• Ist Agression veranlagt?

    Ist Agression veranlagt?
    15. Oktober 2000

    Bei Menschen wissen Kriminologen wie Vererbungsforscher oder Psychologen, dass kein Mensch kriminell geboren wird. Nun grassiert angesichts der Hysterie wieder so etwas Unbiologisches in den - verängstigten - Köpfen: Aggression sei veranlagt. Oder manche, die nur das herauslesen wollen aus fachlich exakten Erklärungen, das andere, das ihnen unangenehme aber ignorieren, die zitieren einfach schlampig.

    Viele verwechseln - möglicherweise wegen komplizierter Darstellung - eine Veranlagung mit einer angeborenen Aggression. Oder mit einem Fremdwort ausgedrückt: die Disposition (Anlage) zur Aggression ist jedem Lebewesen in die Wiege gelegt. So aggressiv das klingen mag: aus lebenserhaltendem Grund. Wer überleben will, muss eine gewisse kämpferische Eigenschaft mitbringen. Das ist nicht nötig, wenn das Lebewesen allein lebt. Das wäre also nur theoretisch möglich.

    Wo Konkurrenten auftreten, und das tun sie fast überall, muss sich der eine gegen den anderen durchsetzen. Das kann intelligent, schlau, ausgleichend, gerecht, verständnisvoll, tolerant geschehen oder clever, übervorteilend, und nicht selten eben gewalttätig. Das alles ist durch die Evolution belegt. Und in engen Gesellschaften steigt die Bereitschaft zur Aggression. Das wissen vor allem Kriminologen.

    Nun tun manche so, wegen der im Vergleich zu anderen technischen oder gar menschen-hausgemachten Unfälle gerade zu vernachlässigbaren Bissunfälle - kriminelle Vorsätze ausgeschlossen, denn die sind nachweislich selten -, als wäre jeder Hund, der wie auch immer beisst, gleich aggressiv. Meist wissen sie nicht mal, was aggressiv eigentlich heisst, nämlich: streitbar, angreifend. Und dies ist eine Eigenschaft, die ebenfalls nicht angeboren ist. So wird man/hund.

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    Anders gesagt: die Veranlagung zur Aggression einer kompletten Rasse oder - noch schlimmer einer ganzen Hundegruppe zuzuschreiben ist so biologisch falsch wie eben die Rasseauflisterei in „gefährliche" oder - milder und verzeihlicher - „gefahren-relvante (wahrscheinliche)" Rassen. Nichts unter Individuen ist pauschalierbar. Es ist immer zu einfach und nicht beweisbar. Und es wird nicht richtiger, wenn auch zahllose, ja wuchernde Hunde-Experten (wird sind geradezu umzingelt von ihnen), nun andere Hunderassen aufzählen, die ja auch so seien. Ja, wie denn? Es sind Hunde wie andere auch.

    Genetiker wissen, dass es deutlich überwiegend die Erfahrung, das Erlernte ist, das einen Charakter bildet. Und nicht die Vererbung. Nur schlichte Gemüter schieben dem Hund die Schuld an „Versagen" zu, weil er dem Hund nicht das lehren konnte, was er wollte. Wenn jedoch der Hund „Leistung" bringt, die der Trainer und Halter vom Hund fordert, dann ist plötzlich der Trainer und Halter der tolle Hecht. Noch ein Beispiel, das durch alle Fänge sabbert: Man könne aus jedem Hund einen solchen und solchen machen. Eben. Da gilt es wieder, das Individuum. Wer ist hier der dumme Hund?

    Dass Züchter eine Disposition so oder so selektieren, also durch Elterntier-Verpaarung lenken können, wissen wir auch. Die drei Muskeltiere sind zweifellos in diesen Ruf durch mehrheitlich selektierte Veranlagung zur Aggression gekommen. Und - das wollen wir doch nicht unterschlagen - angereizt durch den Wunsch der Käufer. Ohne Käufer kein Markt, welcher auch immer.

    Die Aggression, die wir meinen, wird vor allem gefördert. Nie durch Hunde selbst. Immer durch den Menschen. Im Übrigen würden derart pathologisch aggressive Würfe in der freien Natur nicht lange überleben. Sie wären einfach zu dumm zum Überleben. Weil Rudeltiere eben dazu das Rudel brauchen und sich mit ihm arrangieren müssen. Nur wer seinesgleichen ausrottet, ist zu blöd zum Überleben.

    Schlaue Lebewesen überleben durch Anpassung. Auf Vernichtung anderer dressierte sind nur unfreiwillige Selbstmörder. In der Natur. Aber da kommt dies nicht vor. Nur bei Menschen in Industriegesellschaften. Das fängt damit an, daß Hunde, der nicht gross sein müssem, aber viel Beschäftigung brauchen (Terrier und ihre Abkömmlinge - Sie wissen schon, welche ich meine - und Hütehunde oder Schlittenhunde oder Jagdhunde) eben nicht in Wohnklos oder Hochhäusern gehalten werden dürfen. Das ist und bleibt nicht artgerecht.

    Das ganze Hundehalter-Problem fängt nach wie vor damit an, auf die Anschaffung eines Hundes zu verzichten, wenn man ihn nicht halten kann. Das Thema der „Kampfhundehaltung" existiert nur in Industrie-Städten, dort also, wo die Aggressivität am höchsten ist: Nicht wenige Städter sind selbst aggressiv (geworden) und wollen zur vorgeschobenen Sicherheit oder zum Ausgleich einen entsprechend-abschreckenden Hund „instrumentalisieren". Nimmt man ihnen die „Waffe" weg, holen sie sich eine andere, hier: einen anderen Hund. Sie wollen aber gar keinen normalen Hund, das Mittel zum Zweck sieht bei ihnen nur so aus. Sie hatten ja die Wahl aus vielen vergleichbaren Rassen.

    Die Souveränen, die „solche" Hunde trotzdem halten, agieren mitunter gelassener als so mancher „staatlich anerkannte" Schutzhundler, sie handeln zivilcouragiert, denn sie halten auch zu ihrem Hund. Sie haben ihn schliesslich gesellschaftsfähig gemacht.

    Die Hunde (allein) waren und sind nie das Problem.

    Passen Sie also gut auf ihre - veranlagt gesellschaftsfähigen - Hunde auf. Ihr

    Ihr Rainer Brinks