• Alpharolle - der neueste Hit

    1. Januar 2003

    Strafen ist - nachdem das Prügeln ausser Mode gekommen ist - immer noch schwer beliebt. Wie sonst würden gar manche, die nebenbei gern auf die "sanften" Methoden reinfallen, selbst Beschwichtigungssignale als Strafe umfunktionieren. So geschehen in den USA. Und Sie wissen ja, auch in den Hundeerziehungsmoden kommt alles mit Verzögerung auf den auch in Tiergedönsrat amerikanophilen deutschen Markt.

    Da hat nun ein geschäftstüchtiger Deutscher mit Hundeschule die Alpharolle aufs Tablett gebracht, praktisch zu Zeiten der "Kampfhunde"-Dogmatisierung. Da konnte er doch vor einem federführenden Ministerium gleich die Spreu vom Weizen trennen. Er wollte freilich die Wesenstests übernehmen. Da dies selbst in diesem Ministerium nicht ging, dass ein einziger Hundeschullehrer alle Wesenstests - en passant mit Alpharollen schnell durchführbar - abkassieren durfte, verliess er die Stätte und zog dann telegen gegen das Ministerium vor. Nach der Absage, dass er allein diese einträglichen Tests nicht abhalten dürfe. Der Mann teletaktet übrigens auch Hunde.

    Seine Anhängerschaft sieht weg.

    Welch ein "Kynologe", der den Airedale einer Seminar-Kundin nicht als richtigen Hund ansieht!

    Die Alpharolle ist nicht mal auf seinem Mist gewachsen. Die erfand ein dem Starkzwang, wie man heute gern sagt, stark zugeneigter Exil-Deutscher namens Köhler in den USA. Da war man vor zig Jahrzehnten richtig scharf auf deutsche Starkzwangmethoden im Schutzdienst. Dieser berüchtigte Dresseur kreierte damals eben die Alpharoll.

    Was ist nun aus dem bei Wildrudeln von Wissenschaftlern nicht beobachteten Schultern oder Umwerfen auf den Rücken hierzulande geworden?

    Eine Mode ausgerechnet von jenen Hundelehrern, die weder selbst nachdenken oder gar sich erkundigen, ob das Behauptete denn so stimmt.

    Es scheint so, dass der nicht mehr akzeptierte Stachelwürger nun von der Alpharolle abgelöst worden wäre. Denn ich erlebte das binnen einem Monat hier auf dem Lande zweimal. Natürlich von Hundehaltern, die wirkliche Probleme mit ihren Hunden haben. Beim einen fehlt die innerbetriebliche Rangordnung, die grosse Hündin attackiert Menschen und Hunde. Sie wird aber bestraft, weil sie tut, was ihr bisher erlaubt wurde: zu attackieren. Der Halter kommt dann her und schimpft sie aus, und was tut er dann noch dazu? Die ohnehin (schlaue) dann eingeschüchterte Hündin wird auf den Rücken geworfen.

    Er bestraft die Hündin für seinen Fehler. Dass die Hündin daraus nicht lernen kann, weil sie nicht biologisch verknüpfen kann, ist klar. Das Problem ist ja hausgemacht. Die Frau des Hauses kann sich nicht durchsetzen, die Hündin ignoriert sie voll. Der Herr des Hauses macht es statt mit Schlägen nun mit der Alpharolle. Völliger Unsinn.

    Die Hündin aber hat schon Rehe gejagt und - Leute attackiert. Die Halter haben nichts verstanden, sie wechseln auch Tierärzte und Hundeschulen wie das Hemd. Ich habe sie eingeladen, sie ignorieren. Die Hündin stellte sich ausserhalb meines Gartens an meinen Zaun und macht mich aggressiv an, weil die Halter sie weiterhin frei laufen lassen. Sie darf ihre Gegend als ihr Revier ansehen. Ich habe das den Haltern gesagt, sie kapieren es nicht. Gut für die Hündin, dass meine Hunde bei der Attacke gerade im Haus waren!

    Nächster Vorfall: Ich fahre an einem wenig befahrenen Weg mit meinem Auto, sehe eine Frau mit Kinderwegen und zwei Dobermännern. Ich bremse die ohnehin geringe Geschwindigkeit weiter runter, fast zum Stillstand. Sie soll ohne Panik ihre Hunde im Auge behalten können. Ich rolle langsam weiter. Sie heisst einem Dobermann (der andere ist schon in ihrer Nähe) Platz oder Abliegen. Ich konnte das nicht hören. Der Hund legte sich in jedem Fall sofort ab. Ich rolle langsam an ihm vorbei. Der Hund, das sehe ich, hatte ohnehin nur Augen für sein Frauchen. Da sprang er auf. Er löst er sich also zu früh aus dem Zeichen und springt freudig auf sein Frauchen zu. Schlecht geübt, sage ich mir. Ich sehe im Rückspiegel: Sie schimpft, sie ohrfeigt den Hund, der sichtlich verwirrt ist (logisch). Ich hupe. Sie haut ungerührt weiter. Der Hund ist immer noch perplex, völlig devot. Dieser Hund hätte trotz der zu frühen Auflösung weder bestraft noch natürlich gelobt werden dürfen. Therapie für die Halterin oder ihren Hundelehrer: kein Kommentar, aber üben! Bis der Hund weiss, was der Halter zum richtigen Zeitpunkt will. Ein Problem der Halterin, so klar wie Quellwasser.

    Was aber machte diese Halterin: Alpharolle.

