Blindenführhunde bald arbeitslos?
1. Oktober 2003Von Fledermäusen weiss man, dass sie ein phantastisches Gehör haben. Was das mit Blindenführhunden zu tun hat? Fledermäuse "sehen" mit einem hochsensiblen Echolot-System, wenn sie auf Nahrungssuche gehen. Auch Sehbehinderte können bald profitieren, schreibt "Nature Science Update". Ein Gehstock, "Batcane" (Bat: Fledermaus) genannt, der Hindernisse über Schall entdeckt, wurde von 25 Sehbehinderten aus Deutschland und anderen Ländern getestet und für gut befunden. Durch das Reflektieren der Schallwellen kann der Stock Objekte erkennen, die sich in einer Entfernung von bis zu drei Metern neben, hinter, vor oder über seinem Besitzer befinden. Vier leicht vibrierende Knöpfe am Griff des Stocks warnen den Benutzer vor Hindernissen in seinem Weg.
Die Idee stammt von einem Zoologen der Universität von Leeds, als er Fledermäuse bei der Nahrungssuche beobachtete. Sie senden Ultraschall-Töne aus, die von den Beute-Körpern, fliegende Insekten, reflektiert werden. Mittels der Verzögerung können Fledermäuse die genaue Position ihrer Opfer kalkulieren.
"Batcane" funktioniert ganz ähnlich: Je stärker das Signal und damit die Vibration, desto näher ist das Hindernis. Das Gerät ist so klein, dass es auf einen herkömmlichen Blindenstock montiert werden kann. Der Stock soll zum Jahresende in Serie produziert werden und rund 500 Euro kosten. Er wäre damit erheblich billiger als ein gewissenhaft ausgebildeter Blindenführhund. Denn der kostet (ohne laufende Nebenausgaben) rund 15 000 bis 20 000 Euro. Also das 30- bis 40-fache des "Batcane".
Werden nach der Markteinführung des "Fledermausstocks" diese Hundespezialisten und deren Ausbilder arbeitslos? Einige sicherlich, denn es ist schon eine Frage des Geldes und was die Versicherungsträger dafür zu zahlen bereit sind - in einer Zeit, da die Kosten explodieren. Es sind ja nicht nur die Beschaffungs- und Ausbildungskosten für den Hund. Die Krankenkasse übernimmt, so steht es in den Versorgungsvorschriften, "im Rahmen des § 33 SGB V die dem Versicherten durch die Haltung des Blindenführhundes entstehenden Kosten. Regelmäßig entstehende Kosten (u. a. Futterkosten, Impfkosten) werden von der Krankenkasse durch Zahlung eines monatlichen Pauschbetrages in Höhe des nach §14 BVG jeweils gültigen Betrages abgegolten. In unregelmäßigen Abständen entstehende Kosten (u. a. der tierärztlichen ambulanten oder stationären Behandlung) und die gegebenenfalls notwendige Erneuerung von Führgeschirr, Halsband und Leine übernimmt die Krankenkasse im notwendigen Umfang."
Sodann ist es eine Frage des Zeitaufwands, denn die Ausbildung eines speziellen Hundes dauert viele Monate, und selbst dann ist es noch die Frage, ob Hund und Behinderter zusammenpassen und sich buchstäblich blind verstehen. Eine weitere Wartezeit auf die ideale Partnerschaft kann also noch dazu kommen.
So besehen hat der Blindenführhund keine Marktchance mehr. Er ist ein Auslaufmodell. Wenn er nicht wesentlich mehr böte als nur die Führhilfe.
Die Rechnung ist also ohne den Wirt gemacht, wenn man den Zusatzwert eines Lebenspartners und Helfers in einem Tier ausser Acht lässt. Insofern werden gerade hundefreundliche Sehbehinderte weiterhin auf den Hund kommen wollen. Aber die Konkurrenz ist stark geworden, nicht nur durch den technischen Fledermausstock, der so viel preisgünstiger ist für die Krankenkassen. Tierliche Konkurrenz ist im Antraben: Kleinpferde werden zunehmend zu Blindenführhelfern ausgebildet. Doch hier dürfte es sich um eine eher ländliche oder sehr grosszügig wohnende Kundschaft handeln, die auch finanziell nicht am Stock geht.
Es gibt noch eine Alternative, eine erheblich günstigere als sich den Hund ausbilden zu lassen, wenn der Sehbehinderte bereits ein fachkundiger Hundemensch ist: selber ausbilden. Das klappt aber nur bei ausreichender Rest-Sehfähigkeit, nicht bei bereits Blinden. Ob Krankenkassen dieses Do-it-yourself dann finanzieren, bleibt aussen vor.
Eine fachliche Kritik von einer Frau, die zwar zunehmend sehbehindert ist, aber noch nicht genug, damit sie einen Blindenführhund von der Kasse bekommt (daher ihren Hund selber ausbilden muss, so gut es "geht"), wird demnächst berichten, was sie an diesem Stock bemängelt und warum sie Hunde schon blindenführtechnisch viel besser findet - wenn der Hund gut ausgebildet ist. Aber sie fürchtet auch, dass den Kassen dieser Stock gerade als Kostendrückerkrücke zurecht kommt.
Wie gut, dass gelernte Blindenführhunde umgeschult werden können. Es bleiben in Zukunft genug therapeutische Serviceaufgaben. Und die Erkenntnis, dass auch fledermaustechnische Geräte keine richtigen hundlichen Lebewesen sind. Das würde nicht mal ein Flederhund (Megachiroptera) kompensieren.
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!
Ihr
Rainer Brinks
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