Beurteilungsvermögen
1. November 2003Wie viele Halter können Markieren nicht von fast nur noch Urinieren unterscheiden? (Markieren ist bei territorial lebenden Tiergruppen immer auch Urinieren - aber nicht Ziel, Urinieren nicht immer automatisch Markieren; der Übergang ist effektiv fliessend, wann das Urinieren ins fast reine Markieren übergeht: der letzte Tropfen ist dann nur noch Markieren.)
Wie viele glauben, eine erhobene Rute sei gleich Dominanz? Wie viele glauben auch dazu, dass Dominanz machomässig, aggressiv sei - in jedem Fall schlimm und strikt zu unterbinden? Manche Bio-Laien lehren das ja. Wobei wir beim strikten Unterbinden wieder beim eigenen Beurteilen wären: denn das ist ausgeübte Dominanz. Muss aber sein, nicht, nur nicht bei sich selber.
Wie viele Halter einschliesslich Trainer glauben, sie wüssten, welcher Hund gut sozialisiert ist und welcher nicht? Wie beurteilen sie dies? Womöglich, weil sie den eigenen immer für besser sozialisiert halten als den anderen, den fremden. Wie viele wissen überhaupt, was Sozialisierung bedeutet - beim Hund? Vor allem, was es alles nicht bedeutet. Und aus welcher Quelle wissen sie das?
Wie viele beurteilen andere Rassen, gar Mischlinge, aus ihrer
sehr beschränkten, weil nur noch hunderassepolitisch
gefärbten Engsicht? Gerade auf diesem psychologischen Sektor
der kynologischen Wahrnehmungsdefekte dräut der schiere
Schubladen-Tierrassismus. Und diese spezifischen Verurteiler -
falls sie sich denn überhaupt zu einem Urteil herablassen -
sind keine Minderheit, sie werden regelrecht
vereinsinteressengerecht gezüchtet. Dekadente Inzucht
fängt beim Denken über andere Hunde an. Durch Ignoranz
vermehren sich züchterische Krankheiten. Manche Mix-Fans (im
Unterschied zu Tierfreunden, also keine Fanatiker) sind auch nicht
besser. Sie kaschieren ihre Wahl nur durch vorgeblichen
Anti-Rassimus und pflegen auch nur die eigene Moral-Sicht. Bis sie
an einen anderen Hund geraten, der zu einer "Rasse" gehört.
Wie viele Diensthundeführer werden dazu staatlich gezwungen,
über andere Hundetypen - auch mal über deren Leben - zu
urteilen, obwohl sie seit Jahren nichts anderes kennen lernen
konnten als Deutsche Schäferhunde, schon mal einen Malinois
(ist ja auch ein Riesenunterschied
oder Rottweiler oder - wenn
es richtig vielseitig wird - einen Hovawart? Und solche einseitig
Dressierten beurteilen andere Hundetypen. Sie können gar nicht
anders als nach ihren gewohnten (ja konditionierten)
Massstäben andere mit ihren höchst einseitigen zu
vergleichen.
Wieviele können nicht mal ihren eigenen Hund "lesen", aber beurteilen andere.
Fragen Sie mal einen erwachsenen Mensch mit Hund eine Frage, wie ihr Hund so ist, im Wesen? Sie werden vermutlich immer eine Antwort bekommen. Fragt sich nur, welche Qualität die hat. Fragen Sie - noch einfacher - mal, was das ist: Wesen? Die ersten Stotterer sind Ihnen sicher.
Fragen Sie mal ein Kind, wie sein Hund ist. Sie werden vielleicht keine kynologische Analyse erhalten, aber mehr Sinn als bei vielen Antworten erwachsener, so genannter Hundeerfahrener.
Wenn alle so Bescheid wüssten, die lange mit Hunden leben, gäbe es die Probleme gar nicht. Probleme? Die doch nicht. Immer die anderen.
