbietet zu spielen. Indem man ihn unter Kontrolle bringt, dass eben dort zu dieser Zeit nicht gespielt werden darf.

    Eine Unterbrechung also, die darauf abzielt, das Beutereizspiel vom Rudelführer kontrolliert zu wissen. Hier nicht! Dafür muss eine Ersatzaufgabe aber zur Reizauslösung geschaffen werden, sonst baut sich beim Hund eine unkontrollierbare Übersprungshandlung auf.

    Vor dem Erreichen dieses dem Hund sehr reizvollen Platzes wird mit ihm auf Geheiss des Rudelführers gespielt, und - noch wichtiger - das Spiel wieder beendet. Der Hund wird dann an die Leine genommen, durch diesen reizvollen Platz, mit Glück sogar mit einem passierenden Gegenstand/Lebewesen (zum Beispiel ein Fahrradfahrer, der sich mit der Zeit eben dem Hund als Beute zu bestimmter Zeit "aufgetan" hat) unter Kontrolle, mit korrigierender Einwirkung auf den Hund, wenn er gereizt reagiert, vorbei geführt und nach einiger Zeit, wenn der Hund sich wieder entspannt hat - nie vorher! - mit ebenso kontrolliertem Spiel wieder abgelenkt und hier quasi neu konditioniert. Auf den Ersatzplatz also.

    So lernt der Hund, das Ereignis zu verlagern, den Reiz und seine lokale wie zeitliche Verknüpfung aufzulösen. Der Hase ist dann langsam vergessen.

    Der Hund merkt sich aber noch lange, wenn man an dem ominösen Platz vorbeikommt, eben auch noch zur selben Zeit als Gedächtnis-Verstärker, wo der Hase aus dem Gebüsch herausschoss. Oder wo ein erschreckendes Geräusch stattfand. Es ist wieder einmal eine Übung aus Geduld und Konsequenz.

    Das Entscheidende dabei ist, auch diese neuen Spielplätze nie zu lange beizubehalten, sonst baut sich die nächste lokale Fehlkonditionierung auf. Auch hier: Abwechslung fördert Leistungsbereitschft und Lernvermögen.

    Fortsetzung: Bedingte Aktionen und Behaviorismus


    ©Rainer Brinks 2001