    Der Hund beschwichtigt in seiner Verwirrung wie ein Irrer. Sie aber begreift nichts. Sie geilt sich nur an ihrer Wut auf. Doppelfehler. Erst bestrafen für das Herkommen, wenn auch nicht abgerufen, dann gewalttätig werden aus Zorn, weil sie den Hund nicht dazu gebracht hat, erst auf ihr Zeichen aus dem Platz zu ihr zu kommen. Vielleicht hat der Hund auch was gehört, dass er gar richtig deuten musste. Ich habe es im Auto nicht gehört.

    Beide Fälle sind Kunden einer Hundeschule. Eine Alpharolle ist gerade der Hit. Aber nur, weil die Kunden etwas an ihren Hunden ausprobieren können, was an Gewaltmitteln neu ist und gemeinhin unbekannt. Sie folgen blind der falschen Behauptung, dass das ja nur natürlich sei. Natürlich ist bloss die Blindheit des Glaubens. Hörigkeit. Sonst haben sie nicht mal die Grundschule der Hundekunde begriffen, aber eine Alpharolle, auch noch als Verstärker für die eigene Fehlleistung auf den Hund übertragen, der natürlich verwirrt ist über diese falsche Verknüpfung, das haben sie sofort kapiert. Alpharollen verkaufen sich wohl gut bei Hundeschulen, die sonst nicht viel an Hundeverstand bieten.

    Warum geht das aber gut? Weil viele Leute ein Bedürfnis an Gewaltausübung an abhängigen Hunden haben. Das will befriedigt werden. Starkzwang wie Teletakt oder Stachler ist ja nicht mehr so gern gesehen. Dass eine Alpharolle Starkzwang dümmster Art ist, ignorieren sie, wie auch das biologische Repertoire an hundlicher Laut- und Körpersprache. Ja, fast witzig, sie brüllen dabei nicht mal. Sie flüstern den Hund bei der Gewaltanwendung an. Moderne Hundeflüsterer. Rolle rückwärts.

    Warum stehen aber gerade Leute drauf, die nun - sagen wir mal höflich - keine Hetzhunde oder Kleinhunde halten? Sie wissen schon, welche Kategorie ich meine. Weil dort Gewalt, respektive Schutzbedürfnis und das ganze psychologische, oft vorgeschützte Umfeld ein Thema war und ist. Das Feld wird immer beackert. Die Früchte der mehr oder minder angewendeten, nur menschlichen Gewalt (meist Jähzorn durch Misserfolg) geniessen jene, die sie ernten wollen. Ich mache einen grossen Unterschied von biologisch erklärbarer, also "natürlicher", hier: hundeverständiger körperlicher Einwirkung (Gewalt) und rein menschlich begründeter. Begriffe wie sanfte Gewalt oder sanfte Tiererziehung sind biologischer Nonsens. Paradox. Kommt in der Natur nicht vor. Aber in vielen unnatürlich argumentierenden Hundebüchern. Ich kenne aber keinen Biologen oder Zoologen oder Ethologen, der je dieses unnatürliche Paradox erwähnt hätte. Tiere kennen keine menschliche Rücksicht. Sie arbeiten mit Körper, sie sind tierlich gewalttätig.

    Zur Erklärung über Alphawurf und Alpharolle. Mit Alphawurf ist nicht etwa - wie unter Züchtern und Biologen - der erste Wurf gemeint, sondern was völlig anderes: den Welpen mit aus dem Judo entlehnten Griffen auf den Rücken drehen, so dass er seine Unterlegenheit erkennt und akzeptiert. Man möge das mal einen Alpharollen-Prediger an einem - sagen wir mal einem Dobermann oder Schäferhund oder Rottweiler gleichgrossen - Leoparden probieren lassen. Sanitäter, bitte kommen! Es funktioniert also nur bei unterwürfigen Tieren!

    Die Fans dieser "Methode" sagen: Das machen Hunde untereinander. Das ist schlicht falsch. Natürlich machen Hundeartige dies nicht untereinander (umstossen, umwerfen ist was anderes und aus normalen Rang-Kampfspielen abgeleitet), aber teils Wesenstester, die solchen Unsinn übernehmen. Was das mit Alphawurf zu tun hat? Der oberste Rudelführer oder Alphahund Mensch wirft den Hund auf den Boden.

    Nicht gut genug von Hunden oder gar Wölfen abgeschaut, Alpharollenfans: Denn würde man die Griffe so umsetzen wie beschrieben, käme der Hund nur in die Seitenlage. Kann ins Auge gehen bei einem selbstsicheren Hund. So werden aber Hunde vor der eigentlichen Bildung innerhalb des Wurfs zur Selbstbehauptung gründlich untergebuttert, damit sie besser zu handhaben sind. Das ist die Wahrheit.

    Es sind nicht die Fehler, es ist die Einstellung und die Masche, die auf Kosten der Hunde geht. Wenn man dieses klare Fehlverhalten kritisiert, werden die Fanatiker regelrecht bissig. Fanatiker sind blind und uneinsichtig: also auch untrainierbar.

    Aber sie lassen ihre eigenen Defizite auf Hunde und Hundehalteschüler los. Doch die meisten Kälber suchen sich hier ihre Metzger selber.

    Es gibt immer die Wahl. Die wenigen kenntnisreichen und kritischen Hundelehrerinnen und -lehrer setzen sich durch, weil sich Qualität durchsetzt. Ich muss daran einfach glauben, zugunsten der Hunde.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf

    Ihr

    Rainer Brinks

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