• Die Kollateral-List(e)

    15. November 2001

    Nun haben die Innenminister mit einem Federstrich harmonisiert. Gleich zu Anfang die gute Nachricht, und das gleich ja schon fast einer Sensation: Thüringens Innenministerium hat es begriffen und sich als einziges Amt, fachkundig beraten und diesem Rat auch einzig folgend, gegen diese Pauschalierungen gewandt, und sich der Stimme zu diesem Beschluss enthalten. Das muss man sich schon auf der Zunge zergehen lassen, diesen sinnvollen Satz: "Thüringen hat Zweifel, ob eine Rasseliste nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand geeignet ist, einen Hund als gefährlich oder nicht gefährlich einzustufen."

    Der Rest dieses Kommentars gilt den anderen Länderministerien, also die schlechte Nachricht:

    Von Höhns 42 mutmasslichen Gesetzesbrechern auf 14, in zwei abgestuften Abteilungen. Warum 14? Gewürfelt? Rassehunde-Lobbyisten zu Expertisen eingeschmeichelt? Verbands-PR-Ausgaben müssen sich lohnen. Die paar kleinen Fehler (Tosa ist drin, es dürften aber in Deutschland nur ein Bruchteil der wegen minderer Zahl aufgeführten Cane Corso und anderen sein) und das Vergessen anderer honorieren wir grosszügig. Der Zufall und die Ahnungslosigkeit hat sie verschont. Noch. Andere hat es getroffen. Die Begründung drinnen oder draussen bleibt auf dem Niveau einer Fleischbeschau. Stempel. Der Dobermann ist draussen, aber der Rottweiler drin? Es kann auch keine erklärliche Begründung geben. Für keine Rasse. Vom Deutschen Schäferhund und anderen zu schweigen. Man ist ja schon erfreut, wenn sie die Hunderassen richtig abgeschrieben haben. War auch nicht immer so. Es hat sich doch was gebessert.

    Das Gefährliche dieser dummen Liste: Darin wird schon angedroht, dass andere Hunde in die Liste aufgenommen werden können; und die werden auch gleich genannt, obwohl auch sie noch nicht auffällig wurden. Nun die Aufschlüsselung In die laut Arbeitsgemeinschaft von Sachverständigen (es sind ausschliesslich sechs Veterinär-Ministerialbeamte) ganz gefährlichen und die weniger gefährlichen. Verkündet gegen alle wirklichen Fachleute und beschlossen. So geht das fix und foxi mit Minderheiten.

    Es gibt keine erbliche Disposition für Gefährlichkeit. Dies wie hier geschehen zu behaupten käme einer Auflistung nach Hautfarben oder anderen äusserlichen Merkmalen gleich.

    Bei Menschen würde man dies als Rassendiskriminierung anklagen.

    Ich wiederhole mich gern: Was wirklich fehlt und vorbeugen würde, wäre ein Gesetz zum Schutz der Tiere vor erwiesen aggressiven Menschen, die Tiere zur Ausübung dressierter Gefährlichkeit missbrauchen.

    Wirkliche Fachleute hätten auch eine Reduzierung des biologischen Schwachsinns dieser bundesweiten Verordnung nicht unterzeichnen dürfen, ja nicht mal als "Experte" dem Arbeitsausschuss beisitzen dürfen. Aber: Wes Brot ist ess, des Lied ich sing.

    Schützt uns jemand vor dem einen deutschen Schutzhundewesen, noch frisch auf dem Tisch der toten "Tatsache" Mädchen in Schleswig? Vergessen? Nein, aber unter der Schutzdecke versteckt. Nicht der vermutlich totbeissende Deutsche Schäferhund, der wurde zügig umgebracht, als dass man ihn hätte vielleicht auf Defekte untersuchen können. Wir werden den wahren Tathergang aus vermutlich rassepolitisch-zynischen Gründen nie erfahren, insofern bei uns allemal: im Zweifel für den Hund. Der hätte die Hysterie nie ausgelöst. Das wäre nicht der geeignete Kandidat für diesen folgenden Aktionismus gewesen. Gelöst wurde, wie man nun weiss, gar nichts.

    Jetzt wird pauschal verurteilt, aber auf harmonisch gleichbleibend tiefem Niveau.

    Verstehen Sie immer noch nicht diese "Harmonisierung von Regelungen zum Schutz der Bevölkerung vor gefährlichen Hunden"? Hört sich bambimässig beschützend an, nicht wahr? Wo man sich doch sonst als Täter fühlt, wenn man Opfer ist. Man verkauft uns ja auch schon Krieg als den eigentlichen Frieden, da werden auch Opfer zu Tätern. Egal. Legal.

    Die Sprache der Zeit. Finden Sie den von Militär-PR-Experten erfundenen Begriff "Kollateralschäden" auch so entschwebend wie endgelöst, bloss, weil da ein paar Lebewesen beim Plattmachen im Weg standen - leider, leider auf der falschen Strassenseite, aber der richtigen politischen?

    Kollateral heisst wörtlich: auf der richtigen Seite befindlich.

    Warum wundert Sie und mich noch diese hündische Verordnung, die ja doch immer die Falschen auf der richtigen Seite erwischt?

    Es passt mal wieder zu erinnern, und man kann es in diesen Tagen nicht oft genug wiederholen, dass Zynismus und Kynologie - beides vom selben Wortstamm - aus dem Griechischen kommt. cynos heisst Hund.

    Vorsicht: dieses bisschen Sach-Verstand vererbt sich homozygot! Thüringer ausgenommen)

    Passen Sie verschärft harmonisierend auf alle Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks

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