• Heavy Dogmas!

    1. Dezember 2002

    Alle Jahre wieder kommt das schlechte Gewissen in Form von durchsichtigen, freiwilligen Reizüberschwemmungen, eine ständige Bedrohung unserer westlichen Kultuhr: Weihnachtsgeschenke. Nicht für Sie! Für die Hunde natürlich. Wo sind wir denn? Bei Ersatzhandlungen, jawoll.

    Schon fürn Hund was Schönes besorgt? Nicht erst warten, bis alle vom Hundeverein dieses Karl-Lagerfeld-Lewis-501-Edelstahl-Nieten-Brust-Top mit eingebautem Hundeverstandsführerschein haben. Nene, unser Hund ist schon was Besonderes, einzig artig. Er ist so, wie wir ihn immer schon wollten. Wie wir eigentlich auch sind. Er kriegt, was er verdient. Wir entscheiden, was er kriegt. Wir beschenken erst mal tüchtig uns selber. Dann erst muss es der Hund aushalten. Hach, waren das noch Zeiten, als früher Väter sich in einem Spielzeugladen treffen durften, um endlich einmal im Jahr ihren Wünschen frönen zu dürfen. Ohne Kreditkarten-Hemmungslosigkeit. So richtig Bares auf den Tisch. Wie Luden oder Drogendealer oder Gambler, die Ihre dicken Euro- und Dollarrollen vom Einmachglas-Gummi entblössen. So richtig vulgär ballermannmässig. Besser ratschen als Frauen im Kaffeekränzchen. Und hinterher sofort inne Kneipe. Planmässig absacken.

    Märklin oder Fleischmann - das waren Diskussionen von höherem Niveau als die Philosophie- und Literatur-Talkshows im Fernsehen. Männer einigten sich vor dem urschrei-erfahrenen Verkäufer - Frauen hatten unausgesprochen keinen Zutritt zu dieser seeligen Zeit - mit zweigleisiger Toleranz gegenüber dem anderen, oft gar direkten Nachbarn, auf die manifestierten, in festen Bahnen gleitenden Welten: ich Märklin, du Fleischmann.

    Sie wussten in diesem abgedrehten Moment schon gar nicht mehr, dass sie offiziell Geschenke für den Sohn einkaufen sollten. Sie beschenkten sich in diesen isolierten Heiligen Hallen des verdrängten Wunsches, Lokomotivführer werden zu wollen statt Steuereintreiber oder Finanzjongleur, und waren für Stunden glücklich. Sie kamen mit den Augen der verführenden Schlange (Eva! Hässe dat auf Fiddeo?) aus dem Dschungelbuch nach Hause. Und hätten am liebsten sofort aufgebaut und - der erste Dreh am Akku! Boa, geil!

    Heute wissen auch diese ehedem bescheidenen Männer nicht mehr was sie tun beim Suchen nach dem verlorenen Ideal an Weihnachten. Sie folgen weiterhin ferngelenkt ihren geschenkten Gattinnen und führen Sehnsüchte aus.

    Den Hund haben sie schon, das Singlekind war auch hier der Kaufreizauslöser. Nun sollte das Kind, leider kein Spielzeug mehr, in einer lädierten Übersprungshandlung wieder Opfer sein. Über den Hund.

    Die billige Rotewurstkette, Viererkette, die hat längst ausgedient, gibts nur noch bei Lidl im nostalgischen Fiffi-Package aus den roaring Fiftys. Diese Billigwürste kriegt nicht mal der Tierheim-Patenlistenhund. Damit er wieder richtig schön fett wird wie wir nach den Feiertagen. Damit wir mit dem logischen Automatismus wieder erst Jammern und dann Joggen können auf Bänderriss komm raus. Wir beschenken uns immer zuerst. Aber über Umstände (Ausreden), nun halt über den Hund. Hat ja auch nicht mehr jeder, so einen verrufenen Hund. Ist der Hund erst ruiniert, lebt der Besitzer ungeniert.

    Ich bin mir unheilig sicher, dass die HZ-Leser schon im Kleinhirn Schleifchen binden um das Epi-Zentrum der Selfgiving-Days. Die Nachbarn, ähm, dessen Hund beschenken mit abführenden Currywürsten? Weil der immer in unseren Bauerngarten kackt, natürlich dünn. Unser Hund macht schliesslich nur in japanische Zen- Gärten. Schiessen ja wie die Bohnen ins Kraut hier in der Luxusanlage. Aber die haben auch nur kleine japanische Zierhündchen, im Jumbo-Direktflug von Tokyo nach Frankfurt im wattierten Böxchen und von dort nach Kronsberg im Edeltaunus per Spezialwerttransporter von Brink`s chauffiert. Mit promovierten Tierpsychologen und Tierärztin an Bord. Letztes Jahr war das. Bei KaDeWe in Berlin geordert. Harrods hat ja so was nicht mehr. Kam gut an. Bei den Nachbarn. Pop-Sternchen Jennifer Lopez stellt ihren Corgi und ihren Cocker während der häufigen Abwesenheit in der Präsidentensuite eines New Yorker Hundehotels ab. Für 280 Dollar pro Nacht. Dafür haben die Vierbeiner dann aber auch Zimmer mit Fernsehen, Video und Videobücherei. Und was die kann, das können Sie doch locker auch abstecken, oder? White Crisismas mit Hundi. Er inkontiniert auf Kaschmir- Bettzeug, während Sie sich die Krallen piercen lassen.

    Der Roboterhund von Sony ist out. Banryu ist in. Wachhund x Rauchmelder, pedigreed by Sanyo. Mit der Entschleunigung eines steinalten English Bulldog checkt er das Haus, klettert bis zu 15 Zentimeter hohe Treppen, schnuppert nach Rauch, er lurcht nach Einbrechern. Findet er was, bellt er oder informiert seinen Besitzer über Mobiltelefon.

    Der kann dann mit Banryus eingebauter Kamera den Einbrecher fotografieren und sich auch per Lautsprecher mit diesem unterhalten, falls der Einbrecher bis dahin nicht bei Banryu einfach das Kabel aus dem Anus gezogen hat. Banryu kostet schlappe 17 000 Euro. China-Vasen aus der Chow Chow-Dynastie sollte man aber sichern, denn der tölpelige Vierstelzer wiegt stramme 40 Kilo. Der neueste Hit kommt aus Südafrika: Ein Fitness-Studio für Hunde. Hydrotherapie gegen fettleibige Hunde. In einem Wasserbecken mit künstlicher Strömung werden müde Muskeln munter. Dann Stop-Visite in einem Boerboel-Auffanglager. Anschliessend Probelaufen mit einem rekrutierten Nahkampfhund mit Prüfung: Survival-Walking in Soweto unter Führung wesensgetesteter Special-Forces- Trainer.

    Hat Ihr Nachbar schon gebucht?

    Zurückgebliebene okkupieren bürgernah den mit Weihnachts-Eintausch-Relikten verzierten Stadtwald. Da treffen sie dann alle ahnungslos glückbesoffenen Neu- Besitzer mit verwurmten und zwingerhustenden Welpen mit kinderlieben Familien-Papieren aus dem Hundesupermarkt, direkt frisch vom Internet.

    Alle Jahre wieder dasselbe zucker Liedchen: Süsser die Kassen nie klingeln!

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf

    Ihr

    Rainer Brinks

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