• Märchen wirken

    Märchen wirken

    1. Juni 2002

    Zwei Meldung aus der Neuzeit, 2002. Man möchte es nicht glauben, aber diese steinalten schimmeligen Märchen der Angst vor Wölfen und Bären - sie lebt. In den Köpfen von zeitgenössischen Menschen. Ein "Rotkäppchen-Syndrom" hätten die Bewohner aber nicht, meinte ein heimischer Biologe. Was dann? Natürlich fordert niemand Wolfs-Events am Abend mit Lämmerbraten, damit man sieht, was man als Attraktion hat. Aber es ist halt ein Unterschied zwischen fernseh-servierter Wolfs-Wildromantik und dem allabendlichen Zaungast von einem hungrigen Wolfsrudel, das sich eben selber versorgen muss. Und zwar aus der Gegend, in die sie nun mal grenzenlos gewandert sind.

    Nun haben wir die Tatsache, weil das Märchen und die falsche Romantik quasi gemeinsam unsere Wahrnehmung und unseren Realitätsinn testen. Schon durchgefallen. Meinungsmacher schüren, oft noch wilder als die Einwohner. Der böse Wolf als Einschaltquotenbringer.

    Liegt es an der lausigen Aufklärung von Fernsehen und Boulevard-Zeitungen, liegt es an den Lehrern, zur Zeit immer wieder Omegas der Bildungsmisere; liegt es an den Eltern, die ja immer anschaffen statt halbwegs bildende Literatur lesen müssen?

    Ja, werden denn immer mehr Menschen schneller blöder?

    Es gibt keine Ausreden, man hätte es nicht besser gewusst. Denn man kann sich überall informieren, wenn man wenigstens das kapiert und das Angebot annimmt.

    Zwei Ereignisse: Alarm in der Oberlausitz (Sachsen): Wieder Schafe getötet, diesmal vier. Auf einem Hof. Der Verdacht der Polizei war schnell verkündet - die Täter waren Wölfe. Dumm gelaufen, denn Experten klärten den Mordfall auf. "Das waren keine Wölfe", sagt Biologin Gesa Kluth, die Sachsens Wölfe erforscht und zur - ein Titel der Presse - "Sonderkommission (Soko)" des Umwelt- und Agrarministeriums gehört.

    Die Nervosität in der Region ist verbreitet, seit die Wölfe im April und Mai 33 tragende Schafe einer Herde in der Nähe des eben geschilderten Ortes gerissen haben sollen.

    Der Fall war klar. Der gezielte Drosselbiss in die Kehle, die Tatzenabdrücke, die gelben Augen, die der Schäfer nachts gesehen haben will (da sieht er aber mit Infrarot!?), verrieten Wolfsspuren. Gesa Kluth geht davon aus, dass es Jungtiere des Oberlausitzer Rudels waren. Die Elterntiere seien bisher so nicht aufgefallen, doch der Nachwuchs streife umher und suche ein neues Revier. Der Schäfermeister legte sich danach auf die Lauer. Kein Wolf kam.

    Die Landesregierung kam für die Schäden auf, zahlte 256 Euro pro Tier, stellte vorübergehend einen Schäfer ein und finanzierte einen besseren Schutz: elektrische Lappenzäune mit wehenden roten Tüchern, die nach Meinung der Biologen den Angreifern suspekt sind. In der Regel...

    Wenn doch noch was passiert, werden wieder Nachtwachen eingerichtet. Dann könnte auf die Wölfe auch mit Gummigeschossen aus Schrotflinten gezielt werden, um sie zu vergraulen.

    Die Wölfe, die bisher geschützt auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz lebten, müssen auch mit Schmerzen erzogen werden. Der "einst verteufelte Grossräuber" (Zitat Pressetext) war mehr als 150 Jahre ausgestorben. 1995 siedelten sich zwei Alphatiere aus Polen diesseits der Grenze an. Die Rückkehr der Wölfe ist für den Artenschutz spektakulär und wurde ein Medienereignis. Schliesslich bilden sie die einzige Population im westlichen Mitteleuropa.

    Doch die Schafsattacken verunsichern die Bewohner der Muskauer Heide. Egal, ob von Hunden oder Wölfen. Panik ist Panik.

    Eine Rentnerin, die am Waldrand wohnt, wagt sich nicht mehr in die Beeren und Pilze. "Das ist mir unheimlich", sagt sie. Der Ehemann steht ihr bei: "Hundert Jahre war hier Ruhe. Doch jetzt hat jeder Angst." Die Rentner fütterten bisher vom Küchenfenster aus sogar weisse Hirsche, sagen sie. Nun aber würden Rot- und Damwild vertrieben, bedauern sie. "Und wenn die Wölfe im Winter Hunger haben, fallen sie vielleicht Menschen an", fürchten sie. Eine andere Rentnerin sagt, was manche im Ort denken: "Die Wölfe soll man abschaffen."

    Der Biologin sträuben sich die Haare: "Wölfe sind scheue Tiere und greifen keine Menschen an. Sie werden sich nicht in Gefahr begeben". Die Wolfs-Kommission hat daher nicht nur eine Hotline eingerichtet, unter der sich Polizei, Fachleute, Amtstierärzte und Naturschützer im Krisenfall rasch verständigen können. In Arbeit ist auch eine Image- und Informationskampagne, um Sorgen zu zerstreuen und die Wolfsregion zu vermarkten. Die geschützten Tiere fühlen sich in der Lausitz wohl. Es ist gerade ein neuer Wurf zu erwarten.

