Südländer hundefeindlich?
15. September 2003Nur wir nicht? Pauschalurteile haben keine Grenzen. Wie schön, dass sie dann und wann richtig untergehen durch gute Beispiele.
Sicherlich sind nach Erfahrungen vieler Reisender, Einheimischer und Tierschützer (die mit Augenmass) gerade Südländer im Verruf, nicht besonders tierfreundlich zu sein.
Sind wir etwa besser? Wenn ich mich umschaue, nein. Nur anders schlecht.
Nun macht uns ausgerechnet ein solches Land in Sachen Tierschutz was vor, und wie!
Die gute Nachricht: "Der italienische Senat hat einem Gesetz zugestimmt, der die Misshandlung und das Aussetzen von Tieren unter schwere Strafen stellt. Der World Wildlife Fund bezeichnete den Erlass als historisch." Wenn die Italiener in die Ferien fahren - meist im August -, dann leeren sich die Städte. Zurück bleiben nur diejenigen, die in der Tourismusbranche arbeiten, die ausländischen Urlauber und streunende Haustiere. Zehntausende Hunde- und Katzenbesitzer entledigen sich kurzerhand ihrer Vierbeiner, um unbesorgt in die Ferien starten zu können. Im Durchschnitt wurden in den vergangenen Jahren in den drei Urlaubsmonaten Juni, Juli und August rund 60 000 Hunde und Katzen zurückgelassen. Aber 2003 bricht alle Rekorde: Allein im Juni wurden bereits 65 000 Tiere ausgesetzt. Damit sich nicht jedes Jahr pünktlich zur Sommerzeit solche Dramen wiederholen, hat der römische Senat einstimmig ein Gesetz verabschiedet, das nicht nur das Aussetzen sowie Misshandeln und unerlaubte Töten von Tieren streng untersagt, sondern zudem mit harten Strafen ahndet.
Wer dann seinen Vierbeiner aussetzt, muss laut Gesetztext nun "rund 10.000 Euro zahlen. Wer Tiere mutwillig verletzt, zum Beispiel Jäger, die auf Vögel oder andere Tiere schießen, die unter Naturschutz stehen, riskiert bis zu ein Jahr Gefängnis. Organisatoren von illegalen Tierverkäufen, vor allem mit exotischen Arten, soll mit besonders drastischen Massnahmen das Handwerk gelegt werden. Ihnen drohen bis zu 20.000 Euro Strafe oder sogar Haft." Gut, von den Griechen etwa ist diese neue Denkart wohl demnächst nicht zu erwarten. Aber andere könnten diesem Beispiel folgen.
Meine Damen und Herren Bundestagsabgeordnete, nehmen Sie sich an diesen Italienern ein Beispiel. Cave canem (Achtung vor dem Hund) hat im Land des Lateins eine neue Bedeutung gefunden. Alle Achtung. Aber auch dies ist offensichtlich ein Fakt - Wortlaut des "Südtirol online"-Artikels in vom 10. September: "Nach mehreren blutigen Kampfhunde-Attacken wollen die italienischen Behörden die Tiere und ihre Halter gesetzlich an die kurze Leine nehmen. Gesundheitsminister Girolamo Sirchia kündigte eine Reihe von Maßnahmen an, mit denen die Dressur von Kampfhunden zur Steigerung ihrer natürlichen Aggressivität verboten wird. Untersagt ist auch das Züchten von bestimmten Rassen. Vorbestrafte dürfen keine Kampfhunde mehr erwerben, auch Minderjährigen ist das Führen von Rassetieren wie Pitbull, Rottweiler und Staffordshire verboten. Besitzer "gefährlicher Hunde" sollen gezwungen werden, ihre Tiere zu versichern. Zugleich sollen die vor allem in Süditalien florierende Hundekämpfe scharf bekämpft werden, berichteten italienische Medien am Mittwoch.
Die Maßnahmen wurden ergriffen, nachdem ein 13-Jähriger und ein 33-jähriger Mann in Favara (Sizilien) von einem wilden Pitbull am Dienstag angegriffen und schwer verletzt wurden. In zwei Tagen wurden in Italien drei Angriffe gefährlicher Kampfhunde gemeldet. Gleichzeitig häuften sich die Vorwürfe, die Politik sei bisher nicht rigoros genug gegen die Gefahr durch aggressive Hunde vorgegangen.
Parlamentarier der Regierungspartei Forza Italia verlangten eine genaue Zählung der Pitbulls in allen Gemeinden. Wer seinen Hund nicht registriere, dem sollen Strafen bis zu 10.000 Euro drohen, lautet der Vorschlag der Parlamentarier. Sie verlangen auch ein Verbot, Pitbulls zu züchten und aus dem Ausland zu importieren. Nicht zuletzt durch Sterilisierungsmaßnahmen solle man die Rasse ausmerzen.
Pitbulls werden in Süditalien oft bei den von der Mafia organisierten Hundekämpfen eingesetzt. Hinter dem Milliardengeschäft steckt hauptsächlich die in Neapel operierende Camorra. Die Kampfhunde werden auf äußerst brutale Weise scharf gemacht. So müssen die Tiere angeleint an Autos und Motorräder täglich Dutzende von Kilometern rennen, berichteten Tierschutzverbände.
Tagelang bekämen die Hunde nichts zu fressen. Dann würden ihnen noch lebende, aber verletzte Tiere zum Fraß vorgeworfen, um die Kampfhunde blutrünstiger zu machen. Viele Besitzer verabreichen den Tieren auch Anabolika zum Muskelaufbau. Etwa 5.000 Vierbeiner werden jährlich bei den Kämpfen tot gebissen, betonten die Tierschutzorganisationen." Ende des Zitats.
Wenn eine solche Pauschal-"Ausmerzung" in Italien durchgreift, wo landen dann diese missbrauchten Hunde? Dort, wo sie nach dem jüngsten Gesetz nicht landen dürfen. Wer kontrolliert die Durchführung des obenstehenden Gesetzes gegen Aussetzen etc. nach einem derartigen Erlass? Verzögert sich in Italien nur der Aktionismus wie in Deutschland anno 2000? Ich empfehle daher den italienischen Behörden ein gründliches Studium der deutscher Gerichtsurteile besonders aus der jüngsten Zeit zu diesen früheren gleichartigen Pauschalverurteilungen, nebst dem aktuellsten Urteil des Verwaltungsgerichts Hamburg vom 1. September. Jenem Land also, in dem die bekannte tödliche Attacke der Hunde eines stadtverwaltungsbekannten Kriminellen erst die deutschlandweite, nun wohl europaweite Hysterie auslöste. Eine Erkenntnis aus diesen fast pauschalen Aufhebungen ersparte dem italienischen Staat viele Verwaltungskosten und den betroffenen Hunden ein ähnliches Schicksal wie hierzulande.
Man kann also zuweilen von deutschen Obrigkeiten lernen...
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!
Ihr
Rainer Brinks
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