• Wattebauschhunde

    1. Februar 2004

    Ich hoffe, diese Zeilen bringen einige stets frierende Menschen (nicht nur jene, die so wenig Unterhautfett haben, dass sie ihre Möbel verkratzen könnten) in Wallung, dann haben sie wenigstens für eine kurzfristige Erwärmung gesorgt.

    Alle reden von soft, gewaltfrei, Verständnis, biologisch angebautem Hundefutter, und so weiter. Sie reden viel von Natur. Vor allem reden sie viel von etwas, was sie in der Tat gar nicht mehr kennen, oder vermeiden.

    Wenn man nachfragt und eventuell die Wahrheit erfährt, leben die Hunde in 23 Grad überheizten Wohnungen. Sie werden in Watte gepackt, verkuschelt, sie bekommen ganz logisch ihre Hautkrankheiten, man sieht den Tierarzt häufiger als den Humanarzt. Keiner dieser so verständnisvoll Tuenden denkt überhaupt an den Hund, er glaubt nur, er handele in seinem Sinne, in Hundes Sinne. Doch sie verachten den, der seine Hunde in Zwinger steckt und nachts im Winter draussen lässt. Was ist aber an diesen Komforthundlern oft nur noch natürlich? Nur das Gerede.

    Ich werde bei mir selber auch fündig. Ich weiss, dass meine Hunde lieber auch noch nachts draussen wären, in einem wetterfesten Rückzugsraum, gesichert vor bösen Komfortleuten. Diese sonst innerhalb des Grundstücks offene Hunderäume würde ich aber nicht Zwinger nennen. Denn bei dem Wort kreischen schon die meisten.

    Auch sie sind geplagt von Vorurteilen. Nicht selten Tierheime. Ausgerechnet sie, die nur Zwinger haben. Zwinger heisst ja nicht, dass er zwingend zum Wohnraum der Menschen hin geschlossen sein muss. Warum nicht beides anbieten? Eben. Klar ist, das Wort, selbst die häufigste Ausführung des Worts Zwinger ist überholt und falsch, der Gedanke des Zwingens allein schon gewaltig.

    Der hundegerechte Rückzugsraum wäre das richtige Wort, aber ich finde gerade keinen griffigeren Begriff.

    Ich kann meine Hunde leider nicht draussen lassen, weil ich Nachbarn habe, die bei Anschlagen meiner drei nicht mehr so gut auf meine Hunde und mich zu sprechen wären. Und es sind allesamt hundefreundliche Nachbarn (ich meine nur die direkt neben uns ab und an wohnenden, die einen alle Vierteljahr ein paar Tage, die anderen an Wochenenden), was ja ein Luxus ohnegleichen ist in unserer Gesellschaft. Ich nehme natürlich Rücksicht, auch weil es kann sein, dass ich mal auf den guten Draht zu diesen Nachbarn angewiesen bin.

    Meine Hunde wäre lieber draussen. Sie sind auch wenig verwöhnt. Es sind freilich auch keine dekadenten Nackthunde. Ich hatte auch darin die Wahl.

    Aber ich war auch schon schlimmer. Ich habe mich mit der zunehmenden Erfahrung hundlicher eingerichtet. Ich hatte auch mal lange Jahre auf Hundehaltung verzichtet. Ich gebe zu, ich will meine Hunde auch nachts um mich haben. Das geht aber in diesen Klimazonen nicht, da wäre die Haustüre ja ständig offen, und eine Hundeklappe ist bei einem Mietobjekt, das man bald wieder verlassen wird, nicht so der Hit.

    Ich suche ständig den Kompromiss. Eine weitere Verbesserung, hundlicherseits, wird es mal in einigen Monaten sein, dass ich mich auf einen abgelegenen Bauernhof zurückziehen möchte, der einerseits gesichert ist, so dass die Hunde (und dann werden es vielleicht mehr als drei sein) ausbüchsen können, andererseits können sie sich frei innerhalb des Freigeheges (ja, das ist der Begriff, den ich statt "Zwinger" suchte!) bewegen. Sie können sich aber auch zurückziehen in ihre ureigene wetterfeste "Höhle". Ohne Stroh, denn diese total alte "Isolierung" wird erstens zu wenig erneuert, um isolieren zu können (niedergedrücktes Stroh wärmt nicht mehr), zweitens ein Lager eher für Parasiten.

    Die frühere wie die gegenwärtige Herdenschutzhündin gruben bzw. graben sich gern ihre Höhle. Sie haben auch natürliche dicke Unterwolle, die ist der Isolator, nicht das Deckhaar.

    Selbst der kurz in einer Wohnung aufgezogene Leonberger-Mix-Rüde hat durch häufigeres Draussenleben eine viel dickere Unterwolle bekommen als früher. Da konnte sich das Fell nicht nach den Temperaturen draussen richten. Er hatte ja eine ständig ausgeglichene, aber nur menschlich wohltemperierte Umgebung.

