• Tierheim-Alltag

    6. Dezember 2000

    Tierheim-Alltag

    Da erscheint ein Ehepaar mit einem elf Jahre alten Schäferhund in einem weit entfernten Tierheim. Sie haben im Internet das Bild einer Do-Khyi-Hündin gesehen und, so die Aussage, „direkt in das Foto verguckt". Die Frau gerierte sich in einer Mailing-Liste als Herdenschutzhunde-Expertin. Als Schäferhund-Besitzerin. Viel grössere Gegensätze lassen sich schlecht finden. Die Besucher kamen ins Tierheim. Der Schäferhund bestieg sofort die Hündin, liess nicht mehr ab, sah eine andere (die Interessentin: „bei einer dritten Hündin bekam er die Zähne zu sehen"), kam wieder zurück, bestieg den Kopf der Hündin.

    Das Verhalten eines krankhaft hypersexuellen Hundes. Eine anwesende Tierärztin für Verhaltensstörungen riet der Frau, den Rüden trotz des Alters kastrieren zu lassen, auch zu seinem eigenen Wohl. Natürlich bekam das ahnungslose Paar diese Hündin nicht. Denn die hätte sich das nicht lange gefallen lassen.

    Was sind das für Menschen, die eine Vergewaltigung einer Hündin in Kauf nehmen? Die Frau, die sich so sehr verguckt hatte, betonte in ihrer in der Wahrheitsfindung lückenhaften Beschwerde, dass sich im Tierheim eine läufige Hündin befunden habe. Gab es aber nicht. Das Paar hat zu Hause entschieden, den Rüden nicht kastrieren zu lassen.

    Ein paar Border Collie x Altdeutscher Schäferhund-Welpen wären abzugeben. Wie üblich, die Hündin schwanger gebracht, damit ein Tierheim die Arbeit hat. Wie immer, nur an geeignete Menschen nach sorgfältiger Aufzucht abzugeben zu einem Preis pro Welpe, der seit Jahren derselbe niedrige ist. Eine Frau will den mit den weissen Pfoten. Am nächsten Tag will sie aber lieber den Grauen. Umlackierung gewünscht? Gekauft wie ein Kleid. Sie nennen sich Tierfreunde. Bekommen hat diese Designerin natürlich gar keinen. Sie soll sich einen malen.

    Ich erzählte dieser Tierheimleiterin von einer schwarzen, umgänglichen, vierjährigen Doggen-Hündin, die auf einem Bauernhof im Allgäu - eigentlich hunde-ideal abseits gelegen auf grossem Grundstück - als Scheidungsopfer laut Bewohner „irgendwie untergebracht" werden musste. Die Hündin verbrachte ihr Dasein in einem zugigen und feuchten Zwinger. Die Hündin, sagte die Ex-Besitzerin, wäre von ihrem alkoholkranken Noch-Mann erschlagen worden wie die anderen Hunde zuvor, da möchte sie die Hündin lieber einem Jäger zum Erschiessen geben. Die Besitzerin wollte für die Hündin aber auch noch 500 Mark haben. Die Tierheimleiterin liess die Hündin trotzdem freikaufen, für 350 Mark. Der Zwinger war verkotet, die Hündin urinierte vor Angst beim Herauskriechen - auf dem Bauch. Sie hatte Striemen am Rücken. Jetzt läuft sie mit zwei anderen Hunden und anderen Tieren frei auf einem Bauernhof und darf natürlich auch ins Haus. Dort bekommt sie statt Knochen und einem Schafskopf erstmals richtiges Hundefutter.

    Nachmittags kam ein türkischer Pitbull-Halter mit seiner Freundin. Die Tierheimleiterin dachte zunächst, er würde nur mal so vorbeischauen, weil die Hündin so freundlich war. Er wollte sie aber „abgeben". Die Leiterin sagte, er möge doch besser wieder in die Grosstadt gehen, wo er herkam, weil hier die beheizbaren Zwinger besetzt seien; im dortigen Tierheim sei aber noch Platz. Da fuhr sie der Mann an: „Du blöde Alte, glaubst Du, ich mach hier noch lange rum! Wenn Du den Köter nicht nimmst, schmeiss ich ihn aus dem Auto. Dann kannst Du ihn von der Strasse kratzen!" Sie nahm den Hund, warf aber den Mann raus.

    An diesem Sonntag wurden ausserdem noch ein Maremmano-Rüde (abgemagertes Trennungsopfer; wurde aber später wieder zurückgeholt), eine Pitbull-Hündin (abgemagert, dankbar um Vertrauen), ein American Staff-Rüde (freundlich) abgegeben. Die üblichen Ausreden.

    An jedem Pfahl vor dem Tierheim war schon ein Pitbull oder Staff angebunden, meist nachts. An jedem Sonntagmorgen hängen dann noch die abgeschnittenen Leinenreste dran, wenn die Tiere von Mitarbeitern entdeckt werden. Ein Mann verprügelte eine junge Schäferhündin vor den Augen einer Tierheim-Mitarbeiterin. Die Hündin verblieb im Tierheim.

    Dass dieses höchstens mittelgrosse Tierheim sich aus bekanntem Grund geschickt für die ausrangierten „Listen-Hunde" einsetzt, wie andere Tierheime vermutlich auch, sei hier nur am Rande erwähnt. Die ersten Kandidaten des „Kampfhundegeschwaders" haben ihren Wesenstest schon bestanden. Aber sie sind meist lebenslänglich im Tierheim.

    Tags darauf lief dem Tierheim eine Malinois-Hündin mit Elektroschock-Halsband zu. Ihr Führer, ein junger Polizist von der Polizeihundeschule, suchte sie vor dem Tierheim. Dumm gelaufen. Für ihn. Die Hündin war so taktvoll.

    Ein Neufundländer landet im Tierheim. Herzfehler, Mangelerscheinungen zuhauf, vollkommen verwahrlost. Siehe Bild. Der Hund ist sehr liebenswürdig. Da erscheint sein Besitzer tatsächlich im feinen Outfit und will den Hund wiederhaben. Der Hund ist jedoch beschlagnahmt. Sie meinen, dies sei doch eher ungewöhnlich? Fragen Sie mal in Ihrem Tierheim. Im Übrigen: Warum lassen sich so wenige Hundezüchter in Tierheimen sehen, nur mal so den Stand der armen Dinger angucken? Am Sonntag vielleicht?

    P. S.: Mich wundert, warum so wenige Tierheimleitungen unser Angebot nutzen, Ihre Notfälle in unsere gleichnamige Rubrik aufzunehmen. Kostenlos. Bei nun fast einer Million Besuchern dürfte für eine konkurrenzlose Vermittlungschance gesorgt sein.

    "Nur die haben ein Recht zu kritisieren, die zugleich ein Herz haben, zu helfen. " W. Penn

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks