• Tierischer Rassismus

    1. Mai 2003

    Woher kommt dieser grassierende artspezifische Rassimus, der sich an bestimmten Tieren auslässt? In einer Zeit, wo solche Leute nicht mehr laut über Menschenrassismus reden, da fand man schnell ein anderes Feld, eine verengte Nebenrassismus-Show. Spricht man ihn drauf an, redet er sich schnell heraus. Er meine auch andere Arten/Rassen. Und warum nicht gleich? Bei manchen konzediere ich Gedankenlosigkeit. Ist das aber schon eine Entschuldigung? Manche ticken ja schon so wie beim von Werbern indoktrinierten Markenbewusstsein.

    Der Menschen- oder Tierrassist wird nie verstehen, dass man ihm Rassismus vorwirft. Weil er entweder von seiner Überheblichkeit überzeugt ist, die ihm andere predigten, weil er sich eigentlich minderwertig fühlt, oder weil er schlicht andere braucht, die Mitläufer wie ihn brauchen. Rassisten brauchen einander, allein sind sie wirkungslos. Eine eigene Meinung haben sie nicht, die besorgen ihnen andere.

    Sie brauchen auch Subjekte, um sich darüber stellen zu können. Wer sich über andere erheben muss, bleibt kleiner als diese.

    Dazu kommt noch eine gehörige Portion Angst vor dem Fremden, das sie nicht kennen lernen konnten oder wollen. Das letztere wieder aus Angst, dazu lernen zu müssen und ein Etikett selber abreissen zu müssen.

    So mancher Tierrrassist kennt andere Tiere gar nicht, einige haben seine Dummheit benutzt, um ihn zu beherrschen. Sie pflegen diesen Tierrassismus, um sich ihre Abhängigen gefügig zu machen. Von ihnen bekommen sie ja die Unterstützung, die sie selbst zum Überleben brauchen. Führende Rassisten sind daher immer auch Schmarotzer, sie leben vom Ausnutzen anderer. Echte Individualisten werden nie Rassisten sein.

    Es sind ja keine, die aus Unwissen nur vereinzelte Tiere vorgeben zu lieben (Rassismus steht Liebe auch feindlich gegenüber), es sind bewusste Täter. Rassismus ist so unausrottbar wie Vorurteile, ob sich diese Beschränktheit auf Menschen oder auf andere höherstehende Lebewesen bezieht.

    Das wäre nun nichts Neues, wenn ich nicht den Eindruck hätte, Tierrassismus (auf den beschränke ich mir hier, obwohl er nie vom allgemeinen zu trennen ist, er sucht sich nur neue Tätlichkeitsfelder) ist wieder stark im Kommen.

    Wieso bieten selbst Hundedealer dann "alle populären Rassen" an? Frisch aus desolaten Beständen unter anderem aus Osteuropa auf den Tisch des blinden Käufers? Das Geschäft ist läufig und deckt sich gut. Es ist aber einseitig, nur den Dealer zu beschimpfen. Der Käufer macht und erhält den Markt. Nicht gewusst zu haben, dass das üble Tierschänder sind, die massenweise süsse Welpen verramschen, das ist schlicht Frechheit. Spätestens seit dem Internetzeitalter gilt Unwissen nicht mehr als Ausrede. Derartige "Tierliebe" kann also auch Tierschändung sein. Die Tierkonsumisten würden sich bei einem Autokauf immerhin informieren. Sie kaufen und behandeln ein Tier wie ein Haushaltsgerät, dies zu wiederholen werde ich nicht müde.

    Tierrassismus wird protegiert, von jenen, die davon profitieren. Im menschlichen Bereich sind das allemal Parteien und Medien, im tierlichen Bereich - auch Fanatiker.

    Tierlichen Rassismus gibt es nicht, auch wissenschaftlich begründeten nicht. Es sind existenzielle Fehden gegen Tiergruppen, um Nahrungsquellen. Nicht mehr. Bei menschlichem Rassismus geht es um das Sich und Seinesgleichen Höherstellen über andere gleiche. Es geht um Moral, Glauben und Sitte, oder was der Rassist so als Motiv braucht, um sich über einen anderen zu stellen. Dieses Motiv fehlt bei Tieren.

