• Teilsieg

    15. Juli 2002

    Das höchstinstanzliche Urteil wird erneut Auswirkungen auf die jeweiligen Verordnungen der Ländern haben. Um dieses Urteil und seine eben nicht nur formaljuristische, sondern biologische Begründung werden nun die zuständigen Länderministerien nicht herumkommen. Sie werden versuchen, es zu umgehen. Das aber möchte dann profunde Anwälte auf den Plan rufen.

    Fazit: Die ganze ad hoc-Aktion, begründet von der nun allen Hundefreunden bestens bekannten Ministerin Bärbel Höhn, ist schlichter Aktionismus gewesen. Dies wussten biologisch Interessierte schon bei der Verkündung und Vollstreckung der ersten Verordnungen, aber nun ist es auch noch formaljuristisch abgesegnet.

    Hundezeitung zitierte schon im "Kampfhunde-Hysterie-Sommer" 2000 den Verwaltungsrechtler der Universität Tübingen, Prof. Dr. Michael Ronellenfitsch: Eine Pauschalierung von Lebewesen ist verwaltungsjuristisch nicht möglich. Auf Tierfachleute hörten die Beamten ohnehin nicht. Also musste man verwaltungsrechtlich vorgehen, mit vielen Normenkontrollverfahren. Die Wirksamkeit von Klagen ist durch dieses Urteil deutlich verbessert worden.

    Man freue sich nicht zu früh: Die wahren Feinde werden neue Tricks erfinden. Das Ziel in den zuständigen Ministerien war von Anfang an klar, vor allem von Nordrhein-Westfalen vorgegeben: der Hundebestand von Deutschland müsse deutlich abgebaut werden. Dies werden sie weiter verfolgen, mit anderen neuen Verordnungen. Bis dahin darf aber fröhlich geklagt werden. Zur Erinnerung: Deutschland ist das Land mit der im zweitniedrigsten "Hundedichte" unter 17 Industrienationen. Einige Politiker wollen offenbar wenigstens auf diesem hündischen Gebiet Spitze sein und die Japaner verdrängen.

    Nun rüsten aber bereits die Verordner nach. In Berlin wird diskutiert und wie in einem Notstandsgesetz vermutlich wieder ad hoc verordnet: alle Hunde über 25 Zentimeter Schulterhöhe werden getestet.

    Ich verzweifle am Verstand. Denn die Braven, wie manche Praktiker ja wissen, die kommen, lassen testen, zahlen ordentlich (wem denn in welche Kasse?) und - gut ist.

    Diejenigen, denen man diese ganze Hysterie zu verdanken hat, die lachen sich weiter ins Fäustchen.

    Die Zukunft wird so aussehen - dies ist keine Erfindung: Vor kurzem sprach ein kleinwüchsiger Mann italienischer Herkunft eine Berliner Frau mit englischem Retriever an, der nun einen sehr grossen schwarzen Schäferhund an der martialischen Kette (je kleiner die wahre Stärke, desto grösser die Signale) hielt, minderwertigkeitskomplexhaft über die Rasse seines Hundes tönte und fragte: "Warum haben sie keinen arischen Hund?"

    Er nannte seinen Deutschen Schäferhund Mussolini.

    Armer Hund. Ob das Schwarzhemd weiss, dass diese so stark schauspielernden Diktatoren psychoanalytisch komplette Looser und Weicheier waren, wenn es drauf ankam, sich verpissten? Allein in der Mimik, Gestik und im Phänotypus waren diese Scheinheiligen konträr zu dem, was sie vorgaben zu verkörpern.

    Wenn die Gesellschaft schwach ist, sucht sie sich allemal ihre Idole. Und der Hund muss das verkörpern? Gut, dass er das nicht weiss. Hauskatzen haben Glück, sie geben nichts her, und ein imageträchtiger Puma ist nicht so ungestraft unterzuordnen.

    Aber die Hunde werden bezahlen für diese modernen Gesellschafts-Krankheiten.

    Vor den Wahlen werden die Mächtigen populistisch aufdrehen. Man tritt die Hunde über Kleinsthundegrösse. Macht was her, bei denen, die nicht selber denken. Chihuahua bis Zwergpinscher erfreuen sich grossen Absatzes. Arme Hunde.

    99 Prozent der Grösser-Hunde-Halter legen Wesenstest wie verrückt ab, Maulkorbhersteller bauen in Ostdeutschland neue Fabriken. Es gibt bald Luxuskörbchen aus Kohlefaser. Für die Braven.

    Bloss die Verursacher bleiben die alten. Und lachen hämisch über die Gesetzestreuen. Weil alles nonsens ist. Maulkorbbürgerstreiche. Oder ist das ganze formaljuristische Theater gar eine Riesen-Beschäftigungs-Massnahme für die kommende Rechtsanwaltsflut? Mit Biologie - der Lehre des Lebens - hat das schon lange nichts mehr zu tun.

    Der Kampf ist daher noch lange nicht gewonnen, er geht weiter. Der nächste dicke Knüppel kommt bestimmt.

    Was sagt denn Frau Höhn zu diesem Urteil? Danach könnte sie ihre Verordnung ja in die Grüne Tonne stampfen. Wer sie in ihrer Art kennt, ist nicht überrascht, dass die den Gerichts-Beschluss starrsinnig beugt: "Wir fühlen uns bestätigt. Das Gericht hat de facto Rasselisten akzeptiert. Es sagt nur, wenn man so hohe Auflagen wie Tötungen macht, muss man ein Gesetz machen und nicht eine Verordnung."

    Nun weiss man, wie künftig der Wind bläst! Die Verordnung wird in ein Gesetz umgeschrieben. Dann haben die Formaljuristen in den entscheidenden Ministerien entschieden. Wer jetzt jubelt, wird aus seinem scheinbaren Traum schockiert erwachen.

    Frau Höhn ist ein makabres Beispiel für den Spruch: Irren ist menschlich, aber man fühlt sich dabei göttlich.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf

    Ihr

    Rainer Brinks

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