Verkindlichung
Ein Spezialgebiet der modernen Rassetier-Zucht und der Käufer ist - wissenschaftlich ausgedrückt - die Neotenie (Kindbleibung). Der Genetiker K. F. König experimentierte genetisch mit Füchsen, die er mit Verwandtschaftsreihen züchtete. Ohne freilich dabei Inzucht auf Sportziele, wie Vollblut- und Rassehundezüchter zu betreiben. Nach zwölf Generationen wurden diese Füchse haustierzahm. Sie führten aktiv Weisungen aus: apportierten Fleischbrocken wie Hunde, die Füchse lernten bellen wie Hunde. König berichtet sogar von Rettungstraining wie mit Hunden: wie ein Fuchs auf einem schwankenden Brett, das über zwei Hockern lag, "neben mir aufwartet, während ich mit Nagelschuhen auf demselben Brett einen Schuhplattler hinlegte, was man kaum von vielen Haushunden verlangen kann."
Und weil sie das Bellen wie Hunde lernten, war dies für ihn ein Beweis für die Domestikationsfähigkeit (Fähigkeit zur Haushundwerdung), denn Bellen sei ein Willensbeweis zum Sprechen.
Hunde, die bellen, beissen aber - im Gegensatz zum Sprichwort - trotzdem.
Ich neige der Meinung zu, dass der Hund ein Kind nicht primär als Kind - und deshalb als schutzwürdig betrachtet, sondern als subdominantes Rudelmitglied. Mit dem macht er - herausgefordert - seinen Rang aus. Für das arglose Kind ist dies ein Schock, für den Hund ein artgerechtes Verhalten, am doch falschen Subjekt. Aber was bleibt dem Hund übrig, wenn er nicht unter seinesgleichen, sondern unter Menschen leben muss. Wir bestrafen dann den Hund auch noch dafür, dass er kein Menschenverhalten an den Tag legt.
Die vielen Beteuerungen um die "Kinderliebe" von Hunden, bei manchen Rassezüchtern schon ein serienmässig eingebautes Extra - als ob nur ihre Hunde diese verkaufsträchtige Eigenschaft nicht erfahren müssten - werden dann in der Praxis immer ad absurdum geführt. Konstruktionsfehler? Nein. Der Hundefan akzeptiert es immer noch nicht, dass der Hund kein Mensch auf vier Beinen ist. Nicht mal der - von mir auch kolportierte - Begriff vom Hund als kindgebliebenen Wolf ist haltbar. Wir können es nämlich nicht biologisch beweisen. Weil beide Ausgangsprodukte bereits ständig veränderbar, nie als feste Grösse mit festschreibbaren Eigenschaften und nie vollends manipuliert sind.
Doch viele Menschen versuchen es immer wieder, so oft die Hunde dieses Klischee auch unterlaufen und widerlegen. Dafür lernen wir ihnen die Vermenschlichung über die Stufe der Verkindlichung. Wie gerne hätten viele Fans einen starken Hund, der im Wesen aber ein Welpe geblieben ist. Nicht wenige Züchter und Käufer hätten den Hund gern kindlich. Sie behandeln ihn zumindest so, lernunfähig, wie viele Menschen im Umgang mit Tieren sind. Wer ist da das Kind? Zu was holen wir uns den Hund ins Haus?
Passen Sie auf Ihre verkindlichten Hauswölfe auf!
Ihr Rainer Brinks
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