• Wo und wie laufen sie denn? Vom richtigen Spazierengehen, von der Rücksicht und vom Austoben

    Hier kommt es gut, ein Zitat von Wilhelm Busch: "Die Freude flieht auf allen Wegen, der Ärger kommt uns gern entgegen."
    Feierabend, der Hund freut sich wie verrückt, weil er weiss: Jetzt geht's aber raus hier! Dann schwirren sie aus, all die Berufstätigen, die ihr schlechtes Gewissen auf vier Beinen Gassi führen.


    Die einen faul mal eben ums Eck der Hochhausfronten, an anderen Ziergärten vorbei, an Zäunen, wo wilde Bestien nur auf Vorübergehende warten, um zu brüllen, neidvoll: Ich auch! Hingepinkelt das stundenlange Blasenanschwellen: an Leichtmetallfelgen, an Kinderwägen, auf Kinderspielplätzen. Da wo andere Hunde und Katzen auch schon markiert haben. Die Halter tun so, als würden sie just dringend die Wolken am Himmel zählen. Nur nicht hingucken, nur nicht entsorgen, weil man zu faul war, dem Hund das Kacken in Rinnsale oder schon im eigenen Garten beizubringen. Die anderen besetzen Freibäder, grüne Wiesen, frisch gesäte Äcker, Blumenbeete anderer. Auslaufwiesen nennen sie so was. Vielmehr: Hundehalter haben sie dazu gemacht. Da treffen sie ausgesprochene Hundefreunde wie Jogger und Radfahrer und Skateboarder und Inlineskater. Und andere Hunde mit hysterischen Haltern. Die nicht halten, sondern glauben, sie seien mit ihren Dertutnix-Hunden allein auf der Welt. Als gäbe es keine Hundeängstlichen. "Sollen sich nicht so anstellen" - ich wünsche jenen Angebern, sie mögen mit ihrem Rottie oder ähnlich starken Hund einem "nichtangeleinten" Tiger begegnen, was würden sie dann sagen, plärren?


    Eltern übertragen ihre Angst auf Kinder, sie kennen den Hund nicht oder vielmehr seinen rücksichtslosen Besitzer, alte Leute wollen nicht immer von Hunden angesprungen werden und die Reinigung selber bezahlen müssen. Die Flexi in der Hand: der Hund kann sich sonst ja nicht austoben, der Hund ist ein bisschen grösser geworden als geplant (auch so eine dumme Ausrede), man hat einen Hund angeschafft, aber keinen dazugehörigen Auslauf. Bei Fuss gehen kann er halt nicht - dumme Ausrede II: er durfte es nicht lernen vom "Halter". Man nimmt sich den auf Kosten anderer. Der Wald gehört uns und die jagdbaren (hurra!) Rehe und Hasen auch. Zu was zahlen wir so viel Hundesteuer! Ich schilderte gerade den tagtäglichen Horrortrip, genannt Auslauf.


    Man geht anders zusammen und miteinander um, unter wirklichen Hundefreunden. Denn wir haben einen Ruf zu verlieren. Man verzichtet von vornherein auf ein Haustier, der ein ausgesprochenes Lauftier und ein Beutejäger, also ein Verfolger ist, also einen Hund, wenn man weder Zeit noch Platz für ihn hat. Wer auf einen Hund verzichtet, weil die Situation es nicht zulässt, ist eher ein Tierfreund als einer, der aus egoistischen Gründen sich trotzdem einen anschafft. (Mehr als Anschaffen und Halten ist es dann auch nicht.) Wenn sie ihn, den Hund, nur halten würden! Nicht mal das können viele. Die Freiheit, die er dann geniessen darf, ist eine menschlich eigennützige. Denn der Mensch lässt die Freiheit laufen, auf Kosten anderer. Warum ist der Hund zu stark für eine 50-Kilo-Frau, oder gar für Kinder, denen der Hund mit fadenscheinigen wie verantwortungslosen Motiven untergeschoben wird, er sei doch kinderlieb und tue nix und folge aufs Wort. Klar, auch Kinder, auch, wenn er gereizt wird, auch wenn er weiss, hier bin ich Boss, hier darf ich es sein. Kinder haben plötzlich andere Interessen.