    Ich fürchte, in einem Jahr sind die Wölfe doch vertrieben. Die Unaufgeklärtheit der so genannten Industrienationen sorgt dafür. In Rumänien und anderswo, wo der Landmensch mit all seinen (wesentlich häufigeren) Beutegreifern lebt, würde man über derartige Dummheiten den Kopf schütteln. Angst wird hier aus Nicht-Wissen- Wollen genährt.

    Ein Mensch wird es schon schaffen, die Wölfe in Panik zu versetzen, so, dass sie was dergestalt anrichten, dass die Menschen sie endlich wieder vertreiben können (wie weiland im Bayerischen Nationalpark, als ein Caterpillar die massiven Zäune des Freigeheges durchbrach und die Wölfe in die Flucht schlug.)

    Die Geister, die sie erst von fern als "toll, guck ma, die Ahnen von unserem Püppi!" anbeteten und dann aus dem Gemüsevorgarten und Kaninchenstall vertrieben.

    Rotkäppchen-Syndrom ist eine Verleugnung des ganz normalen Wolfswesens. Nun steht das Märchen im Vorgarten und der dickliche Hund bellt. Der Ahn möchte gehen, er hat längst seine Schuldigkeit getan. Und wenn er sich nicht verscheuchen lässt, weil der Komposthaufen so als Frühstück durftet, dann werden die Jäger herzitiert. Gern auch in Uniform der Polizisten. Lebendige Einbrecher in die selbstgestrickte Wohnzimmer-Romantik.

    Der Haushund sollte nicht mit den Wölfen tanzen wollen (wie es nur seine entzückt-entsetzten Besitzer möchten, so als Verbrüderung), oder mit ihnen Unterordnung oder so was wie halt in der Hundeschule Gelerntes machen. Das sehen die Wölfe ganz anders. Die spielen ja gar nicht wie unser Hund! Die reagieren auch nicht auf Clicker. Die sind aber schlecht sozialisiert! Richtig unnatürlich sind die! Gar nicht wie unser Püppi.

    Wo sind wir denn?

    In der Anti-Natur. Da fühlen wir uns wohl. Da kennen wir uns aus. Bald kriegen auch die hungrigen Medienwölfe davon Wind. Spot on! Macht hin! Sonst gehen die zu einem anderen Sender, wo sie mehr Lockvögel bekommen. Dann kommt Johannes Baptist Kerner vom Zett-De-Eff und macht eine Sonderschalte aus Sachsen. Er sprach mit den Wölfen. Spot aus.

    Andere Panik: Der Mann am Telefon klang fürchterlich aufgeregt: Er japste in den Hörer, ihm sei gerade ein grosser schwarzer Bär entgegen gekommen. Der Polizist, der den Anruf am Sonntagabend um 22.15 Uhr entgegen nahm, glaubte, sich verhört zu haben. Nein: Es sei ein Bär.

    Vier Beamte entdeckten das Tier sofort. Und obgleich es "friedlich wirkend rechtsseitig direkt vor der Gartenpforte eines Grundstücks" lag, näherten sie sich dem grossen Fellbündel doch mit der gebotenen Vorsicht "und stets auf Eigensicherung bedacht." Man kann sich die Erleichterung der heldenhaften Ordnungshüter vorstellen, als sich der Bär als gutmütiger Neufundländer entpuppte. Da eilte auch Frauchen dazu, erzählte, dass er bereits vermisst wurde und erzählte den vier angerückten Ordnungshütern: Der Rüde hatte die Bekanntschaft einer läufigen Labrador-Hündin gemacht und befand sich halt auf der Suche nach seiner Angebeteten.

    Das ging ja noch mal gut.

    Wehe, der Neufundländer wäre ein ähnlich massiver, aber kurzhaariger Hund mit schwarzer Maske gewesen. Denn dann hätte es auch kurzhaarige Wolfsbären gegeben, die man der Polizei aufbinden darf.

    Ach, wo sich noch keine Wölfe herumgesprochen haben: die weitläufig Verwandten sind schon da. Füchse erobern die Städte. Klar, reichlich komfortable Nahrungsangebote. Feinde? Keine. Die paar Hunde, die draussen leben, pah! Sie passen auf unsere Hunde auf. Schon tummeln sie sich in Zürichs Stadtpärken (geschätzte 1 000) oder auf Allgäuer Campingplätzen. Ungeniert.

    Impfköder und Abschiessen haben sie durch schlaue Anpassung oder schnellere Population gekontert. Die Tollwutgefahr ist nur noch eine sehr gering partielle. Meister Reinicke räumt weggeworfene Nahrungsreste auf, vertilgt Mäuse, auch wenn er nun eben durch Intensivlandwirtschaft von den Auen in die Städte vertrieben wurde. Die Rotfüchse sind nun unbezahlte Umweltmitarbeiter. Wir locken sie, sie keckern vor den Müllbergen der Fuchs-du-hast-die-Unschuld-gestohlen-Bürgern. Nur vor dem Eindringen in Hühnerbatterien sollte man die Schlauberger warnen. Sie könnten sich sonst vergiften.

    Ich fühlte mich immer schon in Gegenden sicherer, in denen es von echten Wölfen, Bären, Füchsen und anderen tierlichen Beutegreifern nur so wimmelte. Auf die kann ich mich wenigstens verlassen.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr

    Rainer Brinks

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