"Ursprünglich" - das war mal
Ich nehme den Begriff selbst gern für einige wenige Hundetypen in Anspruch: ursprünglich, also von Anfang an. Das meint auch so was wie natürlich, unverdorben, unverfälscht. Ursprüngliche Hundearten heute? Das war ein mal. Das steht nur noch als Erinnerung oder Märchen in Rassebüchern oder Rassestandards. Bis auf sehr wenige Ausnahmen. Unverfälscht ist heute fast keine Art mehr. Weil gerade Hunde "reinrassig" gezüchtet werden. Immer dann, wenn Menschen ihre "ordnende" oder "bessermachende" Hand im Spiel hatten, ging die Ursprünglichkeit flöten. Und dann haben die Schwärmer meist nur noch das schöne Märchen vom Wolfs-Ahnen auf den labello-gefetteten Lippen. Wer dies immer vergleicht, hat von beiden keinen blassen Schimmer.
Wir haben ja Wolfsverwandte haus- und hoffähig (domestiziert) gemacht, damit er kein wilder und - vor allem - freier Wolf mehr sein soll. Die Freiheit, die Hunde lieben, trieben und dressierten wir ihnen gründlich aus, mit Methoden, für die das Wort "natürlich" eine schallende Ohrfeige darstellt. Wir haben uns den Wolf als Abziehbildchen aufs Sofa geholt und einen Schmusehund draus gemacht. Wir haben ihn perfekt verhundst. Oder menschenfreundlich gesagt: angepasst an uns. Aber einige nennen sie verkaufsträchtig "unverfälscht", "natürlich", "ursprünglich".
Ich beziehe mich oft noch auf den letzten Stand der Noch-Ursprünglichkeit von Herdenschutzhunden - aber nur die aus Arbeitslinien. Weil sie (noch) fast unverdorbenes Verhalten zeigen (müssen). Sie sind als aktive Arbeiter noch findige wie genügsame Selbstversorger, das kann man beobachten, wie sie fressen und Fressen draussen suchen (müssen). Die meisten Herdenschutzhunde, wenn sie noch aus einer Arbeitszucht stammen, schlingen nicht. Sie lassen eher zwei Brocken in der Schüssel, wenn sie satt sind. Sie buddeln deshalb auch im Garten weiter, weil sie als - ehemalige - Selbstversorger nach Wurzeln und Mäusen graben.
Wie auch bei Arbeits-Border Collies, bei bodenständigen Schäferhunden oder bei wirklichen Schlitten- und Jägerhunden. Ein nordischer Jägerhund bei seinem nordischen Bauern (die gleichzeitig Jäger sind) muss mithelfen. Ein Karelischer Bärenhund etwa könnte jedoch mit einem deutschen Sonntagsjäger nicht viel anfangen - und umgekehrt wäre dieser Hund den Jägern hier viel zu selbstständig. Und dann die Nichtjäger: Nicht wenige schaffen sich einen Jägerhund an und beklagen dann, dass er jagt!
Schlittenhunde sind auch längst nicht mehr das, was sie mal waren. Die zählen aber noch zu den so genannten Naturburschen, den "ursprünglichen", gern erzählt in den Rasseportraits. Und "Wolfsblut" Jack London liest sich nur noch abenteuerlich. Es gibt schon noch welche, die so artgerecht und nicht solo gehalten werden, aber deren Musher verschwinden in den schneereichen lautlosen Wäldern und lassen es laufen, im Gegensatz zu den vorlauten Outfit-Naturburschen mit ihren unglücklichen Blauaugen in den überhitzten Edel-Bistros. Die Geschichten vom im Wasser apportierenden Pudel aus dem Mittelalter sind so süss wie die Schleifchen im lockigen Haar, aber altbacken, fast verlogen.
Die meisten Geschichten in Rassebüchern konkurrieren mit dem Wahrheitsgehalt von Märchen der Pädo-Brutalos Gebrüder Grimm, von jenem ernährungswissenschaftlich wie tierpsychologisch dubiosen, weil kreidefressenden Wolf, der auf das Fressen von Omas steht - schwer nachvollziehbar.
Wir können das Rad der Denaturierung nicht mehr zurückdrehen. Wir sollten uns aber wenigstens auf die Gegenwart einstellen und mit hundlichen Bedingungen arrangieren, so hundegut es geht. Mit hundeverständlicher, naturgerechter Beschäftigung und nicht mit verkindlichter Ersatz-Spielerei.
Vergesst jedoch den Anspruch "ursprünglich" als Qualitäts-Zeichen für 99 Prozent der Hunde! Wir können Hunde nicht mehr in den Urzustand zurückversetzen. Der Ursprung ist nämlich mindestens 100 000 Jahre alt. Die Ahnen lassen nur noch ahnen. Selbst der degenerierteste Rassehund ist dankbar um mehr Ursprünglichkeit. Denn die meisten Hundehalter sind auch nicht mehr das, was sie ursprünglich mal waren.
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf, auch draussen Ihr Rainer Brinks
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