    Und dann gibt es da noch die Halter meist kleiner Hunde, die - bevor der Hund Angst bekommt und aggressiv, weil vorsätzlich kläfft - sich in die Wanderhosen machen. Hund auf den Arm! Und selber kläffen. Na, was für ein tierisches Bild. Mein früherer Irischer Wolfhound hat sich die Frech- und Freiheit herausgenommen (mea culpa, nobody is perfect etc.), einem schimpfenden Dackel-Besitzer Aug in Aug gegenüber zu stehen. Dabei mochte der Dackel noch so giften. Norton reagierte darauf gar nicht. Norton wollte nur den Hund artgerecht begrüssen, nicht nach Angstmenschenart. Dazu musste er halt dem Hundchen entgegenkommen. Genau diese Aktion lässt begrüssenswillige Hunde diesen jäh entrissenen Kontakt aufsuchen. Diese Leute bekämpfen ihre Angst nicht, sie wollen nicht, dass ihr Hund seine übertragene abbaut, sie weiden sich geradezu in ihrer Angst. Sie nehmen den Hund auf geistig auf den Arm. Adrenalin, das manche entgegenkommende, zunächst friedliche Hunde reizbar macht. Geschrei regt Hunde an. Auch und gerade im Ernstkampf. Es gibt sie, die Besitzer kleiner Hundetypen, die ihre Hunde beizeiten in Welpengruppen auch mit grösseren Hunden aufwachsen lassen. So können sie Selbstsicherheit erlernen. Nicht selten sind dabei die grossen die Weicheier. Kleine müssen sich viel häufiger durchsetzen und sind nicht selten mutiger als grosse Seelchen.


    In Hundeschulen kann man bei selbstsicheren Ausbildern mit dem Hund lernen, die eigene Angst abzubauen. Die eigene Körpersprache verrät, ob sich der Halter verspannt oder entspannt, das sieht man dann übertragen am anderen Ende der - meist auch gespannten - Leine. Eine gespannte Leine ist für den Hund die Verlängerung der Anspannung des Halters. Ein entspannt laufender, selbstsicherer Halter wird dies auch auf seinen Hund übertragen, reagiert der Hund angespannt, wird er ihn mit Stimme entspannen. Enge Begegnungen kann man im Training üben. Erst aus grosser Distanz, damit Aversionen nicht eingeübt werden, dann auf immer engerem Raum. Mit viel Abwechslung auf Auflockerung: Entspannung ist das Geheimnis, schwierige Situationen aufzulösen. Erfolg wird belohnt. So prägt sich das der Hund ein. Übung macht die Meister. Wie blamabel stehen manche Hundebesitzer da, wenn ein Kläffer einen Blindenbegleithund anmacht. Der Hunde-Profi gähnt und arbeitet weiter. Es geht also, wenn man will. Mit man ist nicht der Hund gemeint. Der will immer lernen.


    Können Hundehalter nicht mal spazierengehen? Könnte man meinen. Es wird immer Konflikte geben. Ich weiche mit meinen beiden Hunden, immer angeleint, aus, wenn ich Gelegenheit dazu habe und weiss, um diese Zeit kommen auf diesem Weg Menschen, die Angst vor Hunden haben, oder Jogger. Dieser Konflikt wird bleiben. Früher gab es keine Jogger. Aber auch diese Menschen müssen sich mit verträglichen Hundehaltern arrangieren. Allein hat niemand die Welt - auch öffentliche Wege - für sich. Einmal hat sich ein Radfahrer bei mir bedankt, dass ich meine beiden an die Seite genommen habe. Howdy, der ältere, kennt das, die junge Sabah musste es lernen. So geht es auch, denn es hat nur ein paar Sekunden gedauert. Ein offensichtlich hundephobischer Mann kam mal an einer Seeuferpromenade entgegen. Wir sassen auf einer Bank. Damals hatte ich nur den Rüden. Howdy ist sehr selbstsicherer, aber mit maximal mittlerer Reizschwelle. Niemand darf ihm - ausser mir - ungestraft seine Augen fixieren. Ich kenne meinen Rüden, habe ihn aber immer im Blick und natürlich an der kurzen Leine. Da knurrte er plötzlich. Der Hund. Was war geschehen? Der Mann hatte, kaum wurde er den Hund ansichtig, ständig den Hund angeschaut, was er wohl macht, ob er was macht, wie reagiert er denn, der Hund? Er hat ihn fixiert. Das ist für selbstsichere Hunde eine Herausforderung. Wie bei menschlichen Nahkämpfern, die sich gegenüberstehen. Boxer, die sich vor dem Gong in die Augen schauen, fixieren, und damit prüften, wer dem Blick ausweicht. Nichts anderes ist die Augenfixierung bei Hunden. Mein Rüde weicht nicht aus. Da regte sich der Mann, immer noch Howdy anstarrend, auf. Ich verteidigte meinen Rüden. Es sollte nicht so blöd meinen Hund fixieren. Damit wusste der Mann aber in seiner Angst nichts anzufangen. Seine ihn begleitende Frau tat dies nicht. Frauen wissen um ihre Angst und weichen aus, starren nicht an wie das Kaninchen die Schlange (das gleiche Problem). Männer können keine Angst zugeben, können schlechter damit umgehen. Nichts Neues. Er hätte einfach nicht den Hund anstarren müssen. Das war auffällig. Und provozierend. Howdy hatte dies wirklich noch nie getan. Aber er war auch noch nie derart (blöde) angestarrt worden. Da konnte er nicht anders. Ich versteh meinen Hund. Sabah würde da - als absolut rigide entscheidende Herdenschutzhündin, das ist die Eigenart und der Job dieser Hundeart - noch ganz anders reagieren. Ein weicher Hund würde den Blick und gar den Körper abtauchen und ausweichen lassen. Ich weiche mit meinen bewusst selbstsicher geprägten Hunden solchen Gegenüberstellungen aus, wenn ich sie vermeiden kann.


