• Hunde als Stadt-Seckel

    15. Oktober 2003

    Hundehalter sind wieder mal die Deppen der Nation (im süddeutschen Raum gilt ein Seckel als Depp). Die müssen das Maul halten, sonst wird das Opfer wesensgetestet, verboten oder getötet. Dafür werden sie krasser zur Kasse gebeten. Doppelter Depp-Nepp - jetzt besonders stark, frisch auf den Tisch aus Hamburg.

    Eine neue Geschäfts-Idee stammt von einer kleinen, ja manchmal nicht vertretenen Partei, die zu Zeiten der Kampfhunde-Hysterie sich flugs auf die Seite der betroffenen Hundehalter schlug - und doch nur Wählerstimm-Kapital draus schlagen wollte. Was Naive nicht glauben wollten. Die Ernüchterung folgte bald, denn von dem ach so vehementen Engagement ist schon lange nichts mehr zu hören oder lesen. Ein Hinterbänkler gar, der sich ziemlich penetrant auf die Seite der Verunglimpften und mit allerlei Hanebüchenem um sich schmiss, von dem hört man besser gar nichts mehr.

    Denn anders ist es wohl nicht zu deuten, wenn nun ganz andere Töne in dieser kleinen Partei der vermeintlichen Hundefreunde angeschlagen werden. Wie jener aus der Hamburger Suite der Besserverdienhundler.

    Die Nachricht, erschienen im Hamburger Abendblatt Ende September 2003:

    "In der Debatte um eine neue Hamburger Hundeverordnung gibt es jetzt einen Vorschlag der FDP: Kern ist eine drastische Erhöhung der Hundesteuer von derzeit 90 Euro auf etwa 900 Euro pro Jahr und Hund, die sich dann über ein Bonussystem reduzieren ließe. ‚Die Idee ist, dass sich die Steuer auf ein Drittel - in diesem Fall 300 Euro - verringert, wenn der Halter einen Sachkundenachweis vorlegt. Eine weitere Reduzierung auf 50 Euro wäre denkbar, wenn der Hund einen Wesenstest erfolgreich absolviert', erläutert Ekkehard Rumpf (38), Tierexperte der FDP-Bürgerschaftsfraktion. Das Regelwerk soll für alle Hunde ab ‚Katzengröße' gelten. Um zu vermeiden, dass wieder aggressive Hunde ungehindert durch die Stadt laufen können, weil die Besitzer einfach auf Sachkundenachweis und Wesenstest verzichtet haben und hohe Steuern zahlen, soll eine Sicherung eingebaut werden. ‚Unsere Vorstellung ist, dass die Behörde per Dekret, also sehr kurzfristig, einen Hund als gefährlich einstufen kann. Das Tier muss dann sofort mit Leine und Maulkorb geführt werden. Widersprüche haben keine aufschiebende Wirkung', so der Jurist Rumpf, der Hundehalter mit seinem Vorschlag über finanzielle Anreize dazu bewegen will, mehr für die Sicherheit zu tun. Ob die FDP damit bei den Koalitionspartnern CDU und Schill-Partei auf Gegenliebe stößt, muss sich allerdings zeigen. Beide kennen den genauen Entwurf bislang nicht. Aber es gibt bereits Bedenken. ‚Für Rentner wären Sachkundenachweis und Wesenstest doch viel zu aufwendig. Ältere Menschen können das nicht mehr', sagt Karina Weber (41, Schill-Partei). Und Michael Fuchs (54, CDU): ‚Ich halte eine Rasseliste, die der Entwurf nicht vorsieht, immer noch für unerlässlich. Aber egal, was wir machen, eine Hundeverordnung muss so sein, dass sie bundesweit angewandt werden kann. Außerdem sollte der Kinderschutzbund befragt werden. Er vertritt schließlich die meisten Opfer', so Fuchs. Die Hamburger Regierungskoalition hatte bereits vor einem Jahr eine neue Verordnung vorlegen wollen, sich damals aber nicht einigen können. Nun drängt die Zeit, denn das Hamburger Verwaltungsgericht hat die Hundeverordnung, wie berichtet, Anfang des Monats in erster Instanz für nichtig erklärt."

