• Gegensätze ziehen sich an

    Gegensätze ziehen sich an

    1. Februar 2003

    Frauen bevorzugen Rüden, Männer Hündinnen. Was ist dran? Ist das nur ein Vorurteil? Es betrifft nur Konstellationen, die beide Möglichkeiten im Umfeld kennen und damit leben/arbeiten. Die anderen Solo-Hund-Halter, die aus guter Gewohnheit nur dieses oder jenes Geschlecht bevorzugen, können dies aber an anderen beobachten, die beide Geschlechter führen.

    Ich habe dieses Thema einer Deutsch-Amerikanerin und Hundekennerin erzählt. Ihr Kommentar ist auch auf die hiesigen Verhältnisse übertragbar: "Ich denke, es gibt aber auch eine grosse Anzahl Männer, die sich aus Machogründen einen Rüden halten und auch aus eben diesen Gründen oft die Kastration (des Hundes) ablehnen - und komischerweise sind es auch fast immer Männer, die wegen "Beissarbeit" bei mir nachfragen."

    Das aber tun auch Frauen, die Machoallüren im Package mit einem rüden Rüden toll finden. Aus welchen psychologischen Gründen auch immer. Eines steht aber auch fest und viele Hundelehrer/innen werden mir bestätigen: Die überwiegende, ja erdrückende Mehrzahl sind Frauen, die den Hund zum Unterricht führen, sich für eine sozialfähige Ausbildung interessieren. Das würde die jüngst festgestellte These von Neurologen bekräftigen, nachdem Frauen eine schon organische Bevorzugung zu sozialen Aufgaben besitzen. Sie besitzen im Hirn ein für soziales Engagement ausgeprägteres Teilchen als Männer. Gemeinhin.

    Daher sind sie - sobald es den Frauen von Männern erlaubt wurde - inzwischen auch so stark in pädagogischen Berufen vertreten.

    Nicht nur in Hundeschulen sind mehr als drei Viertel Frauen anwesend, die ihre Hunde zu umgänglichen Lebensgefährten machen wollen. Auch bei Pferdeställen ist dieser eindeutige Trend auszumachen.

    Eindeutig ist aber auch bei Hundeschulen die Bevorzugung: keine brutalen Methoden, keine martialischen Attitüden, also keine Machismen.

    Schutzhundetrainerinnen und -Schülerinnen sind in der Minderheit. Frauen ziehen das verständige Miteinander vor. Nicht die Aggression oder die vorgeschützte Abwehr über das Rudelmitglied Hund ist ihr Anliegen, sondern die Integration. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

    Die meisten Frauen mit Hunden sind also eher auf sozialverständlichen Hundelehrgängen zu sehen. Und ich behaupte aus Erfahrung: sie lernen bei sozialen Aufgaben - pauschal - schneller als Männer. Warum? Sie haben keine Vorurteile abzubauen, die Angst vor dem Hund betrifft oder Angst vor der Blamage. Es ist viel leichter, jefrau aus der Übervorsicht und aus mangelndem Selbstvertrauen aufzubauen als erst die festgefahrenen Vorurteile des Machtausübens und der - überwiegend herrlichen -Selbstüberschätzung zu mehr oder weniger psychoanalytisch zerstören, um den Schüler hundeverständlich wieder aufzubauen.

    Schlicht. Männer verkraften kaum Niederlage, nur ganz wenige respektieren dies und lernen dann genau so fix wie die Frauen. Es sind die wahren Starken, die Schwächen zugeben können. Vorausgesetzt: der Lehrer, die Lehrerin ist fachlich wie menschlich souverän. Das ist aber ein anderes Thema. Nicht ganz, es gehört hierzu, dass immer mehr Frauen Hundelehrerinnen werden. Leider oft aus den überwiegend unbiologischen Motiven des Nur-Behütens, des Vermenschlichens. Sie meinen leider noch zu oft, geschlechtsspezifisch so erzogen, Gewalt sei was Unbiologisches. Sie neigen auch eher dazu, zu viel durchgehen zu lassen aus Angst vor dem falsch verstandenen Begriff Dominanz. Der gilt ja in "sanften" Kreisen als Synonym für Gewalt. Diese Damen haben noch nie unvermenschlichte Hunde beim derben Zusammenleben gesehen. Sanft gibt es auch, aber das ist ein seltenes Ordnungs-Element. Durchsetzungswille ist noch weitgehend frauenuntypisch. Wenn sie jedoch den Hund, als Welpe wie bei jedem kindlichen Lebewesen, als Perma-Versorgerinnen auftreten und das Kindchen-Schema auf den Hund übertragen, versagen sie schlicht als ernst zu nehmende Hundeverständige. Das kommt bei Männer nun selten vor, dass einer seinen Hund als Ersatzkind hätschelt.

    Sind jedoch Tiertrainerinnen biologisch geschult und durchsetzungsstark, dann sind sie im psychologischen Vorteil gegenüber den Männer. Es sei denn, sie hätten überwiegend Hündinnen...

    Dass viele Männer auf dem Hundeplatz den Macho gegenüber dem devot sich unterzuordnenden Soldatenhund geben, das ist nur noch von gestern. Diese Unterordner gegenüber Anhängigen haben im wirklichen Leben vermutlich wenig zu melden.

    Was aber bringt die Frauen dazu, meist Rüden zu wählen, sie also ohne Angabe von gescheiten Argumenten zu bevorzugen? Und Männer, aber meist nur Profis oder in der Ausbildung Erfahrene, eher Hündinnen?

