Wenn einige Forscher sich nun auf dem Gebiet der Abstammung des Haushundes auf die Technik der DNA stürzen und sich allein auf die Molekularbiologie als Bestimmungsmethode konzentrieren, wer welcher Hundegruppe eher zugehört als jener,so ist das wieder mal einer jener Fälle, in denen man von einer Verkürzung von Aussagen sprechen kann, die eben nicht nur in den Genen liegt. Zur Einordnung, welcher Hundetypus nach diesen neueren molekularbiologischen Erkenntnissen nicht mehr zu dieser, sondern zu einer körperbaulich völlig unähnlichen Gruppe gehört, so sagt das auch eines: was sagt es uns heute?
Nicht viel. Zur Bestimmung eines Hundetyps, zu der uns ja eher die Einordnung nach gewissen Fähigkeiten durch erbliche Veranlagungen interessiert, gehört wesentlich mehr. Es ist faktisch unglaubwürdig und praktisch unwirksam, wenn nun ein virulenter, temperamentvoller und körperlich auch anders durch Arbeitsprägung agierender Schäferhund nach diesen molekularbiologisch neuen Ordnungen eher zur Gruppe der Molosser passen soll als zu den Hütehunden.
Dieses Beispiel einer faktisch vorhandenen körperbaulichen Unterschiedlichkeit (im Generellen aller Hütehunde zu den Molossern, natürlich fliessen da auch die körperbaulichen Grenzen) von flinken, nicht allzu schweren Hunden mit hohem Temperament mit den (mir durchaus sympathischen) ungleich schwerfälligeren Molossern in einen Topf zu ordnen, erscheint mir höchstens für eine theoretische Überraschung tauglich.
Es mag partiell korrekt sein, aber es ist in seinem gesamten Ausmass viel zu einseitig. Danach kann man keine Ordnung von Lebewesen richten. Es gehört eben mehr dazu als nur diese genetisch sicherlich undiskutablen Details.
Dazu frage ich mich, wie man ein Lebewesen mit komplexer Artenvielfalt und Aufgabenprägung (und die ist seit Jahrtausenden gewachsen) nur auf den Part kleiner Baugruppen reduzieren kann.
Das ist wie einen Baustein, einen sicherlich elementaren, aus einem komplexen Gefüge, das evolutionär gewachsen ist, als Ordnungsfaktor zu deklarieren.
Zumal die Genforschung erst am Anfang ist, zumal das Genom des Hundes noch kaum komplett ausgewertet ist, schon urteilt man oberflächlich, und hier wieder mal publizitätsträchtig: der Schäferhund ist gar kein Hüter/Treiber, sondern ein Molosser. Und was jetzt? Sollen sie dann keine Schafe mehr hüten können, wie sie das nur seit Jahrtausenden machten - als Molosser? Der Begriff Molosser galt früher mal als rein geografische Zuordnung zu diesem Gebiet im heutigen Südosteuropa. Da wurden (vielleicht zeitigen Archäologen beweisbare Funde - beweisbar bitte, nicht nur vermutbar, wie einige Kynologenautoren es derzeit wieder versuchen) diese damals sicherlich nicht so schweren Hundetypen gehalten. Und woher die kamen, werden uns neue Untersuchungen eines Tages beweisen wollen. Die Schäferhunde kamen aber auch aus jeder Gegend, weil dort wohl die Wiege des Getreideausbaus war, die wiederum Nutztierhaltung ermöglichte. Nichts Neues.
Aus der Zoologie sind viele - auch körperbauliche - Analogien zu phänotypisch total unterschiedlichen Tieren festgestellt worden. Da gibt es diese Verwandtschaft des bisamrattengrossen Klippschliefers mit dem Elephanten. Was hat diese Erkenntnis nach 50 Millionen Jahren der Rüsseltiere gebracht, angesichts der riesigen Grössen-Unterschiede dieser beiden Tiergruppen, ausser der, dass sie ganz bestimmte, von einigen Zoologen als Ordnungfaktoren für eine Zuordnung bestimmte Bauart-Ähnlichkeit haben? Dann können wir ja ins Unendliche weitergehen und eben jedes Molekül mit anderen in Verbindung bringen.
