• Trends beim Polizeihund

    15. November 2002

    Jahrzehntelang war der Deutschen Schäferhund (DSH) das Sinnbild für den Polizeidiensthund. Halb- und ganz "zivile Gebrauchshundler" folgten gehorsam ihren Vorbildern bei Militär und Polizei. Das fügte sich wunderbar zum weltweit mit Abstand populärsten Rassehund. Die geradezu preussischen Eigenschaften wurden laut Image gleich serienmässig mitgeliefert. Für Weltsieger in Internationalen Polizeihunde-Prüfungen legten Betuchte wie der frühere Präsident von Sony schon mal umgerechnet 25 000 Euro hin.

    Die Funktionäre des Weltverbandes des Deutschen Schäferhundes freuten sich aus mehreren Gründen. Die Nachfrage regulierte auch dank der eher für schlichte Gemüter gestrickten TV- Serie "Rex" den Preis. Der erste berühmte Filmhund war ja nicht der langhaarige Collie "Lassie", sondern, jener geradrückige dunkle DSH "Rintintin", der so völlig anders aussah als seine Nachfahren heute. Rintintin würde nicht mal an einen SV-Hundesport-Anhänger hinpinkeln dürfen, geschweige denn zur Ankörung zugelassen werden.

    Den Besitzer jenes gesunden und wohl auch sehr leistungsfähigen Hundes würden die modernen Vergesslichen nur auslachen. Sie schielen lieber abseits, auf den Konkurrenten aus Belgien, den Malinois.

    Die ersten Schäferhunde aus den Stämmen des Gründervaters Rittmeister von Stephanitz sahen nun wirklich anders aus als die heute immer noch abgesenkten Rückenlinien der modernen Typen. Obwohl der zuchtbuchführende Verein SV eine Abkehr von diesem Gesetz verkündet hat.

    Die Gefolgschaft dieser fachlich wie leistungsmässig absolut sinnlosen Linie wurde aber soldatisch befolgt. Wie so vieles. Ostdeutsche Polizeihunde wären nicht nur optisch dem alten, nun wieder neuen Ideal nahe gekommen. Aber diese Hunde wie ihre Befürworter wurden von den westdeutschen "Rassekameraden" zackig und gründlich weggemoppt.

    Vor Jahren schon begannen die Abnehmer aus anderen Ländern, wohl nicht so devot, zu maulen über die nachlassende Qualität, nicht zuletzt auch als Reaktion auf die Anhäufung von erblich hüftkranken Zuchttieren.

    Neben dem DSH gab ja immer schon andere Typen, die den Anforderungen des Diensthundes entsprachen. Als erster schied der Boxer aus. Einige andere, bemerkenswert auch nur deutsche "Rassen", blieben: Hovawart, Riesenschnauzer, Dobermann, Airedale und Rottweiler. Aber diverse Interessenvertretungen des DSH und möglicherweise auch die fehlende Qualität liessen diesen Hunden keine grosse Chance.

    Nun kamen seit etlichen Jahren Konkurrenz auf - als ob es diese Hunde nicht schon früher gegeben hätte. Schäferhunde sind Multitalente. Man muss sie nur entdecken wollen, wenn einem nicht der Blick getrübt ist. Einige ebenso mehr oder weniger prinzipiell diensttaugliche Typen wie Bouvier, Briard, Beauceron, Rhodesian Rigdeback, Weimaraner, Appenzeller, Bullmastiff, American Staffordshire Terrier, Russischer Schwarzer Terrier oder gar - in Ungarn - der Puli blieben national und/oder generell nur Experiment. Den American Staff holten sich aber nicht wenige Polizisten gern als privaten Schutzhund - bis zu einem gewissen Zeitraum, wo es auch in diesen Kreisen sehr unpassend für die Staatskarriere war, sich ausgerechnet einen verfemten Besser-Beisser-Listi ins private Heim zu holen.

    Den Amerikanisch-Canadischen (AC) Weissen Schäferhund sah man auch schon hierzulande in einer Polizei-TV-Serie. Er arbeitet auch vornehmlich in Kanada als Profi. Kein Wunder, er stammt direkt aus dem Fundus des DSH. Deren erste waren ja auch weiss, unter anderem.

    Von den holländischen und belgischen Schäferhunden, dem deutschen sehr nahe verwandt, blieb der Malinois übrig. Der ist nun aber unter allen, die alles Mögliche und Unmögliche mit dieser Art Hunde machen wollen, der Top Act. Wer einen Mali hat, gilt schon als Profi.

    Der Trend wurde aber diesmal eher von den privaten Schutzhundlern eingeleitet. Und von den Amerikanern. Ungeachtet der bei diesen Hunden grassierenden nachweisbaren extrem hohen idiopathischen Epilepsie-Quote.

    Der Markt gibt nicht viel Hunde her, die gesund sind (was man so als "gesund" betrachtet, da gibt es auch ein weites Feld an Ansichten) und verkäuflich. Österreichische Polizeidiensthunde-Einkäufer holen sich die Malis inzwischen aus Holland. Der Mali hat dort bereits den DSH fast abgelöst. Sie möchten gern selber züchten. Doch es fehlt ihnen das geeignete Hündinnen-"Material". So wird nicht nur in diesen Kreisen gern von zuchttauglichen Tieren gesprochen. Malis sind stark im Trend. Sie haben in Fachkreisen gegenüber dem DSH den Vorzug noch grösserer Schnelligkeit. Hinter dem vorgehaltenen Schutzärmel wird noch von anderen Eigenschaften geschwärmt. Eine hab ich schon vor Jahren von einem jungen Schutzhundler gehört: "Die schlagen ein wie eine Rakete in den Ärmel." Toll. Solche Images kommen herum auf den Plätzen und Wettbewerben. Wer eine gesunde und tüchtige Malinois-Zucht hat, hat ausgesorgt. Für ein ausbildungstaugliches Tier werden gut 2 000 Euro gezahlt - vom Staat.

    Der DSH muss aber weiterhin den grossen Bedarf füllen, weil es eben nicht so viele andere Hunde gibt, die ihn als Diensthund Nr. 1 ersetzen können. Allein das Bundesbeschaffungsamt in Koblenz benötigt für ihre zur extrem brutalen Ausbildung jährlich 500 Hunde. Auch dort kauft man gern in Belgien und Holland ein. Vor einigen Jahren, so steckte mir ein Insider, nicht nur Malinois, sollen es sondern auch mal Kreuzungen aus Staffs und Doggen aus Belgien gewesen sein. Damals anscheinend für 3 500 Mark pro Hund.

    Neuer Trend, ebenfalls ohne jegliche fachliche Begründung, warum gerade jetzt wieder und nicht schon früher: der Grenzschutz setzt wieder auf den Riesenschnauzer. Hoffentlich entdecken sie keine anderen Hunde. Einen Vorteil hätte die Kehrtwende vom DSH: die Zuchtqualität dieses Hundes könnte sich danach allmählich verbessern.

    Dann bleibt Dienst für andere Dienst und für den ausgemusterten Staatsvolkshund eine Kur - zu dessen Wohl! Bis die Konkurrenten fertig gemacht worden sind. Dann muss er wohl wieder ran.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf

    Ihr

    Rainer Brinks

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