    Die Verlautbarung von CDU-Fuchs ist, neben der offensichtlich ihm willkommen Rassen-Liste, dass der Kinderschutzbund die meisten Opfer vertrete, schlicht manipulierend. Den Beweis, dass es meist Kinder sind, bleibt er ebenso schuldig wie die anmassende Behauptung, der Kinderschutzbund vertrete alle Kinder. Also auch jene, die vorzüglich mit Hunden aufwachsen dürfen. Es ist wieder einmal nur der Lautsprecher des Kinderschutzbundes, der populistische Vorsitzende, der mir ein nur mühsam gebremster Hundehasser zu sein scheint. Zu oft hat er nämlich seine privaten Meinungs-Äusserungen zu diesem Thema mit dem Mantel eines Auftrags seines Brötchengebers verschleiert.

    Aber die FDP dieses Senats hat einen für alle Kommunen willkommenen Beitrag geleistet, Hundehalter nun als Steuergehilfen einzusetzen. 900 Euro. Und der Zweithund, der von einem offensichtlich reichen und anarchistischen Halter nicht abgesetzt wird, der kostet dann wohl 1800 Euro?

    Rein rechnerisch schon in die Kloschüssel gegriffen. Denn so wird natürlich die Zahl der Hundehalter binnen weniger Jahre drastisch reduziert und damit das erhoffte Steueraufkommen.

    So erhellt, dass dies mal wieder das eigentliche Ziel war. Hunde raus aus der Stadt. Und deren auch sonst steuerzahlende Halter ebenso, das macht dann die Kinder auf dem Lande froh.

    Die Stadtflucht kommt auf den Hund.

    Als Gemeindevertreter von kleinen ländlichen Kommunen würde ich nun just Hundehalter umwerben, mit Hundesteuer-Befreiung. Denn das können sie ja auch so eigenmächtig wie das Festsetzen einer Hundesteuer.

    Dann kämen mitunter auch solvente Steuerzahler in ihr Dorf.

    Und solche hundedezimierende Grossstädte wie Hamburg verarmen dann durch den Auszug von Hundehaltern aller Art noch mehr. Sie melden ihren Hund natürlich in ihrem Hauptwohnsitz auf dem Lande an. Kommen ohne Hund in die Stadt in den Zweitwohnsitz. Steuerlich durchaus noch absetzbar.

    Ob diese Politiker und der Funktionär des Kinderschutzbundes daran gedacht haben, dass sie mit dieser Luxussteuer nicht den Gemeinten in und um St. Pauli (die zahlen das aus der "laufenden" Kasse), sondern alten Leuten das einzige Lebewesen wegnehmen, das noch bei ihnen bleibt und ihren lange steuerlich selbstfinanzierten Lebensabend versüsst? Diese Wuchersteuer wäre eine Doppelbesteuerungsstrafe für Rentner, die nicht mehr dem Steuerbezirk davonrennen können.

    Eine Möglichkeit ist die, die Grössenordnung des Tierexperten-Rumpf der FDP zoologisch korrekt wahrzunehmen, denn seine Forderung "ab Katzengrösse" schliesst alle Katzen ein, also auch Grosskatzen. Dann haben Verwaltungsjuristen wieder über biologische Fragen zu rechten und zu richten.

    Eine weiterreichende Konsequenz ist die, auf die ich mich schon tierisch freue: ich emigriere bald in ein Land, das froh ist, wenn überhaupt jemand zu ihnen kommt, der nebenbei auch noch genug Steuer zahlt. Aber an jene, die ihn und seine Hunde willkommen heissen und nicht hinausekeln.

    Auch für andere kleine Fluchten können sich andere Getroffene freuen: sind auch Kinder froh um Hunde. Omas und Opas mit Hunden flüchten aus der Stadt, und treffen dort Kinder an, die auch endlich mehr Zuwendung erhalten, von Hunden und alten Leuten. Fiktion? Nein, nur Wunsch.

    Wie war das noch mal mit dem Rattenfänger von Hameln? Oder wie wärs mit der Umsetzung jenes Werbeslogans einer deutschen Parfümerie-Kette - mit veränderten Richtungsempfehlungen: come out and find in?

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr

    Rainer Brinks

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