• The Leidkultur

    12. November 2000

    The Leidkultur

    Es soll ja Menschen geben, die nicht in den „Spiegel" schauen. Die lassen vielleicht lesen. Also: Wie schrieb Reinhard Mohr in diesem Hamburger Nachrichtenmagazin Nummer 45/2000 zum CDU-Thema „Leitkultur" so treffend: „Der Leitkultur-Streit ist der neueste Akt im deutschen Selbstfindungstheater".

    Wo er recht hat, der Mohr, hat er recht. Und er hat seine Schuldigkeit getan, diesen neudeutschen Begriff, überflüssig wie eine Afterkralle, so zu beschreiben. Die köstliche Überschrift zu diesem Theater will ich dazu servieren: „Operation Sauerbraten." Passt scho, sagt der Bayer.

    Und was hat dies jetzt mit Hunden zu tun? Einen Haufen. Er gehört plötzlich dazu, der Hund in Deutschland - als und zum Leidwesen. Vorher hat man ihn nur als Scheisshaufen-Produzenten und Köter und Kläffer und Ruhestörer und Vorgartenpisser und Subjekt des tierisch Steuerzahlens gekannt. Seit dem Sommertheater wieder in aller Munde. Jeder weiss nun, was ein Kampfhund ist.

    Jeder Hund ist ein Kampfhund. An sich. Wusste früher noch keiner einen Labrador Retriever von einem schwarzen Pitbull zu unterscheiden, so erübrigt sich das heute. Somebody is a Kampfhund. Welpen sind Kampfhundchen. (Wo alles gekonnt, bloss nicht deutsch gesprochen wird: Kampfhundle.)

    Die Franzosen wundern sich, die Amerikaner empören sich, die Briten verziehen den Mundwinkel noch weiter als unsere nach unten. Le Beamt hat wieder zugeschlagen. Nach The Kindergarten, Le Waldsterben, The Autobahn, Le Weltschmerz nun The oder Le Kampfhund. Früher kannten vereinzelte Militarias nur The Schutzhund und „Fassssss" oder „Hiiiiiiiiier" oder „Pplaaaaattttzzzz."

    Im Teletakt, marsch!

    Jetzt kennen sogar Mitglieder der Akademie der Verordnungskünste den Folgebegriff: Le Gefahrhundeverordnung. The Sachverständige (wenn Tiere gemeint sind), Los Gutachtos und La Wesenstest. Am deutschen Hundeunwesen sollt ihr getestet werden. Was ist Leid gegen diese tierische Kultur?

    Es ist die Rache der Amis und Franzmänner an unserer Sprachkultur, die so saudumm global wird, dass man die Filetstücke deutscher Verordnungssprache als Gaumensegel, als kulturelle Warnung importiert. Denn das ist nun mal deutsch: Kampfhund. Battledog? Wir sind doch nicht im Krieg mit Hunden! Die Briten nicht. Cane da combattimento? Die Italiener lachen. Force de chien? Naturalement les Boches! Lassen die Hunde auflaufen.

    Deutsch ist einfach eine verordnungstüchtige Sprache. Besser: verordnungssüchtig! Dass sie von Dichtern und Denkern und Musikern zeitweise zweckentfremdet wird, lenkt nur ab von der Eigenschaft, gründlich zu sein. Kampfhunde stammen immer aus anderen Kulturen; auch wenn sie zum Teil wesentlich älter sind als unsere.

    Nebenbei: Ungefragt zugezogene Mischlinge sind die wahren Multikultis.

    Die Integration für Ausländerhunde erfuhr einen Buchstabendreher. Dafür fand eine Intrigierung statt, wurde mit Mitglieds- und Steuerbeträgen finanziert, dann von Dortmund nach Düsseldorf lobbysiert. Weil sonst im Sommer nichts los war, telefonierten sich Innenminister zu einer blind date-Action zusammen. Es musste plötzlich was getan werden. Weil vorher in Hamburg nichts getan wurde. Dann wurde aber auch so was von gehandelt! Bei totem BSE-Fleisch war man differenzierter.

    Ein Verband für das deutsche Verordnungswesen sorgte dafür nach aussen für geschwätzige Sprachlosigkeit, intern - und mit wedelndem Kadaver-Gehorsam, es trifft ja keine wichtigen Mitglieder - aber für die Bestandsreduzierung unerwünschter Ausländer-Hunde. Die Hysterie rief sie aus: Die Hundehasser krochen aus den geistigen Gullys. Hundeblockwarte hüben und drüben hatten wieder einen ordnungshüterischen Job. Nachbar-Denunziation ist eine Dauerstellung.

    Eine giftgrüne Clicker-Fröschin sowie ein rabenschwarzer Brustalst-Eliminator besorgten so totalitär die Durchführung bis Eliminierung, dass die Inquisition des mittelalterlichen Vatikans nachträglich einer demokratischen Friedensdemonstration für Toleranz und Lebensschutz gleichkommt.

    Wir brauchen eine Zuwanderungs-Quote bei menschlichen Ausländern? Pah! Einige vor Sachkunde strotzende Ministerien haben da wunderbare Verordnungen parat. Gebraucht, aber erprobt. Musterfrauen und -männer ziehen Le Gutachten und The Sachverständige Papiere raus. Es wurde alles schon exerziert und eliminiert. Wer einen Fehler macht, aber einen ordentlich aktenkundigen, der wird durchgezogen. Durch La Wesenstest. Ob diese Beschäftigungstherapie für Verordnungszombies am Ende ein Tier trifft, ist leider unwesentlich.

    The Leidkultur works.

    „Vergib Deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen." John F. Kennedy

    Passen Sie ordentlich auf Ihre Leid-Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks