• Gerissene Schäfer

    Gerissene Schäfer

    15. Oktober 2001

    Es ist nichts Neues, wenn Schäfer sich über Verluste beklagen, gern an der Adresse, die dann Geld ausspuckt, weil Nutztiere von Wölfen und anderen Beutegreifern gerissen worden seien. Der Nachweis ist meist fraglich. Als Zahlmittel sehen die Schäfer die Wölfe gern. Was wäre, wenn sie die nicht mehr hätten? Denn nicht wenige Fälle bleiben höchst dubios - und werden gern den Wölfen in die Pfoten geschoben. Wer kontrolliert das schon? Das war so beim Aufbau des Abruzzen-Nationalparks in den 70er Jahren so, als Wölfe von den verwilderten Haushunden unterschieden und gezählt werden sollten. Die Bauern und Hirten erzählten dabei sehr viele Märchen. Natürlich waren sie gegen den Aufbau des Parks zum Schutz der wenigen Wölfe und noch weniger Bären. Aber als sie davon hörten, Rom würde für jedes gerissene Schaf eine Entschädigung zahlen, da liessen sie sich gern zu einem Arrangement hinreissen.

    Hat sich inzwischen an diesem Missverständnis zwischen dem "Miteinander" aus Nutztier-Nutzer und Beutegreifer was geändert? Nein.

    Der römische Korrespondent des "Spiegel" berichtete im Sommer 2001 davon, wie - so der etwas reisserische Artikel-Untertitel - "In der Toskana geheimnisvolle Räuber Tausende Schafe" reissen.

    Mehrere Hirten beklagten sich darüber, wie Wölfe ihre Schafe gerissen hätten. Es gehe seit drei Jahren so: Von 400 Schafen seien ihm 130 geblieben. Andere ziehen ihre Schafe nun in Ställe zurück, aber dort verrecken sie jämmerlich an der stickigen Luft in unbelüfteten Ställen. Die amtstierärztlich "beglaubigte" Zahl von getöteten Lämmern und Schafen habe sich von 1998 bis 2000 auf über 5 500 summiert. 2001 könnten 2 000 dazukommen. Da geht gern der Wolf um. Das passt. Wenn der Wolf gelegentlich auch in italienischen und angrenzenden Bergen vorkommt, warum sollte er es als scheues Tier ausgerechnet in der zudem zur Touristenzeit überfüllten Toskana tun?

    Um das Schaf geht in der Toskana viel. Als Einkommensquelle. Die Bauern und Hirten sich sauer auf Naturschützer und grüne Politiker. Sie meinen, die hätten ihnen den Wolf an den Schafshals gehetzt. Sie glauben, Naturschützer hätten gar Wölfe in der Toskana ausgesetzt.

    Der Direktor einer nationalen Naturschutzzone, die der WWF verwaltet, weist das empört zurück: "So etwas Verrücktes käme uns nicht in den Sinn." Auch Polizisten fanden keine Umweltschützer, die heimlich Wölfe ausluden.

    Die einzigen Menschen, die diese vermeintlichen Wölfe gesehen haben wollen, sind Hirten und Tierärzte. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, den die einen reklamieren die Verluste, die anderen stempeln ihn ab. Rund 50 Euro bekommt der Tierarzt für den Blick auf ein totes Schaf und den Amtsstempel für das Entschädigungsamt. Dieses zahlt dem Schäfer 100 Euro für ein junges und 50 für ein altes Schaf.

    Kann ein nettes Zusatzgeschäft werden. Dann werden Wälder abgebrannt, weil darin Wölfe vermutet werden. Jägerkommandi schiessen auf alles, was nach Wolf aussieht. Da geht auch mancher wildernder Hund mit drauf. Wird aber, wie früher, als Wolf gezählt. Macht mehr her.

    Nun müssen die Schäfer wieder mit einer Lupara draussen bei ihren Schafen schlafen.

    In dem Artikel stand aber kein Wort über Herdenschutzhunde. Die weissen Wächter und zuverlässigen Schützer - meist aber vor zweibeinigen Lammräubern -, die Maremmano-Abruzzese, die finden in den Berichten nicht statt. Warum nicht? Aurora Brizzi in Assisi, die Tierschützerin, weiss es. Die Schäfer laden ihre Hunde samt den neugeborenen Welpen vor ihrem Tierheim ab. Deutsche Freunde dieser Herdenschutzhunde nehmen sie auf. Der Autor dieser Zeilen hat auch eine Hündin aus solch einem abgeschobenen Wurf.

    Die Maremmani werden einfach weggeworfen. Weil es sich ohne diese Hunde besser jammern und kassieren lässt. Die geborenen eigenen Herdenschutzhunde des eigenen Landes aber werden abgeschoben oder gleich erschlagen. Dies hat sich der "Spiegel"-Redakteur aber nicht in den Notizblock diktieren lassen. Ein wenig Tierverständnis und kritische Recherche hätte ihm den Grund für dieses Hirtenlied geliefert. Stattdessen steht da der Satz eines Schäfers: "Der Schäfer führt ein Hundeleben und der Wolf das Leben eines feinen Signore."

    Bei solchen scheinheiligen Lügenmärchen fällt einem nichts mehr ein. So sind ein seltener Eintracht die Wölfe und die Herdenschutzhunde den geldgierigen Lügen derer ausgesetzt, die doch anderswo sich mit diesen Tieren arrangieren. Dort wird aber nicht gezahlt für "gerissene" Schafe. Gerissen sind nur diese Schäfer.

    Das ist das Problem. Und deshalb steht die volle Geschichte hier. Über die EU-Fördergelder für strukturschwache Gebiete würde sich manch anderer tierfreundliche Hirte in anderen Ländern freuen.

    Die Schäfer in wolf-gesäuberten Gegenden nehmen als Ersatz die Kolkraben als Entschädigungssubjekte. Doch keiner hat je beweisen können, dass diese Teil-Aasfresser und Umweltpolizisten (wie früher die Geiermärchen) je ein Lamm getötet hätten. Die Schäfer kamen immer erst dazu, als das Lamm schon tot war, aus Gründen, die sie gern verleugnen. Und dann kamen die bösen Raben und fingen an, den Leichnam zu entsorgen.

    Märchen halten sich lange, vor allem, wenn sie Geld bringen. Diese Gattung schwarzer Schafe finden sich nur bei Menschen.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks

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