    Dass Hundehalter im Wald, auch nur in der Nähe eines Waldes, anleinen, halte ich als Tierfreund für selbstverständlich. Es gibt zu viel, das uns Hundefreunden vergällt wird. Sorgen wir dafür, dass wir wenigstens uns verträglich benehmen. Zwei extreme Beiträge zum Thema Spazierengehen: Eine 49-jährige Frau, die im Schwarzwald zu Besuch war, verirrte sich am Abend eines Waldspaziergangs mit ihrem Hund. Die Polizei wurde nach erfolglosen privaten Suchen eingeschaltet, die ihrerseits eine DRK-Rettungshundestaffel anforderte. Daraus wurde ein Grosseinsatz für Rettungshundestaffeln aus der ganze Umgebung. Eingesetzt waren schliesslich 49 Suchhunde. Gegen 6.50 Uhr früh konnte die unterkühlte Frau in einem Gelände mit Sturmholz aufgefunden werden. Allein für den Transport benötigten die Rettungskräfte eineinhalb Stunden. Es "geht" leider auch so: Ich beobachtete von meinem Haus aus mit dem Fernglas eine Frau, die ihr Auto mitten in einem Zugang zu einem Spazierweg ausgangs des Dorfes hielt. Aber nicht ausstieg. Sie liess ihren Dackel seine Notdurft verrichten. Ständig mit ihren Kommentaren aus der offenen Fahrertür begleitet. Da muss man selbst als Dackel doch taub werden. Immer ermahnte sie ihn, der noch gar nicht richtig geschnüffelt hatte: "Komm!", "Macht!", "Komm hier!". Das ging eine Viertelstunde so. Sie bekam ihren Hintern nicht aus dem Auto raus. Bis der Dackel ein Einsehen hatte, ohnehin fertig war, und in den Fussraum des Autos hüpfte. Die Dame war nicht alt und nicht behindert. Körperlich.


    Sie treten meist in der Stadt auf, oder auf sonst bevölkerten Wegen: Wenn der arme Hund schon mal unter Stress, der bereits zu Hause anfing ("Scheisse, jetzt muss der Hund raus!"), sich krümmt, weil er schon unter Druck zum Stoffwechsel angehalten wird, dann wird er auch noch daran gehindert, an der Leine gezerrt - es könnte ja jemand sehen! Fast alle sehen es, nur der Halter will es nicht erkennen, sein Problem. Das schlechte Gewissen macht Stress. Können Sie unter Stress? Anleitung zur Neurose! Was würde dieser Hundehalter sagen, wenn ihn sein Boss aus dem Klo rauszöge, und zwar am Kragen? Mit dem Kommando: "Jetzt passt es mir nicht, dalli, dalli, weiter!" Nicht wenige Hundekenner berichten stolz, dass die Mindestanforderung an Auslauf ein zweistündiger Spaziergang sei. Nebenbei: Sind dies alles Rentner oder Arbeitslose? Es ist nicht ganz falsch, weil es ja immerhin schon einen Auslauf bedeutet. Entscheidend ist jedoch, wie und wo der Spaziergang abläuft. Man kann zwei Stunden in einer Betonwüste schleichen oder eine halbe Stunde höchst unterhaltsam mit flottem Tempo in Wald und Wiese spazierengehen. Kurz: Nicht die Dauer, sondern die Intensität, die Abwechslung macht den sinnvollen Hundespaziergang. Und natürlich die reizvolle Umgebung, die ihn lehrt, die seine Sinne beansprucht. Ein natürlicher Waldboden ist allemal gesünder und informativer als eine heisse Shopping-Meile in der stinkenden und lärmenden City. Egal, ob das ein kleiner Dackel oder eine Dogge ist. Auch der allnächtliche Aufenthalt in einer Kneipe ist kein Ausgang für Hunde. Nicht einmal der Hundeplatz, wenn die Hunde den überwiegenden Teil ihrer Zeit von Montag bis Samstagmittag im viel zu engen Zwinger vegetieren. Wer diese Mindestanforderungen an einen Hund, egal welcher Grösse, nicht bieten kann, möge so hundefreundlich sein, und so lange auf einen verzichten, bis er sich die Bedingungen hundegerecht geschaffen hat. In dieser hundebesitzlosen Zeit kann er - wenn er denn schon mal Zeit und Lust hat - als echter Hundefreund in einem Tierheim ein paar höchst dankbare Vierbeiner ausführen. Wie kann man den Spaziergang abwechslungs- und damit lehrreich gestalten?