    Es ging ihm dabei nicht schlecht, hatte aber auch normales Unterhautfett. Das ist ein Problem der Überzüchtung einiger Hundetypen, die schlottern bei Kälte und - noch arthrose-gefährdeter - kühler Feuchtigkeit. Fett isoliert. Nun ist Howdy im zehnten Lebensjahr, er braucht ein wenig mehr auf den Rippen in der kalten Jahreszeit, weil er sich als Oldie nicht mehr so viel bewegt. Ich heize kaum über eine Zimmer-Temperatur von über 18 Grad, wohnte oft in alten Bauernhäusern. Ich habe mich da sicherlich durch meine vielen, heute würde man sagen - Adventures - Reisen noch halbwegs natürlich "unkomfortabel" ausgebildet.

    Das isolierende Unter-Fell der meisten Hunde wächst mit den Wettereigenschaften. Das ist der Lauf der Natur, die Anpassung an die Natur. Überwiegend Wohnungshaltungshunde müssen sich an ihre angebotene Umgebung anpassen.

    Wenn wir mal ehrlich sind, ausnahmsweise, dann sollten wir auch dabei zugeben: wir wollen die Hunde um uns haben. Bei den Wohnungshaltern gilt das halt speziell dann, wenn sie morgens aus der Wohnung gehen und erst nach Stunden wieder heimkommen. Da braucht man den Hund auch noch als Psychowärmer.

    Mich nerven immer diese Leute, die angesichts von konditionell gut gehaltenen Schlittenhunden bei einem Rennen in dünnen Schuhsohlen und auch sonst unpassend gekleidet herumjammern, aber einen Hund auf dem Arm oder an der Leine halten, dem die Unterwolle abgezüchtet wurde. Braucht er in seinen Lebens-Umständen auch nicht mehr, er muss nur gekämmt werden. Schosshunde sind nur verwöhnte, doch die kommen in allen Grössen vor. (Dass ich mit Mänteln geschützte, weil wirklich geschwächte Hunde ausnehme, sollte selbstverständlich sein.)

    Es ist nicht das Überfell, das wärmt, und nicht nur die Unterwolle. Kurzhaarige Hunde (nicht selten Jägerhunde) mit genügend Unterhautfett - sehen auch aus wie Seehundfelle - gehen winters freiwillig in den Teich. Sie werden aber auch natürlich bewegt. Mich wundert es nicht, wenn Hautkrankheiten und allerlei Allergien auch beim Hund einziehen. Sie sind schlicht der Natur entzogen, klimatisch entwöhnt, sie werden so wie wir. Und dann natürlich auch noch falsch bewegt: mal ganz hektisch eine Stunde, dafür 23 nicht oder kaum. Ein Hund ohne menschliche Direktiven würde sich eben anders bewegen.

    Ich weiss, ich stosse nur auf staunende, also sehr zugige Münder. Die meisten Halter-Innen gehen auch bei diesem Tierthema nur von sich aus, von ihrem Temperaturempfinden. Mit Tierverständnis hat dies nichts zu tun.

    Man/frau sollte lieber die Klappe halten, anstatt von "natürlicher" Haltung zu labern. Dann nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die ihre Hunde (und eben nie nur einen!) draussen halten.

    Ich glaube nicht, dass sich diese speziellen Kuschelwarmhalter mal bei den "Outdoor"-Hunden umgesehen haben, die auch die Körperwärme-Ausstrahlung der Artgenossen brauchen und geniessen. Denn diese Halter gehen dann nicht mehr raus. Ist ihnen zu garstig. Sie verurteilen aber etwas, was sie nicht kennen, oder sich entwöhnt haben.

    So wie man sich den Hund "zieht", so ist er auch, im Fressen wie im übrigen richtigen Leben.

    Ich weiss noch gut, als ich meinen Irish Wolfhound hatte und meinen Old English Sheepdog (den ich nicht verwechselt haben möchte mit der damaligen Mode-Überfellzucht des Bobtails, nein, Felix war noch von alten Schlag) in einem - ja, noch so ein besserer Begriff statt Zwinger - "Offenstall" hielt. Die beiden Hunde kamen nur mal eben zu einem kurzen Besuch zu mir ins Haus (in meinem Haus bleiben die Türen natürlich auch für die Hunde offen, in der warmen Jahreszeit...), stupsten mich an, und trollten sich wieder. Raus. Es war ihnen zu warm.

    Meine Hunde gehen bei meinen bescheidenen Versuchen immer noch genug unnatürliche Kompromisse ein. Aber ich verspreche den Hunden: ich werde mich verbessern. Inzwischen kam ja ein junger Komondor-Rüde dazu. Der hat ja schon seine - zunächst noch leichte - "Schaf-Wolljacke" an.

    Ja, ein Freigehege wird's werden, in dem auch ich mich meist und gern aufhalte, und meine gewärmten Rückzugsräume nächtens bewohne, ich werde ja nicht jünger. Dann erst kann ich von einer Annäherung an hundenatürliche Haltung sprechen. Mit dem Kompromiss bis dahin können meine Hunde und ich aber gut leben.

    Ich habe - auch aus anderen Gründen - kaum eine Erkältung, weil mich meine Hunde rausziehen, so gut ich kann. Den Rest an Vorsorge übernehmen angemessene Kleidung und Schuhe und eine Kopfbedeckung. Erfahrene Outdoor- und Baufachleute wissen: Rund ein Drittel der Wärme geht übers Dach raus.

    Aber erst ein Hund macht gsund.

    Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!

    Ihr

    Rainer Brinks

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