• Epilepsie rennt

    15. April 2002

    Und niemand tut was.

    Epilepsie (Fallsucht) ist eine hirnorganische Anfallskrankheit, krampfartiger Ausdruck einer Funktionsstörung des Zentralnervensystems. E. hat viele Ursachen. Sie kann erblich bedingt sein oder durch eine Gehirnerkrankung erworben werden. Mehr in www.hundezeitung.de/medizin2/epilepsie.html

    Kein Tierärzteblatt, kein Züchterverein berichtet. Wieso sind denn allein in unseren Forum seit zwei Jahren ein Dutzend Fälle bekannt geworden? Wieso verhallte die Idee der hundezeitung - deutsches Hunde-Epilepsie-Netzwerks nach funktionierendem Vorbild aus USA - so kläglich? Nur fünf betroffene Halterinnen meldeten sich. Aber kein Institut.

    Die Züchter verleugnen den Tatbestand. Sie zeigen aber mit dem Finger auf die Fälle der konkurrierenden Rassen. Das ist mein giftigster Vorwurf. Und wenn es dann doch einen Züchter trifft, dann ist nicht was nicht sein darf, dann kam das noch nie vor usw.

    Immer ist es ein erstes Mal. Dann ist doch aber fein, dass man E. nicht beweisen kann. Also wird weitergezüchtet.

    Es gibt - nur ein Beispiel - Linien eines belgischen Schäferhund-Schlags, die zu 30 Prozent befallen sind. Doch es wird munter weitergezüchtet. Wenn ein Züchter auch nur einen Fall zugäbe, könnte er seinen Laden dichtmachen. Das aber würde nicht reichen, er bekäme Schimpf und Schande von seinen Rassekollegen, die um ihren Ruf fürchten. In den meisten Rassevereinen wird daher munter geschwiegen. Da unterstützt kein Verband oder kein Futterhersteller (die durchaus Tierernährungs-Lehrstühle finanzieren) ein Forschungsinstitut mit Geldern, Epilepsie besser zu verstehen und in den Griff zu kriegen. Bringt kein Prestige. Mag man nichts davon wissen.

    weiter.

    Ist doch auffällig, dass die Fälle nie in den Vereinen auftauchen, nur in den Kliniken, bei den Tierärzten. Es sind nicht nur Rassetiere befallen. E. überfällt sie alle.

    Die wissen sich und ihren Patienten nicht anders zu helfen als mit Psychopharmaka aus dem Humanmedizin-Sektor, wenn es Schlimmer kommt: mit Valium- Spritzen.

    Der Wirkstoff Diazepam unterbricht die brutal anzusehenden Muskelkontraktionen mit Verletzungsgefahr durch Zungenbiss. Die Krämpfe können bei einem "Grand- Mal"-Anfall so körperlich erschöpfend sein wie ein Triathlon, der in der Hälfte der normalen Zeit geleistet wird. Dem Angsttrauma folgt Orientierungsverlust mit starker Fluchttendenz. Kurzfristig. Danach scheint alles wieder in Ordnung zu sein. Bis zum nächsten Anfall. Daueranfälle gibt es auch, und alle Ausprägungen. Es kann doch nicht angehen, das Hunden nur Medikamente für den Humanbereich gegeben werden, weil eine spezielle Forschung an Hunden nicht lohnt. Da werden noch teilweise Medikamente verschrieben, die gar nicht mehr auf dem Markt sind.

    Eine Hundezeitung-Leserin aus Österreich fragte, warum denn immer noch dieses alte Valium gegeben würde? Warum keine aus dem Multiplen Sklerose-Bereich probieren, etwa Sirdalud? Der Wirkstoff Tizanidin ist eine zentral wirksame Skelettmuskelrelaxanz mit Hauptangriffspunkt im Rückenmark. Anwendungsgebiet neben spinal- und cerebral-bedingter chronischer Spastizität auch "schmerzhafte Muskelspasmen". Sirdalud wirkt auf "glatte" Skelettmuskulatur, es hilft im Humanbereich und verursacht keine Benebelung wie bei den bisher üblichen Psychopharmaka-Hämmern. Dazu die Meinung eines Tierarztes: "Der Wirkstoff greift zwar im Zentral-Nerven-System an, aber er vermindert lediglich die Muskelkrämpfe. Die tonisch-klonischen Krämpfe einer Epilepsie sind jedoch nur Ausdruck einer im Gehirn ablaufenden "Fehlerregung". Diese zu verhindern muss das Ziel einer effektiven Epilepsietherapie sein. Tizanidin greift jedoch danach an, das heisst: es verhindert die Übertragung der Transmitter, die dann den Muskelkrampf auslösen. Die Fehlerregung hat stattgefunden. Damit würde man nur das äussere Erscheinungsbild des Anfalls etwas "entdramatisieren". Seine Empfehlung: "Therapieversuch mit hochdosiertem Prednisolon-21- hydrogensuccinat ("Medrate solubile"), hätte allerdings direkt nach dem "Anfall" gegeben werden müssen. Weiterer Versuch mit "Karsivan" möglich.