    Zum Anfang nicht blödeln lassen, sondern gleich durchparieren, wie das auch unter Pferdeleuten genannt wird, damit der Hund gleich weiss, dass es hier geordnet zugeht. Wer der Boss ist. Nach ordnenden Worten oder - wer es nicht anders gelernt hat oder nicht anders reagiert, mit einem kurzen und deutlichen Leinenruck wird in jedem Fall die Leine entspannt gehalten, sie muss durchhängen, so dass der Hund ebenfalls entspannt wird. Nach einiger Zeit - wenn er nicht ziemlich bei Fuss geht, wieder eine Korrektur. Dann wieder entspannen, das geht meist mit ruhiger Ansprache und wenigen Worten - nicht aus eigener Unsicherheit zuquatschen. Dann unter Nennung des Namens (als Signal) Absitzen lassen, kurz loben, weitergehen. Später noch einmal richtig Platz nehmen lassen - er muss wirklich liegen. Dann loben und mit einem Spielzeug auflockern. Es ist besser und unterhaltsamer, mit dem Hund mehrere Male mit viel Abwechslung - nicht immer denselben Weg mit desselben Informationen für den Hund, auszugehen. Dabei den Hund an der lockeren Leine halten, weil er mindestens die Grundausbildung des An-der-Leine-Gehens ohne Ziehen gelernt hat - vom Halter in Schulen. Alle Viertelstunde kann man ihn mit verschiedenen Gehorsamsübungen unterhalten. Auch mal mit einem Stöckchen oder Ball werfen, wenn er abgeleint ist und mit Sicherheit wieder auf Zeichen zurückkommt. Oder sich verstecken, damit er Bindung zum Halter bekommt und behält.


    Man kann auch eine 10- oder 15-Meter-Leine mitnehmen, und ihn damit einerseits auf Distanz korrigieren, aber nie freilaufen lassen. Und man kann damit - wenn keine reizvolle Ablenkung entgegenkommt - den Einwirkungsbereich langsam ausdehnen. Gehorsamsübungen dürfen die Dauer von fünf Minuten nie überschreiten, sonst stumpft der Hund ab, arbeitet nicht mehr sonderlich gern. Abwechslung macht Spass. Immer vorausgesetzt, niemand anders fühlt sich zurecht belästigt (es gibt ja immer welche, die fühlen sich immer belästigt), können Sie mit ihm Verstecksuchen spielen. Am besten dann, wenn er gerade etwas (nicht zur Flucht bereit!) abgelenkt ist, rufen Sie ihn an, nachdem Sie sich - für ihn erreichbar - versteckt haben. Hinter einem Baum oder Strauch. Wenn er wirklich herkommt, bekommt er eine Belohnung. Das macht er dann schon deshalb gern. Nichts ist langweiliger - auch für einen Hund, als stundenlang im selben Trott latschen zu müssen. Wortlos, wie ein altes schlechtgelauntes Ehepaar. Wenn der Hund alt ist, braucht er den ganzen Heckmeck nicht mehr. Nur frische Luft. Und ab und zu ein nettes Wort. Welpen-Besitzer sollten ihren im Wachstum befindlichen Kleinen nur schonend an Spaziergänge gewöhnen. Anfangs niemals über eine Viertelstunde hinaus. Dann, mit zunehmender Sicherheit und Gehorsamkeit des jungen Hundes, langsam steigern. Jede Neuigkeit, alles, was die unerfahrenen Tiere noch nicht kennen, soll ihnen mit ruhiger, weil vertrauensbildender Stimme und lockerer Leine nahe gebracht werden. Sie werden Dinge beschnuppern, die der Halter für gewöhnlich hält. Das ist für junge Tiere völlig neu. Und abenteuerlich. Wenn die Welpen und Junghunde Geräusche und Gerüche, neue Gegenstände kennenlernen dürfen, davon nicht nur geistig auf den Arm genommen werden, also Erfahrungen sammeln und damit lernen dürfen, dann werden sie selbstsicher. Das gilt natürlich auch für Begegnungen der rein tierischen Art. Seien Sie nicht zu vertrauensseelig, wenn sie Halter und Hund (in dieser Reihenfolge liegen Sie oft richtig) noch nicht kennen. Auf die üblichen fadenscheinigen bis ahnungslosen oder gar verantwortungslosen Ausreden ("Der tut nix" etc.) können Sie verzichten. Es sind oft nur Schutzbehauptungen, nicht nur bei Hunde-Begegnungen.