Ich bin keiner, der bestehende Ordnung festklopft. (Ich kokettiere lieber mit dem Spruch der Chaosforscher: Im Chaos ist Ordnung. Denn das ist nicht zu widerlegen - bisher.) Ich bin auch nicht allein mit dem Wissen, dass keine Ordnung, die - das sei auch nicht unterschlagen - für die Ewigkeit Bestand hat. Sie haben sich bisher oft auch als nichtig oder nur teilweise falsch erweisen.
Die Wissenschaftsgeschichte ist voll von Irrtümern, und sie lebt auch davon, das heisst: die neuen Forschergenerationen delektieren sich an den Fehlern der Forscher vor ihnen, so wie es künftige Generationen tun werden.
Was bringt uns nun diese Erkenntnis, dass der Schäferhund mit dem Molosser verwandt sein soll? Und weitere ganz spezifische DNAnalysen? Ich meine, nur für den Zeitraum, den wir mit unseren Hunden leben?
Dass ich hier wirklich substanzielle Erkenntnisse durch Gentechnik nicht kritisiere, sollte verständlich sein. Aber ich kann nicht vor allem in die Knie gehen und "lobpreiset die Genforschung" murmeln. Ich möchte einen praktischen Nutzen, und wenn er denn nur Jahrzehnte später käme, erkennen können. Da sehe ich aber nicht viel.
Manche Wissenschaft ist oft auch Selbstzweck. Und einige davon sind theoretische Selbstbefriedigung. Aber sie bringen wieder einige Diplome und Dissertationen hervor, als Nachweis der Befähigung zu nachvollziehbarem Wissen. Nicht jede Untersuchung bringt uns weiter, aber jede Publikation den Forscher ein Treppchen zur Karriereleiter. Manche Forscher sind dabei theoretische Aasfresser, sie leben vom Rest unerforschter Aufgaben, die da liegen blieben. Weil damals schon das Geld für weitere Forschungen fehlte. Davon abgesehen, mit welchem Fundus an Daten wie lange welche Aufgaben untersucht wurden, und wer denn aus welchen Motiven diese Forschung denn finanziert hat. Alte Regel: Wer zahlt, bestimmt, was und wie geforscht wird und welches Ziel "erwünscht" ist. Da würde so mancher Wissenschaftsgläubige oder euphorisches Erstsemester staunen, wie qualitativ lächerlich die Datenbasis ist. Hauptsache, die Uni oder die Abteilung hat einen lukrativen Forschungsauftrag ergattert, der schliesslich das Weiterleben ermöglicht. Durch derart billige Versuche entstehen neben kleinen nachvollziehbaren Erkenntnissen eher grosse Fehlerquellen. Davon profitieren wieder neue Studien...
Aber das wissen wir auch schon lange. Ich meine: gemach mit solchen sensationellen Neuordnungen! Sie zeigen mir nur aufs Neue, dass sie ziemlich oft ziemlich unwichtig sind.
Bestes Beispiel sind die sich überschlagenden neuen Erkenntnisse aus der Ernährungswissenschaft, die über die Tierernährung sind nicht weniger brüchig als die für Menschen. Kaum eine "Studie", die mehr als zwei Jahre Bestand hat. Das heisst nicht, dass ich von einem Extrem ins andere fallen muss. Gesundes Misstrauen ist auch eine alte, bislang nicht widerlegte Erkenntnis.
Ich bin versucht, angesichts der Veröffentlichungsflut wissenschaftlicher Studien (die ja schliesslich Sponsorgelder rechtfertigen oder neue Mittel einbringen sollen) zu spotten: Die wollen nur spielen. Ist ja prinzipiell nichts Schlimmes. Denn nur wer neugierig ist, forscht. Sinnvolle Forschung vor allem in der Medizinwissenschaft bringt uns weiter. Ein bisschen.
Passen Sie gut auf Ihre Hunde auf!
Ihr Rainer Brinks
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