• Tierernährungsleeren

    Tierernährungsleeren

    1. April 2002

    Mail eines Fernseh-Autoren: "Ich arbeite an einem Fernsehbericht über die Ursachen der häufigen Krebserkrankungen bei Hunden. Es gibt Erkenntnisse, dass dies möglicherweise mit dem Fertigfutter in Zusammenhang steht. Teilen Sie mir doch bitte mit, ob es bei Ihnen Informationen zu diesem Thema gibt oder ob Sie Kontakt zu einem unabhängigen Forscher haben, der sich mit der Sache befasst oder eine Untersuchung durchführen kann."

    Das Wort "unabhängigen" hatte er wohlweislich unterstrichen. Lapidare Antwort: Daher konnte ich ihm nicht helfen. Ausserdem ist das Thema so umfangreich wie vielschichtig begründbar. Oder dementierbar.

    Nicht nur die Ernährungskunde für Menschen überrascht uns vorn Zeit zu Zeit mit Studien, umkehrschlüssigen Prozessen, Bestätigungen alter Weisheiten auf kompliziert neuem Sprachniveau oder einfach mit klitzekleinen Umfragen in der Grössenordnung einer Grossfamilie über Verdauungsprozesse, die im nächsten Monat von einer anderen Studiengruppe völlig ausgeschüttet wird. Auch die Ernährungswissenschaft für Tiere. Bemerkenswert, dass die Nutztierforscher fleissiger sind als die Haustier-Fresskundler. Der Markt ist grösser. Da mag es auch um die Befriedigung von Finanzierern von Lehrstühlen gehen, die mitunter bei fraglichen Ergebnissen mit dünnem Basis-Material eher Leerstühle sind.

    Es muss sie aber geben: die Sponsoren für Tierernährungskunde, ohne diese Finanzierung von Forschung wissen wir künftig noch weniger als bisher. Wir sind alle verunsichert, was wir nicht wissen dürfen. Selbst kundige Hundler müssen glauben. Den Rest, den überwiegenden, den raten wir, oder wir glauben das Gute im Kauf.

    Zitat aus dem schweizerischen Landwirtschaftlichen Informations-Dienst: "Wieso betreiben wir überhaupt noch Tierernährungswissenschaft, wenn die Grossverteiler ein so grosses Machtpotential haben, dass sie selber über die Tierfütterung bestimmen können?", fragte sich Tagungsleiter Professor Caspar Wenk zu Beginn einer Veranstaltung in Zürich. Wenk spielte dabei auf die Meldung der Grossverteiler an, künftig auf den Ankauf von tiermehlgefütterten Hühnern und Schweinen verzichten zu wollen.

    Kleine Kostprobe unseres Konflikts: Brasilien produziert das meiste Soja auf gerodetem Urwald. In den USA werden neue, gentechnisch veränderte Sojasorten angebaut. Hühner und Schweine hätten "die Wahl" zwischen Soja aus einem Drittweltland und gentechnisch verändertem. Einerseits wäre das ethische Problem der Fleischmehlverfütterung gelöst, andererseits aber ein neues, vielleicht noch brisanteres Imageproblem fürs Fleisch geschaffen.

    Allergien sind die Existenzversicherung für Tierärzte. Wieso untersucht kein Wissenschaftler die Wirkung von Industrie- oder Bio-Produkten auf die Physis der Hunde? Vorurteile sind zu leichtverdaulich. Wir schwimmen weiter, von Kotprobe zu Kotprobe. Wir verleugnen dabei, beim Schimpfen auf dies und jenes Futter, dass die Hunde eher überfettet werden als schlecht ernährt. Immer die anderen. Schockierendes Beispiel: Ein 50 Kilo-Brocken, Mix aus Berner Sennenhund (nicht gerade berüchtigt für extrem lange Lebensdauer) und Bauernhund von nebenan, kam ins Tierheim. Kettenhaltung. Alles Übel dieser Welt. Frechheit: trotzdem 15 Jahre alt geworden, der Kerl. Kerzengerade Läufe. Was hat man ihm zu fressen gegeben, wenn der so fit aussieht? Frolic.

    Ja, richtig gelesen: Frolic. Es mag uns alle schütteln. Nun sage ich als alter Spötter, und man möge mir ein Gegenargument servieren: Mit einem besseren Futter wäre der Hund 20 geworden...

    Gut: Dies ist nur ein amüsant zu erzählendes Beispiel. Aber es isst eines. Das Beispiel erhellt: nicht alles ist wahr, was teuer und aufwändig scheint. Ich habe auch alle Qualitätsstufen durchfressen lassen. Meine Hunde wiesen keinen gravierenden Unterschied auf von preisgünstigen (schlechte kommen freilich nicht ins Haus) bis zu Superluxuskracher-Futtern zum Preis von 55 € der 15-Kilo-Sack.

    Gesundheit kommt nicht nur vom Fressen. Nach wie vor tragen die meisten Hunde Übergewicht mit sich herum, kompensiert und übertragen auf den Mitfresser Hund (der nimmt, was er kriegen kann) durch Modern-Menschen- Gewohnheit, und dann nur stossweise Hochleistungssport, idiotischerweise mit einem Doping an Energie, die sie in nur eine halbe Stunde verbrauchen. Der Rest lagert in Fettgeweben. Auch beim Hund.

    Es beruhigt nicht einmal, dass selbst Tierernährungswissenschaftler ihren Hunden das füttern müssen, was sie, die Experten auf täglich Widerruf gib uns heute glauben. Es ist unser eigener Verstand, der satt ist. Wir sollten wieder hungrig sein nach Bescheidenheit. Wir könnten halbwegs natürliches, vielleicht unbequem selbst zusammengestelltes Futter reichen, und dem Hund dafür mehr Bewegung bieten.

    Mehrfach-Hundehalter haben es intelligent gelöst: sie lassen bewegen. Es läuft. Wie früher. Reduce to the max, wenn Sie es modern wollen.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks

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