Relativitäts-Theorie Beissstatistik
1. März 2002Zuerst die abstrakten Zahlen, die in einer Statistik dargestellt werden. Dabei ist auch diese Statistik relativ, denn erstens sind es nur die Vorfälle, die gemeldet wurden, zweitens die, die gezählt wurden, drittens die, die in die Statistik ohne weitere Relativierung eingingen. Viertens, die erfassten Hundebestände gelten nur für die gemeldeten, die Dunkelziffer erschüttert den Wert fast jeder Statistik. Fünftens ist da die Lesart jedes Betrachters. Sechstens: es sind auch noch Ausschnitte aus einer Gesamtstatistik möglich, die verfälschen das Bild zusätzlich. Doch man kann ja lesen und daraus seine Schlüsse ziehen. So weit ist es üblich.
Zu sechstens ein Beispiel aus Neubrandenburg. Die Statistiker der Stadt veröffentlichten dies: 3200 Hunde - Tendenz steigend - sind offiziell gemeldet. Die Zahl der Beissvorfälle hat dabei nicht zugenommen. Die Tendenz ist gar rückläufig. Während 1998 noch 51 Personen gebissen wurden, waren es ein Jahr später nur 39. 2000 attackierten Hunde 38mal Menschen in der Stadt. 2001 schnappte lediglich 33mal ein Hund zu.
Von den 38 gemeldeten Beissvorfällen 2000 entfielen elf auf Mischlinge, fünf auf Schäferhunde oder Schäferhundmischlinge, aber nur drei auf sogenannte Kampfhunde, von denen es laut Anmeldungen 120 in der Stadt gibt. Ein Jahr später verschiebt sich das Verhältnis weiter zu Ungunsten des Deutschen Schäferhundes. Zehn Personen wurden da von Schäferhunden angefallen, wogegen "Kampfhunde" nur zweimal zubissen.
Veterinäramtsleiter Eckhardt Wolf führt dazu als Grund die Hundehalter-Verordnung an. Als gefährlich eingestufte Hunde müssen einen Wesenstest absolvieren, um vom Leinen- und Maulkorbzwang befreit zu werden: "2001 haben wir 22 solcher Tests durchgeführt. Alle Kampfhunde haben ihn jeweils bestanden".
Der Veterinär weiter: "Bei vielen Beissvorfällen handelt es sich um arttypische Hundereaktionen und nicht um Angriffslust. Zum Beispiel, wenn das Tier sich bedroht fühlt oder ihm der Knochen weggenommen wird."
Und dann die andere Art der Relativierung: Wer stellt fest, was ein Biss ist und was ein Schnappen, Packen, Zwicken, Festhalten, Knabbern etc. Klar ist auch, dass der Biss eines grossen Hundes mehr anrichten kann als der eines kleinen.
Wer stellt fest, welcher tatsächliche Biss wie bei welchem Individuum (auch Schmerzempfinden ist relativ) "gefährlich" war oder im Nachhinein wurde?
Es ist nicht vom Maul zu weisen, dass im Nachhinein - nach dem Vorfall, der früher oft bei gleicher Intensität als "ist ja nix passiert" quittiert wurde, dann ging man nach einer Entschuldigung seiner Wege - noch mal tüchtig "nachgebissen" wird. Dann nämlich, wenn ein Schadenersatz oder Schmerzensgeld winkt.
Es gibt erwiesene vorsätzliche Vorfälle dazu, nachdem in meiner Gegend ein Rüde, der Besitzer ist ein mir bekannter, sehr selbstsicher und gelassen auftretender junger Mann, von einem Passanten provoziert wurde, mehrfach. Der Besitzer stellte den Mann (erregter als der Hund), dann gestand jener, er habe doch nur Schadenersatz einklagen wollen.
Gut, kein Fall für die Statistik, aber glaubhaft. Bei einem Kleinpudel wäre das dem potenziellen Versicherungsbetrüger nicht eingefallen. Bei einem Retriever aber vielleicht doch?
Es könnte alle Hundehalter treffen, deren Hund über das Höhnsche Mass von 40 Zentimeter und 20 Kilo hinausgehen. Ah, ich habe siebtens vergessen: Die Zeit der Erfassung. Zitierte Statistiken befällt mitunter der Zahn der Zeit. Zu alt, um noch als aktuell relevant zu sein. Daher habe ich mit dem brandenburgischen Beispiel die neuestmögliche genommen. Ich relativiere: die mir bekannt neuest...
hundezeitung hat im Übrigen schon oft auf die Fehler dieser Beissstatistik hingewiesen. Beispiele: www.hundezeitung.de/top/top03-2.html und www.hundezeitung.de/top/top04.html
Dazu auch in einem anderen Artikel auf wissenschaftlich nicht begründete Angaben der "Beisskraft".
Vorläufiges Fazit in der Bewertung von Beissstatistiken: Das blosse Zählen von Bissen ist klappernder Nonsens, Placebofutter für Statistikgläubige und höchstens Falschmeldung für diese oder jene Seite: Hundegegner, Rasse-Interessen-Vertreter oder Gegner dieser und mehr. Jeder liest "seine" Bewertung aus einer nackten Zahlenaufreihung und kocht seine Meinung drauf. Manipulation zum Nullwert.
Beissstatistiken auf diesem Niveau sind zahnlos. Auf die Schwere der Verletzung kommt es an. Neue Statistik, bitte! Für den Rest gilt nach wie vor der alte Statistiker-Witz, der des englischen Premiers Winston Churchill: "Ich glaube nur der Statistik, die ich persönlich gefälscht habe".
Passen Sie gut auf alle Hunde auf!
Ihr Rainer Brinks

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