• Die Meinung - Welpenpräge- / Spieltage

    Welpenpräge- / Spieltage

    Ein - sicherlich nicht im Sinne der Erfinder - inzwischen auf den Hund gekommener Begriff, mit dem viele Ausbilder hausieren gehen, weil sie anscheinend ein tiefes Bedürfnis geweckt haben und sich dies bezahlen lassen. Recht haben sie, aber nur darin. Wer nicht gelernt hat oder gar zu faul ist, dass Welpen ernsthaft spielen lernen müssen, damit sie artgerecht leben können, der muss es von anderen erfahren. Damit sein Welpe davon lernt. Hundehalter oder -züchter, die mehrere Welpen haben, brauchen diesen Modebegriff nicht. Jeden Wurf müssen sie sozialprägen. Welpenprägespieltage vermehren sich nun allerorten. Alleinerziehende Kunden bringen ihren Solo-Welpen und Geld mit. Denkt man näher über dieses Wortungetüm nach, kommen jedoch einprägsame Fehler ans Tageslicht.

    Was stört mich? Natürlich nicht der glückliche Umstand, dass es immer gut ist, wenn Welpen mit anderen, auch sozialisierten älteren Hunden spielend lernen können. Aber die "Tage" und der vor allem bei erwachsenen Menschen missverstandene, für zu leicht, zu albern befundene Begriff des "Spielens". Sie vergessen dabei gerne das Prägen.

    Spielen ist im Tierreich ernsthaftes, aber höchst unterhaltsames Lernen fürs Leben. Und nicht bloss tumbes Austoben lassen, vor allem ohne Führung des Rudelbosses. Wieso nur Tage? Die so wichtige Prägephase bei Hunden beginnt mit der fünften und endet mit der zwölften Lebenswoche. Bei mir spielen Hunde auch länger. Teilweise korrigiere ich sie auch nach der Pubertät, wenn sie es eben noch mal wissen wollen. (Ich liebe Hunde, die herausfordern.)

    Spielerische Einordnung. Fertig. Sie kapieren schnell. Mein Ziel bei allen Hunden: Selbstbewusstsein durch Sozialisation fördern und nur notfalls korrigieren. Der überwiegende Rest: sein und tun, also sich entwickeln lassen. Ich lege nur die Spielregeln und die Rangordnung fest. Das dauert nicht nur ein paar Tage. Aber zu mehr nehmen sich die Kunden jener Angebote "keine Zeit". Sollen sie dafür zahlen. Freilich, ein Bedürfnis wird wenigstens ein paar Tage befriedigt. Eine miese Ersatz-Lösung.

    Merke: Nicht die Idee ist schlecht, aber oft die Ausführung.

    Unverzeihlich sind dagegen geradezu hanebüchene Interpretationen wie die einer Reutlinger Hunde-Schulmeisterin. Unglaublich, aber wahr: Sie lässt ein Tuch auslegen, worauf sich Leckerle befinden. Die Welpen müssen aussen sitzen. (Was soll diese Picknick-Tischordnung, was für eine lächerliche Vermenschlichung? Im ernst: Ich würde einen Welpen loben, wenn er schnurstracks auf die Leckerle fetzen würde!) Wenn ein Welpe sich jedoch bei dieser Hundelehrerin erlaubt, den anderen von einem Leckerle abzuhalten, wird er geschüttelt und aus von Spielplatz mit Hinauswurf bestraft. (Das mache ich nur, wenn sich ein Bullterrierwelpe in einen anderen verbeisst - ich mache es wie mein Rüde.)

    Die Frau, die von Biologie nichts verstanden hat, begeht jedoch gerade bei gesellschaftsfähig zu formenden Welpen den grösstmöglichen Fehler, dass sie die Welpen daran hindert zu lernen, Konflikte ihrer Art gemäss auszutragen. Mit allen Kommunikationsmitteln, zu denen Hunde fähig sind, um ernsthafte Verletzungen zu vermeiden - sieht man doch oft in Tierfilmen bei anderen Rudeltieren! Aus solchen Verhinderungen resultieren aber später jene Hunde, sich gleich rabiat zubeissen, anstatt - wie unter normal sozialgeprägten - den Konflikt, das Rangordnungsproblem mit ritualisiertem Verhalten abzuklopfen. Das lernen Welpen, indem man sie gewähren und alle Verhaltensmuster probieren lässt.

    Das sind die wirklichen Problemhundler. Nicht mal richtig spielen können sie. Aber auch noch Bücher schreiben. Ich würde die mal in einem vollständigen Wolfs- oder Hunderudel nachsitzen lassen: Beobachten, begreifen und nachmachen. Heute: Learning by seeking.

    Erzählen sie diese Tischsitten-Story mal einem Nutztierhalter, für den viele Hunde arbeiten. Der lacht sich krank, wenn er überhaupt diese Energie aufbringen mag für so viel Hunde-Unverstand.

    Rainer Brinks