    Welpen sollen Erfahrungen mit sicheren erwachsenen und jungen Hunden sammeln können. Sonst laufen sie unvorbereitet ins Messer, was hier das Gebiss gedeutet. Welpen quietschen vorsorglich, wenn sie Angst haben. Nur nicht unterstützen! Ängste werden sofort auf den Hund übertragen (weil er alles nachmacht - learning by seeking) und setzen sich fest, wenn sie unterstützt werden. Ängstliche Hundehalter produzieren ängstliche Hunde. Einfach ohne Kommentar machen lassen! Die Hunde - wenn an Körper und Geist gesund - regeln das unter sich. Bemuttern sie ihren Welpen nicht! Sie müssen ihn aber schützen, wenn andere Halter ihre Hunde missbrauchen - und jedes andere vertrauensvolle Wesen. Durch diese Erfahrung müssen Sie durch. Dass Spaziergänge, vor allem ausgedehnte, in der warmen bis heissen Jahreszeit in den frühen Morgen oder in den kühleren Abend hinein verlegt werden, und zur heissen Zeit ohnehin nie, sollte selbstverständlich sein. Auch hier darf man nicht von den eigenen Temperaturempfindungen auf das des Hundes schliessen. Fast genauso schändlich ist es, in der warmen Jahreszeit, womöglich auf heissem Asphalt, Hunde hinter einem flott gefahrenen Radler hinterher hecheln zu lassen. Die Ballen sind keine Autoreifen! Reine Tierschändung ist es, den Hund auch noch hinter einem fahrenden Auto hertraben oder rennen zu lassen. Womöglich noch ein sonst untrainiertes Tier. Vernünftige Schlittenhundesportler nehme ich hier ausdrücklich davon aus, sie wissen, was sie ihren Hunden zumuten können. Da gehen aber wieder faule Spaziergänger von sich aus und halten es in ihrer unqualifizierten Meinung für Tierquälerei, bloss, weil sie unsportlich sind. Es gibt Hundehalter, die halten es für unnötig, ihrem Hund beizubringen, dass er nicht mitten in den Weg, ob Gehweg oder Waldweg, kacken soll. Treten diese Halter selber gerne in andere Haufen? Diese Haltung sagt: Der Hund ist der Boss, er kackt auch, wohin er will - in diesem Fall - muss. Ich kann diese Intoleranz nicht akzeptieren. Sie poliert den Hundehass. Denn es geht anders. Seit ich Hunde habe, kacken sie - wenn überhaupt - immer an das Rinnsal oder an die Seite des Weges. Meist kacken sie ohnehin innerhalb ihres Grundstücks. Aber es kann ja mal vorkommen, dass ein Hund eben kacken muss. Meine Hunde ziehen von selbst auf die Seite des Weges. Ich brauchte ihnen das nur ein-, zweimal zu zeigen. Hunde sind von Haus aus reinliche Tiere. Nur manche Halter sind es nicht. Ähnlich intolerant benehmen sich Reiter, die mit Hund oder gleich mehreren Hunden ausreiten. Meist nur am Wochenende. Die Hunde sind immer unangeleint, Ich bin nicht sicher, ob die Reiter der festen Überzeugung sind, dass alle Passanten sich dann in die Büsche schlagen müssen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Reiter, die durch den Wald gehen lassen, ihre Hunde dann anleinen. So schürt man ebenfalls Hundehass. Nur die Hunde können nichts dafür.