    Es ist sehr schlicht erklärbar. Psychologen, ja Theaterschriftsteller aus der Geschichte lehren dies: der Konkurrenzausschluss erleichtert das Lernen und Lehren. Vater-Sohn-Konflikte sind von ähnlicher Qualität wie Mutter-Tochter- Schwierigkeiten. Es sind nicht nur Konkurrenzen, die da argwöhnisch behandelt werden bis zur Ablehnung und Diskriminierung samt Gewalt, es sind auch andererseits Ansprüche: er/sie soll so gut sein wie ich, aber niemals darf er besser sein. Diese Konflikte füllen Bibliotheken. Dies ist sehr wohl auf die enge Beziehung von Mensch zu Hund zu übertragen.

    Ist es nicht so, dass viele Erfahrungen zeigen: der Mann kann mit der Hündin besser, sie folgt ihn williger, der Rüde hingegen mit der Frau? Fachleute nennen dies geschlechterübergreifend "leichtführig". Sie meinen aber: weniger anstrengend, weniger herausfordernd. Bequemer. Ist doch für den Lernerfolg verständlich.

    Ich zitiere daher noch einmal den Begriff Konkurrenzausschluss. Es scheint so, dass die Rivalität bei gleichgeschlechtlichen "Familien"-Mitgliedern über jede Art von Machtausübung (Rangordnung) und dem Lehren der verordneten Struktur eine Akzeptanz erschwert.

    Das muss aber nicht automatisch so sein. Das ist nur ein Problem (hier ist "Problem auch als "Aufgabe" gemeint) bei starken (dominanten) Persönlichkeiten. Das Durchsetzen wird ätzend, widerborstig, widerständlerisch.

    Geben Sie mal einen psychisch starken Rüden in eine kundige Frauenhand, und sie wenden sich als Mann ab und malen Leinwände statt Hundeerziehungspläne. Umgekehrt auch.

    Eine Festlegung auf diese Erfahrung ist aber auch schwierig. Es gibt ja die Gegenbeispiele.

    Doch auch ich, der viele Hunde gearbeitet hat, nicht nur eigene, merke, es ist was dran an dieser Rivalität. Es ist natürlich. Männer werden leichter ungerecht und treten härter gegen Rüden auf. Frauen tun dies bei Hündinnen. Die Resonanz ist - herrlich dämlich. Die Blockade haben wir losgetreten. Aber wir gestehen uns das nicht ein, wollen mit dem Kopf durch die Wand, schimpfen aber die Geschlechtsgenossen auf vier Beinen stur.

    Rüden und Hündinnen der geistig beweglichen Art merken dies sofort und versuchen, die plötzliche, für den Hund nicht erklärbare Weichspülung herauszufordern. Dann muss dem Lehrer, der Lehrerin was als Gegenmittel einfallen: hündisch-verständliches.

    Die meisten Profi-Ausbilder führen Hündinnen. Wenn sie keine Frauen sind. Die haben Rüden an der Hand. Keine Widerstände durch Geschlechts-Rivalität. Das lernt eben leichter.

    Schauen Sie sich mal bei sich selber und in der hundehaltenden Bekanntschaft um. Sie werden staunen, wie oft Frauen Rüden bevorzugen und Männer Hündinnen, falls vorhanden.

    Es ist eine rein geistige, eine rein auto-pychologische Aufgabe, diesen Kreis der Rivalität zu durchbrechen. Es ist mühsam, diese Rivalitäts-Blockade durch mehr Einfühlung auflösen. Es geht nur durch Selbstkontrolle, durch Reflektion (und durch die technische Unterstützung einer oft demaskierenden Videoaufnahme): wie reagiert der gleichgeschlechtliche Hund, wenn ich so und so agiere? Dazu hilft einem ein zweiter Beobachter, am besten ein andersgeschlechtlicher Mensch, um Manipulationen gering zu halten.

    Ich bin doch auch nicht gefeit vor solchen Hunde-Andersgeschlechts-Zuneigungen, selbst als früherer zufälliger Nur-Rüden-Halter. Ich habe erst seit wenigen Jahren auch Hündinnen. (Ich weiss aber auch seit dieser Zeit, dass mir diese Erfahrung früher fehlte.) Ich merke dies dann, wenn ich meinen schlitzohrigen, früher deutlich am Rande der Renitenz sicher wandelnden Rüden unwirscher anpacke wie meine auch nicht gerade devote Hündin. Ich lass ihr vermutlich doch mehr durchgehen wie ihm, sie nützt es aber auch nicht aus.

    Ich werde dies nicht als lästige Schwierigkeit hinnehmen. Es ist eine wunderbare Aufgabe. Ich werde doch mein eigenes Geschlecht nicht so im Stich lassen. Nach meinem hoffentlich noch lange lebenden Rüden, der seine beiden Hündinnen nacheinander beispielhaft mitsozialisiert hat, will ich wieder einen Rüden. Es ist nicht so, dass Hundehalter dieses Problem hätten, nein, die Hunde machen ihn schon auch.

    Es ist immer eine Balance zwischen Vertrauen und Konsequenz der Rangordnung. Die ist bei uns dreien aber zweifelsfrei. Hab ich ein Problem der Rivalität? Es ist mir nicht bewusst. Bei meinem früheren Rüden fiel mir die Unterscheidung nie auf, nur in Beobachtung bei anderen Haltern und Hunden und eben seit ich Hündinnen habe.

    Beobachten Sie mal die anderen Hundehalter, wie sie mit den gleich- und andersgeschlechtlichen Lebensgefährten auf vier Beinen umgehen. (Das können Sie sogar in einer Reithalle bei Pferden sehen. Da ist es nicht anders. Oder an Katzen oder anderen Haus- und Nutztieren.) Konzentrieren Sie sich nur auf diese Geschlechtsverhältnisse. Sie werden staunen. Vor allem über sich.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf

    Ihr

    Rainer Brinks

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