    Warum wird dazu nicht auch bei Hunden mehr an Epilepsie und allgemein an neurologischen Erkrankungen geforscht? Zu teuer? Für die Hundebesitzer oder für die Pharmaindustrie, für die "paar epileptischen Hunde" nichts ausgeben zu können?

    Es wird nur dann anders, wenn der Aufsichtsratvorsitzende einer Firma der tiermedizinischen oder tierpharmazeutischen Branche einen epileptischen Hund hat.

    Die moderne Tiermedizin, die Ernährungsforschung wirft Millionen an Investitionen in fragwürdige Projekte. Aber in eines, das ganze Linien befällt, und ich bin sicher, dass mindestens fünf Prozent aller Hunde gefährdet sind, da kümmert sich fast niemand. Da werden auch die behandelnden Tierärzte allein gelassen. Sie beurteilen ein paar Laborwerte und wissen doch: sie können E. nicht sicher diagnostizieren, daher der Begriff idiopathische (Ursache nicht feststellbar) E.

    Ein paar "uninspirierte" oder auch nur hilflose Tierärzte spritzen im schlimmsten Fall nur allzu schnell die letzte Dosis Valium. Es gibt nur den Verdacht, und es gibt nur das systematische Ausschluss-Verfahren was als Ursache nicht in Betracht kommen kann). In einigen Fällen kann es durch lange Medikations-Versuche mit viel Zeitaufwand Sinn machen, den Hund vielleicht halbwegs dämpfend medikamentös richtig einzustellen. Es gibt Hunde, die werden mit viel Glück alt damit. Doch er pisst fast nur noch Pharmaka aus, um es mal drastisch übertrieben auszudrücken.

    Epilepsie ist derzeit und wohl auf längere Zeit nicht heilbar.

    Bis vor wenigen Jahren dachte man auch über menschliche Epileptiker, sie seien nur irre, des Teufels. Die Erkenntnis, dass diese eine Hirnstörung ist, ist also nicht alt.

    Im Human-Bereich sind kleine Fortschritte möglich, durch chirurgische Eingriffe. Dazu aber benötigt der Chirurg unter anderem das Erfahrungs-Feedback des Patienten. Bei Hunden nicht möglich.

    Den erforderlichen Forschungsaufwand für Hunde finanziert niemand. Und bis es doch mal so weit ist, rennt E. weiter.

    Es sind einfach zu viele Fälle, die allen in der Community der hundezeitung bekannt wurden. Es sind keine Ausnahmen mehr.

    Wann beginnen die Mit-Verursacher endlich, redlich dagegen zu steuern und zumindest Hunde aus der Zucht zu nehmen oder andere Tiere zu kastrieren, die Gehirnstörungen hatten, damit sie nicht weiter populieren können? Es kann jeden Halter und Züchter treffen. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, endlich zu handeln und schonungslos die Wahrheit zu bekennen. Vielleicht forscht mal ein Team nach anderen Ursachen dieser idiopathischen E. Die doch gerade bei Hunden so zunimmt. Weniger bei Katzen. Katzen werden auch befallen, aber im Vergleich zu Hunden selten.

    Es würde mich nicht überraschen, wenn dabei eines Tages eine ganz andere Ursache ans Tageslicht käme. Wäre nicht das erste Mal, dass man einfach bequem etwas annimmt, was halt unabdingbar scheint. Bloss, weil man es nicht besser wissen konnte oder wollte.

    Aber es muss jemand anfangen, ernsthaft zu forschen. Und dafür finanziert werden.

    Diesen Aufruf widme ich allen Hunden, die von Epilepsie befallen wurden und - ich fürchte - noch lange werden.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr Rainer Brinks

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