    Es gibt nicht wenige Menschen, die Tiere um diesen "Mangel" beneiden. Man erkennt Tierrassisten schon mal an der Sprache. Sie meinen nie alle Tiere, oder alle Hunde, sie meinen nur ihre, die sie gerade haben (es sollen ja schon Rasserassisten übergelaufen sein, dann sind es nur begrenzt-konvertierte Tierrassisten), nie andere. Und wenn man sie drauf hinstösst, meist auch noch ironisch, weil sie sich immer so bloss stellen mit ihrer Sprachreduzierung, dann geben sie die Entsetzten: sie hätten es ja gar nicht so gemeint. Aber sie gehorchen den Weisungen der Clubherrschaften blind. Abstimmungsvieh. Kritiker werden gemobbt.

    Beileibe nicht jeder Rasseclub ist automatisch eine tierrassistische Vereinigung. Aber hier blüht eben der Unsinn. Hier werden die Märchen erzählt von den Besonderheiten, die nur diese Rasse aufweise. Die Begründungen sind dann, das begreifen diese Verblendeten eben nicht, austauschbar mit dem Rassetier, das der andere Rassist mit den gleichen Argumenten verteidigt. Eigentlich ist das schon mathematisch Nonsens. Biologisch ohnehin. Der Rassist braucht solche Dummheiten, sonst würde er keiner mehr sein können. Es wird ihm von Leuten eingetrichtert, vorgelesen jeweils in Rassestandards oder Büchern, die nur über eine Rasse schreiben. Die Verfasser sind meist Züchter dieser Rasse, also involviert, die von diesem Kundenstamm leben.

    Zwischenbemerkung: Das ist so, wie wenn ein Auto-Konstrukteur in einer populären Zeitschrift oder im Fernsehen seine Marke beschreibt. Vermutlich könnte der das sogar professionell distanzierter als die Hundemarkenkollegen.

    Der Stamm der Rassegetreuen muss fest gefügt bleiben, darf nicht davon laufen, darf sich nicht erheben, darf nicht besser informiert werden. So macht man überall Gefolgsleute. Die Kundschaft ist reichlich, man muss sie nur immer mit Propaganda vollstopfen. Steter Unsinn höhlt den Kopf. Warum sind manche so engstirnig und folgen diesen Oberrassisten? Weil sie auf anderen Bereichen Persönlichkeitsdefizite haben. Sie gleichen sie aus durch eine vorgebliche Höherwertigkeit des Rassegetieres - gegen andere. Gäbe es nur eine Rasse, wäre jeder Rassismus aufgelöst. Man kann sich nicht gegen etwas höherstellen, das nicht präsent ist.

    Viele Leute brauchen diesen Status, diesen Kult, um schliesslich das zu repräsentieren, was sie oft überteuert bezahlt haben. Die Vereine rechtfertigen ja auch immer (Werbung braucht Wiederholung, sonst wirkt sie nicht), warum ihre Hunde so teuer sind. Das muss man den Kunden beibringen. Dann fühlt er sich höherwertig, weil er sich diesen Hund leisten konnte. Diese Gruppe ist aber inzwischen klein, weil viele Leute sich eigentlich einen 2 000 Euro-Welpen leisten könnten.

    Sie brauchen andere Werte. Image, Prestige. Markenbewusstsein wird gepredigt. Jeder, der solchen Rassismus nachpredigt, glaubt an diese schlicht kynologischen Dummheiten.

    Rassisten treffen sich gern, um diese Eigensucht zu kontrollieren, in ihren Vereinen. Und auf Ausstellungen, in denen sie auftreten. Meist in ihnen zugewiesenen Bereichen. Nach Rassegruppen grob geordnet. Sie unterhalten sich immer über ihre Rasse. Nicht über Tiere. Sie sind inzüchtig im Kopf. Denn da fängt das Denken an.