Ja dann, kehren wir wieder zur Ausgangsfrage zurück. Wie lernen wir das Beurteilen anderer? Indem wir von unseren Massstäben und Anforderungen loslassen, sich für andere genauso interessieren und informieren, dann viele verschiedene Erfahrungen sammeln, nachprüfen, ob diese Ansammlung von Erkenntnissen sich nachvollziehen lassen (ist dann schon die Stufe der Wissenschaftlichkeit, eben ab einer gewissen Themenpalette und präzisen Fragestellung samt aussagekräftiger Datenmenge reproduzierbar)...
Es geht aber auch über viel Weisheit. Denn nicht alles, was Daten erfasst, Erfahrungen nachweisen kann (fragt sich, woher er die hat und welchen Wert die haben), hat auch gleich ein Beurteilungsvermögen. Es gehört die Fähigkeit dazu, zu unterscheiden, aber vor allem, das andere Lebewesen anders sein zu lassen.
Manche urteilen über fremde Hunde, vergleichen mit dem eigenen, der Konkurrenzkampf oder die Missgunst blüht im Entstehen des Urteils. Trash.
Manche, eher viele glauben, Tiere beurteilen zu müssen, können aber nicht mal den Fingernagel an Menschenkenntnis als Grundlage ihrer Beurteilung als Datenmasse einwerfen. Wie kann man einen Hund beurteilen wollen, einen Hund, der bei einem Menschen lebt, ohne diesen Menschen zu kennen, und ihn dann gegebenenfalls mit-beurteilen zu müssen?
Was bilden wir uns eigentlich ein? Viel. Zu viel. Es urteilen manchmal Menschen, die wirklich erwiesen ohne jedes Wissen oder/und Erfahrung sind. Und manche Menschen urteilen sich volkstümlich, um mit diesen populären Urteilen Geld zu verdienen. Und es gibt ihre Anhänger, die urteilen lassen. Und zahlen. Sie haben sich die eigene Urteilsfähigkeit kassieren lassen. Einige Vorlaute müssen nach oben drängen/urteilen/verkünden, weil sie unten nur Unheil anrichten.
Wir kommen also wieder zum Anfang zurück.
Und lassen das Beurteilen anderer - anderen. Denen, die es wirklich gelernt haben (dann meist auch bescheiden sind in der Beurteilung über sich selbst) oder denen, die glauben, andere (bleiben wir nur mal bei Hunden) beurteilen zu müssen, weil sie von ihrem eigenen ablenken können. Sonst müssten sie eklatante Fehler bei sich selber entdecken. Sich selber gegenüber sind die meisten sehr schonend im Urteil. Beweis: die Ausreden, die wir mit uns täglich tragen wie einen innerbetrieblichen Ausweis. Da sind wir erfinderisch, meist schlicht verlogen, mehr oder weniger raffiniert. Klar, ein Teil der Existenzkampftechnik. Täuschungsmanöver, machen alle Tiere, nur wir nicht... Wir lassen uns von den schlichtesten Täuschungsmanövern unserer geliebten Haustiere um den Finger wickeln, glauben, sie täten diese Devotheiten nur unseretwegen. Und kriegen, was sie wollen. Was für ein schlechtes Schauspiel! Nur wenn andere das machen, ist es zu verurteilen.
Man kann den Leuten 100 Jahre jeden Tag predigen: macht euch die Tiere nicht untertan, so wie es in der Bibel steht, vermenschlicht sie nicht. Vermenschlichen tun immer andere. Der Kampf gegen diese Art Monster-Selbstlüge ist am ersten Tag verloren. Das muss man auch mal erkennen. So leben auch die alten Vorurteile durch fehlerhafte Beurteilungen munter weiter und mutieren zu neuen.
Es ist mit dem Beurteilungsvermögen wie mit der alten Bibel-Parabel, der Vergleich mit dem Splitter im anderen Auge und dem Balken im eigenen.
Es gäbe da eben noch den Ausweg der Weisheit bei der Frage: Wie beurteilen Sie meinen Hund? Dann zu sagen: Ich kenne ihn erst seit zwei Minuten, also so gut wie nicht. Dann müsste er hinzusetzen: Weil ich Sie nicht kenne! Gut so, dann eben nicht.
Manchmal ist das Nichtbeurteilenwollen auch gescheiter.
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!
Ihr
Rainer Brinks
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