    Nun folgt ein Abschnitt vornehmlich für Halter, die es mit mehreren, vor allem mindestens mittelgrossen Hunden zu tun haben wollen. (Besitzer kleiner, also handlicher Hundchen dürfen jetzt mitlachen, bei Begegnungen mit der folgenden Art vergeht es ihnen wieder.) Mit zwei Hunden, solche hundefreundlichen Leute soll es ja geben trotz der Strafsteuer (doppelte Steuer für den zweiten Hund), ist das gemeinsame Spazierengehen natürlich von der Qualität, wie wenn ein Pferdekutscher mindestens sechs ständig durchgehende Heissblüter im Zaumzeug halten muss. Denn die Hunde stacheln sich gegenseitig an, es geht darum, wer ist der erste im Geschirr? Es sind Jäger, keine Bremser. Das Anlernen, an der Leine bei Fuss zugehen, ist eine Sache, meist eine separate. Das andere, den geübten mit dem neuen an einer (mit zwei gekoppelten Ausgängen) oder zwei Leine zu halten ist eine andere Sache. Von der Kraft des Halters her und dem Durchsetzungsvermögen und dem Ausbildungsstand und dem Reiz, der da entgegenkommt ganz abgesehen. Der Halter hat hier auch die doppelte Verantwortung, weil dieses kleine Hunderudel auch so agiert und reagiert wie ein Team: bei vermeintlichen Angriffen, bei der Abwehr, beim Schutz, bei Begegnungen, die zum mehr oder weniger freundlichen Beutefangen geeignet sind. Aus der Sicht der Hunde.


    Ich kann nur sagen: Ich bin hierbei froh um meine rüstigen 90 Kilo. Ich halte die zusammen vitalen 80 Kilo entweder an der Ein-Meter-Leine, woran der mittelgrosse Rüde hängt, und die kurze Schlaufe für die grosse Hündin in einer linken Faust, oder an der Schlaufe mit zwei gekoppelten Ausgängen zu den Halsbändern. Was bei mir noch nicht nötig war: Das eventuelle Ausklinken sollte schnell und synchron erfolgen. Geordnetes Chaos wie im historischen Wagenlenkerfilm Ben Hur.


    Die Schlittenhundesportler (Fachjargon: Musher) machen es gleich richtig und lassen den Hunden ihren geordneten Lauf: im Winter mit einem Schlitten hinten dran, in der schneelosen Zeit mit einem leichten Rollwagen, ob sie trainieren, schlecht bezahlte Touren fahren oder sich auf abgesperrter Loipe im Rennen befinden. Wer sich dort den Schlittenhunden mit seiner Töle in den Weg stellt und nicht wie eine Rakete das Weite sucht, kann zusehen, wie schnell eine einzelne Dogge verwurstet wird. Als käme er in seiner engstirnigen Naivität mal eben zu unangemeldetem Besuch in ein Wolfsgehege rein. So schnell kann er gar nicht gucken: Er war mal ein Hundehalter. Das sieht - wenn man es gelernt hat - wesentlich sportlicher aus als ein Normalo-Doppel-Hundehalter in stets leichter Rückenlage, der wie ein laufender Anker glaubt vorwärts gehen zu müssen. Sieht sehr paradox aus. Von der Hoffnung getragen, dass die beiden Zughunde nach einigen hundert Metern schon müde werden, sich gegenseitig "davonlaufen" zu wollen. Und wenn einer noch ein ständig markieren wollender Rüde ist (bitte in der Aussenbahn!), dann ist das streng lästig und gleichzeitig lehrreich. Wenn Ruhe und Harmonie einkehrt ist in das komische Gespann aus einem Zwei- und zwei links befindlichen Vierbeinern, läuft es wie im Lehrfilm: Parallel-Dressur mit zwei relativ erzogenen Hunden. Ermattet sinken sie zu Hause in ihre jeweiligen Rückzugsräume. So soll es sein. Man kann es sich natürlich noch einfacher machen (müssen) und geht mit jedem Hund extra: zweimal fast dasselbe. Aber so werden sie zeitlich nie über den Tag kommen, es sei denn, sie sind Rentner oder als Freiberufler unterbeschäftigt. Wie es auch läuft: Ein Hund ist dabei sowieso immer der Dumme.


    Rainer Brinks 2000