    Tierrassisten stänkern immer gegen Konkurrenten, das meint Tiere, die den eigenen sehr verwandt sind, immer nur äusserlich, klar. Die werden dann unbegründet, mit menschlichen Eigenschaften wie böse oder falsch schlecht gemacht. Dabei könnte man die beiden Rassen, die so gleich sind im Phänotyp, austauschen.

    Es ist nur tierrassistisches Konkurrenzdenken, die eigene Rasse höherzustellen als die andere.

    Wenn im Forum dieser Hundezeitung jemand schreibt, daß er sich treffen will mit Leuten, die nur seine Hunderassen führen, muss er sich über mehr oder weniger ätzende Ironie nicht wundern. Tut er aber, er schmollt, er wird es nie begreifen, dass man mehr als seine Rasse mögen kann. Sie wollten doch nur sich treffen. Ja, was sei denn schlimm dabei. Die Sprache hat sie verraten, die Eingrenzung, aber sie wollen diesen Rassismus verbreiten. Sie sind so ignorant, dass sie sich über Toleranz anderer hinwegsetzen. Mist braucht Dünger.

    Kämen Sie auf die Idee, sich nur mit Leuten zu treffen, die nur über ihre Rasse reden? Ne, nicht?

    Es soll Leute geben, die wegen bevorzugter genereller Eigenschaften oder einer äusserlichen Beschaffenheit eben einer Rasse den Vorzug geben. Das sind keine Rassisten, wenn sie auch andere Tiere respektieren. Möglicherweise genauso hinreissend finden wie ihre eigene. Denn sie sind neugierig, aufgeschlossen für andere (Tiere).

    Freunde von Heinz 57ern (Mischlingen) haben da echte Defizite. Sie haben keinen rassistischen Anhaltspunkt, wo sie sich in einer Höherwertigkeit bestimmter genetisch vernachlässigbarer hingeben könnten. Genforschung ist ohnehin ein ganz hintergründiger Feind des Rassismus!

    Aber Tierrassisten werden es nicht lesen wollen dürfen. Aber sie vermehren sich, weil Intoleranz immer ein guter Nährboden für minderwertige Gefühle ist. Sorry, ich hätte Tierrassisten natürlich auch charmanter als Markenbewusste nennen können. Aus dem Autosektor, heute durchaus psychologisch und marketingpolitisch dem Rassetiermarkt vergleichbar, und anderen technischen Produkten ist dieser Wertbegriff inzwischen hoffähig, in den Sprachgebrauch von TV-Shows aufgenommen. Dann verschwindet auch der übliche Geruch des Tierrassismus. Wir erfinden neue Begriffe und Werte. Was ja heute das gleiche ist. Man muss es nur im Fernsehen rüberbringen.

    Die Automarketinger machen es den Rassetierkollegen vor, wie das läuft mit Produktpflege und Kundenbindung. Unter Autofanatikern haben ihre Rassen ja auch Charakter, der ist also konstruierbar, damit züchtbar. Ist doch logisch. Die Rassestandards sind zwar im Vergleich zu professionell aufgemachten Modellprospekten noch hinter dem Mond, sprachlich wie auch in der Anmutung der fotografischen Inszenierung, aber das wird schon noch. Profis aus dem Pet-Food-Marketing und Product Placement beklagen noch die Rückständigkeit der Hardware-Opas, doch mit der Durchrassung der Vereine wird das wie der lockere Profi-Slang, subbito geupdatet, man braucht sich ja. Der Phänotypus (Design: wir sollten diesen modernen, der Wahrheit entsprechenden Begriff nun auch endlich adaptieren) ist oft verwechselbar. Wie bei Autos. Clever gemacht. Die Kunden möchten schon eine gewisse Familienähnlichkeit behalten, man möchte nicht mit dem alten Modell alt aussehen, wenn die neue Rasse gerade auf einer Show vorgestellt wird.

    Sie werden sich noch reissen um die Mixe, die unkontrollierten Irrläufer des Markenbewusstseins! Wild at heart. Da muss nur ein cleverer Imagemaker aus der Autobranche dran.

    Wann kommen übrigens Auto dran mit der Genanalyse?

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf

    Ihr

    Rainer Brinks

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